Integrationsprojekt in Münster. Abschiebung oder Ausbildung? - BM online

Integrationsprojekt in Münster

Abschiebung oder Ausbildung?

Ein junger Flüchtling hat mit der Aufnahme einer Lehre zum Tischlergesellen die drohende Abschiebung in sein Heimatland verhindert. Das Projekt Mamba und die Tischlerei Hagemann aus Münster haben ihm dabei geholfen. BM-Autorin Anna-Katharina Ledwa hat die Tischlerei Hagemann und den Koordinator von Mamba besucht.

von Anna-Katharina Ledwa

„Im März ist unsere Tochter geboren und wir haben mittlerweile auch eine eigene Wohnung gefunden,“ erzählt Saimir Metko stolz. Der junge Mann aus Albanien ist im Sommer 2015 mit seiner Frau nach Deutschland gekommen, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft als die, die in seinem Heimatland auf ihn wartete. „Dort gibt es nicht genug Arbeitsplätze und Sozialhilfe leistet der Staat auch nicht,“ so Metko. Eine leichte Entscheidung wegzugehen war es trotzdem nicht. Er ist das einzige Kind seiner Eltern. In dieser Situation fällt es außerdem doppelt schwer, nicht ausreisen zu dürfen um sie zu besuchen.

Seit Anfang 2017 macht Saimir Metko in der Tischlerei Hagemann in Münster in Westfalen eine Ausbildung zum Tischlergesellen. Bei der Vermittlung geholfen hat ihm Mamba, Münsters Aktionsprogramm für MigrantInnen und Bleibeberechtigte zur Arbeitsmarktintegration. Dieses Programm wurde 2008 von der GGUA Flüchtlingshilfe (Gemeinnützige Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender e.V.) in Münster als Förderprojekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und dem Europäischen Sozialfonds gestartet. Aktuell laufen die Fördergelder bis Ende 2019. Doch: „Wir sind zuversichtlich, dass es auch danach weitergeht,“ erzählt Netzwerkkoordinator Joachim Bothe.

Sprachhürden gemeistert

Bevor Metko den Ausbildungsvertrag unterschreiben konnte war er bereits eineinhalb Jahre in Deutschland. „Deutsch konnte ich gar nicht am Anfang. Nur ein wenig Englisch,“ erklärt der 27-Jährige – mit dem ich mich heute ohne Probleme auf Deutsch unterhalten kann. Saimir Metko hatte vor dem Ausbildungsstart an einem berufsbezogenen Sprachkurs teilgenommen und bereits ein Praktikum in einer anderen Tischlerei gemacht. Leider konnte die ihn damals nicht übernehmen. „Da er keine berufliche Qualifikation mitgebracht hat, war die Vermittlung nicht so leicht wie bei manch anderem Flüchtling,“ erklärt Brigitta Hagemann – Geschäftsführerin der Tischlerei Hagemann und Obermeisterin der Tischlerinnung Münster.

Doch dann musste es auf einmal ganz schnell gehen. Der junge Albaner war von Abschiebung bedroht und fast wäre sein Traum von einer besseren Zukunft geplatzt, hätte die Handwerkskammer Münster nicht so schnell reagiert und gehandelt. In dem Projekt Mamba arbeiten mehrere Partner zusammen, die sich um Flüchtlingsbegleitung und -vermittlung kümmern – unter anderem die HWK Münster.

„Ich wurde angerufen und gefragt, ob wir einen Ausbildungsplatz für einen Flüchtling hätten. Außerdem müsste es schnell gehen, weil seine Abschiebung drohte,“ schildert Brigitta Hagemann die damalige Situation. ’Dann soll er so schnell wie möglich herkommen‘, war meine Antwort.“

Gut eingefügt

Zur Freude aller Beteiligten passte Metko gut ins Team und auch von seinem Können war die Tischlerei überzeugt. Obwohl der junge Mann keine Berufsausbildung mit nach Münster gebracht hat, hat er in seiner Heimat stolze sieben Jahre Berufserfahrung in einer Tischlerei gesammelt. Innerhalb von drei Wochen wurde dann Alles nötige abgewickelt und vorbereitet damit Metko den Vertrag unterschreiben konnte. In diesem Zuge wurde ihm dann die Ausbildungsduldung erteilt.

