Bei der Tischlerei Ungehobelt sind Arbeit und Leben unter einem Hut

Für Hund und Katz ist auch noch Platz

Die Tischlerei Ungehobelt wurde vor über zwanzig Jahren gegründet. Gabriele Greven hat sich damit einen Traum erfüllt. Den Traum von Unabhängigkeit. Sie beschäftigt ausschließlich Frauen. Damit ist sie inzwischen auch überregional bekannt. Aber das ist nur ein kleiner Nebeneffekt.
von Anna-Katharina Ledwa

I Ich fahre durch Kornfelder auf den kleinen Ort Lemgo-Leese zu. Kein Gewerbegebiet in Sicht. Als Erstes fällt mir die Skulptur aus orangefarbenen Kanthölzern am Straßenrand auf, die mich schon von Weitem anleuchtet. Ein Blickfang, der aussieht wie ein abstrakter Baum. In Knallorange. Die Werkstatt ist an ein altes Backsteinhaus angeschlossen. Bei der Fahrt auf den Hof werde ich von Hundegebell begrüßt und ein Kater räkelt sich auf den warmen Pflastersteinen in der Sonne. Tiere scheinen hier selbstverständlich dazuzugehören.

Idylle am Bach
Noch ist es recht still in der Werkstatt. Renate Karger, die Gesellin, und Tischlermeisterin Ivonne Rögge arbeiten an den Hobelbänken. So kann Gabriele Greven mich in Ruhe durch die Halle führen. Hell ist es hier, aufgeräumt und großzügig. Die Idylle der ländlichen Lage und der morgendlichen Ruhe wird noch gesteigert: Am werkstatteigenen Garten mit seinen üppigen Bäumen fließt ein kleiner Bach vorbei. Die Tischlerinnen genießen den Blick ins Grüne und setzen sich in der Pause auch gerne nach draußen. „So ein Stück Auszeit muss sein, wenn man den Großteil seiner Tageszeit bei der Arbeit verbringt“, sagt Gabriele Greven, als sie mir die kleine Oase zeigt.
Den eigenen Stil verwirklichen
Die Tischlerei Ungehobelt wurde vor über zwanzig Jahren gegründet. Gabriele Greven hat sich damit einen Traum erfüllt. Den Traum von der Unabhängigkeit, davon, ihre eigene Chefin zu sein und ihren eigenen Stil verwirklichen zu können. Ihre Ausbildung hat sie Anfang der achtziger Jahre in dem Programm „Mädchen in Männerberufen“, welches von der SPD ins Leben gerufen und vom Land NRW gefördert wurde, absolviert. „Die Ausbildungswerkstatt hat Geld dafür bekommen, dass sie mich als Frau ausgebildet hat.“ Eine Gesellenstelle wurde im Anschluss nicht finanziert, also musste sie gehen. Sie studierte Innenarchitektur und schloss auch das Studium mit Erfolg ab.
Angefangen hatte sie ganz ohne Werkstattgebäude, nur mit einem Montagefahrzeug. Der erste Auftrag im Jahr 1994 war von Bekannten gekommen, die einen alten Kuhstall zu Wohneinheiten umgebaut haben wollten. Hier fing die Geschichte mit der Selbstständigkeit an. Eher Zufall als Plan. Mit einer Anzeige in der Zeitung hat sie nach „Mitstreiterinnen für die erste Frauentischlerei“ gesucht. Antworten gab es reichlich und die Baustelle war immer gut mit Arbeitskräften besetzt. „Mir war es auf Dauer zu anstrengend, immer wieder beweisen zu müssen, dass ich genauso gut bin wie die Männer. Ich wollte meine Energie lieber in schöne Möbel stecken.“ Greven beschäftigt heute vier feste Mitarbeiterinnen. Ein Mann war noch nie dabei.
Die Arbeitsverträge passen sich dem Leben an
Bei Ungehobelt sind die Hierarchien flach und im Büro hat jede ihren eigenen Schreibtisch. Was eine Frauentischlerei ganz konkret ausmacht? Da fallen Greven einige Punkte ein: Feinfühligkeit, Sauberkeit, ein offenes Ohr für Kundinnen und Kunden und Sinn für Gestaltung. Renate Karger sagt: „Ich bin hier glücklich. Für mich macht der Umgangston die Musik. In einer Männertischlerei habe ich zwar noch nie gearbeitet, aber auf Baustellen bekomme ich oft den rüden Ton bei anderen Handwerkern mit. Das ist schon ein Unterschied!“ Ivonne Rögge fällt zum Thema Frauentischlerei ein: „Wir sind ein ganz eingespieltes Team und viele Dinge laufen ganz anders als in einer gemischten Werkstatt, in der ich auch schon gearbeitet habe.“ Ob man das konkretisieren könnte? Die Tischlermeisterin lacht: „Da könnte man halbe Romane schreiben, ansonsten kann frau es nur spüren.“ Und stellt ohne Wenn und Aber fest: „Hier gehe ich nicht mehr weg, auch nicht, wenn mir jemand viel mehr Geld bieten würde.“
