Tischler Schreiner Deutschland legt neue Branchenrichtlinie vor

Was ist ein echter Mangel?

„Kitt und Leim machen die Arbeit fein,“ haben die Meister früher spaßeshalber zu ihren Lehrlingen gesagt. Was aber sind wirklich Mängel, die der Kunde beanstanden darf? Mit der „Richtlinie zur visuellen Beurteilung von Tischler- und Schreinerarbeiten“ sorgt der Bundesverband Tischler Schreiner Deutschland TSD für Klarheit.

von Helmut Haybach

Jeder Tischler und Schreiner kennt das Szenario: Ein Kunde reklamiert Fehler an Material oder der Oberfläche. Häufig ist in solchen Fällen jedoch unklar, ob tatsächlich ein Mangel vorliegt, denn sowohl der Schreiner als auch der Kunde fühlen sich im Recht. Um es gleich vorwegzusagen: Naturbedingte Merkmale wie Äste, Kern- oder Splintholz sind in der Regel eher hinnehmbar als verarbeitungsbedingte wie Ausbesserungen oder Bearbeitungsspuren. Denn gerade bei Massivholz und Furnieren geht der Trend hin zu Ursprünglichkeit und Natürlichkeit. Doch dies ist nur ein Aspekt, dem die aktuelle Richtlinie Rechnung trägt.

Bislang mussten die Sachverständigen im Tischler- und Schreinerhandwerk bei der Beurteilung von Fehlern und Mängelrügen auf die eigene Einschätzung oder Oberflächenrichtlinien zurückgreifen, die nur ansatzweise branchennah sind – wie z. B. die des Glashandwerks. Deshalb entschied sich der Arbeitskreis aus Sachverständigen und technischen Beratern beim TSD, eine eigene Branchenrichtlinie zu entwickeln, um praxisnah den Handwerkern wie auch den Sachverständigen eine verlässliche Orientierung an die Hand zu geben. Da passte es gut, dass zeitgleich im Rahmen der europäischen Möbelnormung eine ähnliche Initiative startete. Hier galt es, sich sinnvoll zu verzahnen mit den Normungsinhalten, um eine größtmögliche Akzeptanz in der Branche sicherzustellen.

Baustrahler sind unfair

Bei der visuellen Beurteilung im Möbel- und Innenausbau ist es wichtig, zunächst einmal faire Rahmenbedingungen zu beschreiben, um etwaige Fehler angemessen feststellen zu können. Diese Beurteilungsgrundsätze sind in der „Richtlinie zur visuellen Beurteilung von Tischler- und Schreinerarbeiten, Teil 1“ beschrieben (siehe Seite 32). Als Grundsatz gilt, dass eine Beurteilung sich möglichst nah an der produkttypischen Nutzung orientieren muss. Das heißt, etwaige Beanstandungen dürfen nicht besonders markiert werden, beispielsweise mit Post-it-Zettelchen. Auch darf es keine gezielte Ausleuchtung der Flächen mittels Baustrahlern oder Streiflichtern geben: Eine angemessene Beurteilung hat unter den üblichen Lichtverhältnissen zu erfolgen. Einzelne Details sind zudem in einem Abstand von ca. einem Meter zu beurteilen oder in der produkttypischen Nutzung. Für eine Tischoberfläche ist dies der Abstand, wenn man unmittelbar davorsitzt, bei einem Schrank der Bedienungsabstand der Türen, bei einer Verkleidung ist es dann ein entsprechend größerer Abstand. Was man nur mit der Lupe erkennen kann, ist als Fehler nicht relevant. Der farbliche Gesamteindruck, das Fugenbild, der Kantenverlauf lässt sich nur in einem sinnvollen Abstand von ca. drei Metern je nach räumlichen Gegebenheiten erfassen. Diese Rahmenbedingungen finden sich ganz ähnlich formuliert im aktuellen Normentwurf zur „Visuellen Bewertung von Möbeloberflächen DIN EN 17214“, der zur Zeit im europäischen Normenausschuss für Möbel erarbeitet wird.

Merkmale werden definiert

Mit den genannten Grundsätzen ist schon das Wesentliche für die Vorgehensweise im Streitfall definiert. In der „Richtlinie zur visuellen Beurteilung von Tischler- und Schreinerarbeiten, Teil 2“ werden nun detailliert die Materialeigenschaften und entsprechende Merkmale thematisiert. Dabei wird auf Massivholz und furnierte Flächen, Oberflächenbehandlung, Dekor- und Schichtstoffoberflächen, Mineralwerkstoffe, Glasflächen sowie Beschläge, Befestigungsmittel und Konstruktionen eingegangen – in Abhängigkeit davon, ob es sich dabei um sichtbare, halbverdeckte oder verdeckte Flächen handelt.

