Holzwerkstoffe dürfen nur noch halb so viel Formaldehyd enthalten

Jetzt schnell aufbrauchen

Seit dem 1. Januar dürfen in Deutschland nur noch Holzwerkstoffe auf den Markt gebracht werden, die deutlich weniger Formaldehyd enthalten, als bisher erlaubt war. Die gute Nachricht: Schreiner und Tischler können ihre Bestände dennoch aufbrauchen.

Ralf Spiekers

Durch ein neues Prüfverfahren ist nun der bisher für Holzwerkstoffe gültige Standard E1 in Deutschland nicht mehr zulässig. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) hat nämlich die Prüfmethoden verschärft. Konkret bedeutet das, dass die Prüfkammer mit mehr Holzwerkstoffen (1,8 m2/m3) beladen und gleichzeitig der Luftwechsel halbiert wird. De facto steigen also die Anforderungen an die Platten selbst und der alte Formaldehyd-Grenzwert von 0,1 ml/cbm (ppm) wurde gekippt. Die Branche spricht von E/2- bzw. von 0,05 ml/cbm (ppm)-Platten. Die Verbände der Holzwerkstoffindustrie nennen den neuen Standard E05.

Erst auf den zweiten Blick erkennbar

In der Chemikalienverordnung allerdings steht immer noch der Wert von 0,1 ml/cbm (ppm). Nur dass dieser nun mit einer doppelt so großen Menge an Holzwerkstoffen und weniger Luftaustausch erreicht werden muss. Somit ist die Verschärfung des Grenzwertes erst auf den zweiten Blick erkennbar (ChemVerbotsV § 3 Absatz 4 Satz 1 vom 20. Januar 2017, BGBl. I S. 94; 2018 I S. 1389).

Formaldehyd ist ein Gefahrstoff und als krebserzeugend eingestuft, weil er gesundheitsschädlich die Schleimhäute reizt und im Nasen-Rachen-Raum Krebs auslösen kann. Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Regelung zu sehen. Ziel war es, beschichtete und unbeschichtete Holzwerkstoffe besser zu machen.

Bis 31. Dezember 2019 war alles beim Alten

Die bisherigen Prüfmethoden waren bis zum 31.12. 2019 gültig, somit durften bis zu diesem Zeitpunkt beschichtete und unbeschichtete Holzwerkstoffe (Spanplatten, Tischlerplatten, Furnierplatten und Faserplatten) in althergebrachter Weise hergestellt werden. Seit dem 1. Januar 2020 müssen bei der Herstellung die neuen Anforderungen berücksichtigt werden.

Es geht um das „In-Verkehr-Bringen“

Tischler und Schreiner könnten an dieser Stelle meinen, das Problem sei ein reines Problem der Holzwerkstoff-Hersteller. Doch die Verordnung, die im vollen Text „Verordnung über Verbote und Beschränkungen des Inverkehrbringens und über die Abgabe bestimmter Stoffe, Gemische und Erzeugnisse nach dem Chemikaliengesetz“ lautet, klärt schon im Titel, dass es hier um das Inverkehrbringen von Stoffen geht.

In der Verordnung werden zwei Anforderungen formuliert, eine für Holzwerkstoffe und eine für Möbel:

(1) Beschichtete und unbeschichtete Holzwerkstoffe (Spanplatten, Tischlerplatten, Furnierplatten und Faserplatten) dürfen nicht in den Verkehr gebracht werden, wenn die durch den Holzwerkstoff verursachte Ausgleichskonzentration des Formaldehyds in der Luft eines Prüfraumes 0,1 ml/cbm (ppm) (de facto 0,05 ml/cbm Anm. d. V.) überschreitet.

(2) Möbel, die Holzwerkstoffe enthalten, die nicht den Anforderungen nach Absatz 1 entsprechen, dürfen nicht in den Verkehr gebracht werden.

Absatz 2 gilt jedoch auch als erfüllt, wenn die Möbel die unter Absatz 1 genannte Ausgleichskonzentration bei einer Ganzkörperprüfung einhalten.

Ausnahmen:

Das Verbot nach Absatz 1 gilt nicht für Platten, die ausschließlich zum Zwecke einer geeigneten Beschichtung in den Verkehr gebracht werden, sofern sichergestellt ist, dass sie nach der Beschichtung die (…) Ausgleichskonzentration einhalten.

