Mondholz – die Diskussion geht weiter

Mondholz: Brennt es oder brennt es nicht?

Angeregt durch die Veröffentlichung in der Januarausgabe des BM – in der wir über einen Brandversuch mit Mondholz an der Meisterschule Nord, Pinneberg berichteten – fragte sich der Meisterkurs für das Schreinerhandwerk an der Gewerbe Akademie Freiburg, ob dies alles stimmt und kam zum Entschluss „Das prüfen wir nach“. Mittlerweile wurden am 29. Februar, am 1. und am 2. März dieses Jahres je eine Buche und eine Fichte aus dem gleichen Bestand und gleichen Alters eingeschlagen. Der Vergleichsrahmen wurde bewusst sehr eng gewählt, um die Bedeutung des einen entscheidenden Tages kontrollieren zu können. Ende Juli soll dann eine Flammprobe stattfinden, um im praktischen Test die Brenn- oder die Unbrennbarkeit zu testen.

Diese Frage vom Meistervorbereitungskurs für das Schreinerhandwerk an der Gewerbeakademie Freiburg in die Presselandschaft lanciert, erregte in den letzten Wochen einige Aufmerksamkeit, veranlasste Zeitungsartikel und-interviews, ließ Rundfunksender nachfragen und das Fernsehen Drehabsichten bekunden. Worum geht es?

„Ein jedes Ding hat seine Zeit …“
… wusste schon das Alte Testament und zählt u.a. Lachen und Weinen, Krieg und Frieden als Beispiele auf. In ganz anderer Weise wird heute der Satz „… vom rechten Zeitpunkt“ von denjenigen verstanden, welche die Bücher von Johanna Paungger gelesen haben. Das Maß vieler Dinge ist hier der Mond, der mit seinen Gezeiten des Aufgehens und Abnehmens nicht nur Ebbe und Flut auf der Erde beeinflussen soll, sondern viele Tätigkeiten unseres Lebens: Wer Kartoffeln im abnehmenden Mond setzt, fährt eine üppige Ernte ein, wer seinen Tannenbaum im aufgehenden schlägt, hat einen geringer nadelnden Weihnachtsbaum. Operationen, Wasch- und Haushaltstage, Tierzucht und Ackerbau – es gibt kaum einen Bereich, den der Mond nicht mit seinem günstigen oder ungünstigen Licht bescheine, glauben auch heute wieder viele Menschen.
Für den Hausbau gelte dieses auch, so Paungger, und führt etliche alte Bauregeln an: Ziegel, im richtigen Mond und am richtigen Tag eingedeckt, sollen nicht vermoosen; Kamine, zur rechten Zeit angefeuert, immer ziehen usw. Bauholz, aber ebenfalls zur rechten Zeit eingeschlagen, soll weniger reißen, schneller trocknen, dauerhafter und härter und weniger anfällig gegen Schadinsekten und Pilzbefall sein.
Winter- oder Sommerfällung – ein alter Streit
Wer unbefangen die angesprochenen Texte liest, stellt sich unwillkürlich die Frage, ob der Schlagtermin tatsächlich unterschiedliche technische Eigenschaften des Werkstoffes Holz nach sich ziehen kann. Und eh’ man sich versieht, steckt man mittendrin in einer uralten, nicht desto minder äußerst heftig geführten Auseinandersetzung. 1869 schreibt der Baurath B. Harres aus Darmstadt in seinem Buch „Die Schule des Zimmermanns“, das im Verlag Otto Spanner in Leipzig damals bereits in der 4. Auflage erschien, in dem Abschnitt ‚Vom Bauholze’ über die richtige Fällzeit:
„Die mittelalterlichen Baumeister, von denen noch heute gegen unsere Erfahrungen über die Dauer der im Freien angewendeten Hölzer, Holzgebäude von mehr als dreihundertjährigem Alter bestehen, verfuhren beim Fällen ihrer Bauhölzer nach einem üblichen Spruch:
‚Wer sein Holz in der Christnacht fällt,
Dem sein Gebäude zehnfach hält,
Denn Fabian – Sebastian,
da fängt der Saft schon zu gehen an.‘
Sie hielten also das letzte Viertel des Dezember für die geeignete Fällzeit.“ (S. 1).
