Christian Voss macht Möbel aus alten Gerüstbohlen

Der Kuhfuß ist das wichtigste Werkzeug

Christian Voss ist Gründer der Tischlerei Charakterstück. Sein Unternehmen verarbeitet alte Gerüstbohlen. Diese müssen aufbereitet werden, damit ansprechende Möbel daraus entstehen können. „Das wichtigste Werkzeug ist bei uns der Kuhfuß,“ lacht der Tischlermeister.

von Anna-Katharina Ledwa

In den alten Industriehallen auf dem Gelände eines ehemaligen Furnierherstellers könnte man sich auch exklusive Lofts zum Wohnen vorstellen. Stattdessen haben sich hier eine Tischlerei und verschiedene andere kleine Unternehmen angesiedelt. Auf dem riesigen freien Platz zwischen den Hallen, wo früher Stämme in Dämpfgruben gekocht wurden, bringt das alte Piratenschiff eines Karussells den etwas geisterhaften Charme des alten Industriegeländes noch besser zur Geltung. Und genau dort, wo ich aus der Ferne schon den rot geklinkerten Schornstein in die Höhe ragen sehe, entwirft und fertigt Christian Voss mit seinem Team die Charakterstücke.

Der Tischlermeister hat sich 2010 mit seiner Einzelunternehmung im nordrhein-westfälischen Ascheberg, südlich von Münster, selbstständig gemacht und ist zum Jahreswechsel 2016/2017 auf das Gelände in Havixbeck, westlich von Münster, umgezogen. Im Gründungsjahr war er noch Einzelkämpfer. Heute hat er zwölf Mitarbeiter – vom Azubi bis zum Meister. An Platz mangelt es nicht. Die Lager-, Werkstatt- und Büroflächen umfassen ca. 1250 m2 und gerade wird über eine Erweiterung auf knapp 1850 m2 nachgedacht.

Einzigartigkeit und Qualität

Die Nachfrage nach Möbeln aus Bauholz ist riesig, aber die Konkurrenz auch groß. Doch Christian Voss konnte sich mit seiner Spezialisierung inzwischen einen Namen machen: „Es ist wichtig, sich von den Wettbewerbern abzuheben – sowohl in der Qualität als auch in der Einzigartigkeit. Wir haben einen hohen Anspruch an unsere Produkte und sind dafür auch bekannt. Bis heute gab es nicht eine Beschwerde.“

Sechzig bis siebzig Prozent der Aufträge werden unter Verwendung von Bauholz gefertigt – wobei viele Stücke aus einem Materialmix bestehen. Denn auch damit hebt Charakterstück sich hervor. So kann der Hocker eine Sitzfläche aus echtem Kuhfell bekommen oder die Bauholzküche mit edel lackierten Fronten versehen werden. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Nur etwa dreißig Prozent der Aufträge sind herkömmliche Tischlerarbeiten.

Der Durchsatz an Sägeblättern ist hoch

So sind die Oberflächen der Möbelstücke aus dieser Tischlerei meist geprägt von Hobelschlägen und sägerauen Kanten. Alte, wettergegerbte und oft mit rostigen Nägeln gespickte Gerüstbohlen sind die Grundlage aller Charakterstücke. Christian Voss kauft die ausrangierten Bohlen bei unterschiedlichen Gerüstbauern ein. Das ist mittlerweile gar nicht mehr so einfach und es geht viel Zeit fürs Telefonieren drauf. „Diese Bohlen werden immer mehr nachgefragt und die Preise steigen. Ich suche möglichst hohe Stückzahlen, um den Aufwand in Grenzen zu halten,“ erklärt der Tischlermeister. „Zu Materialengpässen ist es bei uns deshalb noch nie gekommen.“

Sind die Bohlen da, geht es los mit der Aufbereitung und Weiterverarbeitung. „Das wichtigste Werkzeug bei uns ist der Kuhfuß,“ lacht Christian Voss. „Ohne den ginge gar nichts.“ Nicht moderne Technik steht hier also im Mittelpunkt, sondern eher die altbewährten Werkzeuge und Maschinen. Neben dem Kuhfuß braucht man für das Besäumen und Auftrennen der Bohlen eine ganze Menge Sägeblätter, denn die rostigen Nägel fordern ihren Tribut.

