Oberflächen- und Werkstofftrends: Sehen, fühlen, riechen, hören

Jetzt mit allen Sinnen

Haben Sie schon einmal in einem tollen Sportwagen gesessen? Ist schon etwas her? Kommen Sie mit mir auf eine kleine Reise ins Autohaus. Dahinten steht einer: bronzefarben, metallic – Wow! Doch auch bei den aktuellen Oberflächen- und Werkstofftrends geht es vor allem um eines: das Erleben von Materialität.

Autor: Katrin de Louw

I Oh, bitte: nach Ihnen, ich nehme den Beifahrersitz. Man fällt ganz schön tief, bevor man sitzt … Türen zu: Bumm. Bumm. Stille. Atmen nicht vergessen. Fühlt sich guuuut an. Das Lenkrad ist aus schwarzem Leder, die Nähte sind bronzefarben, überall eine Menge glänzender, schwarzer Bedienelemente mit kleinen eleganten Symbolen – auch in Bronze. Ihre Finger gleiten über das Lenkrad hin und her, dann runter zum Schaltknauf. Schööön. Wir sitzen in diesem Sportwagen und der Sitz schmiegt sich an unsere Körper, als seien wir Teil des Automobiles – wie für uns gemacht. Im Fußraum befindet sich ein Teppich – denken Sie jedenfalls, da ist ja immer Teppich drin und sicher hätten Sie es bemerkt, falls er gefehlt hätte. Oberflächen sind also viel mehr als die Dinge, die wir sehen und ertasten. Unser ganzer Körper fühlt die Oberflächen in seiner Nähe. Im Auto und im Raum.