Also dürfen auch Möbel den Grenzwert im Prüfraum von 0,1 ml/cbm (ppm) nicht überschreiten. Allerdings ist nicht anzunehmen, dass das Handwerk jedes Möbel messtechnisch überprüft. Folglich sind wie in der Vergangenheit Holzwerkstoffe verwendbar, die die Grenzwerte einhalten.

Kein Stichtag für Altbestände

Allerdings formulierte die Bekanntmachung des BMU von 2018 keine Übergangsfristen zu Altbeständen. Es bedurfte einer Klarstellung, dass die Lagerbestände von Holzwerkstoffen, die die Grenzwerte des Stichtags 31. Dezember 2019 erfüllten, noch verwendet werden dürfen. Die FAQ des BMU vom 19. November 2019 haben hier Klarheit geschaffen (siehe QR-Code. Es gilt also: Holzwerkstoffe, die vor dem 31.12.2019 hergestellt wurden, dürfen auch nach diesem Datum in Verkehr gebracht werden, soweit sie den Grenzwert unter Anwendung der in der Bekanntmachung (BAnz AT 26.11.2018 B2) unter „Gültig bis 31. Dezember 2019“ genannten Methoden nicht überschreiten. Positiv ist auch, dass keine weitere Stichtagsregel formuliert wurde, zu der die Lagerbestände abgebaut sein müssen. Hier setzt das BMU auf den schleichenden Prozess verbesserter Holzwerkstoffe.

Vorsicht muss man in Zukunft beim Zukauf von Holzwerkstoffen aus anderen europäischen Ländern walten lassen: Dadurch dass die Regelung bisher nur in Deutschland gilt, ist – seit dem 1. Januar 2020 – 0,1 ppm nicht mehr überall das Gleiche.

Bestände abbauen, Neukauf dokumentieren

Zusammenfassend kann gesagt werden: Tischler und Schreiner sollten zügig ihre Lagerbestände an Holzwerkstoffen, die noch nicht nach neuer Messmethode geprüft wurden, abbauen und bei der Bestellung von Holzwerkstoffen künftig möglichst auf eine Bestätigung reduzierter Formaldehydemissionen achten. Es empfiehlt sich, diese Dokumentation abzulegen, um für Rückfragen gerüstet zu sein. Wobei – wie vorab dargelegt – der Holzhandel auch noch seine Altbestände verkaufen darf.


Der Autor

Ralf Spiekers ist Abteilungsleiter Technik, Normung und Arbeitssicherheit beim Verband Tischler Schreiner Deutschland.


Übersicht in BM 02/20

Was bieten die Holzwerkstoffhersteller?

Wie die Holzwerkstoffhersteller im Einzelnen mit den neuen Formaldehyd-Grenzwerten umgehen, erfahren Sie in BM 02/20.


HDH und VHI kritisieren

Deutsche Sonderregelung ist eine Wettbewerbsverzerrung

„Durch die Umstellung der Messmethodik kommt es zum 1. Januar 2020 de facto zu einer Halbierung des Formaldehyd-Grenzwertes in Holzwerkstoffen“, erläutert Jan Kurth, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie. Zwar werde damit das richtige Ziel verfolgt, im Rahmen der zur Verfügung stehenden Technologien die Grenzwerte abzusenken. Allerdings merkt er kritisch an: „Wir haben den nationalen Alleingang von vorneherein abgelehnt. Statt in Deutschland eine Insellösung zu schaffen, hätte sich der Gesetzgeber besser auf europäischer Ebene für eine einheitliche Regelung einsetzen sollen, um auf diesem Wege Wettbewerbsverzerrungen für die deutsche Holz- und Möbelindustrie zu vermeiden.“

 Die Verbände HDH und VHI bewerten auch die Forschungsergebnisse fachlich kritisch. Insbesondere sei die angesetzte Beladung speziell für Möbel zu hinterfragen. Zudem wird die bisherige Referenzmethode EN 717-1 als robust bewertet. Auch rechtlich halten die Verbände es für zweifelhaft, ob insbesondere im Bereich der harmonisierten Bauprodukte (bei denen über die harmonisierte EN 13986 die Prüfmethode EN 717-1 vorgegeben ist) eine derartige nationale Abweichung zulässig ist.

Ob alle Hersteller von Holzwerkstoffen die rechtzeitige Umstellung ihrer Produktion gewährleisten können und daher Versorgungsengpässe vermieden werden können, sei mehr als zweifelhaft.

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