Tischler-Ausbildung gehörloser Jugendlicher in Äthiopien. Ausbildung mit Pioniercharakter - BM online
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Ausbildung mit Pioniercharakter

Tischler-Ausbildung gehörloser Jugendlicher in Äthiopien
Ausbildung mit Pioniercharakter

Am Misrach Center in Äthiopien werden gehörlose Jugendliche unter anderem zu Tischlern ausgebildet. Da es kein geeignetes Lehrmaterial gab, koordinierte der deutsche Schreinermeister Viktor Penner mit zahlreichen Helfern die Übersetzung des bekannten Fachbuches „Holztechnik“ aus dem Europa-Verlag in die Landessprache Amharisch.

Viktor Penner

Menschen mit einer körperlichen Behinderung haben es schwer und in Äthiopien noch viel schwerer. Von der Gesellschaft werden sie ausgegrenzt, zu guter Bildung haben sie kaum Zugang, sodass ihnen oft nur das Betteln als einzige Einnahmequelle bleibt. Diesen Menschen hat sich das vom Schweizer Hilfswerk Mission am Nil unterstützte Misrach Center (MC) mit dem Motto verschrieben: „Das MC ist da, um behinderten Menschen zu helfen, die aus verschiedenen Gründen nicht in das formale Bildungssystem einsteigen können!“

Neben einer Nähabteilung, einer Bürstenabteilung und anderen Ausbildungsbereichen gibt es auch eine Tischlerei. Dort sind derzeit neun Auszubildende im ersten Lehrjahr und zehn im zweiten Lehrjahr beschäftigt. Sie alle sind gehörlos. Zwei Drittel der jungen Männer beherrscht die Mathematik nur auf Stufe der 2. Grundschulklasse, und etwa die Hälfte kann weder lesen noch auf Amharisch (die wichtigste Amtssprache im Vielvölkerstaat Äthiopiens) schreiben. Dass die Tischlerausbildung im Misrach Center nur zwei und nicht drei Jahre dauert, ist auf Vorgaben der Regierung zurückzuführen.

Besser ausbilden als alle anderen

Um die Defizite in der Mathematik sowie beim Lesen und Schreiben zu beheben, wurden ein Mathematik- und ein Amharisch-Lehrer eingestellt. Denn das Ziel des Misrach Centers ist es, besser auszubilden als alle anderen:

  • Unsere Lehrlinge sind körperlich behindert, wodurch es für sie im Vergleich zu nichtbehinderten Menschen viel schwieriger ist, sich im Alltag zu behaupten und sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Eine überdurchschnittliche Ausbildung trägt dazu bei, diesen Nachteil zu kompensieren.
  • Es ist uns wichtig, dass vor allem die Lehrlinge aus dem zweiten Lehrjahr auch an Kundenaufträgen arbeiten. Das motiviert und erhöht die Qualität. So etwas gibt es in den staatlichen Ausbildungszentren nicht. Dort werden nur Übungsstücke hergestellt, die dann irgendwo in einem Lager landen.
  • Wir wollen nachhaltig ausbilden. Das bedeutet konkret, dass wir nicht nur ausbilden, sondern unsere Lehrlinge auch sozial begleiten und sie dabei unterstützen, nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz in der Industrie zu finden. Auch dies ist ein großer Unterschied im Vergleich zu anderen Ausbildungsstätten.

Warum es ein Fachbuch braucht

Um diese Ziele zu erreichen, braucht es neben motivierten und gut ausgebildeten Mitarbeitern – die das Center in der Regel selber ausbilden muss – auch Lehrmaterial. Als ich dort vor sechs Jahren die Arbeit als Tischlermeister aufnahm (der Schwerpunkt meiner Aufgabe liegt in der Beratung bzw. Aus- und Weiterbildung der Ausbilder), habe ich auch viele staatliche Ausbildungswerkstätten besucht, um von ihnen zu lernen und Unterrichtsmaterial auf Amharisch zu bekommen. Das Resultat war ernüchternd:

  • Es gab kein brauchbares Lehrmaterial auf Amharisch. Verfügbar waren englische PDF-Dateien mit viel Text, doch können viele Ausbilder nicht genug Englisch, um diese zu verstehen – und die Lehrlinge schon gar nicht.
  • Lehrlinge wirken nicht bei Kundenaufträgen mit, sondern müssen zu sechst an einem kleinen Nachtschrank arbeiten.
  • Aus diesen Gründen (es gibt sicherlich noch weitere) fehlt die Motivation.
  • Ich selber wurde angefragt, ob wir nicht gutes Ausbildungsmaterial in amharischer Sprache haben.

Das alles hat uns veranlasst, unser eigenes Lehrmaterial zu erstellen. In Kooperation mit dem Europa-Lehrmittel-Verlag haben wir zuerst unser eigenes Lehrheft erstellt und dazu einige Bilder aus dem Buch „Holztechnik“ genutzt. Bald zeigte sich, dass dies für unsere Bedürfnisse nicht ausreicht.

Eine anspruchsvolle Reise

So begaben wir uns auf die Reise, zusammen mit dem Europa-Lehrmittel-Verlag, das komplette Buch „Holztechnik“ ins Amharische zu übersetzen. Eine Reise, die nicht nur zum Ziel hatte, die Ausbildung im Misrach Center zu verbessern, sondern die auch Einfluss auf die landesweite Tischler-Ausbildung – auch von Menschen ohne Hörbehinderung – nehmen und für andere Branchen zum Vorbild werden sollte.

