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BM-Interview mit TSD-Präsident Thomas Radermacher zum Thema Materialmangel

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Bei Massivholz und Holzwerkstoffen, aber auch bei Zulieferteilen spitzt sich die Beschaffungslage zu. Lieferengpässe und explodierende Preise sind die Folge. Wie ist die aktuelle Lage, wer oder was ist schuld und wie sind die Aussichten? Wir sprachen dazu mit TSD-Präsident Thomas Radermacher.

BM-Chefredakteur Christian Närdemann

BM: Machen wir zunächst eine kompakte Bestandsaufnahme: Wie stark beeinflusst das Thema Materialmangel das Tischler- und Schreinerhandwerk aktuell?

Thomas Radermacher: Auf den Punkt gebracht: Die Lage beeinflusst unser Handwerk bedrohlich. Ich habe in meiner über 40-jährigen Berufslaufbahn eine solche Situation noch nicht erlebt. Es gab natürlich immer wieder mal Preissteigerungsrunden, in sehr seltenen Fällen auch Lieferengpässe bei bestimmten Materialien. Aber keinen nahezu allumfassenden Materialmangel und damit einhergehende, inflationäre Teuerungen.

BM: Wie stellt sich die Situation bei Massivholz und Holzwerkstoffen dar?

Thomas Radermacher: Bei Fichtenholz, egal ob Schnittholz, Bauholz, KVH oder Brettschichtleimholz, sind die Läger bei den Holzhändlern leer bzw. die Preise sind explodiert. Wir reden hier über Steigerungen von bis zu 400 %. Normale, gehobelte Dachlatten kosten üblicherweise 45 bis 50 Cent pro Laufmeter. Jetzt sind es 1,80 Euro. In manchen Plattenbereichen gilt Ähnliches: OSB-Platten, Spanplatten, Bauplatten aller Art – keine Verfügbarkeiten, sehr lange Lieferzeiten und enorme Preissteigerungen. Bei manchen Holzhändlern werden nur noch Stammkunden bedient. In einigen Produktgruppen gibt es nur noch Tagespreise.

BM: Auch bei Zulieferteilen wird es eng. Wo ist die Situation besonders kritisch?

Thomas Radermacher: Im Beschlägebereich beschränkt sich der Mangel aktuell auf einzelne Produkte, z. B. Schubkastenauszüge und Zargen. Aber inzwischen enstehen auch bei Dichtstoffen, Schrauben und sonstigen Allerweltsmaterialien des täglichen Bedarfs Lieferrückstände. Für PVC-Produkte fehlen Grundstoffe.

BM: Was sind die wesentlichen Ursachen und Gründe für die aktuelle Situation?

Thomas Radermacher: Die Gründe sind vielfältig. In den USA boomt die Baubranche aufgrund des 1,2-Billionen-Dollar-Konjunkturpaketes der Biden-Administration. Holz ist dort aber ein noch wichtigeres Baumaterial als bei uns. Gleichzeitig besteht ein Handelskrieg zwischen den USA und Kanada, sodass dort der Holznachschub stockt. Aus den eigenen Wäldern kommt aufgrund der verheerenden Waldbrände weniger Holz. Folglich weicht man u. a. auf den europäischen Markt aus. Auch in China boomt die Baubranche. Russland liefert weniger Rundholz aufgrund geänderter Wertschöpfungspolitik, sodass die chinesischen Einkäufer ebenfalls nach Europa drängen. Die europäische Kommission hat zur Abwehr von Dumping-Preisen Strafzölle auf russisches Birkenholz in Höhe von 17,2 % verhängt. Das verengt den Markt zusätzlich und erhöht die Preise.

Unser Borkenkäferproblem verbietet es den deutschen Waldbauern und Sägewerkern, das Holz zu verarbeiten. Das betrifft rund 50 % des jährlichen Einschlages, ca. 25 Mio. Festmeter. Die Chinesen kaufen das zu für die Produzenten völlig unwirtschaftlichen Preisen von nur 35,- Euro pro Festmeter. Auskömmlich wären 100,- Euro. Das Material wird nach China verfrachtet, dort zu KVH oder BSH verarbeitet und wieder zu uns exportiert. Das ist absurd.

Aber es gibt auch Faktoren, die wir uns selbst einbrocken. Das Borkenkäfer-Kalamitätsholz darf bei uns nicht mal für Holzwerkstoffplatten verwendet werden und wird stattdessen z. T. in Kohlekraftwerken verbrannt.

