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Drehbar gelagert

Mechanisch bewegtes Meisterstück
Drehbar gelagert

Wer sich heutzutage die mechanischen Möbel von Abraham und David Roentgen zum Vorbild für sein Meisterstück nimmt, legt die Messlatte hoch. Für Micha Wemmer waren die berühmten Werke der beiden genialen Ebenisten Ansporn und Herausforderung zugleich, mit seinem außergewöhnlichen Meisterstück die Challenge anzunehmen – mit Erfolg, wie wir meinen.

BM-Redakteur Heinz Fink

Abraham Roentgen (1711 bis 1793) und sein Sohn David (1743 bis 1807) zählen zu den wohl berühmtesten Kunstschreinern – oder Ebenisten, wie sie damals auch hießen. Zusammen mit anderen Vertretern ihrer Zunft haben sie zu ihrer Zeit die Fürstenhäuser ganz Europas beliefert. Nicht wenige ihrer noch heute funktionsfähigen Möbel sind mit verblüffenden Mechaniken ausgestattet. Da springen Schubladen auf Knopfdruck heraus, verschwinden Geheimfächer beim Schließen im Inneren von Möbeln oder bewegen sich Schreibflächen beim Öffnen der Zylinderfront wie von Geisterhand.

Diese mechanischen und handwerklichen Höchstleistungen waren Inspiration bei der Entwicklung des Meisterstückes mit dem Titel „Stop’n’flow“ von Micha Wemmer, einem drehbar gelagerten Flurmöbel in amerikanischem Nussbaum zur Aufnahme von Schlüsseln, Geldbeutel und Handy, aber auch einer Spiegelreflexkamera. Zwei kleine Korpusse bewegen sich, angetrieben über eine ausgefeilte Zahnradmechanik, um einen dritten, im Zentrum feststehenden Korpus und bleiben dabei stets in horizontaler Stellung ausgerichtet.

Langer Entwicklungsweg

Die mechanischen Finessen der Möbel von Abraham und David Roentgen haben Micha Wemmer schon lange Zeit vor seinem Besuch der Meisterschule in Schwetzingen interessiert. Erste Überlegungen wurden angestellt, Skizzen erstellt und Details ausgearbeitet, Ideen ausgearbeitet und wieder verworfen – in zahllosen Stunden und zumeist abends nach dem Unterricht an der Meisterschule. Die zündende Idee schließlich kam ihm beim Betrachten der Zahnräder und Pedale eines Fahrrads: Drei große über zwei kleine ineinandergreifende Zahnräder ermöglichen eine gleichmäßige Kreisbewegung um einen Mittelpunkt, welche die drei Korpusse ungeachtet der Drehrichtung stets in waagrechter Position hält.

Altes Prinzip, neue Materialien

Die drei großen Zahnräder haben einen Durchmesser von ca. 500 mm bei einer Zähnezahl von z = 70, die beiden kleinen mit ca. 110 mm Durchmesser eine Zähnezahl von
z = 14. Die Kontur der aus 20 mm starken Vollkernplatten bestehenden Zahnräder wurde im CAD konstruiert und per CAD/CAM auf das Bearbeitungszentrum übertragen. Hier konnte Micha Wemmer auf die Unterstützung der Werkstätten und Mitarbeiter der Meisterschule Schwetzingen zurückgreifen, da in seinem Fertigungsbetrieb kein Bearbeitungszentrum vorhanden war.

Die Achsen der Zahnräder aus schwarz gebranntem Stahl sind in jeweils zwei gegeneinander orientierten Kegelrollenlagern gelagert und sorgen für einen geschmeidigen Lauf der einzelnen Komponenten. Zur Verhinderung von Verletzungen bei offen laufenden Zahnrädern sind diese durch eine von Magneten gehaltene, in Nussbaum furnierte Abdeckung verschlossen. Darin flächenbündig eingelassene Sichtfenster machen die Zahnradbewegung erlebbar. Der bewegliche Flügel des Möbels kann durch einen Arretierungsmechanismus im Raster von 45° fixiert werden – der Knopf für den vom Meisterschüler selbst entwickelten, keilförmigen Schiebebeschlag findet sich auf der Grundplatte über dem mittleren, feststehenden Korpus.

Handwerkliche Details

So modern in Sachen Material und Herstellungsmethoden die Mechanik auch sein mag, so handwerklich gefertigt zeigen sich die Korpusse des Meisterstückes von Micha Wemmer. Die Seiten der nach außen gewölbten, konkaven Schubladenkorpusse links und rechts sind aus 3 mm starken Furnieren formverleimt und mit den oberen und unteren Böden aus massivem amerikanischem Nussbaum mittels offener Fingerzinken verbunden. Die auf Unterflurvollauszügen aus Holz geführten Schubkästen sind offen von Hand gezinkt und durch eine Auszugssicherung unter dem Schubkastenboden gesichert. Die Vorderstückdoppel aus Massivholz sind auf der Außenseite gewölbt.

Die Seiten des mittleren, feststehenden Korpus sind nach innen gewölbt, sprich konkav schichtverleimt und wiederum offen fingergezinkt. Den Korpus verschließt nach vorne eine massive, mittels Gratleisten stabilisierte und durch Magnete verschlossen gehaltene Klappe. Seilzüge aus Edelstahl stützen sie in geöffnetem Zustand ab. Alle drei Korpusse werden durch verdeckte Bajonettverschlüsse an ihrer Rückwand befestigt und so mit der dahinterliegenden Mechanik verbunden. Die Holzoberflächen des Meisterstückes sind zweimal mit Holzöl (Naturhaus) behandelt.

Auf der Suche nach neuer Herausforderung

Sowohl in die Planung des komplexen Meisterstückes, für die Micha Wemmer im Laufe eines Dreivierteljahres viele Abende und Wochenenden aufgebracht hat, als auch in die anschließende Fertigung sind viele Stunden Zeit geflossen.

Eigentlich wollte Micha Wemmer nach seiner erfolgreich abgelegten Meisterprüfung schon Ende Oktober zu einem einjährigen Aufenthalt nach Sri Lanka aufbrechen, um dort als Ausbilder an einer örtlichen Gewerbeschule Entwicklungsarbeit zu leisten. Doch Corona hat dieses Vorhaben erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben – seinen Chef wird es freuen!

www.esss.de/meisterschule-fuer-tischler

www.moebel-hofmann.de

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