Wenige Zeilen später lesen wir:
„Wenn gleichwohl in neueren Lehrbüchern ausgesprochen ist: ‚Die Erfahrung habe zur Genüge gelehrt, dass sowohl Laubholz als auch Nadelholz zu jeder Jahreszeit gefällt werden könne, ohne die Güte des Holzes im mindesten zu beeinträchtigen, sofern es vor der Verwendung vollkommen ausgetrocknet sei‘ – so glauben wir durch die nachfolgende Betrachtung den Werth dieser aus einem Lehrbuch in das andere übertragenen Behauptung ins rechte Licht zu stellen.“ (S. 1f).
Baurath hat diese Sätze, deren Wahrhaftigkeit er mit wunderschönen Beispielen und Versuchen aus der Praxis untermauert, bereits mit dem Rücken zur Wand geschrieben. Wir merken dieses aus seiner Verbitterung („…. aus einem Lehrbuch in das andere abgeschrieben …“), vor allem können wir es aus dem weiteren Verlauf der Kontroverse schließen, bei der sich die Anhänger der Sommerfällung sehr bald vollständig durchsetzen und ihre Gegner in die Ecke des Aberglaubens drängen konnten.
Traditionell arbeitete die Landbevölkerung im Sommer auf den Feldern, im Winter war dann die Zeit für die Waldarbeiten – allein schon aus arbeitsökonomischen Gründen wurde die Winterfällung durchgeführt. Vorteilhaft waren dabei die naturgemäße Ruhe der Bäume, der geringe Saftgehalt, die guten Transportmöglichkeiten auf gefrorenem Boden und die Abwesenheit der meisten Insekten. Um die Wende zum 19. Jahrhundert trafen aber zwei Entwicklungen zusammen, die eine veränderte Situation zur Folge hatten: Angesichts der völlig verwüsteten, abgeernteten Wälder griffen die regierenden Fürsten, Herzöge, Könige usw. zur Notbremse und riefen die neue Institution der Forstverwaltung und eine planmäßige Bewirtschaftung ins Leben, die zumeist im wesentlichen die Wiederaufforstung zur Aufgabe hatten. So wurde beispielsweise der Schwarzwald aus einem alten Buche/Eiche Gebiet zum heutigen Fichte/Tannen Bestand. Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts zog mit der Dampfkraft und den Eisenbahnen die Industrialisierung in Deutschland ein. Der Holzverbrauch stieg paradoxerweise dadurch enorm an. Mit der überkommenen Winterfällung konnte dieser neue Bedarf allein nicht mehr gedeckt werden.
Die neu entstandene Forstwissenschaft, die sich bis dahin vor allem mit den Fragen der günstigsten Wiederaufforstung beschäftigt hatte (u.a. waren der Neubepflanzung der Mittelgebirge mit dem „Brotbaum“ Fichte lange, sorgfältige Versuche und Vergleiche vorausgegangen), wandte sich den Fragen der Imprägnierung des Holzes vor allem für den Eisenbahnbau und dem Problem des Fällzeitpunktes zu. Bald schon wies sie nach, dass Sommerholz qualitativ nicht schlechter sei als Winterholz, wobei das zentrale Kriterium ihres Prüfkataloges die Holzfeuchtigkeit war. Als Bedingung der neuen Fällmethode formulierte sie daher eine rasche und richtige Holztrocknung nach dem Einschnitt. Damit war ein Tabu gebrochen und der ökonomischen Notwendigkeit Genüge getan, die Forstverwaltungen und die Förster konnten ganzjährig einschlagen lassen, nachdem die Landesherren als oberste Herren der Forstverwaltungen den Sommereinschlag zugelassen hatten. Wie selbstverständlich wurde zugleich auch das Wissen um bestimmte Fälltage verworfen, wie wir es etwa bei dem 1. März vorfinden, der nicht-brennbares Holz mit sich bringen soll. Mehr noch: Die Einführung dieser Neuerung war mit heftigen Auseinandersetzungen verbunden. Und wie es so ist, die unterlegene Seite wurde nicht nur besiegt, sie wurde verdammt, ja mit dem Verdikt des Aberglaubens belegt. 1924 kennzeichnete der Schreiner Fritz Hellwag, Verfasser einer ausgezeichneten Geschichte des deutschen Tischlerhandwerks, die inzwischen geltende Überzeugung ganz offen: Für das Schlagen der Hölzer habe man früher allerhand Regeln herausgebildet, schreibt Hellwag, bei denen aber auch der Aberglaube eine Rolle spielte. Und er fährt fort: „Ein ähnliches Vorurteil bezog sich zum Beispiel darauf, dass das im Sommer gehauene und geschälte Eichenholz nicht so dauerhaft sein sollte wie das im Winter gefällte, oder dass Mond und bestimmte Tage darauf einen Einfluss hätten.“ (Geschichte des deutschen Tischlerhandwerks, 1924, S. 308).
