Werkstattbesuch bei der Holzmanufaktur Brandt

Gut aufgestellt

Eigentlich wollte Thomas Brandt dem Beruf des Tischlers Adieu sagen. Doch dann gründete er seine eigene Firma. Heute ist die Brandt Holzmanufaktur im westfälischen Münster ein gefragter Ansprechpartner, wenn es um Speziallösungen für Produktmarketing geht.

Christine Speckner

„Die erklären, was sie tun, sind höflich und charmant und haben das bestklingende Handwerkerradio des Landes. Sie schonen die Böden durch Auslagen, ziehen die Schuhe aus, sind Nichtraucher, was jeden Kunden freut …“ Diese positive Kundenbewertung im Internet treibt Tischlermeister Thomas Brandt nicht gleich die Schamröte ins Gesicht, doch winkt er höflich ab: So viel Lob für seine Tischlerei, die Brandt Holzmanufaktur, das sei etwas übertrieben. Obwohl ihm gute Umgangsformen wichtig sind. „Wir wollen weg vom negativen Handwerkerbild. Es ist ein Unterschied, ob ich strukturiert zum Kunden komme oder das Werkzeug nur in die Ecke klatsche“, sagt er. Nichts abkleben, Spuren im Treppenhaus hinterlassen, bis zum Parkplatz? Geht gar nicht. Dagegen vernünftig guten Tag und Hallo sagen, sauberes Auftreten: Das sind Kleinigkeiten, die der Kunde wahrnehme. Die Privatsphäre achten? Ja, auch das. „Beim Beratungstermin frage ich zuerst, ob ich Fotos machen darf.“ Das kommt gut an. Und was ankommt, ist Werbung für den Betrieb.

Erfinden wie Daniel Düsentrieb

In Münster-Albachten, wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, sitzt Thomas Brandt in seinem Büro. Der 32-Jährige trägt trendige Frisur, wirkt locker und aufgeschlossen. Gleichzeitig lässt er durchblicken, wie wichtig ihm gut strukturierte Abläufe sind. 2013 hat sein Betrieb, wie er erzählt, „bei null angefangen.“ Dazu nahm er einen Gründerkredit auf und stellte das unternehmerische Risiko auf mehrere Standbeine. Gefertigt werden beispielsweise Esstische und HiFi-Möbel, Badezimmereinrichtungen, individuelle Küchen, Betten im Wunschformat, Einbauschränke sowie Raumlösungen nach Maß für Privat- und Geschäftsräume. „Mir war von Anfang an klar: Außer meiner Formatkreissäge Altendorf F45 brauche ich eine CNC-Maschine, um wettbewerbsfähig zu sein“, sagt Brandt. Im Rückblick ist er froh, dass er sich bei seiner Betriebsgröße – vier Mitarbeiter gehören zum Team – überhaupt eine CNC leisten konnte. Die Wahl fiel auf eine gebrauchte CNC SCM Routomat, die er relativ günstig erwarb. „Nur die Steuerung war eine Katastrophe. Wir mussten jeden Schritt von Hand programmieren.“ Zum Glück konnte ein technisch versierter Freund sie retten. „Er ist eine Art Daniel Düsentrieb, der jede Maschine so umbaut, wie man sie braucht.“ Brandt lächelt: „Heute macht die CNC das, was wir möchten.“

Eine weitere Investition war die Kantenanleimmaschine AKV 3005 DK F von Hebrock, mit kompakter Bauweise auf Rollen. „Da wir vom Platz begrenzt sind einfach ideal, die können wir auch mal wegschieben.“ Brandt überzeugte auch das Fügeaggregat und die drei Wechselleimbecken für weißen, naturfarbenen und PU-Klebstoff. „Dank dieser Maschine brauchen wir uns vor Industrieprodukten nicht zu verstecken und können dem Kunden sehr gute Qualität ab Stückzahl 1 bieten.“

Zulieferteile für den Möbelbau

Und wie kommt man als unbekannter Jungunternehmer an Aufträge? Hier kam ihm die Tatsache zugute, dass es im Stadtkern von Münster eine Menge Altbauten gibt. Deren Eigentümer und Bewohner suchen nichts von der Stange. Das sah Thomas als Nische, und so konnte er sich als Spezialist für innovative Stauraumlösungen bereits einen Namen machen. „Der kreative Part unseres Berufs macht mir unheimlich Spaß“, sagt Brandt. Bei der Ausführung setzt er auf Materialvielfalt, von Massivholz über Plattenwerkstoffe bis zur Tischlerplatte und Glas-Zuschnitte.

Zusätzlich fertigt die Brandt Holzmanufaktur für einen Kollegen, der in seinem Onlineshop Kleinmöbel wie Sideboards und Beistelltische vertreibt. In der Tischler-Werkstatt in Münster-Albachten werden die Rohlinge, sprich Zuschnitte und Verbindungen, gefertigt, hier läuft die komplette CNC-Verarbeitung für rund 100 Kleinmöbel im Jahr.

