Werkstattbesuch beim Holzbildhauer- und Schreinermeister. Zum Lobe des Herrn - BM online
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Zum Lobe des Herrn

Werkstattbesuch beim Holzbildhauer- und Schreinermeister
Zum Lobe des Herrn

Beeindruckt blickt man beim Besuch alter gotischer Kirchen auf die Werke der meist unbekannten Handwerker und fragt sich, ob solche Arbeiten heute überhaupt noch möglich wären. Doch das sind sie! Der Holzbildhauer- und Schreinermeister Quirin Herzinger hat mit der Replik einer spätgotischen Monstranz aus dem Freisinger Domschatz bewiesen, dass es das dazu nötige handwerkliche Know-how noch gibt.

BM-Redakteur Heinz Fink

Das Auge kann sich kaum satt sehen an den filigranen Ranken und Voluten, den schlanken, aufstrebenden Pfeilern, die sich in geschwungenen Strebbögen vereinen und den umfassten Raum mit feinen Kreuzgewölben überspannen. An dem zarten Sprengwerk, den strengen, gotischen Maßwerken und den zahlreichen Drei- und Vierpassen. An den mit Hunderten von Krabben besetzten, mehrfach gewundenen Fialen oder der durchbrochenen Turmspitze, die, mit einer Kreuzblume gekrönt, kühn gen Himmel zeigt.

Wüsste man nicht um den Maßstab, so könnte man sich vor einem der berühmten, in der Blütezeit der Gotik entstandenen Hochaltäre von Meistern wie Tilman Riemenschneider oder Veit Stoß wähnen. In Wirklichkeit ist es eine lediglich 1,25 m hohe Nachbildung einer spätgotischen Monstranz aus dem Freisinger Domschatz, entstanden in der Werkstatt des Holzbildhauer- und Schreinermeisters Quirin Herzinger aus Frabertsham bei Traunstein.

Die von Quirin Herzinger gefertigte Nachbildung der Freisinger Monstranz geht auf eine um 1625 nach dem Vorbild einer Silbermonstranz von 1468 geschaffenen, vergoldeten Holzmonstranz zurück, die während der jährlichen Fronleichnamsprozession den Leib Christi in Form einer geweihten Hostie aufnimmt.

Großartige Aufgabe

Den außergewöhnlichen Auftrag erhielt Quirin Herzinger, der dem Diözesanmuseum durch andere Arbeiten aufgefallen war, vor allem wegen seiner handwerklichen und kunstgeschichtlichen Expertise. Im väterlichen Restauratorenbetrieb zwischen Antiquitäten, kirchlicher Kunst und historischer Malerei aufgewachsen, absolvierte der 28-Jährige seine Schreinerlehre an der Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei in Berchtesgaden und hängte gleich noch eine Lehre zum Holzbildhauer dran – die anschließende Weiterbildung zum Meister in beiden Berufen war für ihn ganz selbstverständlich.

Handwerkliche Herausforderung

Vor Beginn der aufwendigen handwerklichen Arbeiten stand eine präzise Maßaufnahme des Originals, das dazu in die extra zusätzlich gesicherte Werkstatt nach Frabertsham gebracht wurde. Insgesamt entstanden vor und während der Fertigung über 50 Skizzen und mehr als 25 Teilschnittzeichnungen. Als Material für die Replik kam sehr fein gewachsene, fast 20 Jahre getrocknete Zirbelkiefer aus Österreich zum Einsatz, da diese leicht, weich, langfasrig und dennoch torsionssteif ist – wichtige Kriterien für die Herstellung solch filigraner Bauteile. Für die Herstellung der Teile im XXS-Maßstab – manche Teile sind nur wenige Millimeter groß – hat sich Quirin Herzinger eigens Werkzeuge speziell nach historischen Vorbildern anfertigen lassen.
Basis der Monstranz ist ein in acht Segmente gegliederter, stark profilierter Fuß, der sowohl oben als auch unten beschnitzt ist. Über einen kräftigen, konisch gearbeiteten Dübel sind die darauf folgenden, sechseckigen Griffstücke und ein mit reichlich Maßwerk fein verzierter Zwischenteil mit dem Sockel verbunden – übrigens wie alle weiteren Teile der Monstranz, so exakt auf Passung gearbeitet, dass diese ganz ohne Leim sicher aufeinander sitzen!

Darüber verbreitert sich die Monstranz zu einer sechseckigen Platte, die an der Unterseite reichlich mit biblischen Motiven beschnitzt ist und an einen Schiffsrumpf erinnert. Dieser ist an beiden Bugenden mit christlichen Symbolen wie einem Drachen und einem stilisierten Pelikan verziert. Um das fein gearbeitete, umlaufende Motiv aus Rosenranken stabiler zu machen, hat Quirin Herzinger eigens eine mit Fischleim verleimte Dreischichtplatte aus nur 1 mm starkem Massivholz hergestellt.

Auf dieser Platte sitzt das Herz der Monstranz, das Tabernakel, welches das Allerheiligste aufnimmt. Durch eine kleine, nur 2 mm starke, an den Ecken überblattete Tür lässt es sich verschließen. In den beidseitigen von einem Kreuzrippengewölbe überspannten Apsiden werden später Figuren der Schutzpatrone des Freisinger Doms ihren Platz finden. Im Hauptturm darüber wird die Figur der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind sitzen. Mit kleinsten Dübeln reversibel befestigt, bilden feine Strebepfeiler nach dem Konstruktionsprinzip einer gotischen Kathedrale das Tragwerk des Sprengwerks und der beiden Seitentürme. Diese sind von spiegelsymmetrischen, zweifach gewundenen Fialen bekrönt, die innen hohl sind und Füllungen aus nur wenigen Zehntelmillimeter starkem Holz tragen. Die zentrale Fiale über der Figur des Schmerzensmannes ist sogar vierfach gewunden ausgeführt. Die Krabben oder Kriechblumen an den Kanten verkleinern sich hier zur Spitze hin bis auf 3 mm Größe.

Vom Meisterbrief zur Hochschulreife

Gut eineinhalb Jahre, etwa 3500 Stunden, hat Quirin Herzinger an der Nachbildung der aus 1177 Einzelteilen bestehenden Monstranz gearbeitet. Doch als wäre ein solches Projekt nicht schon Herausforderung genug, absolvierte er in dieser Zeit auch noch die Meisterschule und baute sein Meisterstück, einen Kabinettschrank in Mahagoni, Ahorn und Amarant (siehe BM 11/19, S.109 ff). Und die nächste Stufe der beruflichen Weiterqualifikation ist auch schon in Sicht, denn zum kommenden Herbst ist Quirin Herzinger bereits für das Bachelor- und Masterstudium Restaurierung/Konservierung in Hildesheim immatrikuliert.

Herzinger – Werkstätte für Kulturgut und Denkmalpflege, Bildhauerei und Schreinerei

Hauptstraße 6

83119 Obing-Frabertsham

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