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Gute Raumakustik aus Schreinerhand

BM-Serie Raumakustik für das Handwerk, Teil 2
Gute Raumakustik aus Schreinerhand

In Teil 1 unserer Serie Raumakustik für das Handwerk (BM 07/20) wurde die raumakustische Aufgabenstellung des Projektes „BrauereiWirtschaft“ in Ehingen Berg beschrieben, einer planerischen Kooperation der Inosyst GmbH und der Fuchs – Raumingenieure GmbH. In dieser Ausgabe erfahren Sie, wie das Projekt raumakustisch optimiert, und in Zusammenarbeit zwischen Planern und Schreiner-Fachbetrieb erfolgreich umgesetzt wurde.

Michael Fuchs

Die Beurteilung der raumakustischen Qualität kann grundsätzlich rechnerisch oder durch eine Messung erfolgen. In diesem Falle entschieden sich die Planer für raumakustische Messungen. Zur Beurteilung wurde das Regelwerk DIN 18041:2016 herangezogen. Dadurch ließ sich feststellen, dass vor allem die Nachhallzeit für die vorgesehene Nutzung deutlich zu hoch ausfiel. Eine zu hohe Nachhallzeit lässt einen Raum „hallig“ und dadurch ungemütlich wirken. Außerdem wird nachvollziehbar, wieso besonders bei einer hohen Belegung der Schalldruckpegel und somit die Lautstärke im Raum stark ansteigt (sog. Lombard-Effekt).

Die Frequenz als Schlüsselelement

Bei der Nachhallzeit handelt es sich um keinen pauschalen Kennwert. Sprache und Kommunikation bedienen sich eines relativ breiten Frequenzbereichs. Um dem Raum gerecht zu werden ist somit auch die Nachhallzeit frequenzabhängig zu betrachten. Bei der „BrauereiWirtschaft“ wurde eine erhöhte Nachhallzeit über den gesamten Frequenzbereich festgestellt, besonders jedoch im Bereich 250 bis 1000 Hz. Diese Erkenntnis ist für die Wahl der geeigneten Produkte von besonderer Bedeutung.

Die Wahl des richtigen Absorbers

Die Nachhallzeit lässt sich durch sogenannte Schallabsorber reduzieren. Dabei ist zu beachten, dass sowohl Ausführung, Material als auch die Montagesituation einen großen Einfluss auf dessen frequenzabhängige Leistungsfähigkeit haben. In Gasträumen werden üblicherweise poröse Absorber verwendet. Poröse Absorber bestehen in der Regel aus einer oder mehreren porösen Schichten (z. B. Vliese, Fasern, Schäume, Textilien usw.). Je dicker ein Absorber aufgeführt wird, desto breiter wird sein frequenzabhängiger Wirkungsbereich. Einen ähnlichen Einfluss hat die Einbausituation. Je größer der Abstand des Absorbers vom Bauteil (z. B. Wand oder Decke), desto wirkungsvoller wird dieser in der Regel bei tiefen Frequenzen.

Mit Planung zur Wirtschaftlichkeit

Dieser Zusammenhang ist in mehrerlei Hinsicht von großer Bedeutung. Würde man bei der „BrauereiWirtschaft“ beispielsweise vor allem hochfrequent wirksame Absorber einbringen, so würden diese Produkte nicht zur gewünschten raumakustischen Verbesserung führen. Unter Umständen läuft man Gefahr, den Raum in den falschen Frequenzbereichen zu bedämpfen. Dies könnte sogar einen negativen Effekt mit sich bringen. Durch die Beachtung der frequenzabhängigen Herausforderung und die Berücksichtigung der zuvor genannten Stellschrauben lässt sich ein wirtschaftliches Konzept erarbeiten. Somit weiß der Planer, welche Absorber für den Raum tatsächlich geeignet sind, worauf er hinsichtlich Materialität, Dicke und Einbausituation achten muss und kann damit die notwendige Menge auf den Punkt erfassen und einplanen.

Position und Wirkung

Schall hat grundsätzlich das Bestreben, sich in alle Richtungen auszubreiten. In einer Gaststube erfolgt dies an allen möglichen Stellen – in der Regel überall dort wo gesprochen wird beziehungsweise wo sich Personen befinden. Im Gegensatz zu einer „grünen Wiese“ ohne Wände oder sonstige Begrenzungsflächen haben Reflexionen an Oberflächen (Wand, Boden, Decke, Möbel) einen großen Einfluss und sind zudem der Grund für hohe Nachhallzeiten. Um die raumakustische Qualität über den gesamten Raum zu verbessern, ist eine gleichmäßige Verteilung der Absorber anzustreben.

Das perfekte Produkt aus Schreinerhand

Nachdem die akustischen Stellschrauben geklärt waren, galt es, ein Produkt zu finden, welches dem Raum auch in Sachen Wertigkeit, Optik und Haptik entspricht. Um vor allem dem architektonischen Ansatz gerecht zu werden, entschieden sich Kunde und Planer für eine projektspezifische Maßanfertigung. Die einzubringenden Absorber sollten sich in den Raum einfügen und dessen Wirkung unterstreichen. Für die Produktion sowie für die Montage suchte man sich Unterstützung bei einem lokalen Schreinerfachbetrieb.

