Planung und Ausführung einer komplex geformten Café-Bistro-Anlage. Rot gewandet - BM online

Planung und Ausführung einer komplex geformten Café-Bistro-Anlage

Rot gewandet

90°-Winkel sucht man bei diesem komplexen Design vergebens: Die Theke des Café-Bistros Zickzack in der Messehalle 12 scheint aus roten glänzenden und matten Dreiecken gefaltet. Um solche räumlichen Strukturen zu realisieren, braucht es 3D-Modelle und spezielle CAD/CAM-Programme, die fertigungsgerechte Daten für die CNC-Fräse liefern.

Katharina Ricklefs

Die Messe Frankfurt am Main boomt – gemessen an der reinen Ausstellungsfläche in Quadratmetern ist der Messestandort im Westen der Mainmetropole der drittgrößte Messeplatz der Welt. Mit dem 2018 fertiggestellten Neubau der Messehalle 12 erweiterte die Messegesellschaft Frankfurt ihre Kapazität um 33 600 m² Ausstellungsfläche für bis zu 23 600 Personen. Der Entwurf für die Messehalle stammt von dem Architekturbüro kadawittfeldarchitektur aus Aachen. In einem zweistufigen begrenzten Architekturwettbewerb im Jahr 2014 hatte der Entwurf das Preisgericht besonders aufgrund „seiner gelungenen Fügung der unterschiedlichen geforderten Funktionen in einem kompakten Baukörper und deren Ablesbarkeit“ überzeugt.

Der Neubau misst in der Grundfläche rund 248 m auf 118 m, die Höhe beträgt 30 m. Die Ausstellungsflächen verteilen sich auf zwei Geschossebenen, die unabhängig voneinander eine flexible Nutzung zulassen. Geschossübergreifende Foyers im Osten, Westen und Norden definieren die Zugänge und verknüpfen die Ausstellungsebenen miteinander. Die bauliche Umsetzung erfolgte durch ein Generalunternehmen aus einer ARGE der Firmengruppe Max Bögl, der Ed. Züblin AG und der Engie Deutschland GmbH.

Augenschmaus inklusive

Für das leibliche Wohl der Messebesucher sorgen zwei Restaurants mit rund 200 Sitzplätzen und zwei Café-Bistros mit einmal 75 sowie 135 Sitzplätzen. Wie die Messehalle entwarfen kadawittfeldarchitektur auch zwei der insgesamt vier gastronomischen Bereiche der neuen Halle. Für das Café-Bistro Zickzack im ebenerdigen Foyer an der Westecke des Neubaus entwickelten die Planer ein expressives Interieur-Design angelehnt an die Fassade der Messehalle. Besonders die aus unterschiedlichen Dreiecken komponierte kristalline Raumstruktur der Theke mit den wechselnden glänzenden und matten Oberflächen in einem kräftigen Rot zieht schon von weitem alle Blicke auf sich. 90°-Winkel sucht das Auge vergebens, einzig die Tresenplatte ist funktional horizontal ausgeführt. Neben dem Thekenbereich mit der Auslage, der Ausgabe und der Kasse gehören zum Café extralange Stehtische und z-förmige Sitzbänke, deren Design konsequent in der Formensprache der Theke gehalten ist.

Erst die Ausführungsplanung …

Im Auftrag des Architekturbüros erstellte die Tischlerei Weichsel78 zunächst nur die Ausführungsplanung für das komplexe Design, wobei die Statik eine besondere Herausforderung darstellt und gemeinsam mit der Ingenieurgemeinschaft Führer Kosch Jürges ausgearbeitet wurde. Die 1878 in der Lüneburger Heide gegründete Tischlerei wird heute von Klaus-Dieter Weichsel geführt und beschäftigt 30 Mitarbeiter, davon vier Auszubildende. Neben der Werkstatt mit knapp 2000 m² Produktionsfläche im niedersächsischen Suhlendorf unterhält Weichsel78 ein Planungsbüro in Hamburg-Eppendorf. Erstmals hatte die Tischlerei 2013 bei der Kindertagesstätte „Troplo Kids“ auf dem Firmengelände der Beiersdorf AG in Hamburg-Eimsbüttel mit dem Aachener Architekturbüro zusammengearbeitet und seither kontinuierlich gemeinsam unterschiedlichste Projekte realisiert.

