Flüchtlinge werden fit für die Ausbildung

Deutsch an der Werkbank

Im deutschen Ausbildungsmarkt blieben im vergangenen Jahr viele Lehrstellen unbesetzt – das könnte eine Chance für Flüchtlinge sein. Die Abteilung Holztechnik des Reckenberg- Berufskollegs in Rheda-Wiedenbrück hat eine besondere Art der Ausbildungsvorbereitung gestartet.

Autor: Anna-Katharina Ledwa

I Es ist 9:15 Uhr am Donnerstagmorgen. Vor der Holzwerkstatt des Reckenberg-Berufskollegs sitzen und stehen Jugendliche und junge Erwachsene und warten auf den Unterrichtsbeginn. Wenn ich mich acht Jahre zurückversetze in meine eigene Ausbildungszeit an dieser Schule, könnte genauso gut ich hier mit ihnen auf den Werkstattleiter und den Beginn der Stunde warten.

Nur etwas ist anders: Die hoffnungsvollen Menschen, die hier vor mir stehen, sind keine üblichen Auszubildenden. Zwar hören sie Musik, chatten mit Freunden auf ihrem Smartphone und spielen in ihrer Freizeit auf der Straße Fußball – wie viele deutsche Jugendliche auch. Doch Deutschland ist nicht das Land, in dem sie groß geworden sind. Russisch, Armenisch, Polnisch, Italienisch, Arabisch und Spanisch sind einige der Sprachen, die an mein Ohr dringen. Die deutsche Sprache liegt wie eine unsichtbare Grenze zwischen ihnen und dem Zugang zur deutschen Gesellschaft. Kristina Lüffe, die begleitende Deutschlehrerin der Klasse, bringt es mit dem Philosophen Wittgenstein auf den Punkt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Die Flüchtlinge und Asylbewerber, die die internationale Klasse besuchen, arbeiten auf eine Ausbildung oder einen höheren Bildungsweg im deutschen Schulsystem hin. Sie sind gerade mal seit drei, vier oder maximal zwölf Monaten in Deutschland und wurden von dem Integrationsbeauftragten der Stadt Rheda-Wiedenbrück an das Berufskolleg vermittelt.
Sprachimpulse durch handwerkliche Arbeit
Dieser Bildungsgang in der Ausbildungsvorbereitung des Reckenberg-Berufskollegs hat die Besonderheit, dass er mit dem Erlernen der deutschen Sprache die Grundlagen im Tischlerhandwerk vermittelt. Deutsch lernen an der Werkbank – das ist der Leitsatz dieses Projektes. „Durch die praktische handwerkliche Arbeit werden mehr Sprachimpulse gegeben. Das stellt einen engeren Bezug zur deutschen Sprache her“, sagt Kristina Lüffe. „Wir möchten die Schüler über die Sprache in die Gesellschaft integrieren.“
Mit diesem Thema sind sie und ihre Kollegen nicht allein: Zurzeit wird auch in der Politik und den Verbänden diskutiert, wie Flüchtlinge und junge Menschen mit Migrationshintergrund besser in unser Ausbildungssystem integriert werden können (siehe Kasten).
Aus Afrika, der Ukraine oder auch Italien
Xiu ist in Nigeria geboren und als kleines Kind mit Vater und Bruder nach Spanien geflüchtet. Er hat zehn Jahre in Barcelona gelebt und ist jetzt mit seinem Vater nach Deutschland gekommen. Eigentlich wäre er gerne in Barcelona geblieben, wie sein älterer Bruder, aber trotzdem folgt er dem Unterricht mit großem Interesse und hat Spaß an der Arbeit mit Holz. Auch sein Vater hat in seiner Heimat Nigeria als Tischler gearbeitet. Xiu ist jetzt 16 Jahre alt und das Leben liegt noch vor ihm.
Auch Kirill (16) ist voller Elan bei der Sache. Obwohl erst seit vier Monaten in Deutschland spricht er sehr gut Deutsch und verrät mir, dass er zu Hause nach der Schule weiter lernt. Er will sich in Deutschland ein besseres Leben aufbauen und ist alleine aus der Ukraine hierher gekommen. Jetzt lebt er bei seinem Vater, den er seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Vor seiner Ankunft in Deutschland besuchte Kirill in der Ukraine die elfte Klasse des Gymnasiums. Eigentlich ist er mit dem Lernniveau in der Berufsschulklasse unterfordert, aber Deutsch ist auch für ihn der Schlüssel, um Türen in ein neues Leben zu öffnen.