Materialität und echte Nachhaltigkeit

Um das perfekte Produkt zu kreieren wurden geeignete Produktaufbauten anhand einer Materialcollage diskutiert. Denn nachhaltig ist ein Produkt nur dann, wenn es sowohl ökologischen, ökonomischen sowie sozialen Kriterien entspricht und diese während der Herstellung, über die gesamte Nutzungsdauer und sogar bei der Rückbauphase berücksichtigt werden.

Da echte Nachhaltigkeit bei diesem Projekt einen hohen Stellenwert genießt, entschied man sich für eine Holz-Rahmen-Konstruktion als Tragkonstruktion, einen Absorber-Schichtaufbau aus einer speziell verdichteten Schafwolle, sowie eine textile Bespannung aus hochwertigem Loden. Auf lösungsmittelbasierende Verklebungen wurde bewusst verzichtet und man entschied sich für Produkte und Fachbetriebe aus der Region.

Altbau – maßgeschreinert

Die „BrauereiWirtschaft“ mit Geschichten aus vielen Generationen hat Charme, jedoch auch große Toleranzen in der Bausubstanz und bringt somit gewisse Herausforderungen bei der Maßgenauigkeit mit sich. Das Aufmaß des Schreiners war vorab unerlässlich und zeigte, dass jeder Absorber unterschiedliche Abmessungen benötigen würde. So entstanden hochwertige, individuelle Absorber, welche fast unscheinbar in die Mansarde des Raumes eingebracht werden konnten. Durch einen definierten Abhang zur Dachschräge wurde die absorbierende Leistung perfekt auf die Frequenz abgestimmt. Auch wirken die Elemente dadurch leichter und vermitteln einen schwebenden Eindruck.

Ein besonderes Highlight ist der flächenbündige Absorber an der Stirnseite des Raumes. Dieser wurde bewusst in Szene gesetzt und grafisch untermalt. Der sichtbare Holzrahmen sowie der bedruckte Loden wirken wie eine große Tafel und zeigen den Besuchern die einzelnen Schritte der Bierherstellung.

Ein Ergebnis, das sich sehen und hören lässt

Rückblickend kann man mit Stolz sagen, dass das Projekt für alle Beteiligten ein großer Erfolg geworden ist. Die raumakustische Qualität der „BrauereiWirtschaft“ wurde deutlich verbessert. Der Betreiber profitiert maßgeblich davon, denn nun herrscht die gewünschte Atmosphäre – sowohl bei den Gästen als auch bei den Mitarbeitern. Planer und Schreiner blicken auf ein gelungenes gemeinsames Projekt zurück und die dadurch entstandene Referenz und die gewonnenen Erkenntnisse aus dem interdisziplinären Austausch sind die perfekte Basis für spannende und zukünftige Projekte.


Der Autor

Michael Fuchs ist Schreiner, Rosenheimer Dipl.-Ing. (FH), M.BP., Bauphysiker und Geschäftsführer der Fuchs – Raumingenieure GmbH. Die Raumingenieure sind Spezialisten aus dem Bereich der Bau- und Raumakustik. Als unabhängige Planer unterstützen sie Projekte, entwickeln Produkte und schulen Interessierte in ihren Kompetenzbereichen.

www.raumingenieur.de


Glossar

Nachhallzeit

Bei der Nachhallzeit handelt es sich um die Zeitspanne in Sekunden, in der der Schalldruckpegel in einem Raum (z. B. nach Abschalten einer Schallquelle) um 60 dB abfällt.

Frequenzbereich

Der raumakustisch relevante Frequenzbereich ist von der Nutzung abhängig und betrachtet i. d. R. Oktav-Frequenzen zwischen 250 bis 2000 Hz bzw. 125 bis 4000 Hz.

Lombard-Effekt

Beschreibt das Phänomen, dass Menschen in einer lauten Umgebung die Lautstärke, wie auch die Tonhöhe ihrer Sprache erhöhen, um dadurch besser verstanden zu werden. Dies wiederum erhöht den Pegel im Raum, was weitere Sprecher dazu veranlasst, auch deren Lautstärke und Tonhöhe anzuheben.

Regelwerke der Raumakustik

Typische Regelwerke für die raumakustische Planung im Hinblick auf Lärmreduktion und Hörsamkeit sind z. B. (Auszug)

  • DIN 18041:2016 Hörsamkeit in Räumen – Anforderungen, Empfehlungen und Hinweise für die Planung
  • ASR A3.7 – Technische Regeln für Arbeitsstätten – Lärm

RAP – Raumakustik-Planer

Software für die raumakustische Planung für Planer, Anbieter und Hersteller.

Weitere Infos unter:

www.raumakustik-planen.de

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