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Mondholz – was ist dran?

Eine Annäherung
Mondholz – was ist dran?

Dass Holz, das am ersten März geschlagen wurde, nicht brennt, wurde durch einen Brandversuch an der Gewerbeakademie Freiburg nicht bestätigt (siehe BM 9/00, S.168f). In einer Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass „die Phänomene viel komplizierter sind als oft dargestellt und dass sie über vereinfachende traditionelle Regeln weit hinausgehen.“

Wer heute in einer Suchmaschine des Internets das Wort „Mondholz“ eingibt, erlebt Erstaunliches: Über 100 Web-Seiten wollen inzwischen gelesen werden. Sägereien, Holzbesitzer wie Thurn und Taxis („500 m³ Fichte, 300 m³ Tanne, Preis auf Anfrage“), Schreinereien, Tischler und Bauunternehmen, vor allen Dingen aus dem Zimmereibereich, bieten „Mondholz“ an, andere informieren über Versuche und die Diskussion um dieses „neue“ Holz, das sich auf alte Vorstellungen beruft. „Mondholz“ expandiert, an allen Ecken begegnen wir ihm, sogar die Bayrische Landesforstverwaltung bietet in ihrem neuen Seminarprogramm folgenden Kurs an: „Mondholzschlagen – für Privatwaldbesitzer“.