… dann die Umsetzung

Für die Fertigung und Montage wurde ein begrenztes Vergabeverfahren durchgeführt, das die Tischlerei für sich entschied. Von Anfang an betreute der Tischlermeister Vasco Sielke als Projektleiter für Weichsel78 das Gesamtprojekt, als Montageleiter für die „Rote Theke“ fungierte der erfahrene Tischlergeselle Herbert Schröder, der seit 1991 im Unternehmen tätig ist.

Die „Rote Theke“

Basierend auf einem 3D-CAD-Drahtmodell der Architekten entwickelte das Team von Weichsel78 ein Konzept, wie sich die geometrischen Strukturen insbesondere der Thekenverkleidung konstruktiv realisieren lassen. Die Unterkonstruktion besteht aus horizontal und vertikal angeordneten 30 mm starken Multiplex-Platten, die kraftschlüssig miteinander verbunden sind. In den beiden Elementen, die den oberen Thekenbereich bilden und sich in der auskragenden Ecke treffen, läuft über die Elementlänge von 8,32 bzw. 7,49 m ein durchlaufendes Multiplex-Schwert, im Abstand von einem Meter sind vertikale Multiplex-Rippen angeordnet. Durch die rundum angeordnete Verkleidung mit 19-mm-HPL-Platten funktioniert die Konstruktion statisch als selbsttragender Hohlkasten. Bei den Platten handelt es sich um Schichtstoffplatten in Rot mit glänzender und matter Oberfläche. Da aufgrund der teilweise sehr kleinen Schmiegenwinkel die Gefahr bestand, dass bei nicht durchgefärbten Platten der dunkle Kern an den Kanten zu erkennen wäre, wurden HPL-Platten mit durchgefärbtem Kern verbaut. Für die Tresenplatte fiel die Wahl auf HPL-Platten mit Nussbaum Dekor. Mit der 3D-CAD/CAM-Anwendung Solidworks/Swood, das in Deutschland über DPS-Software vertrieben und betreut wird, erstellte der externe Dienstleister AV-Line für das komplexe Design die fertigungsgerechten Daten für die Übergabe an das Bearbeitungszentrum Morbidelli m200 von SCM, das mit einer Suite Maestro Software arbeitet. Insgesamt besteht die „Rote Theke“ aus 411 Einzelteilen – 154 für die rote Verkleidung, 245 für die Unterkonstruktion plus 12 Metallteile. Abgesehen natürlich von den Metallteilen wurden alle 399 Einzelteile aus Multiplex- und HPL-Platten CNC-5-Achs-gefräst. Eine Herausforderung stellte dabei das Fräsen der HPL-Platten dar: Durch die sehr harte Oberfläche bestand die Gefahr, dass das Material beim Zuschnitt spröde abplatzt. Mit speziellen Sägeblättern RazorCut von Leitz, die über einen Ultrafeinkorn-Schneidstoff, eine ungleichmäßige Zahnteilung für besseres Laufverhalten und kunststoffgefüllte Laserornamente zur Schwingungsdämpfung verfügen, wurde das gewünschte Ergebnis erzielt. Die auf Gehrung geschnittenen HPL-Platten wurden dann auf der Unterkonstruktion millimetergenau zusammengeschoben und von hinten mit der Konstruktion verschraubt und in den Fugen verklebt, sodass die Außenansicht der komplexen räumlichen Struktur wie aus einem Guss erscheint.

