Das Hamsterrad verlassen
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Neue BM-Serie, Teil 1: Digitalisierung im Schreiner- und Tischlerhandwerk

Neue BM-Serie, Teil 1: Digitalisierung im Schreiner- und Tischlerhandwerk
Das Hamsterrad verlassen

„Digitalisierung ist so komplex, ich komme da nicht mehr mit“ – Diesen oder ähnliche Sätze haben Sie bestimmt schon einmal bei Mitarbeitern, Schreinerkollegen, oder sogar bei sich selbst, gehört. Aber was hält uns Schreiner beim Thema Digitalisierung so zurück? Viele glauben, die richtige Reihenfolge ist – erst muss ich das Unternehmen digitalisieren, um danach Gewinne zu machen. Warum nicht einfach einmal andersherum sehen?

Markus Faust

Erst muss das Unternehmen Gewinne erwirtschaften, ehe es sich um die Digitalisierung kümmern kann. Aber was, wenn ich keine Gewinne mache? Das ist natürlich nicht gut – um es direkt zu sagen: das ist extrem gefährlich. Wichtig ist aber erst einmal zu verstehen, dass dies nichts unmittelbar mit der Digitalisierung zu tun hat.

Letztendlich ist die Aussage „Digitalisierung ist zu komplex“ meist nur eine Ausrede für „Ich hatte keine Zeit, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, oder „Ich habe gerade kein Geld, um Leute zu fragen, die diesen Weg schon gegangen sind“ – also Wissen einzukaufen.

Jeder kennts: Ich möchte mir eine neue CNC-Maschine, oder eine neue Absauganlage kaufen – erst ist es ein Luftschloss, wenn ich mich dann aber tiefer damit auseinandersetze, werden mir die Bestandteile und Inhalte immer klarer. Irgendwann habe ich das Thema zumindest zu 80 % verstanden und bin in der Lage solide Entscheidungen zu treffen. So ist es immer. Entweder ich investiere zeitliche Ressourcen und arbeite mich in ein Thema ein, oder ich investiere Geld und hole mir Expertise.

Profit schafft Entscheidungsspielraum

Die Aussagen „keine Zeit“ und „kein Geld“ heißen übersetzt – kein Vertrieb. Die tatsächliche Ursache ist nämlich fast immer zu wenig Gewinn. Die Erfolgsformel ist einfach: Ein guter Vertrieb bringt mehr Arbeit, als ich abarbeiten kann, dies gibt die Erlaubnis, Preise zu erhöhen. Aufgrund der Preiserhöhung steigere ich den Deckungsbeitrag und schaffe so notwendige Geld- oder Zeitressourcen. Diese Ressourcen sind wie ein Proviant im Laderaum auf hoher See. Es reist sich leichter und erheblich entspannter. Es gibt mir die Möglichkeit, ohne Druck und Emotion Entscheidungen zu treffen bzw. diese mit Beharrlichkeit umzusetzen. Dies beeinflusst die Wahrscheinlichkeit für einen positiven Ausgang maßgeblich, denn Profit schafft Entscheidungsspielraum.

Anstatt Preise zu erhöhen, sieht die Antwort auf Auftragsüberschuss oftmals leider so aus: Man buckelt Überstunden und treibt die Mitarbeiter ans Limit. Das Problem dabei: spätestens bei 120 % Auslastung werden die Deckungsbeiträge, wie von Teufelshand bewegt, immer geringer. Überlastung kostet Gewinn – immer. Das Hamsterrad läuft und läuft. Warum erhöhe ich in so einem Fall nicht einfach die Preise? Nehmen wir uns doch mal die Bäcker zum Vorbild. Da steigt der Preis für eine Vollkornsemmel auch viermal im Jahr.

Hoffnung ist keine Strategie

Die besten Unternehmen der Branche sorgen durch einen exzellenten Vertrieb kontinuierlich für einen Überfluss an Auftragseingang und fokussieren sich auf Ihre guten Kunden. Unwirtschaftliche Kunden werden konsequent aussortiert.

Mittelmäßige Unternehmen haben oftmals auch genügend Kunden – nur oftmals leider die falschen. Man blickt auf volle Auftragsbücher und wiegt sich in Sicherheit. Dass die Auftragsliste voll mit Kunden ist, die man sich eigentlich gar nicht leisten kann, wird nicht erkannt. Der Deckungsbeitrag sinkt und das Hamsterrad dreht sich immer schneller.

Hinzukommt, dass Digitalisierung nie eine einzelne Aktion ist, es ist eine Reise, eine Aneinanderreihung von Ereignissen. Der Ertrag wird vielleicht erst ein, oder sogar zwei Jahre später sichtbar. Digitalisierung schlägt nicht von 0–100 ein. Das ist meist ein Pflänzchen, das man lange gießen muss, ehe man die ersten Früchte erntet. Kurz: ich benötige bei der Digitalisierung ein hohes Maß an (finanzieller) Geduld.

Dass Digitalisierung wichtig ist und uns nicht mehr loslassen wird, ist uns allen klar. Nur mit der richtigen Strategie kann und wird die Digitalisierung meinem Unternehmen den notwendigen Rückenwind verleihen.

