Startschuss: Ihr Unternehmen im großen Blickwinkel
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BM-Serie, Teil 2: Digitalisierung im Schreiner- und Tischlerhandwerk

BM-Serie, Teil 2: Digitalisierung im Schreiner- und Tischlerhandwerk
Startschuss: Ihr Unternehmen im großen Blickwinkel

Nachdem wir im letzten Bericht darüber gesprochen haben, dass wir monatlich Zeit bzw. Geld für die Digitalisierung bereitstellen müssen, geht es jetzt darum, diese „Miete“ gezielt einzusetzen. Um den Digitalisierungsweg gehen zu können, müssen wir herausfinden, wohin wir wollen. Wir brauchen den großen Blickwinkel – das „Big Picture“. Nur wie kommen wir zu diesem Gesamtbild?

Markus Faust

Zwei Tipps, wie Sie dieses Vorstellungsvermögen aufbauen und schärfen können: Zum einen ist es ratsam, sich zu Beginn bereits mit dem Ende zu befassen. Eine gute Hilfe ist hier die EXIT-Strategie: Ich setze mir das imaginäre Ziel: „In 10 Jahren möchte ich das Unternehmen verkaufen“. Es spielt keine Rolle, ob sie das wirklich vorhaben oder nicht, es geht nur um die Aufgabenstellung und den daraus resultierenden, veränderten Blickwinkel. Ziel ist es, das Unternehmen in einem bestmöglichen Zustand zu übergeben. Wir stellen uns deshalb folgende Fragen: Wie muss mein Unternehmen aufgestellt sein, damit ein Investor 2031 bereit ist, so richtig tief in die Tasche zu greifen? Was ist dem Käufer in 10 Jahren wichtig? Welche Strukturen müssen aufgebaut werden und von welchen Abläufen und Werkzeugen sollte ich mich bis dahin verabschiedet haben?

Ihr Unternehmen skalieren

Noch tiefer geht es, wenn Sie in Gedanken ein Franchise-Modell von Ihrem Unternehmen aufbauen. Ihr Unternehmen ist also die Pilotfirma, die später skaliert werden soll. So wie bei den bekannten Fast-Food-Ketten der Hamburger überall auf der Welt mit dem gleichen Service und Geschmack serviert wird, soll auch bei Ihnen z. B. das 3D-Aufmaß, oder der Kundengewinnungsprozess standardisiert werden. Auch hier wieder völlig unerheblich, ob Sie jemals vorhaben, Ihr Unternehmen tatsächlich in ein Franchise-Modell zu verwandeln oder nicht.

Der Vorteil: Es lehrt sie, in Prozessen zu denken. Sie können Prozesse klonen, aber keine Mitarbeiter. Wenn ihr System von Personen abhängig ist, haben Sie kein franchisefähiges Modell. Haben Sie Prozesse, die nicht transparent und nachvollziehbar dokumentiert sind, haben Sie ebenfalls kein skalierbares System. Sie brauchen immer beides: Menschenunabhängige und nachvollziehbare Prozesse.

Der richtige Blickwinkel

Beide Sichtweisen helfen Ihnen, vermehrt von außen auf Ihr Unternehmen zu blicken. Sie bekommen dadurch eine komplett neue Perspektive. Gehen Sie einen Schritt zurück, schauen Sie von extern auf Ihr Unternehmen, unabhängig von Personen oder Abteilungen. Lernen Sie Ihr Unternehmen neu kennen und schärfen Sie Ihr „Big Picture“ so sukzessive. Sie beginnen dadurch auch vermehrt am und nicht immer nur im Unternehmen zu arbeiten, was eine der wichtigsten Eigenschaften auf den Weg zur Digitalisierung ist. Wer den ganzen Tag arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen. Die Aufgabe des Unternehmers ist es in erster Linie, sich mit der Firma zu befassen und nicht mit den Projekten.

Selbst wenn sie nur 5 Mitarbeiter haben, dürfen Sie nicht fulltime im Tagesgeschäft „gefangen“ sein. Einen Teil Ihrer Arbeitszeit sollten Sie immer für strategische Themen blocken. Mit jedem Mitarbeiter, der dazu kommt, bauen Sie Ihre eingeplante „Strategiezeit“ schrittweise aus, indem sie sich immer mehr aus dem Projektgeschäft verabschieden.

Digitalisierung besitzt keine Grenze, denken Sie deshalb nicht in Abteilungen. Dies wäre ein ernstzunehmender Risikofaktor, wenn Sie Ihr Unternehmen für die Zukunft aufstellen wollen, denn jede Abteilung bringt ein Stück „Abteilungsegoismus“ mit. So entstehen nur mühsam Brücken bzw. Schnittstellen zwischen den verschiedenen Bereichen. Ihre Aufgabe ist, Ihren Blickwinkel eine Etage höher zu legen und in Strukturen und Prozessen zu denken. Stellen Sie zum Beispiel keine Abteilungsleiter ein, sondern definieren Sie Prozessverantwortliche.