Stehtische und Sitzbänke

Neben der prägnanten Theke entstanden für das Café-Bistro Zickzack auch zwei Stehtische und zwei Sitzbänke sowie tiefe Fensterbänke als zusätzliche Hochtische. Die zwei 1,05 m hohen Stehtische messen 4,40 m x 0,70 m und 5,90 m x 0,70 m. Auch hier kommt das Design ohne 90°-Winkel aus, die Tischplatten sind als verzogene Rechtecke mit einem Innenwinkel von 81,9° konzipiert. Die konisch zulaufenden Seitenteile verjüngen sich von
28 cm auf 8 cm nach unten, die Wangen sind analog zu der Thekenverkleidung aus Dreiecken gestaltet. Aufgrund der Tischlängen von 4,40 bzw. 5,90 m sind in die Tischplattenunterkonstruktion Stahlrahmen aus verschweißten 4 x 4 cm Vierkantrohren integriert. Entlang der Mittelachse ist ein Rechteckkantrohr von 4 x 12 cm zur Aussteifung angeordnet, das ein Schwingen aufgrund von An- und Auflehnen verhindert. Wie bei der „Roten Theke“ sind die Stehtische im Wechsel mit HPL-Platten in glänzend und matt verkleidet, die horizontale Tischoberflächen sind ebenfalls als HPL-Platte in Nussbaumdekor ausgeführt. Als Kantenschutz der Tischplatte ist umlaufend ein 10 x 5 mm Aluminiumprofil eingelassen, die 5 mm Ansichtskante wurde im passenden Rotton seidenmatt pulverbeschichtet. Gegen Verschieben sind die Stehtische mit Gewindestangen mit Injektionsklebstoff im Boden fixiert. Passend zum Design wählten die Architekten als Barhocker das Modell Stool One, entworfen von Konstantin Grcic für Magis. Über den Stehtischen sind von der Decke die Pendelleuchten Goldener Schnitt von Mawa Design abgehängt. Die beiden z-förmigen Sitzbänke messen 7,89 x 0,60 m und 8,30 x 0,60 m, die Sitzhöhe beträgt 45 cm. Die Unterkonstruktion der Bänke wurde aus 45 x 45 mm Rahmenholz gefertigt, die mit Spanten aus 30 mm Multiplex-Platten verschraubt sind. Jede der Bänke besteht aus vier Einzelteilen, die in den Stößen miteinander verschraubt wurden und dann ebenfalls analog zu der Theke allseitig mit HPL-Platten im Wechsel glänzend und matt verkleidet wurden. Die horizontale Sitzfläche wurde mit HPL-Platten in Nussbaumdekor belegt.

Endspurt

Bevor die einzelnen Elemente der Theke verkleidet wurden, wurde in der Werkstatt von Weichsel78 in Suhlendorf die gesamte Unterkonstruktion der „Roten Theke“ einmal komplett aufgebaut. Anschließend wurde die Theke segmentweise mit den HPL-Platten verkleidet und für den Transport verpackt und in mehreren Chargen per LKW nach Frankfurt gebracht. In gut drei Wochen baute das Team von Weichsel78 dann im Sommer 2018 vor Ort die Segmente zusammen. Ein nicht immer ganz einfaches Unterfangen, da die Zeit drängte und viele Gewerke gleichzeitig auf der Großbaustelle zugegen waren. Doch in enger Abstimmung mit dem Bauleiter der ARGE konnte das Café-Bistro Zickzack pünktlich zur Messepremiere der Messehalle 12 im September 2018 fertiggestellt werden.


Die Autorin

Katharina Ricklefs schreibt als freie
Journalistin über die Themen Architektur, Design und Bauwesen. Für BM verfasst sie regelmäßig Objektberichte zu schönen bis ungewöhnlichen Innenausbauten.

www.katharinaricklefs.de


Objektbeteiligte

Bauherr

Messe Frankfurt Venue GmbH

60327 Frankfurt am Main

www.messefrankfurt.com

Architektur + Design

kadawittfeldarchitektur GmbH

52064 Aachen

www.kadawittfeldarchitektur.de

Ausführungsplanung + Umsetzung

Weichsel78

29562 Suhlendorf

www.weichsel78.de

CAD/CAM – Datenaufbereitung

AV-Line Engineering

83278 Traunstein

www.av-line.de

Statik

Ingenieurgemeinschaft Führer Kosch Jürges

52072 Aachen

www.fuehrer-kosch-juerges.de

Herstellerinformation

Herstellerinformation

BM-Titelstars: Schreiner wie wir

Herstellerinformation

Wissen testen – Preis absahnen

BM-Themenseite: Innentüren

Im Fokus: Vernetzte Werkstatt

Herstellerinformation

BM bei Facebook

Alles bio? Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk

Im Fokus: Gestaltung

Herstellerinformation


BM Bestellservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der BM Bestellservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin-Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum BM Bestellservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des BM Bestellservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de