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BM-Interview mit Ulrich Bühler, Gruppenleitung Vertrieb & Marketing bei Egger

BM-Interview mit Ulrich Bühler, Gruppenleitung Vertrieb & Marketing bei Egger
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Auf der Suche nach einem Schuldigen stehen auch die Holzwerkstoffhersteller im Gegenwind. Wir haben Ulrich Bühler, Gruppenleitung Vertrieb & Marketing beim Holzwerkstoffhersteller Egger, nach den Gründen für den Materialmangel gefragt und offene Antworten erhalten.

BM-Redakteurin Regina Adamczak

BM: Wir hören von Tischlern und Schreinern, dass jetzt sogar weiß beschichtete Spanplatte gehortet wird. Was ist dran an dem Schrei von Materialmangel?

Ulrich Bühler: In der Tat erleben wir in den letzten Monaten eine außerordentliche Nachfrage nach Holzwerkstoffen. Seit dem Sommer 2020 ist diese vor allem in den Binnenmärkten, aber auch weltweit sprunghaft angestiegen und hat sich seither nicht mehr entspannt. Das gilt gleichermaßen für unsere Kundengruppen in der Möbelindustrie als auch für den Holzwerkstoffhandel, der das Handwerk beliefert. Wir führen diese anhaltende Sondersituation in erster Linie auf den mit den Coronaschutzmaßnahmen und Lockdowns einhergehenden Cocooning-Effekt, also die massiv verstärkten Konsuminvestitionen ins eigene Zuhause, zurück.

Wir produzieren in all unseren Werken auf Volllast, 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche. Dennoch übersteigt die Nachfrage nach wie vor unsere Kapazitäten und letztendlich halten wir keine Zusatzkapazität vor, um solche Spitzen abdecken zu können. Allerdings konnten wir zuletzt aus den Märkten auch leichte Zeichen der Entspannung wahrnehmen.

BM: Es heißt, Holzwerkstoff-Anlagen seien lange Zeit in Revision gegangen. Haben die Holzwerkstoffhersteller die Nachfrage in der Pandemie falsch eingeschätzt?

Ulrich Bühler: Das ist einer von mehreren Gründen für die aktuelle Verknappung. Es stimmt, es sind Spanplattenwerke in der ersten Phase der Pandemie kurzfristig stillgestanden, bei Egger waren dies aber lediglich unsere Werke in Frankreich und Großbritannien, aus unterschiedlichen Gründen. Wir haben diese jedoch sehr rasch wieder anlaufen lassen, sobald es die Situation erlaubte. Insgesamt haben wir und unsere Branche die Auswirkungen tatsächlich falsch eingeschätzt und waren daher mit leeren Lagern zu langsam, als der Möbel-Boom so plötzlich einsetzte.

BM: Welche Gründe sehen Sie noch?

Ulrich Bühler: Auch die extreme Kälte in Mitteleuropa hatte im Februar letzten Jahres den Ausstoß von Werken reduziert. Daneben müssen wir auch berücksichtigen, dass die Umstellung der Produktion auf die neue Formaldehydklasse E05 weniger Ausstoß ermöglicht.

Außerdem sind wir alle in gewissem Maße von den globalen Warenströmen abhängig, die durch die Corona-Pandemie massiv gestört wurden und sich bis heute nicht normalisiert haben. Für uns am herausforderndsten ist dabei aktuell die angespannte Versorgungssituation bei Chemierohstoffen, die wir für die Holzwerkstoffproduktion benötigen. Während die Holzpreise sich regional unterschiedlich entwickelten und insgesamt erst leicht, zuletzt auch teils deutlich anstiegen, erleben wir bei chemischen Vorprodukten eine noch nie dagewesene Extremsituation mit Preissteigerungen bis zu 100 %. Diese Volatilität wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette aus.

BM: Waldbrände, Steuern auf kanadisches Holz, Bauboom: Warum saugt der US-amerikanische Markt derzeit so viel Holz aus Europa?