Viel rumtelefonieren und einen ganzen Berg von Formularen ausfüllen musste Hagemann für den zukünftigen Lehrling dennoch. Denn: „Ohne perfekte Deutschkenntnisse ist das meiner Meinung nach gar nicht zu schaffen“, erklärt sie mir. „Natürlich ist das eine Menge Arbeit, doch wenn man die Entscheidung einmal gefällt hat und entschlossen ist zu helfen, dann nimmt man das auf sich.“

Saimir Metko kommt im Alltag, privat wie beruflich, ohne Probleme zurecht, nur in der Berufsschule hapert es noch etwas aufgrund der nicht perfekten Deutschkenntnisse. Hagemann ist froh, Saimir Metko einen Ausbildungsplatz angeboten zu haben und möchte ihn heute nicht mehr missen. „Nicht nur werden Fachkräfte in Deutschland gebraucht, es ist auch wichtig, den jungen Menschen eine Perspektive für ihr Leben in Deutschland zu geben,“ betont sie.

Aktive Integrationsförderung

2016 und 2017 hat Mamba 470 Flüchtlinge neu aufgenommen. Davon wurden 85 in ein Ausbildungsverhältnis vermittelt – darunter drei Tischler. Neben der Vermittlung in eine Ausbildung gibt es für das Netzwerk noch zwei weitere Vermittlungsziele: das Nachholen eines Schulabschlusses und die Vermittlung in ein Arbeitsverhältnis. Eine Studie der Uni Münster zu MAMBA hat herausgearbeitet, dass sich das Projekt bereits ab einer Vermittlungszahl von nur 17 Personen selbst tragen würde bei einer Fördersumme von
2 460 000 Euro in den Jahren 2010 bis 2015

„Wir vermitteln unsere Klienten erst nach guter Überlegung und ausreichender Vorarbeit. Das bedeutet, dass die Vermittlung dann auch hohe Erfolgsaussichten hat“, erklärt Bothe. Es wird geschaut, was der Flüchtling für Qualifikationen mitbringt, in welchen Betrieb er passen könnte; aber auch, wie es ihm geht. Die Netzwerkpartner geben den Menschen genug Freiraum, um im Münsterland anzukommen und helfen ihnen bei der Verarbeitung ihrer Erfahrungen. Erst dann wird an eine Vermittlung gedacht. Joachim Bothe betont, dass man hier keine allgemeine Aussage treffen kann: „Wie lange es bis zu einer erfolgreichen Vermittlung dauert, ist individuell sehr unterschiedlich. Abhängig von der persönlichen Situation, Vorqualifikationen, Nöten und Wünschen.“

Während andere Flüchtlinge noch kein genaues Bild von ihrer Zukunft in Deutschland haben, wünscht sich Metko, bei der Tischlerei Hagemann weiterarbeiten zu dürfen, wenn er seinen Gesellenbrief in der Tasche hat. An die deutsche Küche hat er sich schon gewöhnt. „Wir essen sehr gerne Kartoffeln,“ schmunzelt Metko. Auch sein Lieblingsholz hat er schongefunden: Nussbaum. Ich persönlich bin gespannt auf sein Gesellenstück.

www.tischlerei-hagemann.de


Die Autorin

Anna-Katharina Ledwa ist Tischlerin und Projektgestalterin (HWK), arbeitet als Gesellin in der AV und entwickelt nebenberuflich eigene Produkte.

www.annaledwa.de


Zusatz-Info

Mamba 3 (Münsters Aktionsprogramm für Migrantinnen und Bleibeberechtigte zur Arbeitsmarktintegration) unterstützt mit 5 Partnern (GEBA, GGUA, JAZ, HBZ und Jobcenter) Flüchtlinge mit Zugang zum Arbeitsmarkt unabhängig vom Aufenthaltsstatus bei der Integration in den Arbeitsmarkt, indem es arbeitsuchende Menschen und Unternehmen zusammenbringt. Mamba arbeitet in Münster seit 2008. Seit Ende 2010 engagiert sich Mamba auch in den Landkreisen des Münsterlandes. In der Zeit von Anfang 2016 bis Ende 2017 haben 470 Teilnehmer die Unterstützung von Mamba in Anspruch genommen, von diesen wurden 38 % erfolgreich in eine Beschäftigung, Ausbildung oder langfristige Qualifizierungsmaßnahme vermittelt.

Das Projekt läuft bis Herbst 2019.

Unterstützung für Arbeitsuchende

Rechtliche und psychosoziale Beratung

Unterstützung bei der Suche nach einer passenden Arbeitsstelle

  • Hilfe bei Bewerbungen, Kontakte zu Betrieben

Vermittlung in Arbeit, Praktika, Berufsvorbereitung, Ausbildung

Passgenaue Qualifizierungsangebote

Unterstützung bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse

Unterstützung für Betriebe

Schnelle Personalvermittlung von Hilfs- und Fachkräften nach dem geforderten Anforderungsprofil

Zu aktuellen Anforderungen in den jeweiligen Berufsbereichen geschultes Personal

Persönliche Begleitung und Vermittlung

www.mamba-muenster.de

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