Küchentrends – gesehen auf der Eurocucina in Mailand

Was Küchen heute wollen

Offene Regalelemente, lieber keine Hängeschränke, versteckte Dunstabzugslösungen – auf der Eurocucina in Mailand wurde vor allem deutlich, was die Küche von heute nicht will: ausschließlich Küche sein!

von Katrin de Louw

Alle zwei Jahre gibt parallel zur großen Mailänder Möbelmesse die Eurocucina einen Überblick über die weltweit führenden Trends in der Küche. Gemeinsam mit der benachbarten Messe FTK (Functions for the kitchens) waren es im April 165 Aussteller, die Designideen und technische Innovationen für die Zukunft der Küche präsentierten. Die Aussteller zeigten beeindruckende Aufbauten riesiger Küchen- und Wohnräume, mit vielen Naturmaterialien und Pflanzendekorationen rund um gesundes Kochen und naturnahes Leben, gespickt mit vernetzten und oftmals kaum sichtbaren Hightech-Lösungen. Dabei war auffällig zu beobachten, dass die Küche eines nicht will: ausschließlich Küche sein!

Küche wird zur Werkstatt

Durch die Verknappung des Wohnraumes und die damit zusammenhängende Verschmelzung der Wohnbereiche wird die Küche zum Allroundtalent, bietet Wohnwanddesign und wird zum sichtbaren Arbeitsplatz – sowohl für Köche als auch für Laptophelden. Wie bei einer Werkbank hängt das „Werkzeug“ in Form von Kochgeschirr und -zubehör griffbereit in offenen Regalsystemen, die nach Gebrauch entweder per Knopfdruck in die Arbeitsfläche verschwinden oder über große Frontelemente vollständig geschlossen werden.

Unterflurlösungen für Dunstabzugssysteme sind ebenfalls der Renner, um dem angesagten wohnlichen Look gerecht zu werden. Und wer kann, verzichtet ab sofort ganz auf klassische Hängeschränke.

Die Küche von heute versucht, sich als zeitüberdauernde ganzheitliche Einrichtungslösung zu etablieren und macht durch ihre große Material- und Technikkompetenz den anderen Einrichtungsgegenständen in der Wohnung die Rolle streitig. Licht spielt dabei eine große Rolle, wird sehr emotional und großflächig mit app-gesteuerter LED-Technik eingesetzt und wandelt den Raum vom Arbeitsraum zur Lounge am Abend.

Vertikale Holzmaserung

Obwohl die offenen Regalelemente die Küchenansicht immer wieder unterbrechen, bleibt der minimalistische Grundgedanke der kubischen Form. Und doch fällt auf, dass nicht nur die offenen Elemente die horizontale Linie unterbrechen: Auch die Holzmaserung der Fronten läuft in der modernen Küche wieder vertikal. Es scheint fast, als ob insgesamt die vertikale Linie wieder etwas mehr betont wird.

Dabei bestimmen die dünnen Materialstärken das Bild und die Kanten von Arbeitsplatten, Wangen und Regalböden. Die eingesetzten Materialien, wie Metall, Glas, Keramik und Naturstein, werden gerne „um die Ecke gedacht“, indem man sie sowohl auf der Arbeitsfläche als auch vertikal bei angrenzenden Fronten oder auch nur bei den obersten Schubkastenblenden einsetzt. Dabei sind integrierte Grifflösungen oder grifflose Varianten noch immer angesagt.

Holz kommt als furnierte oder massive Front zum Einsatz und zeigt in modernen Küchen durch starke Strukturen den rustikalen und emotionalen Gegenpol zur reduzierten Formensprache.

Lässig auf Kufen oder Füßen

Die Trendfarbe ist Schwarz, sie wird oft mit Naturstein sowie Eiche oder Nussbaum ergänzt. Messing oder Gold setzen wertige Akzente. Aber auch Silber, Chrom und Spiegelflächen sind wieder angesagt und schwappen vom Wohnaccessoire in die Küche.

Was mir noch aufgefallen ist: Viele der neuen Küchenmodelle stehen auf Kufen oder Füßen, verlieren dadurch ebenfalls den klassischen Einbaucharakter und wirken lässiger als ihre schwer wirkenden Vorgänger. Nur die notwendigen Anschlüsse werden nun natürlich zur einer kleinen Herausforderung, insbesondere bei den Kücheninseln. Die Lösung: Die Anschlüsse werden möglichst unauffällig in der Inselmitte über einen Kanal so nach oben bzw. unten geführt, dass es bei der normalen „schwebenden“ Küchenansicht dem Betrachter nicht ins Auge fällt.

Auch sonst ist die Technik schlau und möglichst unscheinbar integriert. Auf Knopfdruck oder per App ändern ganze Kücheninseln die Arbeitshöhe und schaffen so zusätzlichen Komfort für den Nutzer. Der Herd ist mit der Dunstabzugshaube via Bluetooth verbunden und gibt an, wenn diese ihre Aktivität erhöhen muss. Auch der Blick in den Kühlschrank ist mit der passenden App von unterwegs kein Thema mehr, um zu schauen, was noch im Einkaufswagen landen muss.

Die Küche ist also smart vernetzt und liefert Ideen mit passenden Rezepten auf der Arbeitsplatte – noch bevor die Hausherrin weiß, dass sie Hunger hat.

www.salonemilano.it


Die Autorin

Innenarchitektin Katrin de Louw ist Inhaberin von Trendfilter und führende Expertin für Möbel- und Materialtrends im Innenraum.

www.trendfilter.net