Trends und Impressionen von der Mailänder Möbelmesse 2014

Erwacht und erdacht

Auf der größten Design-Möbelschau der Welt war für jeden Geschmack etwas dabei. Die richtungsweisende Veranstaltung zeigte so vor allem eines: die Lust an der eigenen Inszenierung.

Autor: Christian Härtel

I Milano ist ansteckend. Das bleibt, auch wenn die Zeiten für die Möbeldesign-Nation Nummer eins nicht einfach sind. Ansteckend, weil man am „Salone Internazionale Del Mobile“ auch am Ort des immer wiederkehrenden Gegentrends ist. Man könnte auch sagen: Wenn schon Krise, dann viele Wege raus! Nicht wenige waren gespannt, wie sich die Trendschau nach den schwierigen letzten Jahren präsentieren wird. Getreu dem ursprünglichen Wortsinn der „Krise“ als Meinung, Beurteilung und Entscheidung versuchte man das Wohnen und Leben in den vier Wänden als Varianten für das eine oder für das andere anzubieten. Vom Ikea-Prinzip mit pfiffigen Flat-Pack-Entwürfen bis zur opulenten Maserati-Kollektion zeigten sich die Entwürfe in Mailand variabel, oft untereinander kompatibel und wieder öfter auch als klares Statement ausgebildet. Das sorgte für frischen Wind. Nach den monotoneren letzten Jahren ist es wohl zu früh, von einer Trendwende zu sprechen, aber die Branche scheint wieder Spaß am Entwerfen zu haben. „Die Firmen trauen sich wieder mehr zu. Sanft, aber spürbar setzt man wieder Akzente, was auf eine wachsende Konsumlust hinweist“, sagt Walter Zürcher, seit fast zwanzig Jahren regelmäßiger Messebeobachter und Erfinder des erfolgreichen Schweizer Marketing-Konzeptes von „Der Schreiner – Ihr Macher“. Große Würfe standen nicht zu erwarten in Mailand und es war auch nicht so. Aber man nimmt sich wieder etwas weniger ernst, spielt mehr und das allein bringt wieder mehr Freude in die zuletzt ernste Wohnwelt. Ernst, weil man keinen Fehler machen wollte in den letzten Jahren. Dazu passen auch die zahlreich vertretenen Kleinmöbel und Accessoires, welche die eher wenigen wirklich neuen Entwürfe begleiten haben. Wohnaccessoires scheinen wichtiger geworden zu sein, auch für die Möbelbauer.