Durch das in der jetzigen Situation kontraproduktive Forstschädenausgleichsgesetz wird bei uns der Frischholzeinschlag künstlich begrenzt und das neue Klimaschutzgesetz begrenzt den Holzeinschlag zusätzlich.

Bei den mineralölabhängigen Materialien oder bei Importprodukten sind die globalen Lieferketten unterbrochen. Ein 30-Fuß-Container kostet normalerweise 2000,- Dollar, derzeit bis zu 12 000,- Dollar. Die Industrie bringt ihre Produkte teilweise schon gar nicht mehr auf die Straße, weil Speditionen und Fahrer fehlen.

In der Coronazeit hat der Heimwerkerboom zusätzliche Dynamik bekommen. Die Menschen konnten nicht in Urlaub fahren und haben stattdessen die Baumärkte leer gekauft. Und dann gibt es auch noch Hamsterkäufe seitens einiger Unternehmen. Was Toilettenpapier 2020 war, ist 2021 Holz.



BM: Welche Auswirkungen beobachten Sie aktuell im Tischler- und Schreinerhandwerk?

Thomas Radermacher: Unsere wesentlichen Stärken sind Flexibilität und kurze Reaktionszeiten. Beispiel: Ein Kunde braucht ganz schnell 50 m² Fußboden aus OSB-Platten. Normalerweise kein Problem, aber derzeit nicht möglich, weil es kein Material gibt.

Es gibt Betriebe, die müssen trotz voller Auftragsbücher Kurzarbeit machen, weil Holz, Platten, Beschläge, Dämmstoffe, Stahl, Glas und PVC nicht verfügbar sind. Kunden müssen vertröstet werden. Das ist schlecht fürs Image. Zudem können Aufträge nicht fristgerecht abgearbeitet werden, es drohen Vertrags- und Konventionalstrafen. Normale Fertigungs- und Produktionsabläufe werden massiv gestört.

BM: Was können und müssen Betriebe in dieser sehr schwierigen Situation besonders beachten?

Thomas Radermacher: Genaue Marktbeobachtung betreiben. Viele Lieferanten bombardieren die Betriebe aktuell mit Informationen zu Teuerungsraten. Ich bezweifle, dass die Preissteigerungen immer berechtigt sind. Da werden sicher auch Mitnahmeeffekte genutzt.

Bei neuen Angeboten sollte man dringend kurze Preisbindungsfristen vermerken. Evtl. Preisgleitklauseln nachverhandeln, was aber äußerst schwierig ist, insbesondere bei gewerblichen oder öffentlichen Auftraggebern. Hier bedarf es entsprechender gesetzlicher Grundlagen, die Politik ist gefordert.

BM: Können die beschriebenen Preissteigerungen unser Tischler- und Schreinerhandwerk in ernsthafte Schwierigkeiten bringen?

Thomas Radermacher: In bestimmten Fällen ganz sicher. Da, wo langfristige Verträge bestehen oder z. B. Anfang des Jahres Aufträge erteilt wurden, die erst jetzt oder noch später abgearbeitet werden sollen, haben die aktuellen Preissteigerungen existenzbedrohende Auswirkungen. Einfach ausgedrückt: Die Kalkulationen sind kaputt. Hinzu kommen die bereits angesprochenen Vertrags- und Konventionalstrafen. Auch Privatkunden haben inzwischen mitbekommen, dass aktuell die Preise steigen. Deshalb verschieben sie Aufträge und Investitionen. In der Baubranche geht man von einer aktuellen Preisindexsteigerung in Höhe von ca. 30 % aus. Das stellt auch viele Neubau- und Sanierungsvorhaben infrage. Davon ist das Tischler- und Schreinerhandwerk ganz wesentlich betroffen.

BM: Wie geht Tischler Schreiner Deutschland auf politischer Ebene mit dem Thema um?

Thomas Radermacher: Wir haben das Problem und seine Tragweite bereits vor Monaten erkannt. Ich persönlich habe sofort über Präsident Wollseifer beim ZDH interveniert. Dort war man zunächst der Meinung, dass das ein marktwirtschaftliches Problem sei, auf das man wenig Einfluss habe.

