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Textile Geschichten

Denkmalgerechte Sanierung und Innenausbau einer ehemaligen Textildruckerei
Textile Geschichten

Der Umbau von denkmalgeschützten Gebäuden zur späteren öffentlichen Nutzung stellt eine Herausforderung an Planer und alle beteiligten Gewerke dar. Schließlich gilt es, neben den Anforderungen der neuen Nutzer noch verschiedensten Vorschriften hinsichtlich Brandschutz, Schallschutz und Gebäudeorganisation gerecht zu werden. Im vorgestellten Projekt hat das Stuttgarter Büro Baldauf Architekten die Umnutzung der ehemaligen Textildruckerei Pausa im schwäbischen Mössingen zu Stadtbücherei und Dienstleistungsgebäude realisiert.

Das Gebäudeensemble der in Mössingen am Fuß der Schwäbischen Alb gelegenen ehemaligen Textildruckerei Pausa stellt ein einzigartiges Dokument des industriellen Bauens der Nachkriegszeit dar. Die Denkendorfer Karl Westermann GmbH & Co. KG übernahm auf der Basis der Planungen des Stuttgarter Architekturbüros Baldauf Architekten und Stadtplaner federführend den Innenausbau der Büroräume des Industriebaus. Rund um das neu geschaffene, mittig im Gebäude gelegene Foyer galt es, neben der Realisierung von Schrank-und Glastrennwänden sowie Möbeleinbauten zur Büronutzung auch die Planung zahlreicher Brandschutzelemente zu koordinieren.

