In der Schreinerei Schlingmann kommt alles auf den Tisch

Beleidigte Leberwürste gibt es nicht mehr

Wenn früher in der Schreinerei Schlingmann etwas schief lief, wurde dafür ein Schuldiger gesucht. Es gab Rechtfertigungen, Groll, Stress, aber Entwicklung gab es wenig. Nach zwei Coaching-Terminen und regelmäßigen Besprechungen ist das 20-köpfige Team ein ganzes Stück weiter. „Beleidigte Leberwürste gibt es bei uns nicht mehr.“

BM-Redakteurin Regina Adamczak

Da stand es schwarz auf weiß: „Martin bringt Unruhe rein. Er nervt mich manchmal direkt morgens. Er regt sich oft zu sehr auf.“ Knallhart. Das war vor zwei Jahren. Bei einem eintägigen Coaching, an dem alle Mitarbeiter teilnahmen, kam es auf den Tisch. Martin … das ist Martin Schlingmann, der vor 20 Jahren die Schreinerei Schlingmann gegründet hat. Bei Null hat er angefangen und den Betrieb Stück für Stück aufgebaut. „Ich war Alleinherrscher. Lange Zeit. Und früher dachte ich, ich muss einfach nur mein Ding machen. So wie ich bin, so bin ich.“ Er hat seine Erfahrungen gemacht: „Ich habe Stück für Stück dazu gelernt und ich lerne heute noch. Man braucht mindestens zehn Jahre, um einen Betrieb professionell führen zu können.“

Regeln und Zuständigkeiten müssen klar sein

Ein großer Schritt war es, die Geschäftsführung zu erweitern: Seit mehr als zwei Jahren sind jetzt Ina Trautmann und Cyrill Rasewsky mit in der Verantwortung. Beide halten jeweils 25 % der GmbH-Anteile. „Viele haben mir geraten, 51 % zu behalten, aber das wollte ich nicht“, sagt Martin Schlingmann. „Ich habe das Vertrauen, dass es so funktioniert. Die Stimme eines jeden von uns hat das gleiche Gewicht.“

Doch ganz so einfach war das nicht. Viele Zuständigkeiten waren nicht klar und die Mitarbeiter waren unzufrieden. „Cyrill fehlt in der Werkstatt“, war dann auch ein weiterer Punkt, den die Mitarbeiter beim Coaching im Juli 2017 anmahnten. Das Coaching wurde von Ulrich Leber moderiert. Es war Teil einer Initiative der Umwelttischler in Hessen, zu denen auch die Schreinerei Schlingmann seit vielen Jahren gehört. Das Konzept sieht vor, dass sich die Mitgliedsbetriebe in verschiedenen Bereichen weiterentwickeln können (siehe auch BM 10/18). Im ersten Schritt ging es um Mitarbeiterführung und um Unternehmensziele.

Aus Problemen werden Lösungen

Einen Tag lang nahmen sich alle Mitarbeiter Zeit und im ersten Schritt durfte jeder auf Kärtchen schreiben, was ihm nicht passte: Am Verhalten der Kollegen und der Chefs, in der Produktion, in der Abwicklung, in der Qualifizierung. Dass Martin Schlingmann dabei nicht gut wegkam war das eine, aber auch viele andere Punkte kamen aufs Tablett: Das Plattenlager ist oft unsortiert, Wege werden zugestellt, Maschinen und Werkzeuge werden nicht gepflegt, die Planung ist zu aufwendig, Informationen für die Montage fehlen, Regeln und Verantwortungsbereiche sind nicht klar … die Liste war lang, doch die Truppe wollte nicht im Murren verharren. Jetzt ging es darum, aus den Schwachpunkten positive Ziele und Strategien zu entwickeln und so stand dann am Ende des Tages u. a. auf der Agenda:

  • Bis 4/18 werden die vorhandenen Zuständigkeiten und Regeln hinterfragt und angepasst.
  • Wir wollen bis 7/18 den Umgang miteinander spürbar verbessert haben.
  • Die Auftragsabwicklung wird bis 8/18 vereinfacht und fehlende Infos ergänzt.

Ohne üben geht es nicht

Ina Trautmann erinnert sich: „Gerade Martin hatte vorher eine Menge Stress, weil die Zuständigkeiten nicht klar waren. Ich glaube, er hat auch deshalb oft überreagiert. Seit wir die Verantwortung anders verteilt haben, ist er viel entspannter.“ Martin Schlingmann lacht: „Ich bin auch ein sehr impulsiver Typ, aber ich bemühe mich jeden Tag aufs Neue.“ Ihm ist klar, dass auch er sich nicht von heute auf morgen verändern kann. Üben, üben, üben, ist seine Devise. Dass das fruchtet, zeigte sich klar beim zweiten Coaching, das ein Jahr später im September 2018 stattfand: „Martin hat an sich gearbeitet“, war auch den Mitarbeitern aufgefallen.