Ulrich Bühler: Sie haben die wesentlichen Gründe genannt. Die gesteigerte Nachfrage aus den USA betrifft in erster Linie Produkte für den konstruktiven Holzbau, eben zusammenhängend mit dem dortigen Bauboom. Wir bei Egger spüren diese also vor allem in unserem Sägewerk Brilon. Auch mit unseren Schnittholz- und Bauprodukten bedienen wir aber weiterhin unsere bestehende Kundenstruktur in unseren Stammmärkten und haben keine weiteren Exportmärkte erschlossen.



BM: Wie wirkt sich der Klimawandel aus?

Ulrich Bühler: Zum einen haben Wälder, gerade in Mitteleuropa, bekanntermaßen seit 2018 enorme Schäden durch Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer erlitten. Wir als Holzwerkstoffhersteller konnten gut bei der Schadholzaufarbeitung unterstützen. Nun stockt aber in manchen Regionen der Nachschub mit qualitativ hochwertigem Rundholz für die Sägewerke. Die aktuelle sehr hohe Nachfrage nach Holz sehen manche Experten aber auch als Chance für Forstbetriebe, indem diese in zukunfts- und klimafitte Aufforstung investieren. Mittelfristig wird sich aber der Wettbewerb um den nachhaltigen Rohstoff Holz erhöhen.

Zum anderen wirken sich vom Klimawandel ausgelöste oder zumindest begünstigte globale Extremwetterereignisse, etwa Eisstürme in Nordamerika Anfang 2021, auf die globalen Lieferketten aus. Die globalen Zusammenhänge und Abhängigkeiten wurden uns durch die weltweite Pandemie und ihre Nachwirkungen noch einmal bewusster.

BM: Man hört, Rohspanplatten werfen zu wenig Gewinn ab. Stimmt das?

Ulrich Bühler: Für Egger stellt sich diese Frage nicht, da wir grundsätzlich einen extrem hohen Veredelungsgrad unserer Produkte anstreben. Das heißt, wir haben auch schon lange vor dieser aktuellen Verknappung nahezu 100 % unserer Rohspankapazität selbst beschichtet und weiter veredelt. Das entspricht unserer strategischen Ausrichtung, unseren Kunden ein Komplettangebot von Werkstoffen im Dekor-, Struktur- und Materialverbund bereitzustellen.

BM: Wie sollten Schreiner und Tischler reagieren? Macht es auch in Zukunft Sinn, Material zu hamstern?

Ulrich Bühler: Ich halte es auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette für kurzsichtig und schlicht nicht sinnvoll, Ware zu bunkern. Ein solches individuelles Verhalten führt immer zu ungewollten Kettenreaktionen. Unser Ansatz ist eine kontinuierliche Versorgung unserer bestehenden Kunden. Wir vertendern unsere Ware nicht und wollen so für eine möglichst große Kontinuität und Planungssicherheit sorgen. Am wichtigsten ist uns die kooperative Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Nur zusammen gelingt es uns, die Herausforderungen zu bewältigen.

BM Werden Tischler und Schreiner sich in Zukunft darauf einstellen müssen, dass es immer wieder Materialengpässe gibt?

Ulrich Bühler: Das denke und hoffe ich nicht. Momentan sind die Verwerfungen auf den globalen Rohstoffmärkten noch riesig und es wird noch eine Zeit andauern, bis wir wieder zur Normalität kommen werden. Aber ich bin überzeugt, dass wieder eine Stabilität hergestellt werden wird.

BM: An welchen Lösungen und Strategien arbeitet Egger?

Ulrich Bühler: Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Versorgung mit Holzwerkstoffen in jeder Hinsicht zu stabilisieren und zu normalisieren. In den vergangenen Monaten haben wir, neben schwierigen Gesprächen über die Versorgung und Liefermenge, auch viel Verständnis und Akzeptanz für die Situation, die weitestgehend außerhalb unseres Einflussbereiches liegt, erfahren. Gerade in dieser für uns alle außergewöhnlichen und herausfordernden Situation legen wir großen Wert auf eine gute Kommunikation und den kontinuierlichen Austausch.

Die Fragen stellte BM-Redakteurin Regina Adamczak.

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