Restaurierung der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Retten, was zu retten ist - BM online
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Retten, was zu retten ist

Restaurierung der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar
Retten, was zu retten ist

Ein verheerender Brand in Weimar hat in der Nacht vom 2. auf den 3. September 2004 einen großen Teil des historischen Buchbestandes der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek vernichtet oder beschädigt. Ein unschätzbarer Verlust von kulturellem Erbe. Aber auch das historische Bibliotheksgebäude mit seinem ovalen, dreigeschossigen Rokokosaal war vom Brand schwer gezeichnet. Johannes Fliegel, Tischlermeister und Restaurator im Handwerk, verantwortete zusammen mit freiberuflichen Mitarbeitern einen Teil der handwerklich aufwändigen Wiederherstellung.

Zu den Restaurationsarbeiten, die sich auf das erste Geschoss des Rokokosaales erstreckten – das Dachgeschoss und die zweite Galerie wurden komplett zerstört – gehörte die Wiederherstellung der Bücherregale und die komplette Überarbeitung des Dielenbodens.

Neben Geduld, Ideenreichtum und handwerklicher Fertigkeit waren aber vor allem restauratorisches Fachverständnis eine Grundvoraussetzung. Wie weit darf man die vorhandene Substanz ergänzen oder gar erneuern? Inwieweit darf man heutigen Ansprüchen genügen, ohne die Historie zu verfremden? Das sind keine Entscheidungen, die ein für alle Male getroffen werden, sondern Fragen, denen das Team sich bei der Restaurierung Tag für Tag wieder stellen musste – von einer Aufgabe zur anderen, von einem Problem zum nächsten. Johannes Fliegel wurde unterstützt von Stephan Pelzel (Tischler, Holzbildhauer und Geselle für Restaurierung), Roy Baumgarten (Tischler), Michael Wirth (Diplom-Restaurator), Christian Gramm (Holzbildhauer), Günther Malner (Tischler) und Dirk Frömchen, dem Autor dieses Berichtes.
Die Arbeiten dauerten lange: Von der ersten Begehung bis zum letzten Pinselstrich vergingen fast drei Jahre. Es war keine gewöhnliche Baustelle, sondern eine andere Epoche, die man betrat. In den Rokokosaal gelangte man durch einen Schleusengang, der den Raum vor Schmutzbelastung und Pilzbefall schützen sollte. Auch die Rohrleitungen der Klimaanlage und die großen Schäden konnten dem Raum nichts von seiner historischen Ausstrahlung nehmen. Der erste Gang führte tagtäglich zum Stromverteiler: Tageslichtlampen wurden eingeschaltet, Knochenleim angesetzt und Fischleimflaschen geöffnet, Werkzeugkisten aufgeschlossen, Zwingen vom Vortag gelöst, Bauteile zugeordnet.
Bruchstellen und Nagelbilder
Die Aufarbeitung sämtlicher Regale einschließlich des Gesimsprofils, welches das erste Geschoss vom zweiten optisch trennt, fand ausschließlich vor Ort statt. Dazu war die Farbfassung sämtlicher Bauteile entfernt worden. Zu beheben waren nicht nur Schäden, die durch den Brand bzw. dessen Löschung hervorgerufen worden waren, sondern auch Schäden, die durch langjährige Nutzung, durch Setzung des Gebäudes und durch die hygroskopischen Eigenschaften des Holzes entstanden waren.
Während der Bauzeit dienten manche Regale als Archiv – allerdings nicht für Bücher, sondern für Bauteile, die geborgen worden waren oder die während der Restaurierung gelöst werden mussten. Die Beschriftung der Bauteile ist dabei eine wichtige Voraussetzung, denn sie erleichtert die Zuweisung der Teile und vermeidet einen zeitraubenden Vergleich von Bruchstellen, Holztextur und Nagelbildern.
Viele der Bauteile (Füllungen, Applikationen, Gesims- und Kranzprofile, Profilleisten) bestehen aus einzeln verleimten Elementen. Die Verleimungen konnten dem Löschwasser nicht standhalten. Die meisten Bauteile mussten deshalb entnagelt, entleimt (mit warmem Wasser und Kompressen), gesäubert und neu verleimt werden. Einzelne Elemente (z. B. die Rippen in den Korbbögen) wurden ersetzt, Fehlstellen ergänzt, Fugen ausgespänt, Profile nachgefräst und Gehrungen nachgeschnitten. Aufwändige Arbeiten.
Die Schwierigkeiten waren unterschiedlichster Art: Durch die Feuchtigkeit waren viele der Bauteile verdreht, ihre Positionen hatten sich durch Setzen der Bauwerksetagen teilweise stark verändert. Manche Elemente waren schlecht zugänglich. Zum Beispiel konnten die Oberböden der Regale und die Regalseiten teilweise nur von innen ausgerichtet und fixiert werden. Zu diesem Zweck mussten Korbbögen samt Kranzprofil geöffnet werden, um über das dahinterliegende Balkenwerk an Ort und Stelle zu gelangen. War dies geschehen, konnten die Teile von der Sichtseite her bearbeitet werden. Manche Regalböden mussten entnommen werden, da eine Verleimung innerhalb des Regales nicht möglich war. Einzelne Bretter standen so unter Spannung, dass vorhandene Fugen nicht geschlossen werden konnten. Sie mussten komplett getrennt, neu gefügt und verleimt werden. Auch wurden verdrehte Mittelteile herausgeschnitten und neu ergänzt.
