Verbände-Projekt SIAM zur sicherheitstechnischen und arbeitsmedizinischen Betreuung. Mit Sicherheit bedacht - BM online
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Mit Sicherheit bedacht

Verbände-Projekt SIAM zur sicherheitstechnischen und arbeitsmedizinischen Betreuung
Mit Sicherheit bedacht

Die Erfüllung der Arbeitsschutz-Pflichten belastet vor allem Kleinbetriebe. Viele Schreiner und Tischler sind verunsichert und fühlen sich mit diesem Thema allein gelassen. Fachverbände und Berufsgenossenschaft haben nun eine Lösung erarbeitet, die Betriebsinhabern hilft, alle Aufgaben mit vertretbarem Aufwand zu erledigen.

Autor: Natalie Ruppricht, BM-Redaktion
Ende 2013, nach der Fusion der Berufsgenossenschaften Holz und Metall zur BGHM, hat diese ihren sicherheitstechnischen und arbeitsmedizinischen Dienst (SAMD) eingestellt. Seither sind Arbeitgeber im Tischler- und Schreinerhandwerk verpflichtet, sich selbst um die Betreuung und Versorgung ihrer Mitarbeiter gemäß Arbeitsschutzgesetz zu kümmern. Selbst Kleinstbetriebe müssen schon ab dem ersten Mitarbeiter sämtliche Pflichten erfüllen. Dazu zählen beispielsweise die Erstellung einer Gefährdungsbeurteilung, regelmäßige Unterweisungen, die Organisation von Vorsorgeuntersuchungen sowie eine Dokumentation der Aktivitäten (weitere Infos dazu finden Sie am Ende dieses Beitrages).

In vielen Handwerksunternehmen gibt es bisher jedoch keine organische Integration der Themen Arbeits- und Gesundheitsschutz in den betrieblichen Alltag. Nur selten liegt überhaupt eine Gefährdungsbeurteilung vor, welche die Grundlage für alle weiteren Aktivitäten ist. Noch dazu lehnen die meisten Arbeitsmediziner Kleinbetriebe ab, sodass auch eine medizinische Vorsorge in Eigenverantwortung nahezu unmöglich ist.
Branchenspezifische Lösung erarbeitet
Deshalb haben die Branchen-Fachverbände in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Brandenburg gemeinsam mit dem Technologie-Zentrum Holzwirtschaft (TZH) das Projekt SIAM ins Leben gerufen. Ziel war es, eine branchenspezifische, praxisnahe und alltagsfähige Lösung zu erarbeiten, die Betriebsinhaber darin unterstützt, alle Pflichten und Aufgaben zu erfüllen, die sich aus den gesetzlichen Vorschriften für eine sichere und gesunde Arbeitswelt ergeben.
60 Unternehmen haben im von der BGHM unterstützten Projekt mitgearbeitet. In Entwicklungs- und Ideenworkshops konnten die Inhaber Wünsche und Vorstellungen äußern und bisherige Probleme erläutern. Nach dieser ausführlichen Bedarfsermittlung wurde eine interaktive Plattform mit entsprechenden Funktionen und Modulen programmiert. Diese wurde in den Pilotbetrieben bereits im letzten Jahr eingeführt und intensiv erprobt. Inzwischen erfolgt eine flächendeckende Umsetzung – und SIAM steht nun allen Betrieben offen (Preise auf S. 74).
Gefährdungsbeurteilung online erstellen
Das Online-Portal ermöglicht es Arbeitgebern, alle im Arbeitsschutz relevanten Aufgaben mit vertretbarem Aufwand zu erledigen. Dazu erfasst man zunächst seine Mitarbeiter und ordnet sie Betriebsbereichen (z. B. Werkstatt, Montage, Büro) oder Standorten zu.
Anschließend folgt die Erstellung der Gefährdungsbeurteilung: Aus einer Liste wählt man aus, an welchen Maschinen Azubis, Gesellen und Meister arbeiten, ob sie am Straßenverkehr teilnehmen oder auf Montage gehen, ob es einen Lackierbereich gibt, wie das Lager und der innerbetriebliche Transport organisiert sind und ob die Mitarbeiter körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt sind. Dann hilft ein Fragenkatalog, tatsächlich vorhandene Risiken und Handlungsbedarf zu identifizieren. Hilfreich sind zahlreiche Checklisten, BG-Informationen und Links zu Regelwerken. Diese Risikoeinschätzung dauert beim ersten Mal einige Stunden. Sie sollte etwa einmal im Jahr aktualisiert werden, was dann aber nur noch wenige Minuten in Anspruch nehme.
Auch die Liste der in SIAM erfassten Gefahrenstoffe ist lang und wird kontinuierlich erweitert. Sie wählen all jene aus, mit denen in Ihrem Betrieb gearbeitet wird – und erstellen so Ihr individuelles Gefahrstoffverzeichnis. Die jeweils notwendigen Sicherheitsdatenblätter und Betriebsanweisungen sind hinterlegt und sofort verfügbar – zum Runterladen, Ausdrucken, Abspeichern und Aushängen.
Erinnerungen und kein Suchen mehr
Im SIAM-Portal findet man zudem Unterweisungshilfen und kann Betreuungsnachweise für externe Leistungen hinterlegen. Man kann Dokumente einscannen und abspeichern. Wenn eine Prüfung ansteht, hat man alles beisammen und muss nicht lange suchen. Darüber hinaus gibt es eine praktische Termin- und Aufgabenfunktion. So erinnert die Plattform an regelmäßig anstehende Prüftermine wie TÜV, Schornsteinfeger oder Kompressor-Check. Man kann aber auch selbst Aufgaben definieren und bekommt dann eine Erinnerung per E-Mail.
Im Bereich „Arbeitsmedizinische Beratung“ finden sich Verordnungen, Informationen über Vorsorgeuntersuchungen und zum Hautschutz bei der Arbeit sowie nützliche Links. Hier kann man die Kosten für Vorsorgeuntersuchungen kalkulieren und die arbeitsmedizinischen Leistungen bald auch buchen.
Auch arbeitsmedizinische Betreuung
Denn SIAM stellt für angeschlossene Betriebe auch die arbeitsmedizinische Grundbetreuung sicher. Diese lässt sich durch betriebsspezifisch notwendige Untersuchungen ergänzen. Dienstleister ist die Streit GmbH, einer der größten mobilen Anbieter in Deutschland. Das Unternehmen arbeitet flächendeckend und hat Erfahrung mit kleinen Betrieben.
Wichtige Vorsorgeuntersuchungen im Schreinerhandwerk betreffen beispielsweise Lärm (G20), Holzstaub (G44) sowie Lacke und Lösemittel (G27 und G29), im Büro vor allem Bildschirmarbeitsplätze (G37). Diese sind kostenmäßig mit der Streit GmbH fixiert. So fallen für Anamnese, Beratung und Bericht 112 Euro an. Die G20-Untersuchung kostet 15,56 Euro, G44 je Mitarbeiter 75,56 Euro.
Ende 2014 war bei den Projektbetrieben das BGHM-Audiomobil im Einsatz. Bei diversen Gesundheitstagen bieten die Fachverbände Wirbelsäulen-Scan, die Messung von Körperwerten sowie Seh-, Hör- und Stresstest oder ein Hautscreening an.
3. Baustein: Gesundheitsförderung
Im Grundpaket ist außerdem eine Beratung zur Förderung gesunder Arbeitsplätze enthalten: Auf Basis eines Fragebogens für Unternehmer und Mitarbeiter wird ein individuelles Konzept für mehr Gesundheit, Zufriedenheit und Motivation erarbeitet. Ziel ist auch hier: Die betriebliche Gesundheitsförderung soll zu Kleinbetrieben passen.
Zielgruppe und Einstieg
Zum Kennenlernen der Plattform hat Tischler NRW zahlreiche Workshops in sein Bildungsprogramm 2015 und 2016 aufgenommen. In zwei bis drei Stunden führen diese in das online-gestützte Arbeitsschutzmanagement mit SIAM ein, erläutern den Umgang mit den verschiedenen Modulen und helfen bei den ersten Schritten. Das Projekt ist auf kleinbetriebliche Belange ausgerichtet: Hauptzielgruppe sind Tischler-, Schreiner- und Fensterbaubetriebe, aber auch Bestattungsunternehmen, die Arbeitsschutz in Form der alternativen Betreuung umsetzen. Dieses auch als Unternehmer-Modell bezeichnete Konzept können wegen ihrer Betriebsgröße 99 % aller Handwerksbetriebe nutzen. Unabhängig davon steht SIAM aber auch Unternehmen in der Regelbetreuung zur Verfügung.

