Umfangreiche Fensterrestaurierung im Residenzschloss Darmstadt

Historisches bewahrt

Über 300 altehrwürdige Fenster und mächtige Türen in sieben Meter hohen Hallen: Seit über zwei Jahren sanieren Schreiner Pfau und sein Team das Residenzschloss in Darmstadt – vor Ort und nach allen Regeln des Denkmalschutzes. Die Hälfte ist geschafft.

BM-Redakteur Marc Hildebrand

„Es geht um die Renovierung denkmalgeschützter Fenster. Ob Sie sich das bitte mal ansehen?“ – Alltag für Jürgen Pfau und sein Team der Schreinerei Pfau in Pfungstadt. Doch welche Dimensionen sich hinter dem Anruf der Technischen Universität Darmstadt verbargen, das hatte der erfahrene Schreinermeister wahrlich nicht erwartet.

Seit nunmehr über zwei Jahren haben sich seine Mitarbeiter nun im Residenzschloss Darmstadt eingerichtet, um direkt vor Ort rund 300 altehrwürdige Fenster fachgerecht instand zu setzen. Etwa die Hälfte ist heute geschafft – ein Mammutprojekt, das neben Herzblut, Fachwissen und strukturiertem Ablauf wohl nur mit moderner Maschinentechnik und hochwertigem Material wirtschaftlich sinnvoll bewältigt werden kann.

Auftragsvergabe: Spezialität Denkmalschutz

„Ich hasse Aufmaß für Ausschreibungen wie die Pest“, lacht Jürgen Pfau. Doch nicht des Messens wegen. Er will keine Zeit verschwenden. „Problem bei Ausschreibungen ist, dass meist beinah jede Sprosse einzeln bepreist werden muss: Länge, Querschnitt, Aufwand, Zeit und so weiter“, stöhnt er. „Sie können sich den Papierstapel sicher vorstellen – und die Unmengen an Zeit, die das verschlingt. So ist das nicht kalkulierbar.“

Daher hat Jürgen Pfau durch jahrzehntelange Erfahrung im Bereich Denkmalschutz sein eigenes Beurteilungssystem entwickelt, das den Aufwand zügig abbildet und Kosten für die Kunden transparent listet – Fenster für Fenster.

„Die Auftragsvergabe im Denkmalschutz ist speziell“, erklärt Pfau. Natürlich hat der Preis Gewicht, doch letztendlich entscheidend sei die fachliche Kompetenz des Betriebes. Das reduziert die Mitbewerberanzahl erheblich.

„Wir haben die Kosten für einen der vier Ecktürme des Schlosses überschlagen und bekamen das Go für diesen ersten Abschnitt“, erinnert er sich. Die Einhaltung prophezeiter Kosten überzeugte ebenso wie das Ergebnis. „Das Landesdenkmalschutzamt Wiesbaden war begeistert …“ und der Auftrag für den nächsten Bauabschnitt in Eigenregie folgte.

Ehrenkodex sagt: Bestandsschutz hat Vorfahrt

„Der Restaurator soll an seine Arbeit die höchsten Qualitätsansprüche stellen, unabhängig von Wert und Rang des Kunst- und Kulturgutes.“ So steht es im Ehrenkodex für Restauratoren geschrieben. Und in der Schreinerei Pfau ist es ein Hauptschwerpunkt, antike Fenster mit moderner Bearbeitungstechnik auch einzeln originalgetreu nachzubauen.

Doch Erhaltung des historischen Bestands hat im Denkmalschutz Vorfahrt, denn ebenso schreibt der Kodex vor: „Der Restaurator hat den Umfang seiner Behandlung auf das Notwendigste zu beschränken. Müssen Einschränkungen des Behandlungsumfanges in Kauf genommen werden, hat die Substanzerhaltung absoluten Vorrang.“ Tagelang operieren daher die Schreinerinnen und Schreiner unter strengen Vorgaben vor Ort an jedem Fenster.

