Kunsttischlerei Roloff fertigt Türen mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Haustüren mit magischer Wirkung - BM online
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Haustüren mit magischer Wirkung

Kunsttischlerei Roloff fertigt Türen mit außergewöhnlichen Eigenschaften
Haustüren mit magischer Wirkung

Sie sollen beschützen und gehören zu den beliebtesten Fotomotiven in Prerow auf der Ostseehalbinsel Fischland-Darß-Zingst – die farbenfrohen und mit Ornamenten versehenen sogenannten Darßer Haustüren. Schöpfer dieser Unikate ist die Kunsttischlerei Roloff. BM war vor Ort. BM-Redakteur stefan Kirchner

In der sechsten Generation führen die Brüder René und Dirk Roloff den Familienbetrieb, der 1832 gegründet wurde und eine der ältesten Tischlereien auf dem Darß ist. Spezialisiert haben sich die Brüder auf die traditionelle Darßer Haustür. Aber auch andere Tischlerarbeiten wie die Rekonstruktion historischer Fenster, Giebelzeichen, Gartenmöbel, Möbelrestaurierungen und Holzbildhauerarbeiten werden mit meisterlichem Geschick gefertigt. Die kleine Tischlerwerkstatt ist voll mit unterschiedlichstem Handwerkszeug, das die meisten Tischler nur noch aus Erzählungen oder dem Museum kennen. „Die selbst hergestellten Profilhobel eines jeden Betriebes auf dem Darß sind wie der individuelle Fingerabdruck eines jeden Tischlers“, erläutert Holzbildhauer René Roloff. Doch ohne die zahlreichen Hobel, Stecheisen und Schnitzwerkzeuge könnten die beiden Tischlermeister ihre Türen nicht fertigen. „CNC-Maschinen bringen uns bei Schnitzarbeiten gar nichts. Die Qualität ist nicht die gleiche und mit der Handarbeit sind wir wirtschaftlicher“, erklärt der gelernte Restaurator und Bürgermeister des Ortes Prerow René Roloff. Im Maschinenraum befinden sich lediglich eine Abrichte, ein Dickenhobel, eine Fräse sowie darüber hinaus eine kleine Formatkreissäge.