Ein wenig runder, aber eckig
Bezüglich Formen und Konstruktionen sowie den Details fiel mehreres auf: Die eher zurückhaltenden Ansätze der jüngeren Zeit, mit Rundungen im Detail zu arbeiten, haben sich ausgewachsen zu formgebenden Entwürfen. Viele gerundete Tischbeine und Untergestelle von Korpusmöbeln scheinen derzeit hoch im Kurs zu stehen. Das geht einher mit der oft zu sehenden Formensprache, wie sie aus den 50er- und 60er-Jahren bekannt ist.
Die Materialstärken schwinden, Glas spielte eine wichtige Rolle bei den Korpusmöbeln. Zum Wohnen und Verstauen weichen die wandhängenden, verschobenen Kuben auch wieder öfter dem auf dem Boden der Tatsachen stehenden Schrank, was für mehr Varianten sorgt.
Die Materialisierungen der Entwürfe und Kollektionen waren oft auf wenige Varianten beschränkt. Fast könnte man meinen, die Tage der dicken Kataloge im Möbelhaus sind gezählt, in denen der Kunde aus Hunderten Möglichkeiten auswählen soll. Wenn eine Kollektion in Eiche war, dann gab es diese nicht auch noch in Buche oder Nussbaum. Das tut gut, denn ein Holz prägt eben auch den Charakter eines Entwurfs.
Dennoch: Echte schöpferische Neuheiten gab es wenige zu sehen. Eher neue Interpretationen im Detail mit vielen Anleihen an Klassiker. Die eigentliche Neuheit ist dabei, die Inszenierung der Elemente miteinander. An sich auch keine Neuheit, aber so mutig und deutlich waren die Arrangements in den letzten Jahren nicht zu sehen. Am deutlichsten wird diese Entwicklung beim niederländischen Label Moooi sichtbar. Das Unternehmen präsentierte im dritten Jahr seine zeitgemäßen Möbel in einer Landschaft von Big-Prints, gespickt mit wohlbekannten Umgebungen, was zu einer Erlebnislandschaft des Wohnens führt. So schafft es der Möbelproduzent, auch mutige Entwürfe durch die Einbettung ins Vertraute, Heimelige wirkungsvoll zu präsentieren.
Der Nussbaum ist tot, es lebe der Nussbaum
Erfrischend für den regelmäßigen Messegänger war auch der Eindruck von Vielfalt an Materialien und Oberflächen, auch wenn die vermeintlich zeitlosen Entwürfe kunststoffbeschichteter Oberflächen in zurückhaltenden Farben wie Grau und Beige sowie deren Spielarten mit Weiß die erste Geige spielten. Sicher scheint, dass die Zeit der Alleinherrschaft des Nussbaumholzes und auch der anschließend alles prägenden Eiche langsam aber sicher zu Ende geht. Holz war nicht unbedingt üppig zu sehen, wenn doch, dann äußerst wirkungsvoll kombiniert und so in Szene gesetzt. Dann durfte es auch mal Rüster, Kirschbaum oder Lärche sein. Eine Kollektion für das Badezimmer in Ulme mit weissem Mineralwerkstoff oder auch Kupfer und dessen Farbspiele als derber Kontrast zum fein linierten Nadelholz, fertig. Altholz und dessen Imitate mit Struktur, pulverbeschichtete Oberflächen, Textilien, Leder und viel heller Mamor, alles wurde munter miteinander kombiniert, aber oft in wenigen Varianten. Die tragende Rolle von Glas ist auch wörtlich zu verstehen, wenn Füße von Betten und Tischen in Glas waren und so einen schwebenden Eindruck hinterließen.
Beschläge finden oder erfinden
Bei den Beschlägen gab es wie immer einige herstellerspezifische Lösungen zu sehen. Etwa vertikale Schiebebeschläge für Fronten von Küchenoberschränken. Mit zwei auf der Innenseite der Front angebrachten Metallschienen schiebt sich diese nach oben durch zwei Aussparungen am Deckel. Für einen angenehmen Bewegungsablauf sorgt ein Stahlseil, das sich über eine federgelagerte Achse auf- und abrollt. Oder stoffbespannte Fronten, die sich dann horizontal schiebend zusammenfalten und in geschlossenem Zustand mittels Magneten gehalten und eben „gespannt“ sind.
Auffallend war auch, dass die überwiegend organisch geformten Tischbeine bei vielen Produzenten mittels Metallbeschlägen geschraubt verbunden werden. Nicht selten in ein Metallrahmengestell als stabilisierendes Element eingesetzt, damit Tischplatten wieder dünner sein können und zudem wieder meist ohne Auszugsmechanismus auskommen.
Korpustüren mit entsprechend belastbaren und verdeckt liegenden Türbändern waren bei einigen Massivmöbelherstellern hoch im Kurs. Auch ein anderer Klassiker war zu sehen: der wandeingelassene Einbauschrank. Beim Badezimmerausstatter Falper in massiver Eiche mit Gratleisten ausgeführt, ehrlich in der Materialisierung und ebenso klar wie schlicht in der Form.
Der Schrank darf wieder stehen
Überhaupt durfte der Schrank wieder mehr Schrank sein. Nicht mehr nur wandhängende, kombinierfreudige Korpuselemente waren zu sehen, sondern auch stehende Schränke, deren massiver Eindruck durch die Korpustüren noch unterstrichen wurde. Fast scheint es, als ob die Wohnzimmerschrankwand zurückkommen könnte, wenngleich im Materialmix und mit farbig auflockernden, integrierten Regalelementen kombiniert. Auch die Anrichte und das Sideboard wurden wiederbelebt. Wenn schon wandhängende Korpusmöbel, dann waren sie etwa mit fallenden Klappen mittels Seilzugbeschlägen ausgeführt. Ein Entwurf mit schräg aufsteigenden Fronten erleichtert zwar die Reinigung des Bodens, bezüglich des praktischen Nutzens und der Bedienfreudigkeit des Möbels erscheint die Idee allerdings eher zweifelhaft. Aber wenn es gefällt! I

Salone Del Mobile 2014 Kurz notiert
Die 53. Ausgabe des Salone Del Mobile in Mailand vom 8. bis 13. April 2014 war größer als je zuvor. Mit einem Plus von 13 % fanden über 357 000 Besucher den Weg zur Messe. Wie viele es daneben bei den zahlreichen Präsentationen in der Stadt waren, ist schwer zu schätzen. Die Zona Tortona etwa ist längst eine Spielwiese für professionelle Aussteller wie das niederländische Label Moooi, die gar nicht mehr auf der Messe präsent sind. Andererorts, wie in der Ventura Lambrate, findet sich die Jugend ein und zelebriert eine Designshow als Fest. Während in den Messehallen die italienischen Hersteller einen deutlichen Schwerpunkt bilden, kamen die über 300 000 Fachbesucher in diesem Jahr aus 160 Ländern der Welt.
Auffallend auf der Messe war der hohe Anteil an Luxusgütern mit der einhergehenden Präsenz der großen Lifestyle-Konzerne von Aston Martin bis Versace. Das passte gut zur gewichtigen Gruppe der russischen und asiatischen Besucher. Länder, in denen die gut betuchte Kundschaft das Exklusive der westlichen Welt nach Hause holen will. Der Hauch von Luxus reichte aber hinein bis zu den etablierten Möbelmarken und zeigte sich zum Beispiel in der Verwendung von Marmor, ein typisch italienisches Statement herrschaftlicher Zeiten. Gerade bei den Lifestyle-Marken war dies gepaart mit Goldglamour und der Verwendung tropischer Edelhölzer in Hochglanz, vor allem von Palisanderarten.

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