Handwerker riskieren im Haftungsfall hohe Geldstrafen

Energieberatung nicht vernachlässigen

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Wird eine Energieberatung vom Bauherrn, Handwerker oder Architekt nicht richtig ernst genommen, dann riskieren sie im Haftungsfall hohe Geldstrafen. Foto: istockphoto/jimkruger
Mit jedem Auftrag, der in das Fenster- oder Lüftungssystem eines Altbaus eingreift, schwingt ein Haftungsrisiko mit. Die Energieeinsparverordnung (EnEV) und das Energieeinsparungsgesetz (EnEG) fordern von Bauherren energetische Maßnahmen. Diesen müssen auch Schreiner machen, wenn sie etwa neue Fenster einbauen.

Michael Sudahl

Schlampern Bauherren hier, müssen sie mit empfindlichen Bußgeldern von bis zu 50 000 Euro rechnen. Damit diese Strafen nicht auf die Schreiner zurückfallen, sollte er sich zum Gebäude- und Energieberater weiterbilden oder die Expertise in Form eines Fachmanns an Bord holen. Steffen Wehinger ist gelernter Zimmerer und Dekra-Bausachverständiger. Er berechnet u. a. Lüftungskonzepte und sorgt dafür, dass diese auch richtig montiert werden. Das spart Bauherren Ärger und Energie – gleichzeitig liefert es Rechtssicherheit.

Und die sei nicht zu unterschätzen, meint Bernhard Beck vom baden-württembergischen Landesverband Holzbau. Regelmäßig fragen Handwerker bei ihm an und lassen sich vom Juristen Tipps geben. Die Probleme ähneln sich: Eine EnEV-konforme Dachsanierung würde bei einem Einfamilienhaus um die 50 000 Euro kosten. Ein 75-jähriger Bauherr will aber die günstigere Alternative. Einmal neu eindecken für 10 000 Euro. Kommt es hier zur Klage, würde vermutlich jeder Richter dem Rentner glauben, der versichert, von den Gesetzen zur Energieeinsparung noch nie gehört zu haben. „Damit geht die Haftung auf den Handwerker über“, erklärt Wehinger, der noch andere Fälle kennt: Der neue Eigentümer einer Wohnimmobilie verklagt den Fensterbauer, der zwei Jahre zuvor kein Lüftungskonzept erstellt hat. Denn das war dem vorigen Eigentümer zu teuer. Für die Schimmelschäden in Bad und WC soll der Handwerker aufkommen. „Absichern können sich die Betriebe durch eine Bedenkenanmeldung“, sagt Jurist Beck. Hiermit weisen sie darauf hin, dass eine unfertige Leistung vorliegt. Die Haftung bleibt dann beim Auftraggeber.

Wenn der Architekt mit im Boot sitzt

Spannend wird es, wenn Architekten an einer Sanierung beteiligt sind. Grundsätzlich haftet jeder Planer und Handwerker für seinen Fehler. Hat ein Architekt jedoch einen Fehler in seiner Ausschreibung und führt der Fensterbauer diese Vorgabe aus, obwohl er aufgrund eigener Fachkenntnis hätte Bedenken anmelden müssen, entstehen mehrere Haftungsverhältnisse. „Der Bauherr kann den Planer für seine Fehler belangen, während den Handwerker eine Haftungsquote aufgrund der fehlerhaften Realisierung trifft“, verdeutlicht der Frankfurter Fachanwalt für Baurecht, Prof. Christian Niemöller. Kommt es zum Streit, ermitteln die Gerichte auf Basis von Sachverständigengutachten entsprechende Quoten, nach denen der Schaden und die Kosten einer Mangelbeseitigung verteilt werden.

Energieberatung kostet – Förderung möglich

Diskutieren müssen Energieberater ab und zu über das Honorar. „Doch wenn die Leute hören, dass sie über Energieberatungen KfW-Gelder beziehen können, überzeugt das die meisten“, so Wehinger, der zudem darauf hinweist: „Wer KfW-Mittel beantragt, obwohl er weiß, dass die Modernisierung nicht förderfähig ist, muss mit einer Klage rechnen.“ Haben Bauherren mit dem Geld bereits Handwerkerrechnungen bezahlt, ist das Betrug und hat obendrein strafrechtliche Konsequenzen. Im schlechtesten Fall ist hier der ausführende Betrieb mit dabei.

Hinzu kommt: Seit der Novellierung der Energieverordnung 2012 gehen Ämter restriktiver gegen Verstöße vor. Manchmal reicht ein Hinweis eines nicht zum Zug gekommenen Wettbewerbers und Verfahren werden eingeleitet. Wie wichtig ein beschränktes Haftungsrisiko ist, darauf verweist der Bundesverband für Wohnungslüftung: Die Rechtsprechung hat sich verschärft. Bewohnern ist häufiges Lüften nicht mehr zuzumuten. Handwerker, die keine individuellen Lüftungskonzepte berechnen und liefern können, droht damit schneller ein Rechtsstreit als noch vor Jahren. Auch das neue Bauvertragsrecht, das seit einem Jahr gilt, räumt Bauherren mehr Rechte ein. Betriebe müssen seither Unterlagen übergeben, die belegen, dass die Vorschriften eingehalten wurden. Dazu zählen auch EnEV-Nachweise, die Bauherren von einem Sachverständigen prüfen lassen können.


