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„Wir fangen da an, wo andere aufhören“

Glasschleiferei Brüdgam ist Spezialist für den gehobenen Ladenbau
„Wir fangen da an, wo andere aufhören“

Von außen täuscht der unauffällige Firmensitz der Glasschleiferei Brüdgam in Hagen, denn drinnen entstehen hochwertigste Glasprodukte für die teuersten Shopping Malls dieser Welt, Einkaufstempel, Flughafen-Einzelhandel und auch Superyachten. „95 % unserer Produkte gehen in den Ladenbau und in die Inneneinrichtung“, sagt Geschäftsführer Guido Brüdgam.

Rainer Hardtke

Übernommen hat Guido Brüdgam das Familiengeschäft 2002 von seinem Vater. Seither hat sich das kleine, aber feine Geschäft spezialisiert: auf „Luxury Interior“, wie der Geschäftsführer selbst sagt. Kaum eines seiner Produkte wird in Deutschland verkauft, vielmehr gehen die teuren Spezialanfertigungen nach England, Nordamerika und viele in die Arabischen Emirate. „Momentan sind wir mehrfacher Lieferant für Renovierungsarbeiten in einem Londoner Luxuskaufhaus. Dort wird zurzeit eine Abteilung nach der anderen renoviert. Dafür hat Brüdgam längliche Gussgläser mit Streifen, zum Teil gefälzt, vorbereitet, aus denen Beleuchtungskörper für die Herrenabteilung dieses Luxuskaufhauses entstehen: „Innen beleuchtet mit warmweißen LEDs und zusätzlichen Schmuckelementen aus Teakholz soll sich ein warmer und angenehmer Vintage-Look entfalten. Als Nächstes bereiten wir uns auf die Abteilung Chocolate vor“, freut sich Guido Brüdgam. Der Brexit habe schon eine Delle hinterlassen, ebenso wie die Corona-Pandemie, klagt er: „Bis Ende März lief alles gut, danach wurden alle Arbeiten gestoppt. Später wurden diese dann weitergeführt und beendet. Aber wann die nächsten Aufträge geplant werden und ob es noch dieses Jahr sein wird, ist fraglich.“
Stärker werde seit ein paar Jahren der Schiffs- und exklusive Yachtbau. Zurzeit läge eine Anfrage vor über ein chrombeschichtetes Gussglas für ein neues Kreuzfahrtschiff der Meyer-Werft in Papenburg – was zusätzlich gebogen werden muss.

Werkstatt vor Ort und unterwegs

Eigentlich fertigt Brüdgam seine Gläser im heimischen Betrieb, denn dort verfügt er über die notwendigen Maschinen. Manchmal ist das allerdings nicht möglich, wie bei einem Kaufhausprojekt in Amsterdam. In Hagen wurde alles soweit vorbereitet und anschließend die Einzelteile an die Baustelle geliefert. Erst dort wurden die einzelnen Glaselemente miteinander UV-verklebt und im Boden angedübelt. Zu schwer und unhandlich wären die Regale, Podeste und Vitrinen gewesen, um sie fertig montiert in Amsterdam anzuliefern. „Wir sind mit unserer Werkstatt quasi für diesen Auftrag nach Amsterdam umgezogen“, berichtet der Inhaber.
Schwierig sei das UV-Verkleben vor Ort gewesen, führt er weiter aus: „Auf der Baustelle ging es natürlich staubiger zu als in unserer Werkstatt. Das hat unser ganzes Know-how im UV-Verkleben gefordert.“ Problem: Der Acrylatkleber härtet unter Luftabschluss aus. An den offenen Kanten – der Luft direkt zugewandt – bleibt er zunächst feucht und „läuft weg“. Staub aus der Umgebung haftet an und legt sich auf die Oberfläche. Am Aufstellort oder auf dem Weg dorthin wird diese feuchte Stelle dem UV-Licht ausgesetzt und beginnt sofort zu trocknen. Folge: Der anhaftende Staub wird in den Kleber eingebunden und bildet unansehnliche Klebefugen. So etwas lässt sich nur mechanisch entfernen und dabei wird möglicherweise das Glas beschädigt. „Wir kennen uns mit diesem Problem aus und haben eine Lösung dafür“, meint Glasspezialist Brüdgam lächelnd.

Brüdgam bleibt im Hintergrund

In der dritten Generation beschäftigt sich Brüdgam mit Glasveredelung und Glasverarbeitung. ESG und VSG produziert das Unternehmen selbst, wie überhaupt die meisten Produktionsschritte im eigenen Haus stattfinden. „Ich hasse es wie die Pest, wenn ich Dinge nicht alleine machen kann“, schmunzelt Brüdgam. Daher habe er seit dem Tod des Vaters immer neue Bereiche der Weiterverarbeitung dazu gekauft und in den eigenen Betrieb integriert, um unabhängig zu sein.
Und warum kenne man ihn dann kaum, sehe keine Werbung? Wir bleiben „neutral“, sagt der Geschäftsführer augenzwinkernd. Das sei auch eine Forderung der Kunden. Oft müssen seitenlange Geheimhaltungsabkommen unterzeichnet und Stillschweige-Verabredungen getroffen werden. Brüdgam erhalte die Aufträge vom Generalunternehmer. So sei er auch nur diesem gegenüber gewährleistungspflichtig und habe einen Ansprechpartner; das erleichtere viele Abläufe und er könne sich besser auf die Lösungsfindung und Umsetzung konzentrieren.