Über Umwege zum Ziel

Wer Thomas Brandt an einem gewöhnlichen Arbeitstag erlebt, wie er Kunden berät oder sein junges Mitarbeiterteam (zwei Gesellen, zwei Azubis) anleitet, ist einigermaßen überrascht, dass er das Unternehmersein nicht schon immer auf dem Schirm hatte. Nach der Tischlerlehre wollte er den Beruf erst gar nicht weiter ausüben. Der Grund war das schlechte Arbeitsklima in seinem Lehrbetrieb, trotz „Top-Ausbildung“, wie er betont. Vom Tischlerhandwerk hatte er genug, also absolvierte Brandt das Fachabitur im Bauwesen mit dem Ziel Berufsschullehrer zu studieren. Brandt schüttelt heute den Kopf und sagt: „Ich bin heilfroh, dass das nicht geklappt hat.“ Er studierte einige Semester Bauingenieurwesen und jobbte nebenbei in Tischlereien. Dabei entdeckte er die positiven Seiten des Handwerks. „Da habe ich gemerkt, was der Beruf bietet und was man erreichen kann, wenn das Team passt!“ Zwei Jahre arbeitete er als Geselle und machte den Meister im Tischlerhandwerk. Dann hängte er das Fortbildungsstudium Betriebswirt des Handwerks (HwO) bei der Handwerkskammer Münster dran, wo er Kompetenzen für die Unternehmensführung erwarb. Neben der Vollzeitschulung meldete er 2012 ein Kleingewerbe an, um die Auftragslage zu testen. Ein Jahr später gelang der Schritt in die volle Selbstständigkeit: Nur sechs Bahnminuten von der Innenstadt entfernt mietete er eine Werkstatt mit 500 m², davon hat er 50 m² an einen Kollegen untervermietet.

Kooperation mit Produktdesignern

Von Anfang an lenkte das Unternehmen den Blick auf öffentlichkeitswirksame Aktionen: Tage der offenen Tischlerei, bei denen handgefertigte Holz-Designerleuchten verlost wurden, gehören ebenso dazu wie die Präsenz auf Social-Media-Kanälen. Bei einem Gemeinschaftsprojekt der Fachhochschule Münster (Fachbereich Design), dem münsteraner Handwerk und Handel gehörte die Brandt Holzmanufaktur 2017 zu den ausgewählten Tischlereien, die einen Hocker entwerfen durften. „Gemeinsam mit dem jungen Designstudio Fritz & Franken haben wir unseren Hocker 4_Friends gestaltet, den wir dann fachgerecht umsetzten“, so Brandt. Die Unikate wurden während der Sommermonate im hochwertigen Münsteraner Handel präsentiert, sie konnten begutachtet und getestet werden, mit dem Ziel, Produktdesign in Münster präsenter zu machen.

Beim Thema Design fällt Thomas Brandt gleich noch ein weiteres Stichwort ein: Verpackungsdesign, im Fachjargon Special Packaging genannt. Er berichtet über eine weitere Zusammenarbeit mit einem Designstudio aus Münster, für das die Tischlerei limitierte Special Boxes mit weißer Marmoroptik, feiner Logogravur und hochwertigem Lederriemen fertigte. Auftraggeber war Solebox, bekannt in der europäischen Sneaker-Szene. Das Unternehmen setzt Turnschuh-Kollaborationen mit Adidas um. „Und um so eine Umsetzung handelt es sich bei diesem Schuh, den Solebox herausgebracht hat und für den wir die besondere Verpackung mit Kunststoffdekor produzierten“, erklärt Brandt.

Aufsteller mit Wirkung

Weiter hat sich die Brandt Holzmanufaktur auf die Produktion von Aufstellern für Gewerbekunden spezialisiert. Im Auftrag des münsteraner Unternehmens Titus, dem Skateboardpionier in Deutschland, wurden zum Beispiel zu Weihnachten 2018 Tannenbaumkonturen in Skateboards gefräst. Die Dekoartikel wurden deutschlandweit in den Skateboard-Shops aufgestellt und fürs Internetmarketing des Sport-Unternehmens eingesetzt. „Bei diesen Aufträgen haben wir klare Vorgaben von Agenturen. Aber wie wir das umsetzen, das ist dann mein Part. Oft kann ich gestalterische Überlegungen einfließen lassen, wie wir die Fertigung effektiver machen. Die Entwicklungsarbeit lassen wir uns honorieren. Insofern geht es schon in Richtung Produktgestaltung“, erklärt der Tischlermeister. Und wie sieht es softwaremäßig in dem noch jungen Unternehmen aus? Gearbeitet wird derzeit noch mit AutoCAD 2018, die Visualisierung erfolgt mit SketchUp. „Wir überlegen, ob wir zu Palette CAD wechseln“, sagt Brandt. „Damit könnten wir konstruieren und visualisieren, professionelle Stücklisten erstellen und mit den CNC-Daten direkt die CNC-Maschine ansteuern.“

www.brandt-manufaktur.de


Die Autorin

Christine Speckner ist freie Journalistin und lebt bei Freiburg.

www.christine-speckner.de

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