Ralf Spiekers ist Abteilungsleiter Technik, Normung und Arbeitssicherheit bei Tischler Schreiner Deutschland.
Foto: Ralf Spiekers

BM fragte bei Ralf Spiekers nach

»Es gilt: Jeder haftet für das, was er anrichtet«

BM: Sind Bußgelder für Bauherren bei Missachtung zu befürchten?

Spiekers: Im GEG-Gebäudeenergiegesetz wird europäisches Recht umgesetzt. Es richtet sich an den Bauherrn. Allerdings sind Handwerker nie vollkommen aus der Haftung entlassen. Die im Bau geregelte Prüfpflicht greift immer, das GEG ist letztlich nur ein Bereich, in dem man Verstöße begehen kann. Es gibt ein paar Parameter, die sollte jeder Bauschreiner beherzigen, damit er nicht grob fahrlässig handelt.

BM: Wie lauten diese, können Sie etwa für Fensterbauer Hinweise geben?

Spiekers: Es fängt bei der Ausschreibung an. Oft fehlen etwa bei Fenstern die Angaben für die UW-Werte. Manchmal wird lapidar Dreifach-Isolierglas ausgeschrieben. Diese Ausschreibungen sind erkennbar falsch. Bei Altbauten gibt es klare Grenzwerte, die nicht überschritten werden dürfen. Etwas anderes sind Neubauten. Ich rate, nicht nur die Fenster oder das Lüftungskonzept zu betrachten, sondern das ganze Haus zu sehen. Wie modern ist das Heizsystem, wie schaut die Dämmung aus, gibt es einen Bauplanung, sind Fördermittel beantragt? Passen die Bausteine nicht zusammen, dann sollte der Fensterbauer auf jeden Fall Bedenken beim Bauherrn anmelden.

BM: Und was passiert, wenn der Bauherr die angemeldeten Bedenken ignoriert?

Spiekers: Das ist kriminelle Energie. Begeht der Bauherr etwa Subventionsbetrug, indem er den Handwerker auffordert, falsche Werte anzugeben, dann leistet der er gegebenenfalls Beihilfe. Das kann vor Gericht schmerzlich für ihn ausgehen. Auch sollte sich der Handwerker fragen, wie wird der Bauherr wohl mit mir umgehen, wenn er schon den Staat betrügen will …? Ebenso ist Ignoranz fahrlässig. Ist etwa eine Südwand eines Hauses stark verglast, ist Sonnenschutz zu beachten. Solche Aspekte sollte ein Fensterbauer im Blick haben. Man kann nur allgemein sagen: Jeder haftet für das, was er anrichtet.

BM: Was muss neben der Lüftung noch beachtet werden?

Spiekers: Uns erreichen immer mehr Klagen über fehlende Glasdimensionierungen von Fenstern, die z. B. auf 100 Höhenmeter gebaut wurden und auf der Schwäbischen Alb eingebaut wurden. Die Gläser bekommen sogenannte Flächendruckbrüche, also Risse. Grund ist der veränderte Luftdruck zwischen der Alb auf etwa auf 600 m Höhe und dem Produktionsbetrieb.

Die Interviewfragen stellte BM-Redakteur Stefan Kirchner


Weiterbildung

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Ausgebildete Energieberater können bei vorhandenen Gebäuden Schwachstellen entdecken, die für den hohen Energieverbrauch der Immobilie verantwortlich sind. Sie zeigen Hausbesitzern konkrete Einsparpotenziale auf und sind dazu berechtigt, gesetzlich vorgeschriebene Energieausweise auszustellen. Am Beispiel der Bildungsakademie der Handwerkskammer Stuttgart zeigen wir, welche Vorraussetzungen Interessierte mitbringen müssen und was die Weiterbildung kostet:

  • Kosten: 1990 Euro, zzgl. 240 Euro Prüfungsgebühr
  • Dauer: 240 Unterrichtseinheiten (1 UE = 45 Min.)
  • Voraussetzung: Meister im Handwerk, Techniker, Ingenieur oder Architekt
  • Abschluss: Geprüfter Gebäudeenergieberater (HWK)
  • Anbieter: www.bia-stuttgart.de

Der Autor

Michael Sudahl ist gelernter Banker, Journalist und Partner der Agentur „Der Medienberater“, spezialisiert auf kleine und mittelständische Betriebe.

www.der-medienberater.de

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