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Goethes Grundsätze über Möbel und Wohnung

Von Josef M. Greber *
Goethes Grundsätze über Möbel und Wohnung

Rollschreibtisch für Charlotte von Stein, 1779 nach Goethe’s Entwurf vom Hofebenisten Johann M. Mieding in Weimar angefertigt; mit Genehmigung der Stiftung Weimarer Klassik/Museen
Die Möbel machen den Raum zur Wohnung. Je nach ihrer Auswahl und Zusammenstellung wird der Wohnzweck des Raumes bestimmt. Dekor und Teppich, Bild und Beleuchtungskörper vervollständigen dann die Wohnlichkeit. Sie schmücken und beleben. Sie unterstreichen den bereits durch das Möbel gegebenen ernsten oder festlichen, repräsentativ-vornehmen oder sachlich-einfachen Charakter des Zimmers. Wenn die einzelnen Teile des Hausrats in Form und Farbe, Größe und Anordnung aufeinander abgestimmt sind, bildet jeder Raum eine harmonische Einheit, die Wohnung eine organische Ganzheit.

Von allen Einrichtungsgegenständen der Wohnung steht das Möbel dem Menschen am nächsten. Es dient unmittelbar seinen vielseitigen und wechselvollen Lebensbedürfnissen. Darum bestimmt auch der menschliche Körper Größe und Form der Möbel. Unzweckmäßige und prunksüchtige Repräsentationsmöbel wirken nüchtern, fremd und kalt. Sie rauben dem Raum die Wohnlichkeit.

Wohnraum und Wohnung geben ein Spiegelbild von der Lebensart des Inhabers. Sie bilden ein Stück seiner Lebensform. Die soziale Stellung und gesellschaftliche Bindung des Hausherrn, aber auch die völkische Eigenart und Sitte sowie die Mode, besser gesagt, der Zeitstil, spielen bei der Gestaltung der Wohnung immer eine gewisse Rolle. Von der sachlich-einfachen, schmucklos-zweckbestimmten Einrichtung bis zur repräsentativ-vornehmen, kostbar-schmuckvollen oder sogar überschwenglich-prunkhaften Möblierung gibt es mannigfache Abwandlungen.
Je prägnanter eine Persönlichkeit, desto ausgeprägter ist ihre Wohnung. Die Kunst zu leben besteht bis zu einem gewissen Teil in der Kunst zu wohnen. Lebens-Meisterschaft kann die Wohn-Kunst zur Wohn-Kultur steigern. Dafür gibt Goethe ein bezeichnendes Beispiel.
Goethe hat seine Maximen über Möbel und Wohnung mehrfach deutlich ausgesprochen, aber auch ebenso folgerichtig in die Praxis umgesetzt. Mit Vorliebe richtete er für Freunde und Bekannte und nicht zuletzt für sich selbst Wohnungen ein, ließ er Möbel nach eigenen Ideen herstellen. Bereits als sechzehnjähriger Student ging Goethe in Leipzig der Familie Breitkopf „beim Auf- und Ausbau, beim Möblieren“ und Beziehen ihres neuen Hauses zur Hand. Auf die Gestaltung der Räume des Weimarer Hofes nahm er wesentlichen Einfluß. Herders Amtswohnung ließ Goethe vor dessen Ankunft in Weimar sorgfältig wiederherstellen und mit viel Liebe bemühte er sich um die Einrichtung der neuen Wohnung der Frau von Stein. Galt ihm doch die Wohnung als das halbe Leben der Menschen.
Alle handwerklichen Arbeiten, vornehmlich die bautechnischen, erregten bei Goethe größtes Interesse. Eine gewisse praktisch-technische Veranlagung mag er von den Vorfahren väterlicherseits ererbt haben, da Groß- und Urgroßvater ehrsame Handwerker waren. Das Erlebnis vom Umbau des väterlichen Hauses am Großen Hirschgraben in Frankfurt am Main beeindruckte ihn sehr. Er durfte in der Verkleidung eines Maurers den Grundstein legen helfen und in der Folgezeit die umfangreichen, zum Teil recht schwierigen Arbeiten bis zur Vollendung des Hauses aus nächster Nähe beobachten. Von besonderem Reiz war die Durchführung des Innenausbaues und die Ausstattung der großen Zimmer, für die eine Reihe neuer Möbel beschafft wurden. Da nach seiner eigenen Erkenntnis niemand die Jugendeindrücke verlöschen oder verwinden kann, blieb Goethes Interesse am Bauen und Einrichten stets lebendig.