Im ersten Schritt wird bei systemgebundenen Bohlen der Metallbeschlag mit der Kappsäge abgetrennt. Danach müssen die alten Bohlen von Hand entnagelt und anschließend mit dem Bandschleifer grob geschliffen werden. Sind sie dann auf der Formatkreissäge auf Breite geschnitten, werden die Bohlen entweder nur noch gefast oder aber aufgetrennt und zu Flächen verleimt. Zum Schluss kommt der Feinschliff. Jetzt fühlt sich die Oberfläche samtweich an, obwohl die Patina der gebrauchten Gerüstbohle noch deutlich zu sehen ist. 98 % der Bohlen werden unbehandelt im Möbel eingesetzt. „Die Kunden schätzen die Optik des alten, schon einmal verwendeten Holzes und wollen es genauso erhalten,“ erzählt Christian Voss. „Doch bei uns ist grundsätzlich alles möglich, wir ölen, wachsen und lackieren auch.“

Social Media wieder in eigenen Händen

Was das Marketing angeht, setzt Christian Voss auf einen Mix aus Althergebrachtem und Moderne. „Die meisten Neukunden kommen traditionell über Empfehlungen zu uns,“ erzählt der Tischlermeister. Manche haben Möbel von Charakterstück auf Bildern oder in öffentlichen Räumen stehen sehen und wollen etwas Ähnliches. Die Kunden erhalten zudem zweimal jährlich das Wohnmagazin Wohnsinn der Verbundgruppe Topateam, bei der Charakterstück Partner ist.

Doch auch über das Internet passiert ganz viel. Social Media sind ein wichtiges Thema bei Charakterstück und werden jetzt ganz neu angegangen. Lange Zeit war eine Werbeagentur für den Blog auf der Webseite, die Facebook- und Twitterpräsenz sowie Instagram zuständig. Doch: „Das war einfach zu teuer und ich hatte keinen richtigen Überblick. Jetzt werden wir das dank kompetenter Mitarbeiter selbst in die Hand nehmen,“ so Voss.

Wichtig ist dem vierzigjährigen Gründer von Charakterstück, dass jeder Kunde seinen individuellen Wünschen entsprechend beraten wird. „Geplant wird bei uns ganz nach dem Budget des Kunden. Eine Küche für 5000 Euro ist ebenso machbar wie eine für 50 000 Euro,“ sagt Christian Voss. „Bei der günstigen Küche wird eben an den Elektrogeräten oder Griffen gespart. In Kleinigkeiten kann viel Geld stecken.“ Doch die Tischlerarbeiten sind immer von konstant hoher Qualität, egal ob es ein Auftrag für 5000 oder 50 000 Euro ist – das ist dem Tischlermeister wichtig. Und bei Charakterstück ist alles möglich. Es werden vom Hundefressnapf bis zur Kücheninsel oder Wandverkleidung alle denkbaren Kundenwünsche erfüllt.

Genauso wichtig wie Privatkunden sind Geschäftskunden. Fünfzig Prozent der jährlichen Aufträge der Tischlerei kommen von Kollegen. Charakterstück fertigt beispielsweise ganze Inneneinrichtungen von Cafés oder Ladenlokalen, die über andere Tischlereien dann an den Endkunden ausgeliefert werden.

Noch mehr Effizienz

Und wo will Christian Voss noch hin? „Was die Flächen und die Anzahl der Mitarbeiter angeht, möchte ich nicht unbedingt noch weiter wachsen. Eher ist Effizienz das Stichwort. Das Wichtigste wird in Zukunft sein, unsere Betriebsabläufe noch weiter zu optimieren – von der Lagerhaltung bis hin zur Abarbeitung der Aufträge,“ erklärt der Tischlermeister. „So könnte der Ertrag noch gesteigert werden, ohne dass der Betrieb größer wird.“ Auch ein CNC-Bearbeitungszentrum soll in nächster Zeit angeschafft werden. Zudem steht noch ein Showroom auf der Wunschliste. Aber das Thema wird frühestens in einem Jahr angegangen …

Tischlerei Charakterstück

48329 Havixbeck

www.charakterstueck.de


Die Autorin

Anna-Katharina Ledwa ist Tischlerin und Projektgestalterin (HWK), arbeitet als Gesellin und entwickelt nebenberuflich eigene Produkte.

www.annaledwa.de