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Mach, was du kannst

Projekt macht junge Geflüchtete fit für die Ausbildung
Mach, was du kannst

Die p3-Werkstatt in Freiburg qualifiziert geflüchtete, junge Menschen und bereitet sie auf eine Ausbildung vor. Das Miteinander sowie nachhaltige, innovative Produkte stehen im Mittelpunkt des anspruchsvollen Projekts.

Christine Speckner

Der Tischkicker steht bereit. In der Mittagspause spielen die Mitarbeiter gerne eine Runde Fußball. Kraftvoll schießen sie die Tore und haben Spaß dabei. In der Ausstellungshalle der p3-Werkstatt fällt der Blick des Besuchers aber zunächst auf die vielfältigen Kleinmöbel, welche die Schreinerei herstellt: Stehtische und Barhocker mit sorgfältig gearbeiteten Sitzflächen, Sitzblöcke, Schemel, mit Holz umrandete Spiegel, gegenüber eine Empfangstheke und eine mobile Küche, die man gerne selbst ausprobieren würde – zumal die Holzkonstruktion mit einem speziellen Fahrradanhänger verbaut ist. „Eine Community-Küche, mit der man Gemeinschaft erleben kann“, steht auf einem Schild. Dazu passen die Fotos an den Wänden, von Menschen mit Migrationshintergrund bei Freizeitaktivitäten, die der Geschäftsführer der Schreinerei mitorganisiert. Bevor man den Schritt in die dahinterliegende, verglaste Werkstatt macht, ist schon mal klar: p3 ist keine klassische Schreinerei. Hier geht es um das gemeinsame Gestalten von Perspektiven.

Einer, der diesen Eindruck bestätigt, ist Johannes Brecht. Der 26-jährige Schreinermeister arbeitet seit drei Jahren im Team, er trägt Latzhose und blau-weiß kariertes Hemd. Sein Umgangston ist locker, seine Aufgabe dagegen alles andere als leicht: Er trainiert junge Geflüchtete, macht sie fit für die Berufswelt. Die Männer bereiten sich bei p3 ein Jahr lang freiwillig auf eine Ausbildung im Handwerk oder in der Industrie vor. Vormittags werden die Kursteilnehmer in Fachpraxis unterrichtet, nachmittags in Theorie sowie Mathe und Deutsch. Da ist Durchhalten angesagt. Genau das, sagt Brecht, sei eine Herausforderung.

Win-win-Situation für alle

In der Werkstatt arbeitet Tedros Tesheme aus Eritrea. Der Geflüchtete mit schwarzen Naturlocken hat bei p3 bereits eine erfolgreiche Einstiegsqualifizierung (EQ) gemacht, inzwischen absolviert er hier seine Schreinerausbildung. Gerade lässt er sich von Johannes Brecht erklären, wie er gleich die Kanten von Holzteilen rund fräsen soll. Vor ihm liegt ein Stapel Rohlinge, ein kleiner Serienauftrag für einen Gewerbekunden. Konzentriert macht sich Tedros an die Aufgabe, während ihm Johannes Brecht über die Schulter schaut. Nach der gemeinsamen Kontrolle des Werkstücks gibt Brecht Tipps, worauf bei der Bearbeitung noch zu achten ist. „Bei uns darf jeder Fehler machen“, sagt Brecht.

An der Werkbank gegenüber ölt Merhawi Keflom aus Eritrea eine Werkzeugkiste aus Holz ein. Es ist seine eigene, was ihn sehr motiviert. Jeder der sechs Kursteilnehmer hat eine für sich gefertigt. Und noch eine Aufgabe wartet an diesem Vormittag: Eine Massivholzküche soll für einen Privatkunden renoviert werden. Gemeinsam mit einem p3-Schreiner hebt Dawda Camara den Unterschrank auf Holzböcke. Dawda ist aus Gambia geflüchtet. Der 23-Jährige nimmt ebenfalls an der Vorqualifizierung teil, nach der Einweisung setzt Dawda vorsichtig den Akkubohrer an und dreht die alten Schrauben heraus. Später werden die Kursteilnehmer unter Aufsicht an der Kreisformatsäge Holz ablängen. Da geht der Puls bei den Einzelnen kräftig nach oben, spätestens wenn die Hände mit geschlossenen Fingern flach auf dem Werkstück liegen. Das sichere Arbeiten und die korrekte Handhaltung wollen gelernt sein.