Die größte Herausforderung war, ein kompetentes Team zusammenzustellen, um dieses Projekt zu realisieren. Durch private Kontakte lernte ich einen Äthiopier kennen, der schon viele Bücher aus dem Deutschen ins Amharische übersetzt hat. Allerdings waren das immer literarische Werke. Weil er aber seinem Land einen Dienst tun wollte und es ein absolutes Pionierprojekt ist, war er bereit, die Herausforderung anzunehmen. Wir konnten auch einen Äthiopier gewinnen, der in Deutschland die Schreinerausbildung absolviert hat und hier in Äthiopien seit vielen Jahren ausbildet. Wichtig war uns auch, den verantwortlichen Ausbilder des Misrach Centers mit ins Boot zu nehmen, um Erfahrungen aus der Arbeit mit behinderten Menschen einfließen zu lassen. Das vierte Mitglied des Teams war ich (Viktor Penner). Meine Hauptaufgaben waren das Erklären der technischen Begriffe und, soweit es meine Sprachkenntnisse erlaubten, das Prüfen der Übersetzung.

Während zwei Jahren saßen wir immer wieder viele Stunden zusammen und diskutierten über Fachbegriffe, die es im Amharischen in vielen Fällen noch gar nicht gab. Das war die größte Herausforderung. Nachdem wir unsere Arbeit abgeschlossen hatten, wurde das Ganze von Experten aus der Branche gegengelesen. In dem ganzen Prozess stand uns der Europa-Lehrmittel-Verlag als zuverlässiger Partner stets zur Seite.

Erste Erfahrungen

Die Erstauflage von 1000 Exemplaren ist im Herbst 2020 in Addis Abeba eingetroffen. Das Buch wird bereits im Misrach Center eingesetzt und ist für die Ausbildung eine große Hilfe. Es ist in ganz Äthiopien das erste Fachbuch für die Lehrlingsausbildung in dieser Qualität. Es konnten bereits 450 Exemplare an die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) verkauft werden, die es an verschiedene staatliche Bildungszentren verteilt hat. Derzeit sind wir dabei, die Industrie zu kontaktieren, mit positiver Resonanz.

Wir sind überzeugt, dass es sich lohnt, gerade in Entwicklungsländern in die Ausbildung zu investieren. In vielen afrikanischen Ländern fehlt es in handwerklichen Berufen an Fachleuten. So sind junge Männer und Frauen, die genaues, selbstständiges Arbeiten gewohnt sind, gefragte Berufsleute. Das versetzt Menschen – gerade auch solche mit einer Behinderung – in die Lage, selber für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, statt ein Leben als Bettler auf der Straße zu fristen. Kurzum: Ein Leben mit Sinn und Würde.


Der Autor

Viktor Penner ist Schreinermeister und seit Anfang 2015 Ausbildungsberater am Misrach Center in Addis Abeba, Äthiopien.


Hintergrund

Entwicklungsarbeit in Äthiopien

Die Mission am Nil ist eine christliche Hilfsorganisation.
Sie setzt sich in sechs Ländern entlang des Nils dafür ein, die Lebensbedingungen benachteiligter Menschen zu verbessern: Ägypten, Sudan, Eritrea, Äthiopien, DR Kongo und Tansania. Die Mission am Nil wurde 1900 gegründet und hat ihre Wurzeln in der evangelisch-reformierten Landeskirche der Schweiz. Die Hilfsangebote stehen allen Menschen zur Verfügung, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung. In Äthiopien ist die Mission am Nil seit 1962 präsent. Nachdem der große Bedarf nach Ausbildungen für körperlich behinderte Menschen erkannt war, begann 1982 in Addis Abeba die Arbeit des Misrach Centers (Misrach = Hoffnung), zunächst mit zwölf Blindenschülern und drei Schneider-Lehrlingen. Im Lauf der Jahre kamen weitere Sparten hinzu, sodass sich das Misrach Center zum landesweit führenden Berufsbildungszentrum für Menschen mit körperlicher Behinderung entwickelte. Heute bietet es an zwei Standorten in Addis Abeba gegen 300 Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Alle Angebote sind darauf ausgerichtet, die Fähigkeiten der Menschen mit einer Behinderung bestmöglich zu fördern und sie in ein selbstständiges Leben zu führen. Sie lernen, den Fokus nicht auf ihre Defizite, sondern auf ihr Potenzial zu richten. Die Blindenschule ist in ganz Äthiopien die einzige solche Einrichtung für Erwachsene. Nach Abschluss des ein bis zwei Jahre dauernden Lehrgangs können die Absolventinnen und Absolventen im Misrach Center ein Handwerk erlernen oder ihre Ausbildung an normalen Schulen oder Universitäten fortsetzen. Die Mission am Nil unterhält in Äthiopien weitere Projekte, wie das Walga-Gesundheitszentrum zur medizinischen Grundversorgung einer ländlichen Region, das Schutzhaus Tsigereda für junge Frauen und das Entwicklungsprojekt Nono zur nachhaltigen Entwicklung einer sehr armen Gegend.

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