Erfolg kann man mieten!

Bei vielen Unternehmen basiert die Digitalisierung leider hauptsächlich auf Hoffnung: „Wenn wir dann mal Zeit/Geld haben, dann werden wir…“. Hoffnung ist keine Strategie. Selbst ein gezielter Einmalimpuls bzw. Einmalinvest verpufft sehr schnell, denn wir alle können Erfolg nicht kaufen. Erfolg kann man immer nur „mieten“. Nur wenn ich die „Miete“ konstant einbringe (=Zeit, oder Geld) habe ich die wichtigste Voraussetzung erfüllt, damit der Erfolg bei mir bleibt, bzw. zu mir kommt. Um die „Miete“ zu bezahlen, brauche ich ausreichend Profit. Es gibt keine Möglichkeit, einmal zu kaufen und dann loszulassen und das Thema einzufrieren, z. B. indem ich einmalig in ein CAD-System oder ein Warenwirtschaftssystem investiere. Es gibt niemals eine große Sache, die ein Unternehmen erfolgreich macht, sondern es ist immer eine Summe vieler kleiner Anstrengungen. In der heutigen Zeit hat unser Wissen eine Halbwertszeit von vielleicht 5 Jahren. Das bedeutet, in jedem Jahr, in dem wir nichts machen, sinkt unser Wissen um 20 %. Nach drei Jahren ist Ihr Wissen also nicht mal mehr die Hälfte wert. Relevanz ist deshalb viel wichtiger als Erfahrung.

Es ist auch nicht sehr dienlich, sich stur an seinen Schreinerkollegen zu orientieren – Nur weil viele etwas gleich machen, heißt es noch lange nicht, dass es richtig ist. Wenn Sie zu den 1% der erfolgreichen Tischler/Schreiner gehören wollen, müssen Sie Dinge tun, die 99 % der Kollegen nicht tun würden. Verlassen Sie den Mainstream! Sie kennen sicher das Zitat: „Lieber große Ziele knapp verfehlen, als kleine Ziele erreichen“.

Der Digitalisierung entgegengehen

Die Digitalisierung hat immer zwei Seiten. Man kann Digitalisierung als Risiko und somit negativ sehen. Ich kann Sie aber auch als die größte Chance nutzen, um mich vom Wettbewerb abzuheben und vielleicht sogar ein Alleinstellungsmerkmal aufzubauen. Die Digitalisierung wird selektieren, sie wird bereinigen. Unsere Aufgabe ist es also, auf der richtigen Seite der Selektion zu stehen. Dafür bedarf es im Unternehmen den Glaubenssatz: „Digitalisierung ist gut für mich“. Wir sollten der Digitalisierung nicht nachlaufen, sondern ihr entgegengehen. Spiele ich immer nur „Feuerwehr“ oder mache ich aktiven „Brandschutz“.

Halten wir fest: Grundvoraussetzung, um bei der Digitalisierung Erfolg zu haben sind, neben einem positiven Mindset, vor allem Überschüsse. Dies wird durch einen soliden Vertrieb, kombiniert mit regelmäßigen Preiserhöhungen, erzielt. Die Überschüsse reinvestiere ich Monat für Monat in Zeit und/oder Wissen. Dadurch baue ich in meinem Unternehmen ein Digitalisierungs-Momentum auf.

Digitalisierungsmomentum aufbauen

Dieses Momentum ist die Basis für die nächsten Schritte, welche wir in den Folgebeiträgen im Detail besprechen werden. Wir befassen uns dabei mit Fragen wie: „Wo geht eigentlich die Reise der Digitalisierung hin?“, „Wie viel Innovation ist überhaupt gesund für mein Unternehmen?“ und „Wie bekomme ich das alles erfolgreich umgesetzt?“


Digitalisierung im Schreinerhandwerk

Die BM-Serie im Überblick

Digitalisierung wagen – leichter gesagt als getan. In dieser BM-Serie zeigt Markus Faust Einblicke in den digitalen Wandel im Schreiner/Tischlerhandwerk und gibt wertvolle Tipps und Anregungen.

Die Serie im Überblick:

Die monatliche Miete zahlen

  • BM 10/2021: Der Startschuss

Die Exitstrategie als Wegweiser

  • BM 11/2021: Trends erkennen

Lerne die Glaskugel zu lesen

  • BM 12/2021: Das Team gewinnen

Verlernen ist wichtiger als lernen

  • BM 1/2022: Lösungen kreieren

Die Ideenmaschine anwerfen

  • BM 2/2022: Die Innovationstreppe

Schritt für Schritt erfolgreich


Der Autor

Markus Faust ist Dipl.-Ing. (FH) Holztechnik und hilft Schreinern und Innenausbauern dabei, schlanke und performante (Vor-)Fertigungsprozesse im Unternehmen aufzubauen. Die Auswahl und Integration von schlüsselfertigen CAD/CAM Systemumgebungen ist dabei die Basis.

www.av-line.de


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