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Aus Treppen werden Möbel

Von der Bau- zur Möbeltischlerei – vom Handaufriss zur 5-Achs-Bearbeitung
Aus Treppen werden Möbel

Die Tischlerei Scheibe & Sohn in Neißeaue bei Görlitz fertigt Möbel und Treppen. Was Wolfgang Scheibe 1992 begonnen hat, führt Sohn Eric Scheibe heute mit fünf Mitarbeitern und viel Sinn für Handwerk, Technik und Ästhetik weiter. Dabei schaffen 3D-Software und CNC-Technik einen großen Mehrwert.

Anna-Katharina Ledwa

Nach knapp acht Stunden Zugfahrt steige ich am Görlitzer Bahnhof aus. Eric Scheibe, 34 und Inhaber der Tischlerei Scheibe & Sohn, wartet schon auf mich. Als wir mit dem Auto in Richtung Neißeaue fahren, etwa 20 Fahrminuten von Görlitz entfernt, erfahre ich viel über die alte Stadt. Eine Stadtführung im Vorbeirauschen. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, so schön reiht sich hier Gebäude an Gebäude. Eine Hochburg des Jugendstils. Was ich erst heute realisiere, hat Hollywood schon vor Jahrzehnten erkannt. „Viele Produktionsfirmen kommen her, um hier zu drehen“, erklärt Scheibe. Fast alle Szenen des Films Grand Budapest Hotel der Cohen-Brüder wurden in dem leer stehenden, ältesten Jugendstilkaufhaus Deutschlands gedreht. In den letzten zehn Jahren hat sich hier viel getan. An allen Ecken wird investiert und saniert. Aus der Stadt geht es raus in die Wiesen.

Wie alles begann

Auch die Tischlerei Scheibe & Sohn steht auf einem riesigen Stück Land. Wildschafe und Bienenstöcke stehen hinter der Halle. Nebenan gibt es ein Landcafé für Radfahrer des Oder-Neiße-Radweges. 1992 fing hier alles an. Wolfgang Scheibe, Vater von Eric, kaufte das Land für eine schmale Mark und baute sich eine Tischlerei auf, die spezialisiert war auf Treppenbau. „32 Jahre war ich da alt,“ erinnert sich der heute 62-Jährige. 1989, kurz vor der Wende, floh er noch mit Frau und Kindern und ohne Hab und Gut aus der DDR. Seit 2008 ist auch sein Sohn Eric selbstständiger Tischler. Nach der Lehre in der Bautischlerei beim Vater ist Eric 2007 für knapp ein Jahr nach Australien gegangen. Sydney. „Dort habe ich den Möbelbau im Luxussegment kennengelernt,“ erzählt Eric begeistert. Als er 2008 zurückkommt, macht sich Scheibe junior selbstständig. Zuerst noch mit Ausnahmegenehmigung. „Zeitgleich habe ich meinen Meister begonnen,“ fährt er fort. Die Tischlerei Scheibe & Sohn ist geboren. Zwei Jahre bestehen die Tischlerei Wolfgang Scheibe des Vaters und Tischlerei Scheibe & Sohn von Eric Scheibe zeitgleich.

Neue Ausrichtung

Die Situation im Tischlerhandwerk war zu dieser Zeit nicht rosig. Außerdem gab es viele kleine Tischlereien, die auf den Bau von Einzelmöbeln ausgelegt waren, aber keine großen Aufträge annehmen konnten. „Kurz nach meiner Gründung haben wir die ersten großen Aufträge realisiert,“ erinnert sich Eric Scheibe, Tischlermeister und Betriebswirt im Handwerk. Praxiseinrichtungen oder auch die komplette Außenbestuhlung der Vapiano-Restaurants. Weltweit. „Mittlerweile haben wir uns hier regional als die Tischlerei für den großen individuellen Möbelbau etabliert,“ fährt der Inhaber fort. So sind für den heute 6-Personen-Betrieb Bauprojekte im sechsstelligen Bereich gut umsetzbar. Größere Projekte in den letzten Jahren waren der Innenausbau der Synagoge in Görlitz, das Besucherzentrum der Brauerei Landskron, die Kinos in Görlitz und Bautzen oder die Touristeninformation Görlitz.

