Lagermanagement à la Würth: Möglichkeiten und individuelle Faktoren

Bestandsaufnahme

Orsy ist Lagerlösung, Ordnungshelfer und Bestellsystem samt Beratung für die kleinen Dinge des täglichen Schreineralltags – von manuell bis vollautomatisch. Wir zeigen wie und beleuchten die Effizienzfrage.

BM-Redakteur Marc Hildebrand

Alte Hasen kennen es noch in mildem Grün, andere Schreiner und Tischler sind erst nach der Renaissance in roter Farbe auf die vielfältigen Regale aufmerksam geworden. Die Rede ist von Würths „Ordnung mit System“ (kurz: Orsy) zur Bevorratung samt Beratung und Bestellservice verschiedenster Ge- und Verbrauchsartikel für Werkstatt und Montage. Gewandelt hat sich seit 1977 jedoch nicht nur die optische Gestaltung der modularen Lagerbausteine. Auch in der Technik bzw. dem Automatisierungsgrad hat der Fortschritt Einzug gehalten und bietet heute für handwerkliche Betriebe wie industrialisierte Firmen je individuelle Lösungen.

So wurde zum 40-jährigen Jubiläum im Herbst 2017 das erste sensorgesteuerte Regalsystem zur vollautomatischen Bestellung vorgestellt. Wir waren bei der Premiere vor Ort und konnten uns ein Bild über die gesamte Bandbreite der heutigen Möglichkeiten machen. Dieser Beitrag schafft einen kompakten Überblick zum aktuellen Stand der Aufbewahrungslösungen und beleuchtet einige Faktoren zur begleitenden Nutzung des Würth-Service-Systems.

Griffbereit – manuell befüllbare Module

Zuerst die Fakten in Sachen Hardware. Fangen wir der Vollständigkeit halber beim Grundbaustein an, dem einfachen Orsy-Regal. Es hält gängige Verbrauchsartikel wie Schrauben, Muttern oder Dübel in den bekannten Kartons mit Frontklappe bereit – hintereinander in leicht schräggestellten Schüben aufgereiht, sodass die nächste Box nachrutscht, wenn die vordere entnommen wird.

Auch Schubladen mit Vollauszügen für Kleinteile wie Bits & Co. oder Haltestangen für Kreissägeblätter gehören zu den insgesamt 65 Regalvarianten. Ebenso bekannt im Handwerk dürfte für viele die Dame oder der Herr sein, die/der in regelmäßigen Abständen vorfährt, nach dem Bestand sieht und fragt, ob man sonst noch etwas braucht. Über neue Produkte zu informieren gehört dabei genauso zum Service der Würth-Verkäufer wie zu speziellen Anforderungen in der Fertigung über Produkteigenschaften zu beraten. „Bekannt“ ist dabei wörtlich zu nehmen, denn je nach Intensität des Kontakts kennt der Berater mit der Zeit „seine“ Werkstätten und kann reibungslos für einen bedarfsgerechten Materialnachschub sorgen.

Scan mich – halbautomatische Bestellung

Die erste Orsy-Weiterentwicklung löste die Beratungsfunktion nicht ab, erleichtert jedoch mit Barcodes und Handscanner die Bestellung in Eigeninitiave durch zwei Varianten.

In der ersten versteht sich der Scanner wie ein Notizblock (scannen und speichern). Die erfassten Produkte werden per Dockingstation mit USB-Anschluss über den Computer durch wenige Klicks an den Onlineshop übermittelt.

Variante für beschleunigten Prozess: Der Scanner kommuniziert direkt per Internet und sendet sofort. Je nach Betriebsablauf wird die gelieferte Ware dann selbst einsortiert oder der Verkäufer übernimmt das auf Wunsch.

Wichtig bei dieser wie auch den folgenden Möglichkeiten ist, dass der gesamte Vorgang dank eigenem Router u. a. aus Datenschutzgründen bewusst vom Software-Apparat des jeweiligen Betriebs entkoppelt sei, erklärt Wolfgang Hohl, Leiter Produkt Systeme bei Würth.