Agile Waldbesitzer können bis zu 10 DM/m³ als Mehrerlös einnehmen. Aus Österreich werden sogar Preisspannen von bis zu 100 % mehr berichtet, wobei eine Region nahezu 1/3 des Holzeinschlags als Mondholz auf dem Markt absetzen soll. Überhaupt sind in Österreich die Entwicklungen etwas weiter gediehen: Die oberösterreichische Landesinnung (dem entspricht in Deutschland der Landesfachverband) propagiert in Zusammenarbeit mit der dortigen Landwirtschaft ein „Mondprojekt“, in dem neben Waldbesitzern, Sägewerkern auch 25 Tischlereien ihre Dienste konzentriert per Internet anbieten (www.tischlerinfo.co.at/ mondtischler/index.html). Sie haben auf den Punkt gebracht: „Nach dem ,Vollholz-Boom’ und der ,Bio-Welle’ beweisen nun Tischlereibetriebe aus Oberösterreich bei der Verarbeitung von Holz, das nach bestimmten Mondphasen eingeschlagen wurde, ihr Gespür für Marketing.“
Das Geschäft mit diesem Holz läuft also. Und immer mehr Handwerker sind bereit, sich auf die neue Erfahrung einzulassen. Meister, die bereits Mondholz verarbeiten, machen Mut: Zur rechten Zeit eingeschlagenes Holz trockne besser, sei standfester, weniger riss- und schädlingsanfällig. Die Forstwissenschaft allerdings teilt diese Sicht nicht, sie gießt Wermut in die Begeisterung und kann bisher keinen signifikanten Unterschied in die Holzqualität zwischen Holz mit „günstigem“ und „ungünstigem“ Schlagtermin feststellen. 1988 etwa veröffentlichte Jens Triebel zusammen mit Professor Bues von der Universität Dresden im Holz-Zentralblatt eine vergleichende Arbeit „Mondphasenabhängiger Holzeinschlag: Doch was dran?“, in der die Autoren zu einem negativen Ergebnis kommen. Dr. Ute Seelinger von der Uni Freiburg spricht nach zwei betreuten Diplomarbeiten über Fichten vom „Mythos Mondholz“. Tatsächlich ist dieser Gegensatz zwischen Praktikern und der Wissenschaft schon sehr alt und wird mal mehr mal weniger heftig ausgetragen.
Die Meisterklasse an der Gewerbeakademie in Freiburg wollte nicht zwischen die Mahlsteine der unterschiedlichen Meinungen geraten und beschloss daher, einen Aspekt der Mondholzaussagen im praktischen Versuch zu überprüfen (siehe BM 9/2000, S. 168f). Auf den ersten Blick lässt sich die überlieferte Schlagregel „Holz, am 1. März nach Sonnenuntergang geschlagen, brennt nicht“ für den Versuchsaufbau nicht bestätigen.
Mondholz ein Mythos?
Mondholz also doch ein Mythos? Dieser nahe liegende Schluss lässt sich so schnell nicht ziehen: Denn es handelt sich beim Holz vom 1. März ja eben nicht um „Mondholz“ – also unter Berücksichtigung des Mondstandes geschlagenes Holz – sondern um „Terminholz“, d. h. durch den Kalendertermin bestimmt. Denkbar wäre es, dass die alten Schlagregeln, die als Grundlage der heutigen Beschäftigung mit dem Mondholz fungieren, sowohl Phänomene der Naturbeobachtung („Mondholz“) umfassen als auch Relikte alter magischer und religiöser Daten. Sonnenwenden, Jahreswechsel und religiöse Hochfeste wurden (und werden) oft als besondere Kraftquellen verstanden: Der geweihte Osterbusch bewahrt in katholischen Gegenden auch heute noch vor Krankheit, mit den Neujahrsbeschwörungen verdient eine ganze Industrie ihr Geld. Und so könnte auch der 1. März mit einer besonderen Bedeutung versehen worden sein, denn bis zum Julianischen Kalender ( 45 v. Chr.) galt der 1. März als Neujahrstag.
Mit anderen Worten: Das Ergebnis des Brandversuches sagt nichts aus über die eventuelle Qualität des so genannten „Mondholzes“. Die Frage danach blieb offen und wurde deshalb als Thema einer eigenen Podiumsveranstaltung gewählt („Mondholz – Mythos oder Werkstoff der Zukunft?“), die am 15. September in der Gewerbe Akademie Freiburg durchgeführt worden ist. Teilnehmer waren neben Schreiner- und Zimmermeistern ein Architekt, der bekannte österreichische Unternehmer und Buchautor Erwin Thoma und der Diplom-Forstwirt Jens Triebel, Tharandt, Uni Dresden.
Einschlagstermin nur ein Kriterium von vielen
In seinem Einleitungsvortrag hielt Thoma ein flammendes Plädoyer für die umfassende Verwendung des Werkstoffes Holz. Seine inzwischen 50 Mann große Firma setzt auf neue Techniken und Anwendungen, um im Interesse der Gesundheit und des Umweltschutzes Holz verbauen zu können. Bei ihm und den anderen Praktikern auf dem Podium wurde im Verlauf der Diskussion deutlich, dass der richtige Einschlagstermin (Mondholz) nur ein Kriterium ihrer Behandlung des Holzes darstellt. Wichtig war ihnen auch die Auswahl des Baumes (Wuchsort, Alter, Wachstum), die Behandlung nach dem Fällen, die Berücksichtigung des Verwendungszweckes und die genaue Beobachtung des Holzverhaltens beim Trocknen unter 30 % Holzfeuchtigkeit. „Sehe ich da, dass in einem Stück noch Spannungen sind, sortiere ich es für einen anderen Zweck aus“, sagt Thoma über die Friese seiner Wintergartenverglasungen, mit denen er Glasweiten von über 5 Meter einspannt (!). Holz ist ihnen mehr als in eine DIN-Norm geht – und die gängigen drei Kriterien für den Holzeinkauf (Holzfeuchte, Astfreiheit und Gradheit) reichen ihnen für Holzeinkauf und -verwendung nicht aus. So nimmt es denn nicht Wunder, dass die Frage nach einem Rezept für gutes (Mond-) Holz auf den ersten Blick abschlägig beantwortet wurde: „Es kann kein Patentrezept geben“, hieß es. „Ein krummes Holz wird auch durch den Mondtermin nicht gerade“ und „Es ist eine Sache der praktischen Erfahrung, jeder muss seine Erfahrungen selber machen“. Die waren immerhin bei den Handwerkern auf dem Podium so gut, dass keiner von ihnen auf das „Holz vom rechten Zeitpunkt“ verzichten wollte.
Leider hatte Frau Dr. Seeling von der Universität Freiburg kurzfristig ihre Teilnahme an der Diskussion absagen müssen, so dass Jens Triebel angesichts der Mehrheitsverhältnisse auf dem Podium keinen leichten Stand hatte. Er wies darauf hin, dass die Forstwissenschaft in mehreren Vergleichsuntersuchungen keine Besonderheiten des Mondholzes festgestellt habe. Seine Untersuchung der historischen Rechtsvorschriften und Schlagregeln habe zudem ergeben, dass keine einheitliche Praxis etwa in dem Sinn ,früher wurde im Winter geschlagen’ oder ,früher wurde im abnehmenden Mond geschlagen’ zu erkennen sei.
Wenig wissenschaftliche Forschung
Nun darf allerdings der Begriff der „Forstwissenschaft“ nicht überbewertet werden, denn es werden im deutschsprachigen Raum nur an vier Instituten Fragen des Mondholzes betrachtet (Dresden, Freiburg, Österreich und in der Schweiz in Zürich). Davon betreibt Jens Triebel nach eigenen Aussagen in Dresden inzwischen mangels öffentlicher Forschungsgelder dieses Gebiet „nach Feierabend“, in Freiburg existiert noch eine ausstehende Diplomarbeit und in Österreich soll, die „Holzkapazität Nr. 1“ (ein Professor) zwar ein Urteil ausgesprochen haben (Holzqualität und Schlagtermin haben keinen Zusammenhang), aber keine Forschung mehr betreiben. Allein an der ETH Zürich wird umfassender über dieses Thema nachgedacht.
Hier allerdings tut sich Wichtiges. In einem noch unveröffentlichten Artikel „Mondbezogene Traditionen in der Forstwirtschaft und Phänomene in der Baumbiologie“ geht Dr. E. Zürcher weit über die bisherige Diskussion pro/contra hinaus. Bei der Untersuchung eventueller rhythmisch veränderter Holzeigenschaften zieht er Ergebnisse anderer Forscher heran, die rhythmische Prozesse bei der Wasseraufnahme belegen (Bohnenexperiment von Brown und Chow, 1973; Arbeiten zum Eichenkern, Burmester 1978 und Zellulose-Experiment, ETH Zürich, 2000). Seine Vermutung ist, dass das Verhältnis vom Anteil des freien Wassers zum Anteil des elektrostatisch in den Intermicellarräumen gebundenen Wassers nicht konstant, sondern rhythmisch veränderbar ist. Dieses könnte Veränderungen in den jeweiligen Holzeigenschaften mit sich bringen. In dem erwähnten Artikel werden verschiedene Ansatzpunkte für weiterführende Forschungen aufgezeigt, die unsere Kenntnisse der Baumbiologie wesentlich erweitern könnten. Abschließend schreibt Zürcher: „Deutlich wird, dass die Phänomene viel komplizierter sind, als oft dargestellt und dass sie über vereinfachende traditionelle Regeln weit hinausgehen.“
Christian Zander
Sonderheft
Die Schweizerische Zeitschrift für das Forstwesen (SFZ), veröffentlicht im November 2000 ein Sonderheft zum Thema „Mondholz“, in dem u. a. der angeführte Aufsatz Dr. Zürchers, veröffentlicht wird.
Bezugsadresse:
Schweizerische Zeitung für Forstwesen, ETH Zentrum, HG F 14,
CH – 8092 Zürich
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