Für Dekoroberflächen sind jeweils relevante Merkmale wie Kratzer, Lackfehler oder Kantenfehler definiert. Auch hier gilt der Grundsatz, dass derartige Merkmale erst als Fehler relevant werden, wenn sie unter den Rahmenbedingungen der Detailbetrachtung für den Beobachter sichtbar sind. Um die Beschreibung der Fehler gerade im Lackierbereich zu standardisieren, hat man auf eine Liste aus dem Normentwurf DIN EN 17214 zurückgegriffen. In der aktuellen Richtlinie werden 17 Lackfehler beschrieben.

Massivholz darf auch wild aussehen

Bei Massivholz und Furnieren ging man bis vor ein paar Jahren davon aus, dass je schlichter die Oberfläche desto höher die Oberflächenqualität. Dies spiegelt sich in der Klassifizierung der aktuellen DIN EN 942 „Holz in Tischlerarbeiten“ wider. Das aber wird den Marktanforderungen immer weniger gerecht. Massivholz ist heute von einer Vielzahl von Ästen, Rissen und Ausbesserungen geprägt, um die Ursprünglichkeit und Natürlichkeit des Werkstoffes herauszustellen. Für die Beurteilung ist es entscheidend, ob das Gesamtbild des Möbelstücks in sich stimmig ist. Eine gleichmäßige Teilfläche in einem ansonsten rustikalen wechselhaften Umfeld wirkt genauso störend wie ein kleiner Ast auf einer astfreien schlichten Oberfläche.

Die Produkte des Tischler- und Schreinerhandwerks sind viel zu individuell gestaltet, als dass sie mit standardisierten Qualitätsklassen angemessen beschrieben werden können. Die Stimmigkeit des Gesamteindrucks ist dabei wichtiger als die Einzelbeurteilung eines Merkmals.

Deshalb hat sich der Arbeitskreis entschieden, keine Qualitätsstufen, sondern vier verschiedene Erscheinungsklassen zu beschreiben:

  • Gestreift und gefladert
  • Natur
  • Rustikal
  • Select.

Zur systematischen Beschreibung dieser Erscheinungsklassen einigte man sich auf 16 verschiedene Merkmale: Äste, Textur , Kern/Splintholz, Farbunterschiede , Bläue , Faserneigung , Drehwuchs, Risse , Insektenfraß, Markröhre , Harzgallen, Rindeneinschluss , Ausbesserungen, Bearbeitungsspuren, Farbmarkierungen sowie Kleb- und Leimfugen . Jedes dieser Merkmale ist ausführlich in der Richtlinie erläutert. Die jeweiligen Merkmale der gängigen Holzarten werden für die verschiedenen Erscheinungsklassen detailliert beschrieben. Damit lässt sich die Güte eines Möbels sehr viel besser und eindeutiger beschreiben als mit den beschränkten Möglichkeiten eines kleinen Musters.

So ist von vornherein festgelegt, wie die Oberfläche einer fachgerechten Tischler-/Schreinerleistung bewertet werden muss. Unberechtigten Reklamationen und Auseinandersetzungen mit Kunden kann auf diese Weise effektiv vorgebeugt werden, weil beispielsweise Abstände und Betrachtungswinkel genau definiert werden. Und wenn es doch einmal zum Streitfall kommt, tun sich auch Sachverständige deutlich leichter bei ihrer Beurteilung, da es im Vorfeld eindeutige, vereinbarte Regeln gab.

Reduzierter Anspruch an verdeckte Flächen

Bei halb verdeckten Flächen, die sich erst durch den Gebrauch des Möbels erschließen, muss sich die Beurteilung an der optischen Beschreibung von voll sichtbaren Flächen orientieren. Es ergibt sich aber ein reduzierter Anspruch im Hinblick auf die Oberflächenbehandlung oder die Holzstruktur. Auch für verdeckte Flächen wie Rückwände oder Schrankoberseiten gilt die Vorgabe der bewährten fachlichen handwerklichen Praxis. Hier dominieren die Vorgaben an die Funktionalität und Gebrauchstauglichkeit, die durch etwaige Oberflächenfehler, wie z. B. Risse, nicht beeinträchtigt werden dürfen.