Besonderer Standort

„Als Besonderheit kann man hier noch die Wirtschaftssituation erwähnen,“ erklärt Eric Scheibe, „wir haben aufgrund unseres Standortes an der polnischen Grenze nur einen 180°-Aktionsradius.“ Das Einzugsgebiet der östlichsten Tischlerei Deutschlands beschränkt sich hauptsächlich auf die Regionen Dresden, Berlin, Leipzig und Chemnitz. „Allerdings sind wir für unseren Kundenkreis gerne auch international tätig,“ betont Eric Scheibe. Dabei wird größter Wert darauf gelegt, alles selbst zu machen. Auch die Montagen. Nach dem Motto „Klein genug, um individuell zu sein – groß genug, um alle Wünsche zu erfüllen“ gibt es für Tischlermeister Scheibe keine Probleme, sondern nur Herausforderungen. „Vom Drechseln und Formverleimen übers Lackieren bis hin zum 5-Achs-Fräsen können wir alles bieten,“ hebt der Inhaber hervor. 2018 entschied sich Eric Scheibe, die Tischlerei zukunftsfähig zu machen. Lizenzen der 3D-CAD-Software Pytha wurden gekauft. „Mit den hochwertigeren Aufträgen mussten auch hochwertigere Planungswerkzeuge her,“ argumentiert Scheibe, „die Kunden wollten tolle Bilder sehen.“ Fotorealistische Renderings mit Texturen und die 3D-Modellierung waren dafür die passenden Tools. Im Treppenbau kam 2020 die 3D-Software Staircon zum Einsatz.

CNC ergänzt 3D

Als 2021 im nächsten Schritt der Modernisierung dann die CNC-Maschine Biesse Rover C 1636 angeschafft wurde, hat Eric Scheibe sofort auch in einen Postprozessor investiert. Sowohl Pytha als auch Staircon generieren die Fräsprogramme automatisch und bieten eine direkte Ansteuerung des Postprozessors. „Natürlich habe ich jetzt etwas mehr Arbeit im Büro, was Konstruktion und AV angeht, aber die Kollegen in der Werkstatt können die Aufträge effizient abarbeiten,“ erklärt der Tischlermeister.

Vater Wolfgang Scheibe, 62, ist dabei aufgrund seiner langen Erfahrung für den Bereich des Treppenbaus zuständig. „Enorm, wie viel Zeit wir mit den neuen Technologien sparen,“ erzählt der heutige Werkstattleiter begeistert, „früher habe ich so eine Treppe von Hand aufgerissen. Das hat gerne mal einen halben Tag gedauert.“ Eine weitere Besonderheit der Biesse ist die Z-Höhe von 500 mm. „Und die 500 mm können wir wirklich ausnutzen,“ betont Scheibe. Mit einer Werkstückhöhe von 499 mm hat Eric Scheibe die Maschine schon auf den Prüfstand gestellt. Weitere Merkmale sind die endlos drehende Frässpindel, die automatische Saugerpositionierung und der Laser oberhalb des BAZ zur Ausrichtung der Werkstücke.

Effizienz und gute Planung

Während des Gesprächs mit Eric Scheibe und bei meinem Gang durch die Werkstatt muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass diese ganze Leistung auf gerade mal 460 m2 mit nur sechs Tischlern inklusive einem Azubi abgewickelt wird. Respekt. Das finden auch die Deutschen Werkstätten Lebensräume, wie ich im Gespräch erfahre. „Für den Privat- und Geschäftskundensektor Möbelbau der Deutschen Werkstätten Hellerau durften wir für unsere Kollegen schon das ein oder andere Projekt realisieren,“ weiht Scheibe mich ein. Die Anschaffung der Biesse war auch dank einer Förderung für regionales Wirtschaftswachstum möglich. „Aufgrund unserer Standortbesonderheit mit der 180°-Wirtschaft haben wir einen Zuschuss von 40 % bekommen,“ erklärt er. Nach gerade mal einem Jahr mit dem neuen Bearbeitungszentrum ist die höhere Effizienz in der Tischlerei Scheibe & Sohn schon deutlich zu spüren: Zuschnittoptimierung mit SwiftOpt, Etiketten zum Labeln der Bauteile und die fertigen CNC-Programme. Die Vorarbeit von Tischlermeister Eric Scheibe vereinfacht einiges. Und das alles aus Pytha heraus. Eine Fertigungszeichnung in DIN A1 als Übersicht für die Kollegen in der Werkstatt gibt es dennoch. Obwohl alle Details im Pytha-Viewer auf dem Werkstatt-PC durchdrungen werden können. Zwei bis drei Projekte werden in der Fertigung zeitgleich bearbeitet.