Beim Werkstattrundgang bekommt man aber auch das sichere Gefühl: Lernen ist hier keine Einbahnstraße. Es wird gelacht, die jungen Leute haben Spaß miteinander. Nicht ohne Grund ist die Team-Farbe von p3 gelb, das steht für freundlich, dynamisch und kulturelle Vielfalt. „Auch wir können von unseren Teilnehmern lernen, widerstandsfähig zu sein in Krisenzeiten und nach vorne zu schauen. Wer ihre Fluchtgeschichten kennt, ist beeindruckt von ihrem Willen, auf dem deutschen Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen und wirklich anzukommen“, erklärt Johannes Brecht, als wir die Werkstatt verlassen.

Ein Puzzle, das verbindet

Es dauert nicht lange, da läuft uns David Rösch über den Weg. Der 31-Jährige, locker in Jeans und federndem Gang, spricht leise und schnell. Er ist der Geschäftsführer. Und ein leidenschaftlicher Netzwerker. David hat Kontakte zu regionalen Handwerksbetrieben, sozialen Einrichtungen und zur Wirtschaft. Das Smartphone am Ohr, den Laptop hat er mal eben in der Eingangshalle aufgestellt. Und das permanente Pling, Pling von eingehenden Mails ist nicht zu überhören.

„Mit unserem Projekt“, sagt Rösch, „wollen wir ein gesellschaftliches Problem lösen: Auf der einen Seite gibt es Menschen mit Fluchterfahrung, andererseits suchen Betriebe dringend Fachkräfte. Beide kommen aber nicht zusammen. Eine berufliche Ausbildung ist für junge Menschen mit Migrationshintergrund eine große Herausforderung. Wir sind das 3. Puzzlestück zwischen der schwierigen Situation der Geflüchteten und dem Arbeitsmarkt. Wir verbinden beide Teile miteinander.“ So entstand der Firmenname p3 Werkstatt.

Das Unternehmen firmiert als gemeinnützige GmbH. 80 % des Umsatzes wird durch Schreineraufträge erwirtschaftet. 20 % kommt über Spenden, Sponsoring, Fördermittel und Zuschüsse herein, zum Beispiel in Form der Einstiegsqualifizierung (EQ), eine Maßnahme, die von der Agentur für Arbeit gefördert wird. Jeder Betrieb kann im Prinzip die EQ beantragen, um Geflüchteten ein vergütetes, sozialversicherungspflichtiges Langzeitpraktikum von sechs bis maximal zwölf Monaten zu ermöglichen. Besonders bei p3 ist jedoch, dass das Team ein eigenes Programm entwickelt hat, das über die Schreiner-Werkstatt mit Fachpraxis hinausgeht.

Spende für die p3-Schule

Die Kursteilnehmer machen ein Jahr in Vollzeit fachpraktische Erfahrungen im Umgang mit Holz, Metall und Elektro und lernen Deutsch plus Fachsprache und Mathe. Den Unterricht führt das Unternehmen in eigener Regie und beschäftigt dafür zwei Lehrer in Teilzeit. Dazu kommen ehrenamtliche Helfer für die Nachhilfe. Finanziert wird die p3-Schule weitgehend über Spenden, wie auf Firmenflyern steht, die auch Kunden in die Hand bekommen, die hier aus und ein gehen. Und wie kann man ein Teil von p3 werden? Auf dem Flyer ist zu lesen: „Ein Monat Deutsch und Mathe: Yeah! Mit deiner Spende von 250 Euro ermöglichst du einem p3-Teilnehmer den Mathe- und Deutschunterricht! So geht Miteinander!“ Der Spender erhält einen speziellen Holzkerzenständer, den die jungen Männer selbst fertigen. Nach erfolgreicher Vorqualifizierung bekommen sie ein Zertifikat, das den Übergang in eine Ausbildung erleichtert. „Wir vermitteln an Schreinereien im Raum Freiburg“, so Rösch. Tatsächlich entscheiden sich 50 % der Absolventen für das Schreinerhandwerk. Die anderen machen zum Beispiel eine Ausbildung im Bereich Metall oder Elektro. „Das positive Feedback von Firmen motiviert uns“, sagt Johannes Brecht.

