Gerhard Huber setzt auf Digitalisierung mit Augenmaß. „Kunden nerven, wir wollen Fans!“ - BM online

Gerhard Huber setzt auf Digitalisierung mit Augenmaß

„Kunden nerven, wir wollen Fans!“

Die teuerste Maschine in Gerhard Hubers Werkstätte für Einrichtungen ist – Software. Er hat sich nicht etwa eine dicke CNC gekauft und dann einen Weg gesucht, diese irgendwie anzusteuern. Sein digitaler Weg ist sehr pragmatisch und nutzenorientiert. Das ist fast schon unverschämt vernünftig und beeindruckend zugleich.

von BM-Chefredakteur Christian Närdemann

Fast hätte ich bei meinem Werkstattbesuch in Kissing die unscheinbare Halle übersehen. Schreinermeister Gerhard Huber braucht es nicht repräsentativ. Er ist Pragmatiker. Das bestätigt sich auch beim ersten kurzen Rundgang durch die Werkstatt, in der neun Mitarbeiter (darunter zwei Azubis) sehr individuelle Möbel und Innenausbauten schreinern: Maschinenseitig dominiert die Farbe Grün – also 90er-Jahre oder älter.

Als wir an der betagten stehenden Plattensäge vorbeigehen, fällt mir auf, dass ein am Sägewagen in Augenhöhe angebrachtes iPad den aktuell abzuarbeitenden Schnittplan anzeigt. Gerhard Huber kommentiert: „Alle relevanten Zuschnittinfos kommen drahtlos dorthin. Das erleichtert die Arbeit sehr und die Maschinentechnik tut nach wie vor absolut gute Dienste.“

Ein paar Meter weiter dann eine ebenfalls in die Jahre gekommende CNC-Maschine. Und auch hier lässt der Überraschungseffekt nicht lange auf sich warten: Zwei große Flachbildschirme auf Augenhöhe neben der Maschinensteuerung. Ein interessantes, aber sehr effektives und, wie Huber berichtet, wirtschaftliches Kontrastprogramm.

„Wir haben fast alles falsch gemacht“

Während Gerhard Huber mir im Atelier – das ist Kaffeeküche, Besprechungsraum, Arbeitsvorbereitung, Materialsammlung und vieles mehr in einem – einen perfekten Cappuccino in seiner Siebträgermaschine zubereitet, kommen wir ins Gespräch. „Wir haben fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“, erzählt er, „aber viel daraus gelernt“. Und schon sind wir mitten im Thema: Software, Digitalisierung, CAD/CAM.

Der Weg, den Huber in den vergangenen Jahren CAD-mäßig beschritten hat, war steinig. Vor drei Jahren verabschiedete er sich vom Schreiner-CAD eines renommierten Anbieters. Dann versuchte er es mit einem anderen 3D-CAD-System. „Auch dieses erwies sich als ungeeignet für uns. Aus den Erfahrungen haben wir allerdings viel gelernt. Das war sehr wichtig für unseren weiteren Prozess.“

Strikte Trennung von Entwurf und Technik

Gerhard Huber legt allergrößten Wert auf maximale Freiheit und Effektivität in der Entwurfsphase. Deswegen – und aus seiner persönlichen Erfahrung mit „technischen“ CAD/CAM-Programmen heraus – hat er für sich entschieden: „Die klare Trennung zwischen dem freiem Entwurfs-CAD und dem parametrischen Fertigungs-CAD/CAM sehe ich als wesentliche Erkenntnis für uns. So können wir das Beste aus beiden Welten herausholen und uns mit außergewöhnlichem Design gegenüber öden Standards abgrenzen. Zudem ist das wirtschaftlich, da der Aufwand entgegen der landläufigen Meinung dadurch minimiert wird.“

„Ich brauche gestalterische Unschärfe“

Beim Entwurf setzt Huber auf das 3D-CAD SketchUp. „Das ist günstig, einfach zu bedienen und bietet viele tolle Möglichkeiten.“ Dabei dreht sich alles um das Ziel, maximalen Raum für Kreativität zu schaffen. „Hier geht es mir ausschließlich um den bestmöglichen Entwurf. Was ich brauche, ist gestalterische Unschärfe. Technische Details spielen in dieser kreativen Phase überhaupt keine Rolle.“

Ich schaue Gerhard Huber beim Entwurf an seinem Mac über die Schulter und bin überrascht, in welchem Tempo er absolut authentische Raumsituationen schafft, Accessoires platziert und mit den verwendeten Leuchten und dem einfallendem Tageslicht beeindruckend realistische Lichtsimulationen macht. Ergebnis ist dabei stets ein hochwertiges Rendering. Huber: „Wir überraschen unsere Kunden immer mit Ideen, die sie zuvor nicht auf dem Schirm hatten. Wir machen nicht, was der Kunde will. Wir bieten ihm einfach immer etwas mehr.“ Er und sein Team setzen alles daran, dass das gelingt. Vor diesem Hintergrund ist Hubers Aussage besonders als Ansporn in eigener Sache zu deuten: „Kunden nerven, wir wollen Fans!“

Mit neuem CAD/CAM-System duchgestartet

Was Huber noch fehlte, war ein parametrisches 3D-CAD/CAM-System. Hier entschied er sich vor rund 1,5 Jahren für Swood aus dem Hause DPS-Software – von SwoodDesign (3D-CAD) auf Basis von Solidworks (Standardlizenz) bis hin zu SwoodCAM. Im Einsatz ist auch das CNC-Programmiersystem NC Hops (Hersteller: Direkt CNC-Systeme GmbH), für das DPS-Software ebenfalls Schulung und Service anbietet.