Die Geschichte der Darßer Haustüren
Viele Motive der Darßer Haustüren beziehen sich auf die maritime Kultur der Schifffahrtszeit im 19. Jahrhundert. Wohl auch, weil erst die Seefahrerei den Wohlstand in die Region brachte, durch den sich die Menschen Ornamente und Zierden für ihre Hauseingänge überhaupt erst leisten konnten. Der neu erworbene Wohlstand wurde gern in eine prächtige Haustür investiert, ein für alle sichtbares Statussymbol. Entstanden ist die Tradition vor über 200 Jahren, ab 1850 flaute sie ab. Fast wären diese Kulturschätze der norddeutschen Architekturgeschichte in Vergessenheit geraten. Doch 1931 belebte der damalige Bürgermeister von Prerow die Tradition wieder. Er ließ das neue Gemeindeamt in Anlehnung an die alte Darßer Bautradition errichten. Dazu gehörte auch eine geschnitzte und bunt bemalte Haustür.
Die ursprünglichen Türen sind klassizistisch geprägt, es gibt viele antike Elemente: Säulen, Mäander und Giebel. Noch in nachklingendem barockem Sinne waren fast alle Türenflächen mit Ornamentik gefüllt, was bunt bemalt eher überladen wirken könnte. So waren die erstenTüren meist ein-, höchstens zweifarbig. Meist in Dunkelgrün oder Hellgrau sowie in der eigentlichen Darßer Nationalfarbe Rotbraun (Eisen-oxidrot). Die bunten Farben an den Türen kamen erst um 1930 dazu, als mehr Farbe zur Verfügung stand. Zusammen mit Frank Braun hat René Roloff „Das kleine Buch der Darßer Haustüren“ verfasst, mit dem sie Antworten auf die Geschichte und Besonderheiten der Türen geben wollen.
Nicht nur dekorativ, sondern auch mit magischer Wirkung
Die Ornamente der Türen haben oft eine tiefere Bedeutung und deren Symbolik wird eine magische Wirkung nachgesagt. Sehr beliebte Motive sind Sonnen, als Zeichen für Licht und Leben. Vielleicht auch mit Bezug auf die frühere Navigation auf See. Häufig sieht man Tulpensträuße. Sie gelten als Symbol des Lebensbaumes. Außerdem sollte der Hauseingang die Bewohner gegen alles Schlechte und Böse wappnen. Weit verbreitet war der Glaube an Hexen und Dämonen. So findet sich ein heidnisches Sonnenkreuz versteckt in einem Blattornament. Schuppenartige geometrische Ornamente sollen sogar Blitze abhalten. „Es hat hier noch nie ein Blitz in ein Haus eingeschlagen, dessen Tür dieses Zeichen trägt“, erklärt Dirk Roloff schmunzelnd. Es gibt rund 45 Motive in unterschiedlichen Varianten und zahlreiche neue Motive wie z. B. der Kranich, Seerosen oder Schwäne. Vor unbefugter Nachahmung schützen sich die Roloffs durch patentrechtliche Absicherung. Die Schnitzereien können auch nachträglich an den Türen montiert werden. Entscheidend ist dabei, ob sich die Tür durch ihren Aufbau und ihr Material für die nachträgliche Montage eignet. Ist dies der Fall, entstehen in der Werkstatt Ornamente, die mit 9 mm starken, wasserfest verleimten Grundplatten verbunden sind. Solche Platten lassen sich auf die Füllungen von Türen unkompliziert aufbringen. Zu den Käufern gehören nicht nur Einheimische. Begeisterte Feriengäste lassen sich diese Türen für ihre Häuser anfertigen und oft auch mit ihrem Familiennamen oder Beruf versehen. Die Türen bzw. vor allem die Motivplatten werden an Kunden in ganz Deutschland, Österreich und Holland geliefert. Die Roloffs arbeiten bei größerer Kundenentfernung mit Tischlereien vor Ort zusammen. Diese baut die Türkonstruktion selber und die Roloffs liefern die Platten mit den Ornamenten, die dann auf die Tür montiert werden.
Moderne Technik gepaart mit Tradition
Würde man eine alte Tür in den damaligen Handwerkstechniken nachbauen, bräuchte man etwa 100 bis 160 Stunden. „Unsere Auftragsbücher sind voll. Bestellt heute ein Kunde nach einer detaillierten Absprache eine Darßer Tür, muss er sich auf drei Monate Lieferzeit einlassen. „Wir befassen uns im Jahr mit ca. 50 Türen. Ein Teil entsteht in Eigenregie, weitere in Kooperation mit anderen Tischlereien. Rund 50 % der Schnitzereien senden wir in entfernte Regionen, die mehr und mehr die Möglichkeiten individueller Türgestaltung entdecken“, so René Roloff. Heute lässt sich die Tischlerei nach ihrem Entwurf Türkonstruktionen aus Meranti von einer in der Region ansässigen Tischlerei fertigen und anliefern. Die Roloffs schnitzen dann die Ornamente, die ebenfalls aus Meranti bestehen.
„Früher nahm man gern die Darßer Kiefer. Seit 1990 ist dieser Landstrich größtenteils Nationalpark und steht für Holzeinschlag nicht zur Verfügung und die heute lieferbare Kiefer verfügt nicht über die frühere Qualität“, erklärt Dirk Roloff. Die Schnitzereien werden durch Acrylfarben geschützt. Die Tischlerei stellt für Restaurierungen, insbesondere bei Möbeln, aber auch selber Ölfarben her, z. B. um das „Darßer Rot“ perfekt zu erreichen. Eine Künstlerin aus dem Nachbarort Zingst unterstützt die Brüder beim Bemalen der Ornamente. Passend zu den Türen werden auch Drückergarnituren angeboten. Diese lassen sie sich nach alten Darßer Vorbildern anfertigen. Die Messing-Beschläge sind so gestaltet, dass sie von außen nicht abschraubbar sind. Um dem heutigen Anspruch an eine Tür gerecht zu werden, kommen moderne Beschläge zum Einsatz wie z. B. Simonswerk-Bänder, Sicherheitsschlösser oder auch Fingerscanner. Auf diese Weise ist die alte Tradition auch im 21. Jahrhundert weiterhin lebendig. I
Kunsttischlerei Roloff GbR
18375 Ostseebad Prerow

Mitreißende Handwerkskunst

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Das ist mir aufgefallen

Der Besuch bei der Tischlerei Roloff in Prerow war wirklich sehr beeindruckend. In der kleinen Werkstatt ist zahlreiches Handwerkszeug zu begutachten, wobei die unzähligen Profilhobel mich am meisten begeistert haben – gefertigt aus Ebenholz, ein Hobel stammt sogar aus dem Jahre 1750 und alle Hobel waren scharf. René Roloff hat ein beeindruckendes Fachwissen und man spürte die Leidenschaft, jeden Moment, für die Darßer-Haustüren . Besonders spannend waren die Geschichten die mir über die zu restaurienden Türen erzählt wurden, wo versteckte Motive und Ornamente wieder zum Vorschein kamen und man versucht hat diese zu deuten. Man spürte in der Werkstatt, wirklich ein Hauch von Magie.
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