Werkzeuge im Wandel der Zeit

Legen Sie den Fokus auch nicht zu stark auf die Werkzeuge, denn Werkzeuge sind austauschbar. Vielleicht gibt es das Werkzeug, das Sie in 10 Jahren einsetzen werden, heute überhaupt noch nicht. Sie wollen keine Funktionen, sondern funktionierende Prozesse. Lösen Sie sich von Werkzeugen und denken Sie in Grundbedürfnissen. Diese bleiben stabil. Nehmen wir das Beispiel Musikhören. Der Wille des Menschen, Musik zu hören, den gibt es schon ewig und hat die verschiedensten „Werkzeuge“ durchlebt. Von der Schallplatte zur Kassette, bis hin zum heutigen Streamen. Keiner weiß, ob wir in 10 Jahren Musik noch über das Internet streamen. Was aber garantiert bleibt, ist das Bedürfnis: Musik hören. Genauso wissen wir z. B. nicht, ob wir in einigen Jahren noch Facebook, Instagram und LinkedIn nutzen. Das sind alles nur Werkzeuge für Dialoge und Kommunikation. Was ab hier sicher ist – auch in 10 Jahren wird es noch das Bedürfnis nach (digitalen) Dialogen mit dem Kunden geben. Es ist deshalb auch nicht ratsam, seinen Fokus auf einzelne Social-Media-Plattformen zu setzten und seine ganze Korrespondenz und Kontakte nur dort aufzubauen. Denn ist die gewählte Plattform veraltet, bröckelt auch ihre Dialogbasis. Viel sinnvoller ist es, in ein modernes CRM zu investieren, bei dem ich die Social-Media-Dialoge mit einfachen Mitteln ins eigene Haus bekomme, egal von welcher Plattform aus. Dadurch bleibe ich unabhängig und flexibel und habe am Ende immer die komplette Kommunikation in den eigenen vier Wänden. Kommt eine neue, modernere Plattform hinzu, docke ich diese einfach an mein CRM an.

Schwerpunkte und Prioritäten setzen

Digitalisierung ist wie ein Buffett. Es wird immer mehr vom Markt angeboten, als man selbst als Unternehmen „verarbeiten“ kann. Es gibt unzählige Werkzeuge und Tausende verschiedene Möglichkeiten, wie man diese Tools einsetzen kann. Haben Sie nicht den Anspruch überall mitmischen zu müssen und vor allem, haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie mal bei einem Thema nicht dabei sind.

Gewöhnen Sie sich dran, dass Sie immer mehr Möglichkeiten angeboten bekommen, als Sie verarbeiten können. Das nimmt Druck. Die Kunst ist, sich auf etwas zu reduzieren, andere Dinge loszulassen, diese auszublenden und Schwerpunkte zu setzen. Nur wenn Sie fokussiert einzelne Punkte angehen, wird am Ende ein „Big Picture“ entstehen. Es ist normal, dass man auf dem Weg der Umsetzung von einem neuen, vermeintlich besseren Tool hört und man ins Zweifeln gerät. Bleiben Sie dennoch Ihrem Plan treu. Machen Sie sich bewusst: Egal welches Digitalisierungsprojekt Sie heute starten, in 2 Jahren gibt es garantiert eine neuere, bessere Lösung. Im Grunde installieren Sie immer Vergangenheit – fühlen Sie sich deshalb nicht schlecht. Priorisieren und Fokussieren sind unentbehrliche Eigenschaften, die Sie als Unternehmer mitbringen und auch auf Ihr Team übertragen müssen. Der Preis, den Sie sonst zahlen, sind Projekte, die mit einem kontinuierlichen „Bin-mir-nicht-sicher-Schleier“ durchzogen und somit von Beginn an zum Scheitern verurteilt sind.

Verknüpfen Sie Glück nicht damit, ein Ziel zu erreichen bzw. ein Projekt abzuschließen, sondern immer mit dem Fortschritt auf dem Weg dahin und freuen Sie sich über jeden kleinen Schritt, mit dem sie Ihrem Big Picture näherkommen. „Der Weg ist das Ziel“.

Wo die Trends der Zukunft liegen und welche zu Ihrem Firmengesamtbild passen, besprechen wir im nächsten Bericht. Dort geht es darum, wie ich Trends erkennen kann, bzw. was die drei großen Veränderungen unserer Branche sind. Wie können Sie sich das Gefühl aneignen, die Glaskugel lesen zu können?


Digitalisierung im Schreinerhandwerk

Die BM-Serie im Überblick

Digitalisierung wagen – leichter gesagt als getan. In dieser BM-Serie zeigt Markus Faust Einblicke in den digitalen Wandel im Schreiner/Tischlerhandwerk und gibt wertvolle Tipps und Anregungen.

Die monatliche Miete zahlen

Die Exitstrategie als Wegweiser

  • BM 11/2021: Trends erkennen

Lerne die Glaskugel zu lesen

  • BM 12/2021: Das Team gewinnen

Verlernen ist wichtiger als lernen

  • BM 1/2022: Lösungen kreieren

Die Ideenmaschine anwerfen

  • BM 2/2022: Die Innovationstreppe

Schritt für Schritt erfolgreich


Der Autor

Markus Faust ist Dipl.-Ing. (FH) Holztechnik und hilft Schreinern und Innenausbauern dabei, schlanke und performante (Vor-)Fertigungsprozesse im Unternehmen aufzubauen. Die Auswahl und Integration von schlüsselfertigen CAD/CAM Systemumgebungen ist dabei die Basis.

www.av-line.de


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