Flotte Sohle: Kabellos hoch hinauf schleifen

Dabei flößen die Dimensionen Respekt ein: Bis zu 7 m ragen die Fensterrahmen in die Höhe. Oftmals rund 5 m strecken sich die mächtigen, hölzernen Flügel gen Hallendecke – und jede Sprosse, jedes Fries verlangt besondere Behandlung gemäß Zustand. Sicher eine der zeitaufwendigsten Arbeiten ist dabei das Schleifen.

Hier sieht Jürgen Pfau Festool als Marktführer unter den Elektrowerkzeugherstellern und konnte dank durchdachter Lösungen viel Zeit und Aufwand sparen. In erster Linie seien hier die Akku-Schleifer genannt – erhältlich als Rutscher (RTSC 400), Deltaschleifer (DTSC 400) oder Exzentermodell (ETSC 125).

Ausgerüstet mit einem Staubfangsack waren die kabellosen Kompaktschleifer vor allem auf dem Gerüst Gold wert. In der Praxis zeigten sie sich abtragsfreudig, handlich und vielseitig einsetzbar. Akkulaufzeit: absolut ausreichend. Will man die Schleifer am Absaugmobil „staubfrei“ betreiben, starten die Bluetooth-Akkus den Sauger oder können per Plug-it-Kabel mit Netzstrom an der Auto-Start-Steckdose gespeist werden.

Erwähnenswert in Sachen Schleifen ist auch der Getriebe-Exzenterschleifer Rotex RO 90 – „der Runde, der auch in Ecken schleift“. Per FastFix-Schnittstelle kann der Schleifteller gegen den Dreiecksteller getauscht werden und die Maschine wandelt sich zum Deltaschleifer.

Alternativ: Reparatursysteme für antike Werke

Etappenweise arbeitete sich das Pfau-Team durchs Schloss. Meist nahm man sich etwa sechs Fensterflügel pro Abschnitt vor, während Folien einstweilen die Fensteröffnungen verschlossen. Schnell wuchs auch eine zentral gelegene Werkstatt direkt im Schloss heran – ausgestattet mit mobilen Arbeitsplätzen sowie allen Hand- und Elektrowerkzeugen, die das Schreinerherz begehrt.

Sicher musste das eine oder andere Teil nachgebaut und komplett ausgetauscht werden. Um jedoch den Bestand zu wahren, setzte Pfau bei der Restaurierung auf spezielle Materialien von Repair Care. Diese Reparatursysteme mit Prüfzeugnissen vom Institut für Fenstertechnik in Rosenheim (ift Richtlinie SA-01/1 Reparatursysteme für Holzfenster: Anforderungen, Prüfung und Bewertung) sind im Denkmalschutz Unternehmensangaben zufolge zulässig.

Als dauerhaft beständiger Holzersatz ermöglichen es unterschiedliche Produkte, kleine Risse (0 bis 6 mm) sowie klaffende Löcher von 20 mm und mehr zu schließen – und zwar ohne das Holz größer auszufräsen, um Leisten einzuleimen. Repair Care Dry Flex vereint Holzersatzmaterialien und Epoxid. Je nach Produkt mit oder ohne Grundierung werden sie per Kartuschenpresse aufgebracht, die zwei Komponenten vermischt und dann eingespachtelt.

Die Produkte härten je nach Ausführung binnen 30 min. bzw. 16 Std. aus, bleiben elastisch und sind schleif- und überstreichbar.

Neu verglast: Denkmalschutz trifft Brandschutz

Aus Brandschutzgründen müssen bei diversen Fenstern alle 32 Scheiben durch Sicherheitsgläser ersetzt werden. Während früher zum Einbau Leinölkitt verwendet wurde, sind heute dauerhaftere Lösungen gefragt. Zulässig ist z. B. Dry Seal – ein elastischer Allround-Dichtstoff von Repair Care. Vorteil im Gegensatz zu Leinölkitt: Der Dichtstoff reißt mit der Zeit nicht am Glas, sondern haftet dort ebenso gut wie an Holz, Stein oder Stahl. „Es ist nicht ganz günstig, aber lohnt sich für uns trotzdem. Geht zügig und ist nach zwei Stunden schon überstreichbar. Wir verbrauchen das Zeug kartonweise“, erzählt Jürgen Pfau und wird wohl noch einige Kartons mehr brauchen – denn hunderte Scheiben warten noch im Schloss.

