Als Tischler Menschen mit Behinderungen begleiten

Noch wichtiger als Holz

Michael Beckmann leitet die Tischlerei der Westfalenfleiß GmbH in Münster. Tischler ist sein Traumberuf. Die Arbeit mit Menschen auch. Als Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung hat der Tischlermeister beides unter einem Hut.

 von Anna-Katharina Ledwa

Schon das orangefarbene Logo der Westfalenfleiß-Tischlerei, welches vor der Eingangstür ins Auge sticht, lässt erahnen, dass in dieser Werkstatt etwas anderes als der Werkstoff Holz im Vordergrund steht. In ganz Münster ist das Piktogramm der beiden Männchen, die nebeneinander stehen und sich, so scheint es, im Arm halten, bekannt. Die Westfalenfleiß GmbH bietet ein großes Arbeitsangebot für Menschen mit geistigen, körperlichen oder mehrfachen Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Die Menschen, die hier arbeiten, sollen für den ersten Arbeitsmarkt fit gemacht werden.

Doch den meisten gefällt es bei Westfalenfleiß so gut, dass sie bleiben wollen. Dabei spielt die geschützte Umgebung und auch die fachliche Begleitung, die sie dort haben, eine große Rolle. Als Arbeitsplätze gibt es neben der Besen- und Bürstenbinderei, der Gärtnerei und anderen Produktionsbetrieben auch eine Tischlerei. Sie wurde vor zwei Jahren neu gebaut und bietet 30 Beschäftigten auf 600 m2 ein spannendes Arbeitsumfeld – mit allen technischen und handwerklichen Möglichkeiten, auch einem CNC-Bearbeitungszentrum.

Tischlern mit sozialer Arbeit verbinden

Michael Beckmann ist einer der Festangestellten, die hier neben, für und mit den Beschäftigten arbeiten. Der Tischlermeister ist schon seit 15 Jahren in der Westfalenfleiß-Tischlerei angestellt. Nach der Meisterprüfung im Februar 2002 hatte Beckmann erst einmal wieder für sechs Monate in seinem alten Betrieb gearbeitet. Dann bewarb er sich um eine Stelle als Produktionshelfer bei Westfalenfleiß. Die Stelle war eigentlich nur auf Teilzeitbasis und dann auch noch auf drei Monate befristet. „Also eher unattraktiv“, grinst er. Warum er sich dennoch beworben hat? „Von der Stelle habe ich mir die perfekte Mischung zwischen meinem Traumberuf des Tischlers und der sozialen Arbeit mit den Beschäftigten versprochen.“ Und er fügt hinzu: „Heute kann ich sagen: Genau das ist in Erfüllung gegangen. Es ist quasi ein Bonus, dass ich neben meinem Wunschberuf auch noch mit den Menschen arbeiten darf.“

Ohne Zusatzqualifikation kein Aufstieg

Bis der vierzigjährige Tischlermeister allerdings da ankam, wo er heute ist, ist viel passiert. Als Produktionshelfer hatte er noch keinerlei Verantwortung im Rahmen der Förderung der Beschäftigten. So hat Michael Beckmann zu Beginn seiner 15-jährigen Laufbahn dafür gesorgt, dass Kundenaufträge fertiggestellt und Zeitpläne eingehalten werden konnten. Er hat die Beschäftigten in der Produktion unterstützt.

Die nächste Stufe, die auf den Produktionshelfer aufbaut, ist der Gruppenleiter. 2006 hat Beckmann die Zusatzqualifikation der Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung in Werkstätten für behinderte Menschen erworben. Dazu ist eine Ausbildung nötig, an deren Ende eine staatliche Prüfung steht. Diese findet für Angestellte der Westfalenfleiß GmbH berufsbegleitend über zwei Jahre statt. Sie wird von der AWO angeboten. „So habe ich mich dann zur Gruppenleitung mit Förderungsverantwortung qualifiziert“, erzählt Beckmann. Das Ziel von Westfalenfleiß ist es, dass die Menschen mit Behinderungen irgendwann so frei wie möglich am Leben in der Gesellschaft teilhaben können. Und genau darauf arbeiten diese Fachkräfte mit den Beschäftigten hin.