… der noch nicht abgeschlossen ist
Aber so ganz vollständig war auch dieser Sieg nicht. Das alte Wissen war zwar verdrängt, aber noch vorhanden und wurde unter der Hand weitergegeben. Praktiker kamen zudem immer wieder zu anderen Ergebnissen, so dass auch ein Blick in die fortwissenschaftlichen Veröffentlichungen zeigt, die Beschäftigung mit diesem Thema ist nie abgerissen. Immer wieder wurden und werden „Bauernregeln“ zusammengetragen und auf ihren Sinn für die Holzqualität hin abgeklopft. Aber bisher entziehen sich die vermuteten Zusammenhänge der naturwissenschaftlichen Fassbarkeit, so dass z.B. Fellner/Teischinger 1997 zum Ergebnis kommen: „Nach derzeitigem Wissensstand beeinflussen die Lagerdauer bzw. die Bewitterung, Berieselung, Holztrocknung usw. die Qualität des Holzes stärker als der eigentliche Schlägerungszeitpunkt“ (Holz im Spannungsfeld zwischen Aberglauben und Realität in: Holzkurier 52, 1997).
Interessanterweise äußern sich die Fachbücher der Zimmerer, die als Bauhandwerker viel intensiver mit den Materialeigenschaften des Holzes konfrontiert sind als wir Schreiner, eindeutig zweideutig: Das Fällen des Holzes geschehe meist im Winter, schreibt A. Wagner, aber „da das saftigere Sommerholz sich besser schneiden, spalten und imprägnieren lässt, wird es dem wintergefällten Holze oft vorgezogen“ (A. Wagner: Lehrbuch für Zimmerer, 14. Auflage 1951).
Seit einigen Jahren aber drängt das überwunden geglaubte Thema urplötzlich wieder ans Licht einer interessierten Öffentlichkeit. Die Bücher von Johanna Paungger, vor allem aber die des österreichischen Försters Erwin Thoma („… dich sah ich wachsen“ und „… und du begleitest mich“) trugen mit einer erstaunlichen Resonanz die Erfahrungen von Praktikern aus dem Baugewerbe, von Zimmerern und Schreinern und Bauherren zusammen und untermauerten die These: Holz am richtigen Zeitpunkt geschlagen, hat Eigenschaften, die wir sonst nur durch eine technische Aufbereitung des Holzes erreichen können, z. T. nicht einmal erreichen. Ihre Wirkung ist enorm, denn neben dem Zeitgeist erwies sich die allgemeine Renaissance der Holzhäuser als fruchtbarer Boden, der viele Menschen für dieses Thema sensibel gemacht hat und der auch praktische Folgen hatte: In Österreich hat sich der Absatz von Mondholz, d.h. nach der Jahreszeit und dem Mondstand geschlagenem Holz, stark erhöht. In Deutschland gibt es seit knapp zwei Jahren die „Qualitätsgemeinschaft Winterholz e.V.“ (Tel: 0 29 72/97 02 14), die in der jetzigen Probephase bereits 5000 Festmeter jährlich vermarktet und schon jetzt über heftige Gegenreaktionen vor allem von Sägewerken mit Imprägnieranlagen und Leimholzherstellern berichtet. Produktionszweigen, die von dem Anspruch der Qualitätsgemeinschaft, ohne technische Aufbereitung mindestens gleich gute Qualität zu liefern, stark berührt werden. Interessantes weiß die Qualitätsgemeinschaft über heutige Verkaufspraktiken aus dem Holzmarkt zu berichten: „Sie bekommen heute in Deutschland jederzeit jede Menge Winterholz, wenn Sie es wollen. Aber ist es auch welches? Es wird viel Schindluder getrieben in dem Bereich.“ Tatsächlich ist dieses ein altes Problem , für dessen Lösung interessanterweise Dr. Paul Krais 1920 eine Antwort angeboten hat (siehe Kasten). Dr. Paul Krais: Die Hölzer; zitiert nach: Fachblatt für den Holzarbeiter, 15. Jahrgang, 1920, S.131.