Schon im Angebot die Merkmale beschreiben

Aus diesen Grundlagen ergeben sich folgende Anwendungsmöglichkeiten:

1. Der Tischler/Schreiner kann nun das Erscheinungsbild seines Möbels aus Massivholz oder in Furnier mit einer speziellen Erscheinungsklasse definieren und darauf in seinem Angebot Bezug nehmen.

2. Er ist aber auch frei, unter Zuhilfenahme der aufgeführten Merkmale eigene Erscheinungsklassen zu beschreiben und so vertraglich zu vereinbaren.

3. Im Streitfall mit dem Kunden kann eine geeignete Erscheinungsklasse der jeweiligen Holzart zur Beurteilung heranzogen werden.

Besonders hohen Kundenanforderungen, die in der Vergangenheit mitunter zu Reklamationen führten, wird auf diese Weise im Vorfeld Rechnung getragen.

Konform mit DIN EN 17214

Diese Vorgehensweise findet sich auch in dem oben angesprochenen europäischen Normentwurf zur visuellen Bewertung von Möbeloberflächen als sogenannte „Produktbeschreibung“. Sie kann alternativ für die in der industriellen Möbelherstellung bislang überwiegend genutzten Muster verwendet werden. Insofern können auch Zulieferer eine solche Form der Produktbeschreibung als Referenz heranziehen.

Möbel soll in sich stimmig sein

In der Gesamtbeurteilung geht es um Stimmigkeit des kompletten Möbels. Die Richtlinie hat dafür einige Merkmale definiert, welche aus der erwähnten Beurteilungsdistanz nicht erkennbar sein dürfen:

  • auffällig ungleiche Konstruktionsfugen
  • erkennbare Abweichungen in der Fluchtlinie von Fronten
  • Unebenheiten in der Arbeitsfläche oder in der Frontansicht
  • ungleiche Parallelen von Schrank- und Schiebetüren
  • auffällige Durchbiegung von Einlegeböden.

Richtlinie muss sich in der Praxis beweisen

Mit der Erarbeitung der Richtlinie zur visuellen Beurteilung im Möbel- und Innenausbau hat das Tischler- und Schreinerhandwerk in seinem wichtigsten Produktbereich eine eigene Branchenrichtlinie geschaffen, um den Umgang mit Mängeln und Beanstandungen auf eine systematische Basis zu stellen. Sie ist konform mit dem europäischen Normentwurf zur „Visuellen Bewertung von Möbeloberflächen“ und konkretisiert diesen auf die typischen Produkte im Tischler- und Schreinerhandwerk. Wie jede andere Richtlinie und Norm muss sich in der Praxis zeigen, ob die Vorgaben und Formulierungen sinnvoll zu handhaben sind. Jetzt kann die Branche damit arbeiten und aus der Anwendung heraus wird sich zeigen, ob und wie die Richtlinie eventuell in einigen Jahren entsprechend nachgebessert werden kann. Weitere Richtlinien zur visuellen Beurteilung von anderen Produktbereichen – z. B. Fenster, Treppen u. Ä. – sind in Vorbereitung.


Der Autor

Helmut Haybach ist technischer Berater am Technologie-Zentrum Holzwirtschaft GmbH in Lemgo.

www.tzholz.de


Die Richtlinie des TSD

Das Erscheinungsbild von Möbeln beurteilen

Mit der „Richtlinie zur visuellen Beurteilung von Tischler- und Schreinerarbeiten, Teil 1 – Beurteilungsgrundsätze“ bringt Tischler Schreiner Deutschland eine Orientierungshilfe auf den Markt, die eine Beurteilung nach objektiven und einheitlichen Maßstäben ermöglicht. In der „Richtlinie zur visuellen Beurteilung, Teil 2 – Möbel und Innenausbau“ werden in dieser Form erstmals holzartenspezifische Merkmale beschrieben und der Branche Hilfestellungen zur individuellen Beurteilung von Möbeloberflächen an die Hand gegeben. Die „Möbelrichtlinie“ ist der zweite Teil einer umfassenden fachlichen Schriftenreihe, mit der die Innungsorganisation plant, sukzessive wesentliche Bereiche des Tischler- und Schreinerhandwerks abzudecken.

Der Teil 1 umfasst 8 Seiten und kostet 9 €, Teil 2 umfasst 48 Seiten und kostet für Innungsmitglieder 41,73 €.

www.tsd-onlineshop.de

Foto: Tischler Schreiner Deutschland
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