Treppen als Möbel

Das funktioniert bei Scheibe und Sohn trotz der verhältnismäßig kleinen Halle so gut, weil sie eine Just-in-time-Produktion pflegen. Wo keine Lagerflächen sind, kann auch nichts gelagert werden. „Dabei arbeiten wir mit einer Vorlaufzeit von drei Monaten,“ führt der Inhaber weiter aus , „damit können unsere Kunden gut leben.“ Gute Ausrichtung, denn: „Wir sind auf ein Jahr ausgebucht“ hört kein Kunde gerne. Den Wandel von der Bautischlerei, die überwiegend Treppen gefertigt hat, zur Möbeltischlerei, die auch Treppen bauen kann, ist Eric Scheibe gelungen. „Mein Vater ist heute bei mir angestellt,“ erklärt der Tischlermeister das geschäftliche Verhältnis zwischen den beiden, „seine Erfahrung im Treppenbau ist enorm viel wert.“ Klar, auch heute sind Treppen ein wichtiges Element im hochwertigen Innenausbau. Nur eins hat sich geändert: „Treppen sind kein rein funktionales Bauwerk mehr“, betont Scheibe, „wir nehmen Treppen heute oft mehr als ein hochwertiges Möbelstück wahr, das seinen ganz besonderen Auftritt im Raum hinlegt.“ Einen noch eindrucksvolleren Auftritt will auch die Tischlerei in Zukunft hinlegen. Aktuell wird an einer Webseite gearbeitet, die zusätzlich zu den regelmäßigen Posts auf Facebook die Zuschauer neugierig machen soll.

Pläne mit Aussicht

Da, wo jetzt noch Schafe weiden und Bienen ein und aus fliegen, hat Wolfgang Scheibe schon mit der Gründung im Jahr 1992 den Grundstein für eine Erweiterung gelegt. „Momentan steht die Vergrößerung der Halle aber nicht auf dem Plan,“ erklärt der Inhaber, „wir schaffen das Pensum ziemlich gut.“ Eric Scheibe ist ausgelastet und die Mitarbeiter in der Fertigung sind ausgelastet. Besser kann es nicht laufen. Wenn dann doch mal der Zeitpunkt für die Vergrößerung gekommen ist, lässt die Halle ihre hintere Wand fallen und gibt so die Weiten der Schafswiese mit Obstbäumen als Anbaufläche frei. Aktuell gehört die Wiese aber noch den Wildschafen, den Bienen und den sechs Tischlern am Freitag nach Feierabend bei einem Bierchen.

Im Oktober soll dann die Jubiläumsparty steigen. Von der ersten Gründung durch Wolfgang Scheibe 1992 bis heute mit Inhaber Eric Scheibe sind schon 30 Jahre vergangen. Aus der Bau- ist eine Möbeltischlerei geworden und da, wo früher noch Treppen von Hand aufgerissen wurden, steht heute ein 5-Achs-Fräszentrum. Zwei Generationen, zwei Köpfe voller Ideen, geballte Leidenschaft. Und wer weiß: Vielleicht sehen wir in 30 Jahren die dritte Generation der Scheibes als Inhaber neben Vater und Großvater stehen.

Tischlerei Scheibe & Sohn

02829 Neißeaue OT Zodel

www.facebook.com/TischlereiScheibeundSohn/

www.biesse.de

www.pytha.de


Die Autorin

Anna-Katharina Ledwa ist Tischlerin und Projektgestalterin (HWK), arbeitet als Gesellin in der AV und entwickelt nebenberuflich eigene Produkte.

www.annaledwa.de

Das ist mir aufgefallen

Mit dem richtigen Riecher

Klein, gemütlich, ländlich und auf dem Weg in die Zukunft. Eric Scheibe schafft es mit Ruhe und Gespür für Technik, Fortschritt, Ästhetik und vor allem seinen Mitarbeitern, die Tischlerei in der oberen Liga spielen zu lassen.


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