Schreinermeister Stephan Schmidt zu den Herausforderungen der C-Technologien. Die Digitalisierung als Chance begreifen - BM online

Schreinermeister Stephan Schmidt zu den Herausforderungen der C-Technologien

Die Digitalisierung als Chance begreifen

Auch wenn es selten ausgesprochen wird: Die Digitalisierung der Maschinen macht vielen Angst. Wir sind verunsichert. Ist das noch Handwerk? Manch älterer Schreiner ist froh, dass er noch ohne Umstellung in Rente gehen kann. Dagegen nutzen einige ambitionierte Kollegen bereits begeistert die vielfältigen neuen Möglichkeiten.

von Stephan Schmidt

Ohne Zweifel: So wie die Umwälzung durch die elektrischen Maschinen Ende des 19. Jahrhunderts unsere Schreinervorfahren verunsichert hatte, so passiert das die letzten Jahre über die C-Technologien mit uns. Arbeiten heute selbst die Restauratoren unter uns mit elektrischen Maschinen, so wird es voraussichtlich bis in 20 Jahren kaum noch eine Schreinerei ohne CNC-Bearbeitungszentrum geben.

Das Fundament bleibt gute Gestaltung

Es hängt nicht von uns ab, ob sich diese Technologie durchsetzt. Nüchtern betrachtet: Auch wenn die Maschinen digital gesteuert werden – sie bleiben Werkzeuge. Sie sind nicht für sich genommen gut oder schlecht. Sie sind angewiesen auf einen Fachmann, der sie entweder von Hand führt, oder sie programmiert. Beides braucht Erfahrung. Und: Das Fundament eines jeden Produktes ist die gute Gestaltung.

Gute Gestaltung vermag auch in Zukunft keine Software, keine Maschine und keine künstliche Intelligenz zu leisten. In diesem Bereich wird es auf absehbare Zeit auch weiterhin schöpferische, kreative Menschen brauchen, die sich mit Materialien und deren Verarbeitungsmöglichkeiten auskennen.

Gute Gestaltung umfasst neben den ästhetischen Kriterien wie Proportionen, Struktur, Farbe und Materialität auch Überlegungen zur sinnvollen Konstruktion, zur nachhaltigen Nutzbarkeit, zum kostenbedachten Konstruktions- und Arbeitsaufwand, etc. Übrigens: Gute Gestaltung kann man lernen. Speziell für Handwerker gibt es Akademien für Gestaltung. Beispielsweise in Ulm, München, Aachen, Münster oder Stuttgart.

Unbestritten haben C-Technologien große Vorteile: Ein durchgängig digitaler Workflow schafft neben den neuen Gestaltungsmöglichkeiten auch einen flüssigen, reibungslosen Arbeitsablauf vom digitalen Aufmaß bis zur Produktion mit dem CNC-Bearbeitungszentrum, der liegenden Plattensäge oder auch der Kantenanleimmaschine. Die Durchlaufzeiten verringern sich, die Fehlerquellen sinken.

Digitale Maschinen haben auch den großen Vorteil, dass sie mit einer hohen Wiederholgenauigkeit arbeiten. Für das Handwerk bedeutet das eine weitere Verschiebung vom Hand-Werk über das Maschinen-Werk hin zum „Werk“ an sich. Die Herstellung werden uns zunehmend Maschinen abnehmen, mehr oder weniger stark automatisiert, zunehmend sogar hochgradig miteinander vernetzt.

Zeit für einen Paradigmenwechsel

Die Entwicklung wird weiter in die Richtung weniger und größerer Betriebe voranschreiten. Das liegt auch daran, dass der Investitionsaufwand größer und die Investitionszyklen immer kürzer werden. Die Entwicklung schreitet exponentiell voran. Kleinere Schreinereien können dieses Tempo mittelfristig kaum mitgehen. Ganz abgesehen von den Investitionen.

Wir sollten uns für einen Paradigmenwechsel von der Konkurrenz zur Kooperation einsetzen. Viele unserer Probleme ergeben sich aus dem Paradigma des Wachstums und der Kokurrenz. Wenn wir als Schreiner weiterhin gegeneinander arbeiten, werden wir alle verlieren. Keine Schreinerei wird den Wettlauf oben beschriebener Investitionen und Innovationen auf Dauer alleine bewältigen – so wie wir auch als Menschheit unsere Probleme nur gemeinsam lösen werden (Dalai Lama).

Von Kooperation profitieren alle

Wir sollten verstehen, dass wir vieles besser bewältigen werden, wenn wir kooperieren. Vor allem auch die jüngeren Kollegen unter uns scheinen das verstanden zu haben, und arbeiten teilweise schon kooperativ zusammen. Der eine macht für seinen Kollegen das digitale Aufmaß, und freut sich, wenn dieser für ihn beispielsweise Kanten auffährt. Diese Art der Kooperation findet zunehmend statt – und das ist gut so!

Auch über digitale Schnittstellen können wir gut kooperieren. Nicht nur Aufmaß-, sondern auch Zeichnungsdaten für die Produktion am CNC-Bearbeitungszentrum können an Kollegen weitergegeben werden.

Zukunftsmodell Genossenschaft?

Oder auch das wiederentdeckte Konzept der Genossenschaft: Warum nicht mit Kollegen ein Bearbeitungszentrum gemeinsam kaufen, einen gemeinsamen Mitarbeiter anstellen, der die Aufträge der Genossen abarbeitet? Am Jahresende könnten die Kosten beispielsweise je nach Arbeitszeit aufgeteilt werden.

Der Vorzug liegt auf der Hand: Die Investition und die Nutzung teilt sich auf, und kann dadurch deutlich leichter bewältigt werden. Die Maschinenressourcen werden sinnvoller genutzt und Schwierigkeiten können gemeinsam leichter geschultert werden. Mehrere Kollegen finden eher eine Lösung als ein Einzelkämpfer. Und wir werden sehen, dass es uns besser gehen wird, wenn wir kooperativ arbeiten und leben.

Bis dahin ist es ein langer Weg – vor allem im Kopf. Möglichkeiten der Kooperation zu entdecken und zu fördern, sollte Chefsache werden. Bei uns, den Schreinerinnungen, Handwerkskammern und auch Bildungseinrichtungen.


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Der Autor

Stephan Schmidt ist Schreinermeister und Gestalter im Handwerk. In seiner kleinen Schreinerei „Möbelschmiede“ mit Sitz in 88271 Wilhelmsdorf arbeiten er und ein Geselle. Gegründet hat er den Betrieb 1994. In den vergangenen Jahren hat er drei Gesellinnen ausgebildet.

Nach der Ausbildung zum Karosseriemodellbauer bei Daimler-Benz, Zivildienst und Schreiner-Gesellenjahren hat er die Meisterschule in Sindelfingen (GDS) absolviert. 1998 bildete er sich zum Gestalter im Handwerk fort. 2010 kaufte er sein erstes (gebrauchtes) 4-Achs-Bearbeitungszentrum (Weeke Venture). In seiner Schreinerei arbeitet er u. a. mit den Programmen Pytha und AlphaCam.

Weitere Tätigkeiten von Stephan Schmidt: Dozent an der Akademie für Gestaltung in Ulm, Dozent an der Meisterschule in Waldshut, Projektleiter C-Technologien bei der Handwerkskammer Konstanz (extern).

www.moebel-schmiede.com

 


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