Der Geruchssinn wird immer wichtiger
Die Gestaltung der Oberflächen bestimmt sehr häufig, ob wir uns in Räumen wohlfühlen oder nicht. Und neben der haptischen spielt auch die taktile, passive Wahrnehmung der Oberflächen eine sehr große, wenn auch oft unbewusste Rolle. Aber nochmal zurück ins Auto: Es riecht so gut – irgendwie neu und wertig. Nicht nur nach Leder. Die Automobilindustrie beschäftigt sich schon lange mit dem Geruchsdesign und das gewinnt auch in der Inneneinrichtung an Bedeutung. Auf der Suche nach beeindruckenden Raumerlebnissen ist der Geruchssinn ein ganz wichtiger – er sagt uns, dass das, was wir sehen, real ist, dass wir nicht in einem virtuellen Raum unseres Computerspiels sind, sondern in einem Zimmer mit echten, erlebbaren Materialien. Als Pionier auf diesem Gebiet bietet die österreichische Firma Organoid mittlerweile eine riesige Auswahl an Oberflächen, die nach ihren sichtbaren Bestandteilen duften. Nachdem wir als erstes die blühende Alpenwiese riechen durften, gibt es jetzt viele neue Oberflächen, z. B. Kaffee und Lavendel, die optisch ansprechend sind und die gleichzeitig danach duften. Der Hersteller verspricht, dass der Effekt mehrere Jahre anhält.
Auch auf die Akustik kommt es an
Es geht also um das Erleben von Materialität. Auch in unserem Auto. Sitzen Sie noch gut? Schön ruhig hier. Wir haben mit dem Schließen der Türen den Straßenlärm draußen gelassen. Natürlich ist das Geräusch, mit dem die Tür sich geschlossen hat, auch vom Hersteller designt und von mir mit „Bumm“ ziemlich unzureichend beschrieben. Materialien bestimmen die Raumakustik und sie sollten so verwendet werden, dass sie dem Bedürfnis nach Wohlklang und Ruhe entgegenkommen. Das ist uns mindestens beim Thema Trittschall seit Langem bekannt. Wir haben in jüngster Vergangenheit aber durch die Entstehung von Großraumbüros, Loftappartements und Sichtbetonwänden neben großen Glasfassaden uns selber das Problem der schlechten Akustik ins Haus geholt und so gibt es mehr und mehr interessante Lösungen der Plattenhersteller mit schallabsorbierenden Materialien. Dabei können die Oberflächen unterschiedlich gestaltet sein – mit Furnier, Schichtstoff bis hin zu neuen mineralischen Oberflächen, die, aufgezogen auf einer Wabenplatte und unauffällig perforiert, hervorragende Schallschluckwerte aufweisen. Richter Akustik & Design hat mit „Mineralveneer“ die Idee des mineralischen Furniers neu belebt. Es ist auf einer Art „Schichtstoff“ aufgebracht, sieht aus wie Putz, soll aber vom Tischler auch gut zu verarbeiten sein und sich positiv auf das Raumklima auswirken.
Used-Optik: Alt, älter, am ältesten
Die Furnier- und Massivholzhersteller haben ebenfalls erkannt, dass die Oberflächengestaltung auch beim Echtholz an Bedeutung gewinnt. Sie ruhen sich nicht mehr auf der Aussage „Wir verkaufen ein Naturprodukt“ aus, sondern entwickeln aus ihrem Produkt neue Designs und ansprechende Oberflächen. Allen voran ist das Thema des vergrauten Holzes, da beim Anblick gebrauchter und alter Materialien viele Assoziationen und damit Emotionen beim Betrachter wach gerufen werden. Neben silbergrauen Furniervarianten, die verwittert aussehen, finden sich auch vergraute Spaltholzoptiken oder andere massive Plattenlösungen in Used-Optik.
Die Firma Stainer aus Österreich unterstützt den Effekt, indem sie auf Tischlerplatten Wurmlöcher oder auch verbrannte Holzoberflächen digital aufdruckt. Und die bekannten Betonimitationen auf Holzwerkstoff gibt es jetzt auch im Vintage-Look, also mit einer gealterten Anmutung.
Am Horizont erscheinen honigfarbene Hölzer
Wenn wir über Holztrends reden, haben wir eine Vielzahl von Holzarten von hell bis dunkel, die wir in den nächsten Jahren als „trendy“ verbauen dürfen. Müsste ich jetzt eine Wertung abgeben, so ist das Trendthema der sehr hellen, auch nordischen Holzarten wie Fichte, Lärche, Esche, Ahorn schon sehr aktuell und erst hinten am Horizont kommen langsam, aber sicher wieder honigfarbene Hölzer auf uns zu. Es dauert aber noch mindestens drei bis fünf Jahre, bis man das am Markt deutlich erkennen kann.