Mitarbeiter entwickeln Leitsätze gemeinsam

Wenn man das jetzt alles so liest, könnte man fast meinen, in der Schreinerei Schlingmann wäre komplett der Wurm drin. Dass das bei Weitem nicht der Fall ist, fällt Kunden und Kollegen auf: „Wir verstehen uns, das merken auch die Kunden“, erzählt ein Mitarbeiter, und in der Berufsschule wurde der Begriff „Schlingmann-Sekte“ zum Running Gag. Offenheit, Leistungsbereitschaft, Respekt: Was dem Team wichtig ist, wurde in zwei Leitsätze gegossen, die über der Tür hängen:

„Wir bringen unsere Partner durch unsere zuverlässige und sympathische Art und Weise sicher zu ihren Zielen und darüber hinaus.

Durch unser Tun entstehen persönliche Bindungen, die wir vertrauensvoll und mit großer Freude weiterentwickeln.“ Martin Schlingmann kennt sie auswendig: „Ich bekomme jetzt noch jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich das ausspreche.“ Seine Mitarbeiter und er haben diese Sätze gemeinsam entwickelt, wie auch viele andere Verbesserungen zusammen erarbeitet wurden. Damit es kontinuierlich weitergeht, gibt es verschiedene Besprechungsformate.

Besprechungen geben Struktur

Morgens um 7 Uhr gibt es eine kurze Besprechung mit allen Mitarbeitern: Was steht heute an? Dabei gibt es klare Ansagen, damit jeder weiß, was er an diesem Tag zu tun hat. Für umfassendere Punkte gibt es einmal im Vierteljahr die sogenannte „Spielersitzung“: Das letzte Spiel wird analysiert, das nächste geplant … will heißen: Was hatten wir uns vorgenommen? Klappt das? Was wollen wir in Zukunft besser machen? Rund acht Tagesordnungspunkte gibt es meist. Zehn Minuten pro Punkt müssen reichen. „Das soll knackig gehen, damit wir in maximal 1,5 Stunden fertig sind“, sagt Martin Schlingmann.

Zudem gibt es noch Strategiebesprechungen der drei Geschäftsführer, die jeden Monat stattfinden und auch mit einem Ergebnisprotokoll dokumentiert werden. Zudem steht einmal im Jahr ein persönliches Gespräch mit jedem Mitarbeiter auf dem Programm.

„Struktur ist wichtig“, sagt Martin Schlingmann. „Das hilft im Umgang miteinander und auch nach außen hin.“

Nachwuchsmangel gibt es nicht

Dass das Konzept stimmt, zeigt sich in zwei Dingen: Zum einen wächst das Unternehmen kontinuierlich. Im nächsten Jahr soll mit einem neuen Gebäude auf dem Nachbargrundstück die Betriebsfläche nochmals erweitert werden. Zum anderen gibt es keinen Nachwuchsmangel. „Dass bei uns die Stimmung gut ist, spricht sich herum. Wir sind eine junge Truppe und außerdem ist die Nachfolge durch unser Führungstrio klar. Das gibt neuen Mitarbeitern Sicherheit.“ Genommen wird allerdings nicht jeder: „Bei uns steht die persönliche Eignung im Vordergrund. Wir wollen uns das gute Betriebsklima erhalten.“

Um die Gemeinschaft zu stärken, gibt es auch eine WhatsApp-Gruppe. Hier werden Erlebnisse geteilt, Verbesserungen angeregt, Bilder von der Montage ausgetauscht oder auch mal gemeckert. Dass dabei niemand beleidigt werden darf, ist völlig klar.

Jeder soll seinen bestmöglichen Beitrag leisten

Die Werte- und Zielorientierungen der Schreinerei Schlingmann füllen ein ganzes DIN-A4-Blatt: „Wir arbeiten fair miteinander, steht darin. Was wir tun, tun wir gut. Wir treten stets freundlich und in korrekter Arbeitskleidung bei unseren Kunden auf. Wir verlassen die Baustelle sauber. Wir gehen wertschätzend und respektvoll miteinander und mit allen Geschäftspartnern um … alle sollen Freude an der Arbeit haben und stolz darauf sein, bei uns zu arbeiten. Wir bitten Euch um Euren bestmöglichen Beitrag zum gemeinsamen Erfolg.“ So ist der letzte Satz. „Mir macht es Freude zu sehen, wie sich der Betrieb entwickelt hat“, sagt Martin Schlingmann. „Und mir macht es jeden Tag Freude, hier zu arbeiten.“

Schreinerei Schlingmann GmbH

64732 Bad König / Ober-Kinzig

www.schreinerei-schlingmann.de

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