Huber: „Ich hatte vor einigen Jahren bereits Kontakt zu DPS. Damals schreckte mich der Preis ab. 30 000 Euro für Software und Schulungen – das hat mir echt Bauchschmerzen bereitet.“ Nachdem er dann auf anderen CAD-Pfaden viel Lehrgeld bezahlt und Erfahrungen gesammelt hat, kamen der Schreiner und das Softwarehaus wieder zusammen.

Die Software von Grund auf gelernt

Huber berichtet über eine intensive Einarbeitungsphase. „DPS hat uns an die Hand genommen und zwei Monate lang begleitet. Am Anfang mussten wir erst verstehen, dass wir jetzt keine Linien mehr zeichnen, sondern ein 3D-Modell bauen. Die Zeichnung entsteht mit den richtigen Linien dann daraus ganz automatisch. Diese intensive Einarbeitung war für uns der perfekte Weg. Nur so beherrschst Du am Ende Deine Software im Schlaf und holst auch wirklich alles heraus.“

Denken in Kochrezepten

Für Konstruktion und Arbeitsvorbereitung mit SwoodDesign ist Gerhard Hubers Mitarbeiter Rainer Wachhaus zuständig. Sein Job ist es, aus den Entwürfen des Chefs die individuellen Möbel und Innenausbauten produktionsfertig zu planen. Sein Lieblingswerkzeug ist die SwoodBox. Darin können eigene Konstruktionen und Konstruktionsdetails völlig frei hinterlegt werden. Wachhaus: „Beim Einfügen per Drag & Drop greift SwoodBox die Maße ab und stellt die parametrische Verbindung her. So können alle unsere betriebsinternen Kochrezepte überall parametrisch wiederverwendet werden.“ Gerhard Huber ergänzt: „Wir möchten uns nicht von einem Programm vorschreiben lassen, wie unsere Konstruktionen auszusehen haben. Schließlich ist das unsere ureigene Kernkompetenz. Mit der SwoodBox können wir das sehr rationell und intelligent lösen. Ein starrer Korpusgenerator ist für uns überhaupt nicht geeignet.“ Von Auftrag zu Auftrag wächst also der Fundus an eigenen Prinzipien bzw. Konstruktionsdetails, die dann jederzeit beliebig wiederverwendet werden können.

CNC-Programme aus dem Browser

Nach der Konstruktion erfolgt die Übergabe an SwoodCam bzw. NC Hops. Dort werden die CNC-Programme produkionsfertig generiert. Ganz nebenbei erstellt Rainer Wachhaus dann noch per Drag & Drop eine Übersichtszeichnung mit wichtigen Schnitten und den nötigen Maßen. Diese geht dann ganz konventionell in Papierform in die Werkstatt. So weiß jeder Mitarbeiter, wie alles aussieht.

Was dann geschieht, ist richtig cool: Mit dem viel zitierten, aber in diesem Fall wirklich nur einen Mausklick wird der „Report“ erstellt. Das klingt langweilig, hat es aber wirklich in sich. Huber: „Die CNC-Programme aller Bauteile, Arbeitsdokumente, Stücklisten, und eine 3D-Übersicht (eDrawing) werden mit einem einzigen Mausklick erzeugt. Die Zusammenfassung wird in einem einfachen Webbrowser geöffnet und zeigt sämtliche relevanten Auftragsinfos.“ Sie wird dann z. B. auf den großen Bildschirmen an der CNC geöffnet und direkt aus dem Browser heraus auch die CNC-Bearbeitung gestartet.

In mühsamer Arbeit perfektioniert

Die Schreinerei ist ein tolles Beispiel dafür, dass Digitalisierung nicht bei glänzenden Maschinen beginnt und kein Selbstzweck sein sollte. Huber: „Welche CNC ich einsetze, ist eigentlich völlig egal. Die Datenstruktur und der Workflow sind das Wichtigste. Genau das haben wir in leidenschaftlicher Arbeit für uns perfektioniert. Da spielt es auch keine Rolle, dass unsere Maschinen noch alle grün sind.“

www.gerhardhuber.com

www.dps-software.de


Das ist mir aufgefallen

Schreiner aus Leidenschaft

Gerhard Huber lebt seinen Beruf mit Leidenschaft. Er will, dass seine Kunden begeisterte Fans werden. Und er versteht was von Software. An sein EDV-Netzwerk beispielsweise lässt er keinen dran, das betreut er selber. Auch hat er die im Betrieb auf iPads eingesetzte Zeiterfassung selber programmiert. Ich war verblüfft, wie schick, bedienerfreundlich und nutzwertig er diese „gebaut“ hat. Schreinerkollegen gibt er den Rat: „Lasst euch nicht auf Messen von schönen Softwarepräsentationen blenden. Es muss erst klar sein, welche Prozesse wie unterstützt und abgebildet werden sollen.“

BM-Chefredakteur Christian Närdemann

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