500 Glas- und Spiegelsorten halte das Unternehmen ständig vorrätig, mit Weißglas von 3,2 bis 25 mm, satiniertem Glas von 3,2 bis 19 mm und Float Mono von 3 bis 25 mm. Angeboten würde darüber hinaus das gesamte Farbspektrum; 15 Farben und zehn Sonderprodukte seien stets ab Lager verfügbar. Eine der größten Stärken sei das UV-Verkleben, auch von gebogenen Gläsern oder auf Gehrung geschnittenem ESG. Und alles ausschließlich auf Granit, weil nur der plan bleibe und sich nicht verspanne.

Glas-Leidenschaft

Wegen der oft hochwertigen Anwendungen werden fast nur Weißgläser verarbeitet. Besonders deutlich wird dies an den Aufträgen mit Verbundsicherheitsglas (VSG), bei denen Holzfurniere, Stoffe oder natürliche Gräser in die Zwischenlagen eingelegt würden, deren Farbcharakter erhalten bleiben müsse. Im Laufe der Zeit habe er sich ein ganz gutes Gespür für unterschiedliche Stoffe und deren Wirkung im Glaslaminat angeeignet: „Dieses Wissen wird von den Architekten geschätzt und honoriert.“ Und damit ein Entwurf auch den später gewünschten Effekt möglichst realistisch darstellen kann, fertigt Brüdgam Muster an: „Man kann die Wirkung eines changierenden silbergrauen Stoffes eingebettet in Glas nicht erklären; das muss man sehen!“ Also fertigt er teure Muster auf seine Kosten an und die Architekten erhalten so eine bessere Vorstellung, können vielleicht einen alternativen Stoff vorziehen oder sind gleich mit dem Ergebnis zufrieden. „Corona-bedingt hatten wir dieses Jahr Ausfälle bei der Lieferung von Stoffen aus China. Also musste ich mich umsehen und fand neue Lieferanten in Italien“, sagt der Glasliebhaber. Das war nötig, denn der hochwertige Ladenbau verzeiht keine Terminverzögerungen, betont Brüdgam: „Bei meinen Projekten muss man pünktlich abliefern, sonst geraten sämtliche Zeitpläne durcheinander. Und so ein internationaler Kosmetikkonzern verzeiht keine Pannen. Kürzlich mussten wir eigene Techniker auf eine Baustelle in die Emirate schicken, weil Fugen im Fußboden nicht maßhaltig waren. Also mussten unsere Techniker in Nachtschichten – tagsüber hatte die Shopping Mall geöffnet und Baulärm wurde nicht geduldet – unsere Produkte so anpassen, dass sie auf die falschen Fundamente passten.“

Sicherheit wird wichtiger

Immer wichtiger werde der Sicherheitsaspekt. Teure Geschäfte locken auch Kriminelle an und je teurer die ausgestellten Produkte, desto dreister die Überfälle. Sicherheitsklasse P5A und höher werde immer öfter gefordert – selbst für Tische und Schränke, Vitrinen sowieso. Dafür hat sich Brüdgam eigene Wasserstrahlschneidanlagen angeschafft – eine 3- und eine 5-Achs-Wasserstrahlschneidanlage, die 2D- und 3D-Schnitte durchführen können. Dadurch sei man in der Form der Ausschnitte nicht begrenzt, sagt der erste Glasveredelungsmeister im Kammerbezirk Wiesbaden: „Damit können wir auch eckige Löcher bohren.“ Das Schneiden mit dem Wasserstrahl habe einige Vorteile. Verhindert würden die thermischen Belastungen beim sonst üblichen Bohren und die bekannte Sprungbildung im Lochbereich trete nicht auf.

Individualität schlägt Serie

„Wir leben mit der Aufgabe“, betont Guido Brüdgam immer wieder. Damit meint er, dass sich Kunden oft mit ganz neuen Problemstellungen an ihn wenden. So habe er einmal eine Anfrage erhalten, bei der echtes Gold verarbeitet werden sollte. Für diesen Auftrag hat er einen Glasmalermeister als Mitarbeiter engagiert, der Blattgold verarbeiten kann. Das Problem sei dabei noch, den künstlerischen Entwurf auch wirtschaftlich umzusetzen. Kalkulation und Kostenkontrolle seien wichtig, gerade für einen kleinen Hersteller, der ausschließlich „Losgröße 1“ oder Kleinserien produziere.

Über Referenzen schweigt der Chef

Um die nötige Fachkompetenz nachhaltig zu sichern, bildet Brüdgam selbst aus, einen Flachglasmechaniker jedes Jahr.

Auch die Industrie schätze die Kompetenz und die Neugier des Hagener Herstellers. Wer zum Beispiel? Darüber schweigt der Glasexperte. Genauso wie über die meisten Referenzen im hochwertigen Ladenbau weltweit: „Da stehen schon mal über 25 000 Euro in Glas in einem Ladenlokal von 8 m2. Wenn ich verraten würde, wo, wäre ich den Kunden los. Ebenso diskret wird die Anfrage einer Werft behandelt, die Luxusyachten herstellt. Kunden in dieser Kategorie hätten vorher den Markt ausgiebig geprüft und sich Lieferanten lange angeschaut. Erst dann werde man angesprochen. Dafür hielten solche Verbindungen aber auch sehr lange.“

Glasschleiferei Brüdgam GmbH & Co. KG

58099 Hagen

www.bruedgam.com


Der Autor

Rainer Hardtke beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit den Werkstoffen Holz, Glas und Kunststoff und ist immer wieder überrascht, wie viel Potenzial zu finden ist.

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