Kanban – rollierender Eigenläufer

Unter anderem in Betrieben mit Serienfertigung und somit größeren Bestellmengen an z. B. Befestigungsmitteln kann Prozesssteuerung per Kanban die Abläufe verbrauchsgerecht optimieren. Die Orsy-Lager-Lösung sieht hier ein rollierendes Zwei-Behälter-System vor.

Dabei wird der leere Kunststoffbehälter in ein entsprechendes Regal gestellt und regelmäßig befüllt. So entsteht ohne viel Bürokratie ein auseichender Kleinteile-Puffer. Optional kann auch ein stationärer RFID-Scanner integriert werden, um Ad-hoc-Bestellungen bei unerwartet hohem Durchsatz auszulösen.

Gesichert – Ware per Zugriffsberechtigung

Nur kurz angeschnitten, weil hauptsächlich für die Industrie gemacht, sei hier noch der OrsyMat. Wie man es vom Bahnhof mit Süßwaren kennt, befinden sich hinter Klappen oder in Förderspiralen Verbrauchsartikel wie Trennscheiben oder Gehörstöpsel. Zugriff per Chip, Nachbestellung automatisch (s. Fotos S. 93).

Sensor – Lichtblick für volle Automatik

Eine Weltneuheit hat Orsy seit 2017 zu bieten. Dieses Systemregal nennt sich Sensor, dient speziell der Bevorratung von Kleinteilen und reduziert Beschaffungsaufwand auf null. Dank integrierter Sensoren und zugehöriger Auswertelektronik erfasst es zu einem definierten Zeitpunkt den aktuellen Lagerbestand – z. B. immer nach Feierabend, wenn alle Artikel wieder im Regal stehen. Bei Unterschreiten des individuell festgelegten Mindestbestands wird per eigener Internetverbindung automatisch die erforderliche Nachbestellung ausgelöst. Da jedes Regalfach einem bestimmten Produkt zugeordnet ist, ergibt sich aus Anzahl vorhandener Packungen und definierter Größe der aktuelle Bestand.

Outgesourcet – Ordnung mit Nachfülleffekt

Soviel zu den für kleine und mittelständische Betriebe geeigneten Regalvarianten, die der Anwender inklusive Planung und Service mietet. Nun zum Ziel des ganzen Systems – die bedarfsgerechte Bereitstellung verschiedener Ge- und Verbrauchsartikel. Und weiter: Durch ein individuell auf interne Arbeitsabläufe abgestimmtes Lager- und Bestellkonzept Platz, Zeit und Kosten zu sparen, verspricht Würth.

Ist das so? Die Antwort ist wie so oft: Kommt ganz darauf an. Auf „neudeutsch“ könnte man das Prinzip erstmal Outsourcing nennen.

Zunächst findet also eine Umverteilung statt. Durch externe Analyse, welche Artikel wiederkehrend sind, deren griffbereite Bevorratung nahe des Arbeitsplatzes (also kurze Wegen) und schnelle Bestellung spart man in jedem Fall Arbeitszeit, die an anderer Stelle Kapazität freisetzt – wenn man ehrlich rechnet und nicht Stunden nach Feierabend unterschlägt.

Produktivität – was beeinflusst Zeitfresser?

„Wir sind doch viel zu klein für Outsourcing“, mag mancher nun denken, denn der erste Gedanke zum entscheidenden Spar-Faktor führt oft zur Betriebsgröße, sprich: Ein Zwölf-Mann-Betrieb kann mehr profitieren als eine Drei-Mann-Werkstatt. Einfluss auf die zu sparende Arbeitszeit hat jedoch vielmehr die Art der Fertigung bzw. die Menge dabei benötigter Verbrauchsartikel – vor allem der Durchsatz an C-Teilen wie Verbindungsmitteln. So wird eine kleine Schreinerei mit modernen Maschinen und entsprechend hohem Output (z. B. Korpusbau in Serie für den Vertrieb) wohl täglich deutlich mehr dieser Zeitfresser verköstigen müssen, als der Einzelstück-Tischler.

