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„Ich habe bei Null angefangen“

Schreinerei Julian Grimm startet erfolgreich durch
„Ich habe bei Null angefangen“

Julian Grimm wollte schon immer selbstständig sein. Erfüllt hat er sich seinen Traum nach der Meisterschule, gerade mal 23 Jahre jung. Seitdem ist sein Team auf acht Mitarbeiter gewachsen. Raum für eine weiterhin so erfolgreiche Entwicklung bieten ihm ein tolles Gebäude, sein engagiertes Team sowie eine bewährte, ehrliche Technologiepartnerschaft.

BM-Chefredakteur Christian Närdemann

Seitdem Julian Grimm (27) vor fünf Jahren seinen Schreinermeister in Stuttgart gemacht hat, ist viel passiert. 2016 machte er sich in einer 150 m2 kleinen Werkstatt und mit den wichtigsten Standardmaschinen selbstständig. Heute umfasst sein Team acht Kolleginnen und Kollegen – und auch in puncto Werkstatt hat sich einiges getan: Seit Januar 2019 nämlich entstehen in einer schönen neuen Halle in Fellbach bei Stuttgart Möbel und Innenausbauten. In unserem Gespräch freut er sich: „Wir hatten vom ersten Tag an Vollbeschäftigung, Stillstand kennen wir nicht.“

„Ich brauchte einfach alles“

Zu Beginn seiner Selbstständigkeit machte Julian Grimm nebenbei noch eine Weiterbildung zum Betriebswirt des Handwerks. „In diesem Bereich ging mir die Meisterausbildung einfach nicht tief genug.“ Denn bei aller Liebe und Leidenschaft für den Schreinerberuf ist es für den jungen Unternehmer selbstverständlich, dass Selbstständigkeit sich auch finanziell lohnen muss.

Bereits 2014 hat Julian Grimm sich intensiv mit Blick auf seine zukünftige Selbstständigkeit auf der Branchenmesse Holz-Handwerk in Nürnberg umgeschaut. „Ich habe ja bei Null angefangen. Mit anderen Worten: Ich brauchte einfach alles.“ Damit meint er beispielsweise einen kompletten Maschinenpark, wobei hier die üblichen Standardmaschinen im Fokus standen: Formatkreissäge, Tischfräse, Hobelmaschine, Bandsäge & Co.

Fazit dieser Bemühungen: „Ich habe diverse Firmen besucht und mir natürlich vieles angesehen. Manche Hersteller haben mich und mein Anliegen tatsächlich überhaupt nicht ernst genommen. Ich war einer, der quasi von Null auf Komplettausstattung durchstarten wollte – daran haben viele nicht wirklich glauben wollen.“

Beginn einer Technologiepartnerschaft

Ganz anders der österreichische Maschinenhersteller Felder. Julian Grimm: „Die haben mir sehr aufmerksam zugehört und sind auch voll auf mein Anliegen eingestiegen. Gemeinsam mit dem Team der Felder-Niederlassung in Bretzfeld habe ich dann eine ordentliche Start-Ausstattung an Standardmaschinen für meine Selbstständigkeit zusammengestellt.“ Mit Blick auf die Finanzen waren darunter auch einige Ausstellungsmaschinen und natürlich griff er nicht bei allen Maschinen zu den absoluten Premiumausstattungen. Am Ende hatte er ein solides Start-Setup zusammen. Und, so viel sei vorweggenommen: Dieser für ihn so wichtige und weichenstellende Erstkontakt war der Start einer bis heute offenen und treuen Technologiepartnerschaft.

Voll durchgestartet

Der Startschuss der Produktion in der ersten kleinen Werkstatt im Fellbacher Ortsteil Schmiden fiel am 2. Mai 2016. Drei Monate später begann der erste Azubi bei Grimm. Noch im Oktober des gleichen Jahres ergänzte mit Werner Schleehauf ein erfahrener Schreinermeister das Team und im Dezember kam Azubi Nr. zwei dazu. Nachdem dann im August 2017 der dritte Schreinerlehrling das Team bereicherte, wurde es auf den 150 m2 aber auch spürbar zu eng. Julian Grimm: „Es war klar, dass wir was machen müssen, wenn wir weiter wachsen wollen.“

Gesagt, getan: Grimm gelang es, von der Stadt Fellbach ein 1200 m2 großes Grundstück zu erwerben und er baute 2018 eine 900 m2 große Halle, die Hälfte davon entfällt auf die Werkstatt. Mit diesem Schritt einher gingen dann auch Investitionen in Maschinen- und Betriebstechnik. Auch hier baute Grimm auf die seit inzwischen einigen Jahren bewährte Partnerschaft mit der Felder Group.

In die Zukunft investiert

Mit dem Einzug in die neue Halle im Dezember 2018 ergänzten eine 5-Achs-CNC vom Typ Format-4 H350 sowie eine voll gesteuerte Kantenanleimmaschine Tempora 60.06 L den Maschinenpark. Besonderheit der Kantenanleimmaschine: Sie hat neben einem Schmelzklebebecken das Heißluftaggregat AdvantEdge an Bord. Dieses patentierte Aggregat ermöglicht die Verarbeitung von Laserkantenmaterialien in Nullfugenoptik. Es arbeitet werkstückgesteuert und kann direkt von der Bedieneinheit aus aktiviert bzw. deaktiviert werden. Julian Grimm: „Heute verarbeiten wir zu 90 % Laserkanten. In Sonderfällen, wenn beispielsweise eine sehr hohe Feuchtebeständigkeit gefordert ist, setzen wir PUR-Schmelzkleber ein.“ Darüber hinaus punktet die Tempora mit sehr kompakten Abmessungen.

