Schadenanalyse an Holzfenstern: Prinzipien und Untersuchungsmethoden

Kriminaltechnik zeigt die Ursache

Aus Schäden wird man klug. Diese Weisheit trifft aber nur zu, wenn die Schadensursache bekannt ist. Denn nur so können Fertigungsprozesse verbessert werden. Manche setzen für die Begutachtung ihre untrainierten Außendienstler ein, die z. T. durch Handauflegen zu einem Urteil kommen. Wir zeigen Ihnen wie eine Schadensanalyse richtig funktioniert.

Dirk Lukowsky

Gleichzeitig ist es nicht sinnvoll, ungerechtfertigte Ansprüche aus Kulanz zu begleichen, nur weil man seine Kunden nicht verärgern will. Die Grundlage einer Schadensanalyse besteht aus genauer systematischer Beobachtung und konsequentem logischem Denken. Das klingt nach Kriminaltechnik – und es sind letztlich die gleichen Prinzipien, nach denen die Ursachen für Schäden oder eines Täters/einer Täterin gesucht werden: Welche Spuren gibt es und wie können diese dokumentiert werden? Welche Materialien/Prozessschritte können anhand der Spurenlage ausgeschlossen werden? Wann genau wurden die Schäden zum ersten Mal beobachtet und wann waren sie definitiv noch nicht vorhanden? Wie vertrauenswürdig sind die Angaben der Beteiligten? Wenn eine bestimmte Schadensursache angenommen wird – durch welchen Sachverhalt könnte dies bestätigt oder auch sicher widerlegt werden? Sind andere Chargen betroffen? Zeigen nicht ausgelieferte Teile vergleichbare Befunde?

Viele Erkenntnisse ergeben sich bereits aus der Verteilung der Schadensmerkmale. In fast jedem Fall lassen sich anhand der Verteilung der Schäden zumindest einige mögliche Ursachen ausschließen. Bei der Untersuchung der Verteilung der Schadensmerkmale werden verschiedene Fragen systematisch abgearbeitet: Sind Oberflächenschäden z. B. gleichermaßen an den Fensterecken und auf den Flächen vorhanden? Sind die Schadensstellen scharf abgegrenzt oder diffus? Gibt es Zonen, die während der Nutzung abgedeckt waren und wie stellen sich die Schäden dort dar?

Bauphysikalische Kenntnisse sind notwendig

Um die Verteilung von Schäden zu beurteilen, sind auch bauphysikalische Kenntnisse notwendig. Von Bedeutung sind z. B. die Druckverhältnisse im Raum und im Gebäude: Da warme Luft nach oben steigt, herrscht in einem beheizten Raum unter der Decke ein leichter Überdruck und über dem Boden ein Unterdruck. In mehrstöckigen Gebäuden ohne Abtrennung herrscht dieser Überdruck im gesamten oberen Stockwerk. Feuchte, warme Luft kann durch nicht fachgerechte Glasleisten, undichte Fenster oder ungeeignete Lüftungssysteme aufgrund des Überdrucks durch das Fenster nach außen gelangen, im Winter auf den Außenseiten der Fenster kondensieren und die Beschichtung schädigen. Immer wenn die Beschichtung nicht nur auf den typischen unteren waagerechten Hölzern Probleme zeigt, sollte dieses Szenario geprüft werden.

Ein typischer Schaden in Winterbaustellen ist die Quellung der unteren Eckverbindungen, weil feuchte Luft an den Scheiben kondensiert, herunterläuft und in die raumseitigen Eckverbindungen eindringt. Wenn innen die Rahmenhölzer unten breiter sind als oben, kann dieses Szenario fast sicher angenommen werden. Wie bei allen Schadensanalysen darf man aber an diesem Punkt nicht stehenbleiben. Ja, in dem Raum herrschte eine unzuträgliche Feuchte. Aber muss eine Eckverbindung aufquellen, nur weil Tauwasser angefallen ist? Wenn die Eckverbindung wie vorgeschrieben innen und außen vollflächig mit Klebstoff versehen ist, dringt auch ablaufendes Tauwasser nur sehr langsam in die Eckverbindung. Der Klebstoff wirkt nämlich als Dichtstoff. Wenn er fehlt, kann Tauwasser zu einer sehr schnellen Quellung der Eckverbindungen führen. Ob Klebstoff vorhanden war, erkennt man an kleinen Bohrkernen aus den Brüstungsfugen von Eckverbindungen oder durch die zerstörende Untersuchung von ganzen Elementen. Die meisten Eckverbindungen werden mit PVAc-Klebstoffen (Weißleim) verklebt. Dieser Klebstofftyp lässt sich mit Iod-Tinktur oder einer Lösung aus Iod/Kaliumiodid anfärben (Povidon-Iod funktioniert nicht). Im Zweifel kann eine mikroskopische Untersuchung die Verklebung nachweisen.

Viele Schäden betreffen die Beschichtung

Manche Sachverständige beurteilen vorrangig die Schichtdicken der Holzfenster. Sind diese nur 80 µm dick, obwohl 100 µm gefordert waren, wird die Untersuchung beendet. Das ist verständlich, weil die Ursachen von Beschichtungsablösungen, Blasen etc. oft sehr schwer oder auch gar nicht abschließend geklärt werden können. Mit Schichtdicken haben solche Schäden aber in den seltensten Fällen zu tun. Lediglich bei extremen Unter- oder Überschreitungen der vom Beschichtungshersteller empfohlenen Schichtdicken kann die Schadensursache eindeutig sein: Deutlich zu dünn aufgetragene Lasuren bieten z. B. keinen ausreichenden UV-Schutz und in sehr deutlich zu dicken Beschichtungen können übermäßige Spannungen zu Problemen führen.

Beschichtungsschäden beginnen in der Regel an Eckverbindungen oder in der Nähe von Einschlägen von Hagelkörnern. Es ist leicht, und in vielen Fällen sicherlich auch zutreffend, dann die Eckverbindung oder den Hagel als Ursache der Schäden anzusehen. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass eine mangelhafte Beschichtung natürlich zuerst an derartigen Stellen mit erhöhter Belastung auffällig wird – unabhängig davon, ob die Beschichtung hervorragend oder aber mangelhaft ist. Es ist daher stets zu prüfen, ob die Beschichtung in Bereichen ohne erhöhte Belastung auch Anzeichen von Problemen zeigt. Dazu sollte auch eine Lupe oder ein USB-Mikroskop verwendet werden, mit denen sich z. B. sehr feine Lackrisse erkennen lassen.

Viele Ursachen von Schäden an Fenstern lassen sich nur durch die Untersuchung von Proben gewinnen. Die einfachste und im Prinzip zerstörungsfreie Art der Probenahme erfolgt unter der Griffabdeckung. Unter dem Griff ist die Beschichtung noch in ihrem Originalzustand erhalten, es kann die Holzart bestimmt werden und es lässt sich die Menge und Art des ggf. verwendeten Holzschutzmittels dokumentieren. Im Zweifel darf man aber nicht davor zurückschrecken, ein Fenster auszubauen und zerstörend zu untersuchen. Sonst bleibt man bei Vermutungen stehen und man vergibt die Chance, aus dem Schaden klug zu werden.


Der Autor

Dr. Dirk Lukowsky leitet am Fraunhofer Institut für Holzforschung (WKI) den Bereich Schadensanalysen. Er ist Autor des Buches „Schadensanalysen Holz und Holzwerkstoffe“