Der Herr Rat gewöhnte seinen Sohn recht früh daran, selbständig kleine Geschäfte zu besorgen. Besonders trug er ihm auf, die „Handwerker, die er in Arbeit setzte, zu mahnen, da sie ihn gewöhnlich länger als billig aufhielten.“ Dadurch kam Goethe in viele Werkstätten und lernte die Arbeitsweise der einzelnen Handwerker kennen. Unter anderem beobachtete er gerne den Tischler, wenn er die ältesten Bohlen aussuchte und „mit Leimen, Hobeln und Zurichten derselben aufs genaueste zu Werke ging.“
Auch späterhin unterhielt Goethe stets lebhafte und innige Beziehungen zum werktätigen Volk und zum Tischlerhandwerk. Den berühmtesten Kunsttischler seiner Zeit, David Roentgen, dessen Vater Abraham Roentgen bereits Möbel ins Elternhaus geliefert hatte, besuchte er in Neuwied und lobte ihn in verschiedenen Schriften. Johann Wilhelm Kronrath, einen der besten Mitarbeiter Roentgens, siedelte Goethe nach Schließung der Neuwieder Werkstatt in Weimar an. Besonders innig war sein Verhältnis zu dem Hofebenisten Johann Martin Mieding, dessen Tod ihn zu einem rührenden Trauergesang veranlaßte.
Goethe entwarf den Schreibtisch für Frau von Stein
So wie Goethe den Malerpinsel zu führen wußte, so verstand er es auch, „mit Zirkel und Lineal umzugehen“. Wir kennen verschiedene Baurisse von ihm. Goethe entwarf sich in der Regel seine Möbel selbst, um sie dann bei einem tüchtigen Schreiner anfertigen zu lassen. Dabei kamen ihm die durch viele Werkstattbesuche erworbenen arbeitstechnischen Kenntnisse sehr zustatten. Ein bezeichnendes Beispiel ist der Schreibtisch für Frau von Stein (siehe Abb.), der vom ersten Entwurf an seine Sorge war und dessen Anfertigung er genau überwachte. Unpersönliche Konfektionsmöbel lehnte Goethe ebenso ab wie protzige Repräsentationsmöbel. Er stellte in seinen Wohnungen jeweils nur diejenigen Möbel auf, die er unbedingt benötigte. Es waren Gebrauchsmöbel im besten Sinn des Wortes. Das gilt in gleichem Maße für die Gesellschafts-, Arbeits- und Schlafräume. Goethe verlangte Möbel mit einfacher, klarer Linienführung, deren Größe und Ebenmaß dem praktischen Bedürfnis, und deren Aufbau der materialgerechten Arbeitstechnik des Schreiners entsprach. Er war ein Feind jedes unnützen Zierates, der die Zweckbestimmung des Möbels nur stören konnte. Die Anregung zu diesen Grundsätzen hat Goethe im wesentlichen von Adam Friedrich Oeser, dem Direktor der Leipziger Kunstakademie, empfangen, dessen Zeichenschüler er zwei Jahre lang war. Oeser galt als Künstler nicht viel. Um so mehr Bedeutung kam ihm als Lehrer zu. Er besaß das große Talent, seine Theorien mit überzeugender Kraft vortragen und seine Schüler durch eine feinsinnige Ästhetik gewinnen zu können. Oeser war ein Vorkämpfer der klassizistischen Kunstrichtung und Verfechter jener Auffassung von der absoluten Schönheit der Antike. Johann Joachim Winckelmann, der 1755 das berühmtgewordene Wort von der „edlen Einfalt und stillen Größe der griechischen Statuen“ geprägt hat, verdankt Oeser ebenfalls vielerlei Anregung und Förderung. In „Dichtung und Wahrheit“ berichtet Goethe von Oesers Wohnung folgendes: Sie „war wundersam und ahnungsvoll, für mich höchst reizend. Die Möbel, Schränke, Portefeuilles, elegant ohne Ziererei und Überfluß. So war auch das erste, was er uns empfahl und worauf er immer wieder zurückkam, die Einfalt in allem, was Kunst und Handwerk vereint hervorzubringen berufen sind. Als abgesagter Feind des Schnörkel- und Muschelwesens und des ganzen barocken Geschmacks, zeigte er uns dergleichen in Kupfer gestochene und gezeichnete alte Muster im Gegensatz mit besseren Verzierungen und einfacheren Formen der Möbel sowohl als anderer Zimmerumgebungen, und weil alles um ihn her mit diesen Maximen übereinstimmte, so machten die Worte und Lehren auf uns einen guten und dauernden Eindruck.“
Von Frankfurt aus gestand Goethe in Briefen an Leipziger Freunde, Oeser habe seine Seele gebildet und ihn gelehrt, daß Einfalt und Stille das Ideal der Schönheit seien. Dieselbe Einfalt wollte er auch am Gebrauchsmöbel verwirklicht sehen, durch die es nicht nur zweckmäßig, sondern auch schön wurde. Oeser blieb zeitlebens mit Goethe geistig verbunden.
Eigenartigerweise hat die monumentale Kunst des Spätbarock und Rokoko, der Goethe in Leipzig und Dresden begegnete, überhaupt keinen Eindruck bei ihm hinterlassen. Er ging an ihr vorüber, ohne davon angesprochen zu werden. Dasselbe gilt bezüglich der häuslichen Umgebung in Frankfurt am Main. Die kostbaren Barock- und Rokokomöbel, die zum Teil aus altem Familienbesitz, zum Teil aus wohlüberlegten Neuanschaffungen des Vaters herrührten, waren ihm, nachdem er durch Oesers Lehren beeindruckt, von Leipzig zurückkehrte, ohne Zweifel alle zuwider, obgleich er bloß die chinesischen Tapeten und schnörkelhaften Spiegelrahmen offen kritisierte.