Entstandene Fugen wurden gesäubert und Leisten passgenau eingehobelt. Diese wurden dann mit Knochenleim – bei langwierigen Arbeiten Fischleim, da die Abbindezeit wesentlich länger ist – eingeleimt und einen Tag später verputzt. Zum Verleimen an Ort und Stelle war oft Einfallsreichtum gefragt, um mittels Zwingen oder gespannter Leisten Druck auf die gewünschten Teile auszuüben.
Fehlendes Schnitzwerk für die Kapitelle und die Rocaillen in den Korbbögen wurde in Werkstätten auswärts ergänzt. Die Montage dieser Elemente wurde erst später vorgenommen, nachdem sie mit Schlagmetall, Messing und der Farbe fertig gefasst wurden.
Ursprüngliche Verbindungsmittel waren – neben Glutinleim – lediglich Schmiede- oder Holznägel. Gerade aber im konstruktiven Bereich war es nötig, Vorhandenes zu erneuern oder zu ergänzen, um eine langfristige Stabilität zu sichern. Deshalb wurden beispielsweise der Unterbau des Kranzprofils, der Viertelstab als dessen Abschluss oder die Pilasterpfeiler zusätzlich mit Edelstahl-Schlitzschrauben gesichert. Die Löcher dieser Verschraubungen wurden nachträglich durch Querholzdübel verdeckt.
Ebenso musste auch technischen Neuerungen Rechnung getragen werden. So wurden in einigen Seiten der Regale Bohrungen für die Sprinklerköpfe zur Brandbekämpfung und Kontrollklappen zum Entleeren der Sprinkleranlage angebracht.
Fußboden unter der Lupe
Gleichzeitig wurde der historische Fußboden, ein friesgeteilter Nadelholzboden, restauriert. Durch die jahrelange Nutzung (seit 1766) schwankte die verbleibende Nutzschicht stark: bei den Nadelholzdielen zwischen 13 mm und 29 mm und bei den Eichenfriesen zwischen 25 mm und 35 mm. Außerdem hatte auch hier der Holzschwund über die Jahrhunderte hinweg breite Fugen zwischen den einzelnen Dielenbrettern, aber auch zwischen Dielenbrettern und Friesen entstehen lassen. Einige Dielenbretter mussten wegen Hausschwamm- oder Holzwurmbefall ersetzt werden. An weiteren Stellen gab es außerdem schon Substanzverlust durch vorherige Bau- und Renovierungsmaßnahmen. Eine weitere Schadensursache war wiederum das Löschwasser. Nicht nur Holzfasern hatten sich aufgestellt, sondern auch liegende Jahrringe voneinander gelöst (Auffladerung). Außerdem verschmutzten Staub, Asche und Wasser den Boden.
Der komplette Fußboden sämtlicher Etagen wurde nach dem Brand ausgebaut und getrocknet. Reinigung und Reparaturarbeiten, aber auch erste Abschnitte der Oberflächenbehandlung wurden nicht vor Ort, sondern in der Werkstatt auswärts durchgeführt. Sämtliche Bretter wurden mittels weicher Bürsten und Wasser, das Tenside enthielt, gereinigt. Man entwachste die Eichenfriese und schliff sie später an. War dies geschehen und die Trocknung abgeschlossen, wurden verwurmte Bereiche entfernt und durch Altholz ersetzt, genauso wie Beschädigungen und Fehlstellen, die bei dem Brand oder der Bergung entstanden waren. Das Altholz wurde so ausgewählt, dass das Gesamtbild des jeweiligen Brettes erhalten blieb. Außerdem wurden gelöste Teile wie auch Risse vorsichtig zusammengefügt und jeder lose Flader mit Hilfe von Warm- bzw. Fischleim verleimt. Leimreste wurden dann später mit Zellstoffkompressen aufgeweicht und mit weichen Kunststoffbürsten entfernt. Zum Verputzen verwendete man Hobel oder Stecheisen, zum anschließenden Einfärben des Altholzes Pflanzenfarben. Nach Abschluss dieser Arbeiten wurden die Laufflächen mit einer Leimlösche (Gemisch aus Wasser und Knochenleim) überzogen, um die Oberfläche zu festigen.
Nun konnte der Fußboden verlegt werden. Für diesen Zweck wurden erst die Eichenfriese nach Plan verlegt, ausgerichtet und dann mit zweischlägigen Schmiedenägel befestigt. Alle Nägel waren bei der Bergung gesammelt und wieder gerichtet worden. Anschließend wurden die Friese zweimal mit einem Öl-Harz-Firnis überzogen. Nachdem die Hohlräume zwischen Mann-an-Mann-Decke (Holzbalken neben Holzbalken) und dem Dielenboden mit Blähton ausgefüllt worden waren, wurde der Dielenfußboden Feld für Feld komplettiert. Dazu mussten Radien nachgeschnitten, Teile gekürzt oder verlängert und neue Bretter hinzugefügt werden (unter Verwendung historischer Bretter aus der Jacobskirche / Weimar). Jedes einzelne Brett oder auch ganze Brettflächen wurden zudem Punkt für Punkt unterfüttert. Denn: Zum einen wies der Untergrund erhebliche Höhenunterschiede auf und zum andern waren da noch die schon erwähnten Materialtoleranzen des Dielenbodens.
Nachdem der gesamte Saal Monate später seine Farbfassung erhalten hatte, konnte die Fußboden-Fläche sorgfältig gereinigt werden. Letzte Retuschen, also farbliche Angleichungen von Einsatzstücken und Holzergänzungen, folgten. Ein zweimaliger Überzug mit Hartwachsöl bildete den Abschluss der Restaurierungsarbeiten für das Team von Johannes Fliegel. ■
Tischlerei und Restaurierungswerkstatt Johannes Fliegel
99510 Oßmannstedt

Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek

Info

Durch einen Umbau des ehemaligen Renaissanceschlosses (genannt grünes Schloss) entstand 1766 die Bibliothek, ausgeführt durch August Friedrich Straßburger, veranlasst durch Herzogin Anna Amalia. Das Gebäude wird entkernt und ein Barockkulissenbau eingefügt. Stuckdecken und ein Holzständerwerk, das verkleidet wird, schaffen ein Raumgefüge, das einer Kirche gleicht. Es geht um Höhe, um Licht, um Erkenntnis. Das Buch wird in diesem Raum nicht aufbewahrt, es wird zelebriert.
Die Brandnacht vom 2. September 2004 vernichtet das Dachgeschoss und die zweite Galerie des ursprünglichen Gebäudes. Das historische Bibliotheksgebäude mit seinem ovalen, dreigeschossigen Rokokosaal, ist vom Brand schwer gezeichnet. Herunterstürzende Bauteile und die 120 000 Liter Löschwasser schädigten außerdem die darunter liegenden Etagen und das gesamte Gebäude. 50 000 Bücher verbrannten. Etwa 62 000 Bände wurden mit schweren Brand- oder Wasserschäden geborgen. Lediglich 28 000 Bände wurden unversehrt aus der Bibliothek gebracht.
Drei Jahre nach diesem Verlust, nach aufwändigen Restaurierungsarbeiten ist das Historische Bibliotheksgebäude am 24. Oktober 2007, am Geburtstag seiner Namenspatronin, wieder eröffnet worden.
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