Joachim Hoff knüpft nachhaltige Kundenbeziehungen. Die Änderungsschreinerei - BM online

Joachim Hoff knüpft nachhaltige Kundenbeziehungen

Die Änderungsschreinerei

Marketing heißt, Produkte und Dienstleistungen vermarkten. Welcher Ort wäre dafür besser als ein Wochenmarkt? Ein Tischlermeister wirbt in Köln regelmäßig für sein Handwerk und setzt sich für gelebte Nachhaltigkeit ein. Auffallen tut er schon auf der Straße, weil er Werkzeug, Hobelbank und Stand mit dem Fahrrad transportiert. BM-Redakteurin Natalie Ruppricht

Köln Ehrenfeld, Neptunplatz. Marktschreier preisen Spargel und Erdbeeren an: „Zehn Euro für zwei Kilo!“ Es riecht nach Reibekuchen und Regen, das Obst leuchtet, am Gemüsestand werden die Vorteile neuer Kartoffeln erörtert. Beim Anblick von Käse, Fleisch und Fisch läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Joachim Hoff schleift gerade ein großes Küchenmesser. Er bietet Tischlerarbeiten an. „1,11 Euro pro Minute“ steht auf dem Preisschild. Und über seinem Kopf leuchten hellblaue Buchstaben: „ÄnderungsSchreinerei“.