Sonia hat ihre Freunde in Italien zurücklassen müssen, weil ihre Mutter in Italien keine Arbeit gefunden hat. Die Sechzehnjährige ist mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester nach Deutschland gekommen. Nun ist sie in dieser Klasse angekommen und heute sägt und hämmert sie und pinselt Holzplättchen farbig an. Das aktuelle Projekt in der Holzwerkstatt ist ein LÜK-Kasten, eine spielerische Lernhilfe aus Holz. Sonia ist so vertieft in die Arbeit, dass sie sogar die Pause vergisst.
Viele scheuen sich, Flüchtlinge einzustellen
Die Stimmung in der Werkstatt ist gut, die Schüler arbeiten konzentriert. Werkstattleiter Ralf Smyczek ist Tischlermeister und steht den jungen Erwachsenen mit Tischler-Fachwissen und Ratschlägen bei der praktischen Arbeit zur Seite. Er sorgt dafür, dass die Tafelanschrift vom Beginn der Stunde für keinen Schüler eine unlösbare Aufgabe bleibt und dass am Ende Kirill, Xiu, Sonia und ihre Mitschüler den fertigen LÜK-Kasten in den Händen halten. Ralf Smyczek weiß: „Viele Betriebe haben Hemmungen oder sogar Angst, Flüchtlinge einzustellen. Eines der größten Probleme sehen sie häufig in der Verständigung. Daran arbeiten wir.“
Lernwillig, wissbegierig und dankbar
Kristina Lüffe sagt, dass die Projektteilnehmer in dieser Klasse sehr gut auf die weiteren Bildungsgänge am Berufskolleg vorbereitet werden. Nach einem Berufsgrundbildungsjahr, das an diesen ersten Bildungsabschnitt angeschlossenen ist, können sie problemlos in das duale Ausbildungssystem in Deutschland einsteigen. Der Bereich Holztechnik bietet sich für diese Schüler natürlich idealerweise an.
Besonders freut sich Kristina Lüffe über die große Motivation der Teilnehmer: „Die Schüler sind lernwillig, wissbegierig und äußerst dankbar. Sie zeigen keine Müdigkeit und bedanken sich sogar nach der Stunde häufig für den Unterricht. Das unterscheidet sie von vielen anderen Lernenden am Deckenberg-Berufskolleg.“
Das Projekt in Rheda-Wiedenbrück ist versuchsweise gestartet worden. Doch aufgrund der guten Erfahrungen und der starken Nachfrage soll es weiter ausgebaut werden. I
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Konzept des Bildungsganges Grundlagen schaffen in zwei Jahren
Die internationale Vorbereitungsklasse am Reckenberg-Berufskolleg in Rheda-Wiedenbrück ist ein Pilotprojekt und verbindet in täglich sechs Schulstunden Theorie und Praxis miteinander. Der Bildungsgang umfasst zwei Lernstufen, die aufeinander aufbauen: Die Grundstufe dauert ein Jahr, dann folgt ein weiteres Jahr Aufbaustufe. Danach sollten die Teilnehmer Deutsch auf dem Sprachniveau B1/B2 erreicht haben. Im Anschluss kann ein BGJ im Bereich Holztechnik angehängt und darauf aufbauend die duale Ausbildung absolviert oder aber das Fachabitur gemacht werden.

Längeres Bleiberecht für Flüchtlinge Mehr Planungssicherheit für Betriebe

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich für ein Bleiberecht für Flüchtlinge ausgesprochen, die eine Ausbildung in einem deutschen Handwerksbetrieb abschließen. Es mache keinen Sinn, die jungen Leute gut auszubilden und dann nach Hause zu schicken, sagte der SPD-Politiker bei der Eröffnung der Internationalen Handwerksmesse in München und stellte sich damit hinter eine Forderung des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Viele Betriebe würden nach Angaben des ZDH gerne Flüchtlinge als Lehrlinge einstellen, schreckten mangels Planungssicherheit aber davor zurück.
Auch Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, fordert gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern ein 3+2-Modell: Flüchtlinge sollen während der dreijährigen Lehre ein Bleiberecht bekommen – und zwei Jahre darüber hinaus, damit sich ihre Ausbildung auch für den Arbeitgeber rentiert.
Die derzeitige Rechtslage sei vielen Firmen zu ungewiss, da sie nicht wissen, ob und wie lange die Flüchtlinge in Deutschland bleiben dürfen.

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