Der Gruppenleiter ist im Vergleich zum Produktionshelfer primär für die Beschäftigten zuständig und nicht für die Produktion. Obwohl das manchmal schwierig zu trennen ist. „Die Beschäftigten werden in der Tischlerei angelernt und jeder einzelne individuell gefördert. Das Wohl der Beschäftigten geht vor. Die Zeit darf nicht im Fokus stehen, sondern die Sicherheit“, erklärt Michael Beckmann. „Die Verantwortung gegenüber den Beschäftigten ist sehr hoch. Es kann schnell passieren, dass mal jemand überfordert ist, wenn man denjenigen falsch einschätzt.“

Kundenaufträge müssen passen

Doch auch bei den Produkten, die hier entstehen, haben die Kunden einen hohen Anspruch an Qualität und Service. Die Westfalenfleiß-Tischlerei steht also in Konkurrenz zu den Tischlereien aus der freien Wirtschaft. „Eine Sonderstellung haben wir nicht“, betont Beckmann. Die Kunden, die zu uns kommen, vergleichen genauso die Preise wie anderswo. „Hier ist die Arbeitsstunde vielleicht günstiger, dafür dauert ein Werkstück in der Herstellung aber länger. Das ist in einer anderen Tischlerei meistens umgekehrt und so gleichen sich die Preise wieder aus.“ Allerdings wird hier schon bei der Auftragsakquise ganz genau darauf geachtet, was für die Beschäftigten machbar ist. Für Rollstuhlfahrer muss ebenso etwas dabei sein wie für Gehörlose oder psychisch erkrankte Menschen. Das bedeutet für Michael Beckmann einen enormen Spagat in der Aufgabenverteilung. Wenn schon zu viele komplexe Arbeiten im Programm sind, werden eben auch mal Aufträge abgelehnt. „Hin und wieder müssen wir den Kunden außerdem erklären, dass Aufträge bei uns bis zur Fertigstellung etwas länger brauchen. Da ist ein zum Beispiel ein Wickeltisch nicht in drei Tagen fertig, sondern eben in vier Tagen.“

Die Bandbreite geht von einfachen Ablängarbeiten über kleine Serienfertigungen bis hin zu aufwendigeren Einzelmöbeln. Auf die Verteilung kommt es an. Es müssen Tätigkeiten gefunden werden, die auf die Beschäftigten zugeschnitten sind.

Eine schöne Herausforderung

Im Juni 2017 hat Michael Beckmann die Nachfolge des früheren Leiters der Tischlerei angetreten. Nun hat er noch mehr Verantwortung für die Beschäftigten und eben auch für viele andere Prozesse, die in einer Tischlerei wichtig sind. Er ist jetzt zum Beispiel dafür zuständig, Einsatzpläne für die Beschäftigten zu machen und dabei jeden einzelnen mit seinen Stärken und Schwächen zu berücksichtigen. Je nach Verfassung oder Belastbarkeit teilt er hier Arbeiten ein und plant die Auftragsabwicklung. „Es gibt auch Beschäftigte, bei denen ich jeden Tag individuell sehen muss, was sie leisten können. Außerdem bin ich noch für Angebote, Materialbestellungen, Auftragsakquise und Zeitpläne zuständig.“

Die Arbeit ist vielseitig, aber auch komplex und anspruchsvoll. Doch: „Für mich ist das alles eine schöne Herausforderung, obwohl ich selbst gerne mehr in der Tischlerei stehen und nicht so viel im Büro sitzen würde.“ Und er setzt hinzu „Tischlern ist nun mal meine Leidenschaft.“ Doch dafür bleibt nicht oft Zeit, da die Tischlerei so viele Aufträge hat – und zwar das ganze Jahr über. „So etwas wie ein Sommerloch gibt es hier nicht“, schmunzelt Michael Beckmann.

www.westfalenfleiss.de


Die Autorin

Anna-Katharina Ledwa ist Tischlerin und Projektgestalterin (HWK), arbeitet als Gesellin und entwickelt nebenberuflich eigene Produkte.

www.annaledwa.de


Weiterbildung

Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung

Die Weiterbildung zur Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung in Werkstätten für behinderte Menschen qualifiziert den Teilnehmer für die enge Zusammenarbeit mit den Beschäftigten und die Anleitung derer. Der Teilnehmer lernt, wie die Beschäftigten individuell bei der Arbeit gefördert und begleitet werden können, um ihre Persönlichkeit sowie ihre beruflichen Kompetenzen zu stärken. Die Weiterbildung beinhaltet auch Aspekte wie die Vorbereitung, Planung und Durchführung der gesellschaftlichen Teilhabe von den Beschäftigten. Am Ende der Ausbildung steht eine staatliche Prüfung.

Bei Westfalenfleiß wird die Ausbildung vom Arbeitgeber finanziert, wenn dieser wünscht, dass der Angestellte ausgebildet wird. Dann findet sie berufsbegleitend über eine Dauer von zwei Jahren statt.

https://lucy-romberg-haus.awo-ww.de

https://berufenet.arbeitsagentur.de