Als die Situation dramatischer wurde, hat Wollseifer das im Rahmen des Verbändegipfels bei der Bundesregierung platziert. Und dann kam Bewegung in die Sache. Bundeswirtschaftsminister Altmeier, der bis dahin die Dramatik noch nicht erkannt hatte, wurde von der Kanzlerin beauftragt, sich des Problems umgehend zu widmen. Mitte Mai fand dann eine große Runde der betroffenen Verbände mit Altmeier statt, bei der Tacheles geredet wurde. Seitdem ist das Thema ganz oben angekommen.

BM: Was für konkrete Forderungen stellt Tischler Schreiner Deutschland an die Politik?

Thomas Radermacher: Zentral sind vor allem jene Aspekte, die den Betrieben jetzt kurzfristig helfen. Dazu zählen die Verlängerung und die Ausweitung der derzeit geltenden Kurzarbeiterregelung, die nachträgliche Vereinbarung von Preisgleitklauseln bei öffentlichen Aufträgen und natürlich auch die Aussetzung von Vertragsstrafen, falls ein Auftrag aufgrund der aktuellen Lage nicht erfüllt werden kann.

Weitere Punkte im TSD-Positionspapier betreffen die Aufhebung des Forstschäden-Ausgleichsgesetzes und die Anpassung des erst kürzlich verabschiedeten Klimaschutzgesetzes. Außerdem sollte Schadholz nicht verbrannt werden, wenn es sich für die Plattenherstellung eignet. Sinnvoll wäre auch ein stärkeres EU-weit abgestimmtes Vorgehen, um den Markt zu entlasten und gleichzeitig die europäische Binnenversorgung sicherzustellen.

Mittel- bis langfristig sind gute internationale Beziehungen und staatliche Förderung wichtig: Wir brauchen sowohl eine Klimaschutzprämie für die Kohlenstoffspeicherung in den Bereichen Bauen und Wohnen als auch bessere KFW-Förderprogramme beim Bauen und in der energetischen Sanierung. Außerdem müssen die regionale Forstwirtschaft sowie Produktions- und Wertschöpfungsketten nachhaltig gefördert werden. Und schließlich bedarf es guter bilateraler Beziehungen, insbesondere zu den USA und nach China, um für die Zukunft eine planbarere Marktsituation zu entwickeln.

BM: Sehen Sie einen unmittelbaren oder mittelbaren Zusammenhang zwischen den angesprochenen aktuellen Materialengpässen und dem Thema Klimawandel?

Thomas Radermacher: Das Borkenkäferproblem ist zweifelsfrei auf ungewöhnliche, klimabedingte, lang anhaltende Trockenheit zurückzuführen. Es bleibt abzuwarten, wie sich das entwickelt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Fichtenholz-Monokulturen eigentlich nicht in unsere Wälder gehören. Ich finde es auch nicht besonders klimafreundlich, wenn unser Holz zu Dumpingpreisen verkauft und dann über den halben Globus transportiert wird. Wenn die Regierung es ernst mit dem Green Deal und der Nachhaltigkeitsoffensive meint, bei der Holz als ökologischer, klimafreundlicher Baustoff eine zentrale Rolle spielt, muss sie auch die entsprechenden Leitplanken setzen, damit die Wirtschaft verlässlich mit dem Rohstoff Holz versorgt wird.

BM: Wie wird sich die Situation in den kommenden Monaten entwickeln? Können wir irgendwann mit einer Entspannung rechnen oder wird uns die Problematik künftig eventuell permanent begleiten?

Thomas Radermacher: Manche Wirtschaftsweisen gehen aktuell davon aus, dass die Situation ihren Höhepunkt im Herbst dieses Jahres erreicht und sich erst dann entspannt. Andere prognostizieren, dass der Zyklus noch lange anhalten wird. Bleibt zunächst abzuwarten, ob, in welchem Umfang und mit welchem Tempo die von der Bundesregierung eingeleiteten Gegensteuerungsmaßnahmen greifen. Was mir große Sorgen bereitet: Die Hälfte der derzeitigen Preissteigerungen wird langfristig und erfahrungsgemäß auch nach einer Beruhigung der Situation bleiben.

Für uns als Spitzenverband des Deutschen Tischler- und Schreinerhandwerks bedeutet das, dass wir auch weiterhin mit großem Engagement und zusammen mit unseren Landesverbänden dafür kämpfen und streiten werden, die Situation für unsere Betriebe kurz-, mittel- und langfristig zu verbessern.

Die Fragen stellte BM-Chefredakteur Christian Närdemann

Weitere Informationen zum Thema und das angesprochene Positionspapier finden Sie hier:

www.tischler-schreiner.de/preissteigerungen/

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