www.schreinerei-pfau.de

www.festool.de

www.repair-care.de


Zum 25. Betriebsjubiläum versammelt: Das Team der Schreinerei Pfau.
Foto: Thomas Lohnes / Schreinerei Pfau
Die Schreinermeister Jürgen Pfau und sein Neffe Benjamin (l.).
Foto: Thomas Lohnes / Schreinerei Pfau

Die Schreinerei Pfau – Erfolgsgeschichte mit vier Buchstaben

„Ich habe komplett bei Null angefangen …“

„Wir sind ganz gut ausgelastet“, erzählt mir Jürgen Pfau (51) im Telefoninterview. Einen Namen hat sich der Schreinermeister vor allem im Bereich des Denkmalschutzes gemacht und sich dennoch nicht ausschließlich darauf spezialisiert. „Mehrgleisig funktioniert gut“, berichtet er. Kundenvorteil: Alles aus einer Hand. „Fenster mit antiker Optik werden immer öfter nachgefragt – mit schmalen Rahmen und so viel Glas wie möglich. Nur eben nach heutigem Stand der Technik in Sachen Beschlag und Wärmeschutz. Auch oft als Einzelanfertigung.“ Weitere Standbeine sind „der außergewöhnliche Möbelbau, wie Waschtischunterschränke, und die Herstellung von Haustüren“.

Langer Weg, kompakt erzählt

„Ich habe bei null angefangen“, erinnert sich Pfau. „Ab 1993 habe ich in einer kleinen Schreinerei in Darmstadt vorwiegend antike Möbel restauriert und mit Antiquitäten gehandelt. Das mache ich heute immer noch als Zweitgeschäft, aber seitdem ist viel passiert.“ Schon 1998 musste Pfau aus seiner Werkstatt raus und kaufte in Pfungstadt eine 1000 m2 große Altbauhalle. Zwei Jahre später integrierte er den Betrieb seines Schwiegervaters. Der Umbau zur heutigen modernen Fertigungsstätte begann zunächst mit den nötigsten Vorbereitungen für ein CNC-Bearbeitungszentrum: Pflastersteine, alte Fundamente und die Elektrik ersetzen.“ 2010 zog dann mit dem Record 132 ein 5-Achs-BAZ von SCM ein, gefolgt von weiteren Maschinen des italienischen Herstellers. Stück für Stück ging der Umbau weiter voran – über viele Jahre während des laufenden Betriebs.

Heute ist die Schreinerei rundum top ausgestattet.

Und der Nachwuchs des Familienbetriebes steht auch schon in den Startlöchern mit Jürgen Pfaus Tochter Gina (23) und seinem Neffen, dem Schreinermeister Benjamin (28).


Die malerische Außenansicht des Schlosses.
Foto: Torben Jäger

Objektinfo Schloss Darmstadt

Das Residenzschloss Darmstadt, häufig auch Stadtschloss genannt, liegt im Zentrum der hessischen Stadt.

1330 wird die damalige Wasserburg erstmals erwähnt. Später war es Wohn- und Verwaltungssitz der Landgrafen und von 1806 bis 1919 Sitz der Großherzöge von Hessen-Darmstadt. Die meisten der Fenster stammen aus den Nachkriegsjahren, denn 1944 brannte das Schloss bis auf die Außenmauern nieder. In zwanzigjähriger Arbeit wurde der äußere Zustand der Vorkriegszeit dann weitgehend detailgetreu wiederhergestellt. Heute besteht es aus einem S-förmigen Grundriss und wird nach der Sanierung unter anderem das Präsidium und verschiedene Institute der TU Darmstadt beherbergen.

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