Bei Ungehobelt wird auf jede Mitarbeiterin eingegangen. Auch die Arbeitsverträge passen sich der Lebenssituation der Frauen an – mit Kind, ohne Kind, Teilzeit oder eine dreiviertel Stelle. So hat jede ihren eigenen Arbeitsvertrag. Zum Leben von Ivonne Rögge gehört ihr Hund Falk. Und so darf auch der Hund mit in die Werkstatt, in der sie normalerweise von 7:45 bis 16:30 Uhr arbeitet.
Die gemeinsame Mittagspause wird als Auszeit im Alltag zelebriert. Aus der wöchentlich gelieferten Biokiste und vom frischen Brot bedienen sich alle.
Status Frauentischlerei als Marktvorteil
Mit einer festen Werkstatt in Pivitsheide bei Detmold begann sich Ungehobelt dann ein halbes Jahr nach der Gründung langsam einen Namen zu machen. „An Aufträgen hat es nie gemangelt. Die waren von Anfang an da.“
Seit mittlerweile vier Jahren ist die Werkstatt an diesem ruhigen Fleckchen zuhause. Es war nicht leicht, etwas Passendes zu finden. Gewerbegebiete kamen für sie nicht infrage: „Da ist es mir einfach zu seelenlos. Es sollte etwas mit Atmosphäre sein.“ Was Gabriele Greven sagt, kann ich gut nachvollziehen. Auch ich würde mich hier sofort wohlfühlen.
Heute ist die Tischlerei sehr bekannt und das hat nicht wenig mit der Sonderstellung der Frauentischlerei zu tun. „Der Status Frauentischlerei ist für uns ein klarer Marktvorteil. Über uns wurde schon viel berichtet und so etwas spricht sich schnell herum.“
Aber für die Kundinnen- und Kundenpflege wird auch etwas getan: „Stammkundinnen und -kunden werden mindestens einmal im Jahr mit einer Postkarte überrascht. Neuigkeiten gibt es außerdem auf unserer Webseite und bei Facebook im sozialen Netzwerk.“ Außerdem ist die Schreinerei auf vielen Handwerksmärkten vertreten. Um die Webseite, die Produktpostkarten und Facebook kümmert sich Kirsten Luley, die Tischlerin und auch Diplomdesignerin ist.
Wir wollen uns nicht verbiegen
Ungehobelt setzt vorwiegend auf naturbelassene Möbel. Als Material wird hauptsächlich Massivholz verwendet, wenn möglich natürlich aus der Region, auch wenn das nicht immer einfach ist. Tropenholz kommt nicht infrage. Und wenn es doch ein Plattenwerkstoff sein soll, dann steht Multiplex im Holzlager bereit. Die Oberflächen werden geölt. Wünschen Kundinnen oder Kunden sich farbige Elemente, wird Multiplex mit Melaminharzbeschichtung verwendet oder es werden Farbflächen gerollt mit einer Farbe auf Leinölbasis, welche die Holzstruktur durchscheinen lässt. „Der Charakter des Materials spielt eine wichtige Rolle in dem unverwechselbaren Stil unserer Tischlerei“, bringt es Greven auf den Punkt. „Spanplatte verarbeiten wir hier nicht. Und lackiert wird auch nicht mehr. Das passt einfach nicht zu uns.“ Und sie setzt ganz klar hinzu: „Wir wollen uns nicht verbiegen.“
Tiere gehören dazu
Für das Gruppenfoto kommen wir noch mal in den Garten zurück. Dabei dürfen natürlich auch die beiden Hunde Martha und Falk nicht fehlen. „Die Tiere sind aus unserer Werkstatt nicht mehr wegzudenken“, sagt Greven, die immer wieder erlebt, wie die Hunde und Katzen zur Entspannung beitragen und auch den Kontakt mit Kunden und Kundinnen von Anfang an lockerer gestalten. „Mit den Tieren verkauft es sich anders und manchmal auch leichter.“ Kunden und Kundinnen sollen sich wohlfühlen, genauso wie die Mitarbeiterinnen – von der ersten Begegnung bis zum Ende des Besuches oder des Arbeitstages. I
Ungehobelt – Die Tischlerei
32657 Lemgo

40269752

Die Autorin
Anna-Katharina Ledwa ist Tischlerin und Projektgestalterin (HWK), arbeitet als Gesellin und entwickelt nebenberuflich eigene Produkte.

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