Der Tischlermeister präsentiert sich seit drei Jahren alle zwei Wochen auf dem Markt, je von Mai bis Oktober. Freitags trifft man ihn in Ehrenfeld an, samstags in Riehl. Er macht Schubladen gangbar, repariert aus dem Leim gegangene Stühle, flickt Fronten und bietet als begeisterter Hobbykoch auch inen Schärfdienst an. Ein älteres Paar kommt an seinen Stand. „Wie läuft das denn ab?“, will der Mann wissen. Die Sitzfläche eines alten Stuhles sei kaputt. „Damit kommen Sie am besten in die Werkstatt“, antwortet Hoff. „Zuhause sind die Bänder an den Stahlzargen locker. Können Sie so etwas auch?“, geht es weiter. „Das schaue ich mir gerne an.“ „Ganz unverbindlich?“, fragt der Kunde. „Natürlich“, versichert Hoff.
Der Schreiner ist wieder da
Seine Änderungsschreinerei sei vor allem ein Marketingkonzept. „Unser Handwerk ist wenig präsent“, findet der gebürtige Saarländer, „und viele Leute trauen sich nicht, auf Handwerker zuzugehen. Ich will Hemmungen abbauen und Sympathie hervorrufen.“ Außerdem wünschte er sich eine kontinuierlichere Auslastung. Mit seiner GmbH Pro Raum war er früher viel im Messebau tätig, hatte zu Spitzenzeiten 18 Mitarbeiter und musste oft Feuerwehr spielen. Mit der Krise im Ladenbau wurde es ruhiger. Als dann auch noch die Büroausstatterin in Rente ging, für die er viele Theken fertigte, fragte Hoff sich, wie er neue Zielgruppen für sich gewinnen könnte. Sollte er seine Webseite überarbeiten? Die war bereits 15 Jahre alt, „aber das passte irgendwie nicht mehr zu mir“. Er wollte seine Kunden lieber persönlich kennenlernen, wollte weg von der gewerblichen Kundschaft, weniger arbeiten und mehr Zeit für die Familie haben. Als die eigenen Kinder kamen, hat er sich bewusst verkleinert und ist heute in der Regel alleine oder mit Praktikanten unterwegs.
Konsum stumpft ab
Ein weiterer, für Joachim Hoff sehr wichtiger Aspekt ist die Nachhaltigkeit. Diesen Begriff will er mit Leben füllen, die Ressourcen, die ihm zur Verfügung stehen, effizient nutzen – sowohl im Geschäftsleben als auch privat. Mit dem Heranwachsen seiner vier Kinder sei ihm die Erkenntnis gekommen, dass das Spaß macht und viel erfüllender ist, als immer neuen Trends hinterherzurennen. „Konsum stumpft ab“, ist er sicher. Dieses Umdenken will er auch bei seiner Kundschaft erreichen. „Kauft euch keinen Kram aus Fernost“, sagt er ihnen. „Versucht lieber, Altes zu erhalten.“ Analog dazu verarbeitet er Materialreste regelmäßig zu schönen Alltagsgegenständen und verkauft sie auf dem Markt. Heute hat er Eiche-Tabletts in drei Größen dabei. Zuletzt gab es ein Vesperbrett mit Eierloch, als Nächstes will er einen Einkaufstrolley aus Holzwerkstoffen konstruieren.
Nachhaltigkeit heißt für Hoff auch, direkt auf Kunden zuzugehen. „Veranstaltungen, Druckerzeugnisse, Wurfsendungen, Messen: All diese Werbeformen basieren auf Ressourcenverschwendung. Im persönlichen Kontakt entsteht ein viel nachhaltigeres Vertrauensverhältnis. Man hat einen ganz anderen Zugang zu den Menschen.“ Inzwischen hat der 50-Jährige viele Kunden in der Nachbarschaft. „Das wäre mir in jungen Jahren unprofessionell vorgekommen. Es war mir wichtig, Arbeit und Privates strikt zu trennen.“ Inzwischen schätze er die Vorteile aber: „Früher gab es viele Reklamationen. Rechnungen wurden nicht oder nur zum Teil bezahlt. Heute ist das Geld innerhalb von einem Tag auf dem Konto.“ Seine Leistung sei jetzt noch individueller, die Identifikation des Kunden mit dem Werkstück größer.
Das Fahrrad ist immer dabei
Seinen Marktstand hat der Tischler natürlich selbst gebaut. Er besteht aus Elementen in Rahmenbauweise, verbunden mit Lamello Clamex. Als Dach dient eine Plane. Zudem hat Hoff zahlreiche Systainer und eine Hobelbank dabei. Beim Abbau nimmt er die Platte vom Gestell. Jeder Handgriff sitzt. In 30 Minuten ist alles verstaut. Anfangs kam er mit dem VW-Bus, seit Kurzem fährt er Elektrofahrrad. Voll beladen wiegt das Gefährt rund 300 kg. „Ich bin keine Sportskanone, aber das macht richtig Spaß“, findet er. Sogar sein Motorrad lasse er dafür stehen, habe bereits zwei Kilo abgenommen.
Pedelec und Anhänger in der Firmenfarbe sind Sonderanfertigungen, die Hoff möglichst oft nutzt. Kürzlich hat er sogar eine Geschosstreppe damit ausgeliefert. Sein Engagement belohnte der Klimakreis Köln: 5000 Euro hat er erhalten, weil er sich für den Klimaschutz einsetzt und mit seinem kleinen Projekt eine große Außenwirkung erzielt. „Damit war das Fahrrad bezahlt“, freut sich der Kollege.
Es lohnt sich
Ein Kunde holt seine Messer ab, die er am Morgen zum Schärfen vorbeigebracht hat. „Ihr Päckchen ist schon geschnürt“, erwartet ihn Hoff und rechnet 22 Euro ab. „Bauen Sie auch Möbel?“, fragt der Kunde zum Schluss und nimmt einen Flyer mit.
Für Hoff sind solche Begegnungen Ansporn und Bestätigung: Auch im Kleinstbetrieb funktionieren Marketingkonzepte. „Die Einnahmen vor Ort lohnen den Aufwand sicher nicht“, betont er, „aber es gehen viele neue Aufträge daraus hervor. Seitdem ich mich regelmäßig auf dem Markt präsentiere, habe ich keine Auftragslöcher mehr.“ Es sei sogar noch viel besser, als er sich das ausgedacht hatte. Deshalb würde er sich freuen, wenn es viele Nachahmer gäbe – gerne ebenfalls unter dem Namen Änderungsschreinerei. Aber: „Das ist natürlich ein besonderes Metier. Die Kunden kommen mit ganz anderen Problemen zu mir, es gibt immer neue Herausforderungen. Daran sollte man Spaß haben.“

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