Doch ich habe eine gute Nachricht: Sie dürfen ab sofort die Holzarten miteinander kombinieren! Die Zeiten, dass wir uns in unserer Innenarchitektur auf nur eine Holzart konzentriert haben, sind zum Glück vorbei. Der Mix macht es. Die Oberflächen der modernen Räume sind vielfältig und liebevoll zusammengestellt – um nicht zu sagen: zusammengesammelt. Neben unterschiedlichen Holzarten finden sich Möbel unterschiedlicher Stilrichtungen und ein umfangreicher Material-, Farb- und Mustermix bis hin zu unterschiedlichen Kultureinflüssen.
Textiles spielt übrigens in der Raumgestaltung eine immer größer werdende Rolle und genau wie die Oberflächen der Holzwerkstoffe, ist auch dieses immer mehr 3D und damit spannend zu fühlen. Kennen Sie „Wooden Textiles“, wo Furnier in kleinen Dreiecken auf einem textilen Träger zu einem Mosaik zusammengefügt ist? Es war mir schon früher aufgefallen. Sowieso gewinnen Furniereinlegearbeiten, maßgeschneidert auf das Möbel, aber in neuen, modernen geometrischen Mustern an Bedeutung. Dabei spielen Dreiecke, die an Tragwerksstrukturen erinnern, eine große Rolle. Beeindruckend sind auch neue furnierte Platten, die mit einer starken 3D-Struktur mit solchen Dreiecken spielen – das Ganze mutet kristallin an.
Echt oder als Effekt: Bronze, Kupfer, Messing
Neben Holz und Textil kommen traditionelle Materialien wie Edelmetalle und Echtstein in der Innenarchitektur der nächsten Jahre wieder in Mode. Dabei ist der Siegeszug von Kupfer nicht mehr aufzuhalten. Es passt beispielsweise hervorragend zu Schwarz oder Dunkelblau aber auch zu vielen hellen oder dunklen Hölzern. Messing ist auch ein Trendthema, tut sich aber etwas schwerer als die Kollegen Kupfer oder Bronze. Es gibt schöne Werkstoffe mit metallischen Oberflächen, die vom Tischler zu bearbeiten sind. Neben Echtmetalloberflächen auf Schichtstoff oder Verbundplatte finden sich viele neue attraktive Metalleffekte auf Lack, Leder, Kunstleder oder Kunststoffoberflächen in allen Varianten.
Bei den Natursteinen, die an Bedeutung gewinnen, ist der weiße Marmor Trendsetter, dicht gefolgt von der schwarzen Variante.
Übrigens ist Schwarz das Trendthema, das in den nächsten Jahren noch an Bedeutung gewinnen wird. Schwarz und Schwarz-Weiß-Kontraste. Gerne in Supermatt – nicht nur am Auto, sondern auch am Möbel. Dabei gibt es jetzt schon viele hervorragende Anti-Fingerprint-Lösungen auf supermatten Oberflächen. z. B. das HPL „Traceless“ von Resopal.
Sowieso sind die Kunststoffoberflächen, flappsig gesagt, irrsinnig gut geworden. Die Strukturen werden immer tiefer, HPL bietet hier mit die stärkste Haptik, aber auch bei den direktbeschichteten Platten bis hin zu den dünnen Folienoberflächen bekommen wir immer fühlbarere Strukturen. Fast alle Plattenhersteller haben jetzt die sogenannte Synchronpore im Programm: Die Struktur der fühlbaren Oberfläche folgt dem darunterliegenden Druckbild. Dazu kommen natürlich matte Glanzgrade oder spannende Matt-Glanz-Kompositionen, die entweder die Täuschung perfekt machen oder mit einem neuen, eigenständigen Design faszinieren.
Wählen Sie mystische Farben
Ach, und noch etwas: Der Weißanteil nimmt ab. Ich meine, die reinweißen Oberflächen um uns herum in der Raumgestaltung werden weniger. Natürlich verschwinden sie nicht völlig, dafür ist sie uns viel zu sympathisch, diese freundliche Nicht-Farbe. Aber wir mögen es insgesamt etwas lebendiger, gelebter, bunter. Blau kommt zum Beispiel – auch für Edelkarossen übrigens. In der Innenarchitektur sehen wir uns aber vielen Farbwelten gegenüber, da ist für jeden etwas dabei. Besonders erwähnen möchte ich hier die schicken, dunklen und mystischen Farben, von Nachtblau über Sienarot, Dunkelgrün bis zu Schwarz. Sehr edel als Ergänzung zu weißem Marmor und z. B. zu Messing als glänzendem Metallakzent. Für eine leichtere Atmosphäre, wohnbehaglich und freundlich, gibt es neue Pastelltöne – nein, gar nicht kitschig, sondern erdig, rauchig, gräulich. Dazu passen prima die hellen Holzarten sowie Sichtbetonoberflächen und schaffen ein fröhliches und unkompliziertes Ambiente.
Raus aus dem Schlitten, die Wohnung ruft
So, und wir beide müssen jetzt wieder aus diesem Schlitten aussteigen. Leider. Falls es Sie tröstet: Ich besitze auch keinen solchen Sportwagen. Macht aber nichts, denn wir beide wissen ja jetzt, dass es viele Wohlfühloberflächen gibt, mit denen wir uns zu Hause umgeben können. I

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