Auch zu bedenken: Bestandskontrolle und tote Zeiten oder Verluste durch Lieferverzug, wenn etwas mangels rechtzeitiger Bestellung fehlt.

Effizienz berechnet – wie viel Zeit spare ich?

Um einen Näherungswert der Summe an Zeit festzustellen, die bei den vorherrschenden Faktoren verloren geht, bietet Würth einen Online-Effizienzrechner für viele Handwerksbereiche. Auch explizit für Schreiner und Tischer.

Das kostenfreie, offen zugängliche Tool bildet ab, wie sich die Nutzung von Orsy-Systemen auf Bestellprozesse auswirken kann.

Es ist zu finden auf der Würth-Internetseite unter dem Menüpunkt Services oder in diesem BM-Beitrag auf unserem Portal verlinkt.

Und so funktionierts: Man notiert sich die anfallenden Zeiten genannter Abläufe im Betrieb, gibt zudem u. a. Werte zu Betriebsgröße und Stundensätzen ein. „Als Ergebnis errechnen wir auf Basis der Eingabewerte und unseren Erfahrungen aus deutschlandweit über 30 000 Kundenkontakten pro Tag eine Gesamtersparnis für Ihren Betrieb“, verrät die Würth-Website. Am Ende zeigt eine Summe mögliche Einsparungen pro Jahr.

Ersparnis gerechnet – lohnt es sich für jeden?

Natürlich ist diese Summe kein 1:1-Spareffekt, sondern zunächst die Höhe der möglichen Umverteilung an Kosten für das Lagermanagements, wenn man es in Orsys Hände legt.

Angegeben werden also einzusparende Zeiten, die in der Werkstatt und der Produktion während des Einkaufsprozesses, der Lagerhaltung und durch die Optimierung der Arbeitsabläufe durch kurze Wege entstehen. Verrechnet mit den eingetragenen Kosten pro Stunde ergibt sich die „Ersparnis“ in Euro.

Welche reellen Kosten der bequeme Rundum-Service im gewählten Maßstab unterm Strich spart oder verursacht, hängt von weiteren Faktoren ab, die nicht so einfach zu ermitteln sind. Da wäre zunächst die Pauschale für die Einrichtung mit einigen wenigen Euro pro Jahr, aber vor allem auch das Würth-Preisgefüge, das die Serviceleistungen im Alltag natürlich auf die Produkte umlegt. Sicher ist hier ein Kriterium, wie viel jedem Beratung wert ist und ob man noch andere Würth-Services nutzt, von der Betriebsmittelverwaltung bis zu einer Konfiguration der Fahrzeugeinrichtung.

Weitere Faktoren liegen zudem in der eigenen Konsequenz: Halte ich mich wie geplant an die optimierten Arbeitsabläufe im Betrieb? Bleibt es bei der aktuellen Umsatzmenge und Mitarbeiterzahl? Will ich zu einem bestimmten Zeitpunkt Abläufe und Einrichtung anpassen?

Die Antwort auf die Frage, ob es „lohnt“ hat also zusätzlich zur kühlen Berechnung auch eine ganz persönliche Note.

www.wuerth.de


Meine Meinung

Kühle Rechnung und Typsache

Das Thema Würth polarisiert. Wer Würth sagt, sieht oft am Gesicht seines Gegenübers, ob gleich eine Pro- oder Contra-Meinung folgt – sei es, weil der Service „gut funktioniert“ oder „der Berater einfach so nett ist“ oder eben nicht, weil „wo anders viel günstiger“ und „für Beratung reicht mir sowieso das Internet“.

Der Fan-Faktor lässt sich also schwerlich außen vor lassen, Empfinden nicht in Euro messen … und dann ist da ja noch die Motivation: Wer selbst Freude daran hat, sein Lager zu bauen, wird anders denken, als der kühle Rechner, der rein nach Wachstum strebt und einen Partner für externe, mitwachsende Lösungen sucht.

Und was für ein Typ sind Sie aktuell?

Marc Hildebrand, BM-Redakteur