Das soziale Start-up möchte vor allem eines: nachhaltige Lösungen für gesellschaftliche Probleme finden, einen Mehrwert schaffen. Mit Kreativität und Innovationsgeist: Diese Prinzipien finden sich in der Produktpalette von p3 wieder. So baut und vertreibt das junge Team eine mobile Küche, vielfältig einsetzbar, etwa für die Bildungsarbeit sowie einen mobilen Markt- und Infostand. Neueste Erfindung in Zeiten von Corona: Der „Cube“, ein flexibles Outdoor-Büro, mit Solaranlage, auch für die Gastronomie einsetzbar. „An den Außenwänden könnte man Beete anbringen, in denen Salate wachsen“, sagt Rösch, der sich bereits Gedanken für eine Weiterentwicklung macht.

Vom Ehrenamt zum Profi

Gestartet ist p3 vor vier Jahren als ehrenamtliches Projekt der Stadtpiraten Freiburg, einem Verein, der geflüchtete Kinder und Jugendliche begleitet. David Rösch, der eigentlich gelernter Forstwissenschaftler ist, engagiert sich seit Jahren für die Integration von Geflüchteten. Seine Kontakte zur Evangelischen Stadtmission Freiburg machen es möglich, die Schreinerei der gemeinnützigen Organisation zu nutzen. Hier fand der erste Kurs für Geflüchtete statt. „Zuerst haben wir ein kleines Lehrprogramm mit einem Schreinermeister erstellt,“ erzählt Rösch. „Als ich hier anfing, habe ich noch selbst Deutsch und Mathe unterrichtet – in der Küche“, erinnert sich Johannes Brecht. Erstmals gefördert wurde die p3-Werkstatt 2016 durch eine Stiftung. Der Durchbruch kam dann 2017 mit einer Crowdfunding-Aktion im Rahmen des Deutschen Integrationspreises der Hertie-Stiftung. Für das p3-Projekt gab es über 900 finanzielle Unterstützer. Vor zwei Jahren wurde die gemeinnützige GmbH gegründet. Heute mietet p3 einen Werkstattraum der Stadtmission und kann deren Maschinen mitnutzen. Das Team ist gewachsen. Inzwischen beschäftigt p3 zwei Schreinermeister, zwei Schreinergesellen, davon einen Arbeitserzieher und drei Fachkräfte im Bereich Metall/Elektro. Vier Schreiner-Azubis werden im Verbund mit einem Freiburger Kollegen ausgebildet. Bisher wurden über 40 Teilnehmer aus verschiedensten Ländern vorqualifiziert. Mehr als zwei Drittel sind anschließend auf einer Schule untergekommen oder haben einen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz bekommen, so Rösch.

Gemeinsam essen und lernen

Es ist 13 Uhr, als der Duft von Essen die Werkstatt erfüllt. Normalerweise treffen sich alle Mitarbeiter in der Küche der Stadtmission zum Mittagessen. Wegen Corona gilt mehr Abstand. Arbeitserzieher Alexander reicht die Teller mit Käsespätzle und Gemüse durch das offene Küchenfenster auch nach draußen. Der Salat kommt aus eigenem p3-Anbau. Alexander kocht täglich mit Freiwilligen des benachbarten Flüchtlingsheims – auch das ist ein p3-Projekt. In der Pause gibt es noch ein Kickerspiel, dann geht es zum Deutschunterricht nebenan.

Zum Abschied fällt der Blick auf das gelbe p3-Werbeplakat mit den Großbuchstaben: „Machst du, was du kannst?“ Tatsächlich ist es so, dass die jungen Menschen durch dieses Projekt Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten bekommen. „Alle p3-Teilnehmer haben bisher die Vorqualifizierung erfolgreich abgeschlossen und sich beruflich sowie gesellschaftlich integrieren können. Das motiviert auch uns“, sagt Johannes Brecht.


Die Autorin

Christine Speckner ist freie Journalistin. Sie lebt bei Freiburg im Breisgau.

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