Architektonisches Juwel
Die Tonnenhalle wurde 1950/51 als Textildruckhalle der Firma Pausa vom Stuttgarter Architekten Dr. Manfred Lehmbruck als erster Baustein seines spätmodernen Gebäude ensembles erstellt, welches bis Anfang der 60er-Jahre durch ein Heizhaus, Werkstattgebäude, Kantine, Verwaltungsgebäude und Ausrüsterei (Bogenhalle) komplettiert wurde.
Die architektonisch anspruchsvollen Gebäude und die umfangreiche Sammlung an Stoffmusterentwürfen sind von nationaler Bedeutung und gelten als ein herausragendes Beispiel für die Firmenkultur und Industriearchitektur der jungen Bundesrepublik.
Die Länge der Halle von fast 80 m und die prägnante Konstruktion der lichtdurchfluteten Tonnenschalen waren durch die Produktionsmethode auf ca. 65 m langen Drucktischen bestimmt. Zehn dieser Drucktische standen auf engstem Raum im Obergeschoss der Halle, wobei das Erdgeschoss die Farbmischküche und die Druckschablonen, später auch ein Designatelier aufnahm.
Behutsame Eingriffe
Durch die große Gebäudetiefe der Industriehalle von fast 30 m gelangt sehr wenig natürliches Tageslicht in den zentralen Bereich des relativ niedrigen Erdgeschosses. Eine zeitgemäße Umnutzung über die gesamte Breite des Hauses war daher nicht möglich. Die Neukonzeption sah daher einen sich über fast die gesamte Gebäudelänge erstreckenden Deckendurchbruch vor, der das natürliche Tageslicht aus den großen Glasoberlichtern in den Tonnen auch ins Erdgeschoss holt und bereits unten den eindrucksvollen, überwältigenden Raum im Obergeschoss spürbar macht.
Trotz der Umgestaltung blieben an vielen Stellen noch Spuren der ursprünglichen Nutzung des Gebäudes sichtbar: So sind neben vielen kleineren Details ein Drucktisch und vor allem die Farbküche im Originalzustand erhalten.
Freundlicher Empfang
Die neuen Büroräume der Diakonie und des Regionalverbands Neckaralb im Erdgeschoss sind umlaufend entlang der Außenwände angeordnet. Das so entstandene, gut 750 qm große, zentrale Foyer ist durch zwei Podeste und einen Vortragsraum für 80 Personen gegliedert.
Im lichtdurchfluteten Luftraum des „Deckenschlitzes“ liegt die 30 m lange freitragende, mit nur einer V-Stütze in der Feldmitte unterstützte Rampe als neues Erschließungselement. Eine durchlaufende Brüstung aus Stahl begleitet den Weg durch das Gebäude vom Podest im Erdgeschoss über die Rampe in die Stadtbücherei und entlang des Luftraums bis zum Lesecafé. Dieser „Neue Weg“ durchmisst fast die gesamte Länge der Halle und eröffnet ein einzigartiges Raumerlebnis.
Die Stadtbücherei
Die großzügig und offen gestaltete Zugangssituation bietet über eine manuell bewegte Glasschiebewand, die an einem Stahlträger unter dem Tonnengewölbe geführt wird, Zugang zur Bibliothek. Im offenen Zustand werden die etwa zehn Glassegmente nicht sichtbar in einer dafür vorgesehenen Nische im Medienbearbeitungsraum „geparkt“.
An der westlichen Stirnseite entstand neben dem Leitungsbüro ein abgetrennter, intimer Raum für kleinere Lesegruppen oder Besprechungen. Dieser sogenannte „Lesesalon“ hat einen Zugang zum „Leseerker“, der sich als abends beleuchtetes Zeichen auf der heute ungestalteten Brandwand der Westfassade abbildet.
Der lange Hallenraum der Stadtbücherei wird durch weitere Einbauten – sogenannte „Leseinseln“ – gegliedert, welche die einzelnen Büchereibereiche ablesbar machen. Ziel war es, individuell erlebbare, überschaubare Raumzonen zu schaffen, in die man „eintauchen“ kann, ohne den imposanten Raumeindruck der Druckereihalle zu verbauen.
Die gegenüber der Bücherei gelegene, zweite Hallenhälfte nimmt den neu gestalteten Verkaufsraum der Stadtwerke Mössingen auf. Auch hier bleibt der Raumeindruck unverbaut. Die beiden Büroräume sind als frei im Raum stehende „Container“ konstruiert. Als besondere Attraktion entsteht im oberen Foyer ein raumgreifendes „Panoramafenster“, welches den Blick aus der Halle heraus auf den nahen Albtrauf freigibt. Dieser Raum wird auch für besondere Anlässe separat genutzt.
Hier findet sich auch einer der 10,65 m langen erhaltenen Drucktische der Textildruckerei. Er nimmt als „Kleine Pausa Ausstellung“ einen Zeitstrahl der Firmenentwicklung in Mössingen von 1919 bis 2004, dem Jahr der Werksschließung der Pausa, mit entsprechenden Exponaten, wie Musterstoffproben, Entwurfsskizzen, Fotos, Dokumenten, etc., auf.
Lichtkonzept und technischer Ausbau
Im Obergeschoss wurden die freistrahlenden, „historischen“ Lichtlinien des Architekten Lehmbruck an der Tonnendecke aufgenommen und durch eine regelbare, zeitgemäße Beleuchtungstechnik ersetzt. Ergänzend kommen punktuell individuelle Beleuchtungslösungen, wie Leseleuchten und Regalbeleuchtung, zum Einsatz, um eine differenzierte Lichtatmosphäre zu schaffen.
Im Erdgeschossfoyer wurde unter der gesamten Decke zwischen den Unterzügen eine Akustikdecke zur Schallabsorption eingebaut. In diese Decke sind ebenfalls durchgehende, regelbare Lichtlinien eingelassen, die in Richtung der Rampe verlaufen. Im Vortragsraum werden die Lichtlinien noch durch punktuelle Strahler ergänzt, um differenzierte Beleuchtungssituationen zu ermöglichen.
Sämtliche „Einbauten“, wie das zentrale WC, die Zuluftbauwerke im Foyer oder die Büro boxen im Obergeschoss sind aus mattiertem Profilbauglas (Linit) konstruiert und können ebenfalls indirekt von innen beleuchtet werden.
Material- und Farbkonzept
Im großen Foyer wurde ein strapazierfähiger, geschliffener Gussasphalt-Nutzestrich (Bitu Terrazzo) verlegt. Die Büroräume erhielten einen pflegeleichten, strapazierfähigen Teppichbelag, ebenso die Bücherei und der Fachmarkt. Dies war aus akustischen Gründen zwingend erforderlich, da an der rauen, brettgeschalten Tonnenschale aus denkmalpflegerischen Gründen keine absorbierenden Maßnahmen ergriffen werden konnten.
Zusätzlich zum Bodenbelag wurden im Obergeschoss die Längsinnenwände mit einer speziellen, abriebfesten Akustikdoppelwand verkleidet, um die „schallharten Flächen“ zu reduzieren.
Sämtliche Wand- und Deckenflächen erhielten den „klassischen“ weißen Farbanstrich. Die Stahlbrüstung der Rampe und des Luftraums, die sich wie ein „roter Faden“ durchs Gebäude zieht, wurde in einer Akzentfarbe gestrichen.
Trotz erheblicher „Eingriffe“ blieben viele historische Spuren bestehen, die an die einzigartige Produktionsgeschichte der Pausa Stoffdruckerei erinnern: So wurde die Farbküche im Originalzustand erhalten und zeigt die fast schon archaisch wirkenden Bedingungen, unter denen die einst weltbekannten und innovativen Produkte der Pausa entstanden. I

Objektbeteiligte
Architektur:
Baldauf Architekten und Stadtplaner GmbH
70199 Stuttgart
Projektleitung:
Dipl.-Ing. Michael B. Frank, MA
Dipl.-Ing. Martin Kurz
Dipl.-Ing. Kathrin Schubert
Dipl.-Ing. Mirko Schnabel
Innenausbauten, Trennwände:
K. Westermann GmbH + Co. KG
73770 Denkendorf
Brandschutzelemente:
Holzbau Schmid GmbH & Co. KG
73099 Adelberg
Bibliothekseinbauten:
Schulz Speyer Bibliothekstechnik AG
67327 Speyer
Fotos:
Wolfram Janzer Architekturbilder
70184 Stuttgart
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