CNC-Technologie war absolutes Neuland für Julian Grimm. So wird die fünfte Achse bislang noch nicht so stark eingesetzt, wie der Schreinermeister sich das wünscht. „Aber in diesem Bereich wollen wir künftig Gas geben und unseren Workflow durchgängig von der CAD-Planung bis auf die CNC gestalten.“ Jedes Teammitglied inklusive der Azubis kann übrigens die CNC bedienen.

Vielseitiger Möbel- und Innenausbauer

Zum überwiegenden Teil (80 bis 85 %) arbeitet die Schreinerei für Privatkundschaft. Verarbeitet werden zu rund zwei Dritteln Plattenmaterialien, aber auch Massivholz und andere Werkstoffe spielen eine wichtige Rolle. Grimm: „Wir lackieren viel und experimentieren dabei immer häufiger auch mit Effektoberflächen. Hier begleiten und unterstützen uns regelmäßig die Experten des Lackherstellers Adler mit ihrem kompetenten Beraterteam.“

In Sachen Möbelverbindungen hat sich die Schreinerei auf eine Kombination aus Lamello Clamex oder auch Tenso (jeweils) plus Dübel eingeschossen.

Julian Grimm ist kein Freund davon, seinen Schreinern fix und fertige Stücklisten und Arbeitsanweisungen zu geben, die sie dann lediglich abarbeiten. „Wenn ich eine Planung soweit fertig habe, bespreche ich sie zunächst intensiv und ausführlich mit dem Kollegen, der den Auftrag dann auch von A bis Z ausführt. Dazu gehört auch, dass er/sie den Arbeitsablauf komplett selber plant und gestaltet. So entstehen erstens kaum Rückfragen und ich halte das auch für eine wichtige Motivation.“

„Digitalisierung darf man nicht verpassen“

Natürlich frage ich den jungen Unternehmer auch danach, wie er Digitalisierung einschätzt und welche Rolle sie in seiner Schreinerei spielt. „Digitalisierung ist sehr wichtig und man darf sie nicht verpassen. Da haben auch wir noch ziemlich Handlungsbedarf. Das betrifft vor allem die Datendurchgängigkeit von der Planung bis zur CNC.“ An anderer Stelle macht Grimm sich digitale Möglichkeiten bereits stark zunutze: So macht er beim Aufmaß grundsätzlich 360°-Fotos der örtlichen Gegebenheiten. In den digitalen Auftragsunterlagen ergänzt er diese um nützliche Infos, die einen reibungslosen weiteren Ablauf sicherstellen. „Ich kommentiere und zeige darin ergänzend zu den Bildern beispielsweise, wo man gut parken kann oder auch wie groß ein Möbelteil maximal sein darf, damit es durchs Treppenhaus passt. Ziel ist es, dass meine Kollegen gut planen können und genau wissen, was zu tun bzw. zu beachten ist.“

In diesem Zusammenhang will Grimm demnächst einige Kollegen mit iPads ausstatten. Darauf können diese nicht nur alle Infos zu den Aufträgen finden, sondern auch selber eine Montagedokumentation erstellen, ihre digitale Zeiterfassung durchführen oder auch Rückfragen an den Chef oder Kollegen stellen. Bewährt sich das, soll in Zukunft das ganze Team so unterwegs sein.

Ein weiteres Thema für Julian Grimm ist das digitale Aufmaß. „Das wird sicher im Zusammenhang mit der Datendurchgängigkeit irgendwann ein Thema sein. Aber wir sind ein junger, kleiner Betrieb und können natürlich nicht alles auf einmal stemmen und finanzieren. Zumal wir ja auch sehr gut zu tun haben. Eins nach dem anderen.“

Gefragt bei jungen Menschen

Einen Mangel an Nachwuchs kennt Julian Grimm nicht: „Ich bekomme jede Woche zwei bis drei Anfragen von jungen Menschen, die bei uns eine Ausbildung machen möchten. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass wir ein pragmatisches und engagiertes Team sind und auf coole neue Technologien setzen.“

Wichtig für die Zukunft ist Julian Grimm nicht Wachstum um jeden Preis. Vielmehr will er sein Unternehmen nachhaltig als Marke festigen und dabei für „tolles Handwerk und Design zum fairen Preis“ stehen.

www.schreinerei-juliangrimm.de

www.felder-group.com


BM-Chefredakteur Christian Närdemann

Das ist mir aufgefallen

„Etwas Bleibendes schaffen …“

Julian Grimms Wunsch war es schon in jungen Jahren, sich selbstständig zu machen und sein eigener Herr zu sein. Total bemerkenswert finde ich die Einstellung des jungen Unternehmers. Er erzählt mir: „Ich möchte etwas Bleibendes schaffen und an die nächste Generation weitergeben. Und ich möchte meinen Mitarbeitern Perspektiven bieten.“ Trotz 7-Tage-Woche engagiert er sich aus Überzeugung als Vorstandsmitglied der Innung Rems-Murr auch für die Belange und Zukunftsgestaltung des Schreinerhandwerks.




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