Das bekannte Dilemma allerdings bleibt bestehen: Die Naturwissenschaft – wenn sie sich überhaupt mit diesem Thema befasst und nicht wie im bekannten Hamburger Forstinstitut geschehen überlegen von sich weist – kann die Erfahrung der Praktiker nicht mit ihren Meßmethoden und – Begriffen fassen. Was also ist dran am Mondholz? fragte sich der Meisterkurs für das Schreinerhandwerk an der Gewerbeakademie Freiburg und hat sich, um nicht im drohenden Glaubens- und Grabenkrieg zu versinken, zu einem medienwirksamen Experiment entschlossen: „Holz, das am 1. März nach Sonnenuntergang geschlagen wird, brennt nicht“, so heißt eine überlieferte Holzregel, die im doppelten Sinn verblüfft. Einmal, weil es sich hier gewissermaßen um eine Ureigenschaft des Holzes handelt, die hier außer Kraft gesetzt werden soll – und zum anderen, weil das Datum selber als absolut willkürlich erscheint und selbst Mond- oder Gestirnsstellungen keine Berücksichtigung finden.
Testen wir
Man sieht: Der Begriff Mondholz ist ein relativ ungenauer Oberbegriff. Er umfasst sowohl die Schlagtermine der Jahreszeit (Winter/Sommer) als auch des Mondstandes (aufgehend/abfallend) wie auch darüber hinausgehend einzelne Fälltage, die besondere Holzeigenschaften mit sich bringen sollen. Die Initialzündung für unsere Aktivitäten gab ein Bericht in BM 1/2000 S. 105, der über die spontane Reaktion „Das glaub’ ich nicht“ bald zum Entschluss „ Das prüfen wir nach“ führte. Mit dem staatlichen Forstamt Kirchzarten wurde ein kooperationsbereiter Partner, mit dem zuständigen Revierförster Römer ein begeisterter Mitstreiter gefunden (und überhaupt: Bei unseren Kontakten haben wir fünf Förster getroffen, die ihr Privathaus mit Mondholz gebaut haben). Mittlerweile wurden am 29.2., am 1.3. und am 2.3. dieses Jahres je eine Buche und eine Fichte aus dem gleichen Bestand und gleichen Alters geschlagen, d.h. der Vergleichsrahmen wurde bewusst sehr eng gewählt, um die Bedeutung des einen entscheidenden Tages kontrollieren zu können. Die Bäume liegen noch am Freiburger Hausberg, dem Schauinsland, werden Anfang Mai aus dem Bestand herausgezogen, aufgesägt und getrocknet. Ende Juli soll dann eine Flammprobe stattfinden, um im praktischen Test die Brenn- oder die Unbrennbarkeit zu testen. Allein die Ankündigung unseres Vorhabens hat in der Öffentlichkeit für erhebliche Aufmerksamkeit gesorgt, so dass wir sicherlich ein großes Publikum begrüßen können. Im September wird dann in Freiburg eine Podiumsdiskussion stattfinden, an der auch der Österreicher Erwin Thoma sowie Vertreter des forstwissenschaftlichen Institutes der Universität Freiburg teilnehmen werden. Für spannende Ereignisse ist also gesorgt und wir sind selber neugierig, wie unsere Ergebnisse aussehen werden. Übrigens: Gestern erreichte uns die Nachricht, dass wir am 1. März nach Sonnenuntergang nicht allein mit der Motorsäge unterwegs waren: Ein Architekt ließ zur selben Stunde Buchenholz für den Bau einer Haustreppe einschlagen, mit dem er den F 90 Wert ohne weiteren Brandschutz einhalten will.
Christian Zander, Sölden
Wissenswertes zum Holzeinkauf
„Um die Angaben über die Fällzeit des Holzes nachprüfen zu können, gibt es ein einfaches Mittel. Man bestreiche den Querschnitt des Stammendes mit Jodlösung und wird bemerken, dass die Markstrahlen als dunkle Linien auf einfarbig gelbem Grund sich abheben; hier liegt dann ein im Winter geschlagener Stamm vor. Markieren sich dagegen die Markstrahlen heller ab auf einfarbig gelbem Grund, so wurde dieses Holz im Sommer gefällt.“
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