Überladene, prächtige Zimmer lehnte Goethe ab
Überhaupt war eine Wohnung, wie sie sich der Vater eingerichtet hatte, für Goethes Lebensart viel zu prächtig, zu überladen, zu schnörkelhaft. Sie diente ihm niemals als Vorbild. Prächtige Gebäude und Zimmer sind nach Goethes Meinung „für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will nichts weiter.“ Er selbst war dagegen bewegt, lebhaft und vielseitig interessiert. Er verabscheute die lähmende Ruhe. In seinem Leben ging es zu wie bei einer „Schlittenfahrt“. Für eine solche Lebensart taugen aber überladene und prächtige Zimmer nicht. Sie sind bloß „etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen“.
Goethe bevorzugte für sein persönliches Wohnbedürfnis einfache, ja geringe Zimmer, die, seiner Ansicht nach, der inneren Natur volle Freiheit lassen, tätig zu sein. Auch alle Arten von Bequemlichkeit lehnte er ab. Das will nicht heißen, daß er in den Empfangs- und Gesellschaftsräumen der nahezu fünfzig Jahre benutzten Wohnung am Frauenplan in Weimar keinen Sessel oder kein Sofa aufgestellt hätte. Nein! In seinem eigentlichen Wohn- und Arbeitsraum jedoch bedurfte er solcher Möbel nicht. Es genügten ihm einfache hölzerne Stühle. Ebenso schlicht waren Tisch und Pult, Schrank und Bett, Fenster und Fußboden. Selbst im hohen Alter legte er keinen Teppich auf.
Es entsprach durchaus den Grundsätzen vom praktischen Gebrauchsmöbel, wenn Goethe das Stilmöbel ablehnte. Er sagt, es stünde im Widerspruch zu dem lebendigen Tag, in den wir gesetzt seien, wenn man sein Wohnzimmer mit veralteter Umgebung ausstaffiere; es sei eine Art Maskerade, die auf die Dauer nicht wohltun könne. In der Wohnung am Frauenplan sucht man daher etwa auch vergeblich nach den barocken Prunkmöbeln aus der elterlichen Wohnung.
Goethe lebte fast 57 Jahre in Weimar. Während dieser langen Zeit besaß er sieben Wohnungen. Zwei davon können jedoch nur als wirkliche Dauerwohnungen angesehen werden. Bei seiner Ankunft in Weimar stieg er zunächst im Hause des Kammerpräsidenten von Kalb ab. Es lag am Töpfermarkt. Nachdem er sich zur Übersiedlung nach Weimar entschlossen hatte, mietete er für sich allein eine Wohnung im Hause des Hofkassierers König hinter der Wache, unmittelbar beim Schlosse. Dort blieb er aber nicht lange. Genau zwei Monate später siedelte er bereits in das kleine Gartenhaus an der Ilm über. EEs stellte ein Geschenk des Herzogs dar. Hier richtete Goethe erstmalig eine eigene Wohnung ein, eng und bescheiden, aber völlig ausreichend für sich und den Diener. Sechs Jahre lang stellte das Gartenhaus seinen Lieblingsaufenthalt dar. Während der gleichen Zeit unterhielt er aber auch kleine Stadtwohnungen, und zwar von 1777 bis 1779 im Erdgeschoß des Fürstenhauses und anschließend bis 1781 im einstigen Vogelstädtischen Hause, das in der Seifengasse neben dem des Freiherrn von Stein lag. Sie wurden aber nur im Notfalle benutzt. Im Sommer 1782 bezog Goethe dann erstmalig bis zum Antritt der Italienreise das Helmershausen’sche Haus am Frauenplan. Nach der Rückkehr aus Italien wohnte er vorübergehend im Jägerhause vor dem Frauentore, um 1792 endgültig zum Frauenplan zurückzukehren und die vierzig Jahre bis zu seinem Tode am 22. März 1832 dort zu wohnen. Hier schuf er sich ein Heim, ganz nach seinen Lebensbedürfnissen und Maximen, von denen Eckermann sogleich nach dem ersten Eindruck 1823 schrieb: „Ohne glänzend zu sein, war alles höchst edel und einfach“.
Goethes Anschauungen über Möbel und Wohnung kommt heute, wie vielem andern seines schier unerschöpflichen Gedankengutes, erhöhte Bedeutung zu. Der grausige zweite Weltkrieg hat Millionen Menschen das Heim geraubt, die liebwerten Möbel vernichtet. Mit dem berechtigten Verlangen dieser Armen nach Erneuerung der beglückenden und kraftspendenden Wohnung fällt den Möbelschöpfern unserer Zeit die schwerste Aufgabe zu, die jemals diesem Berufsstande gestellt wurde. Goethe kann bei ihrer Lösung mithelfen. Mögen die Architekten, Schreiner und Möbelfabrikanten sich in seine Gedankengänge vertiefen, sich seine Wohnräume und Wohnmöbel anschauen. Richtungsweisende Erkenntnisse und ermutigende Anregung wird ihnen zuteil werden. n
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