Pflichten im Arbeitsschutz
Arbeitgeber müssen Sicherheit und Gesundheit ihrer Beschäftigten bei der Arbeit sicherstellen. Dazu gehören insbesondere folgende verpflichtenden Maßnahmen:
    • Gefährdungsbeurteilung durchführen
    • Gefahrenstoffverzeichnis erstellen
    • Sicherheitsdatenblätter bereitstellen
    • Explosionsschutzdokument erstellen
    • Betriebsanweisungen erlassen
    • Geeignete Arbeitsmittel auswählen und regelmäßig prüfen (lassen)
    • Persönliche Schutzausrüstung (PSA) bereitstellen und regelmäßig prüfen
    • Mitarbeiter regelmäßig unterweisen
    • Erste-Hilfe-Maßnahmen organisieren und Ersthelfer bestellen
    • Betriebsärztliche und arbeitssicherheitstechnische Betreuung nachweisen

Erfahrungen aus Pilotbetrieben: „Wir fühlten uns sicher“

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Eine Betriebsprüfung gab es bei Tischlerei Altekrüger seit Zusammenschluss der Berufsgenossenschaften Holz und Metall nicht. Doch Anja Altekrüger fiel auf, dass etwas fehlt: „Der Betriebsarzt kam nicht mehr, um Routineuntersuchungen durchzuführen.“ Sie versuchte, Ersatz zu finden: „Ich habe alle Arbeitsmediziner der Region abtelefoniert, aber es war aussichtslos. Die haben kein Interesse an kleinen Betrieben.“ Dabei gehört das Fenster, Türen und Innenausbauten fertigende Unternehmen mit 26 Mitarbeitern an zwei Standorten zu den größeren der Branche. Mit SIAM ist die gelernte Bankkauffrau sehr zufrieden: „Hat man erst mal alles eingegeben, nimmt die Plattform einem vieles ab.“ Das System weiß, wer den Erdöltank reinigt oder die Heizung prüft, wann Firmenfahrzeuge zum TÜV müssen oder der Schornsteinfeger kommt. Auch Prüfberichte sind hinterlegt. So sieht jeder, was ansteht und wen man kontaktieren muss. Weil die 52-Jährige bei der Gefährdungsbeurteilung fachlich an ihre Grenzen stieß, hat sie sich Hilfe aus der Belegschaft geholt. „Ich hoffe, dass das die Akzeptanz erhöht und meine Mitarbeiter sensibilisiert.“ Dennoch rät sie: „Wer keine Zeit hat, alles selbst zu erfassen, sollte vielleicht Geld in die Hand nehmen und sich diese Aufgabe abnehmen lassen.“

Erfahrungen aus Pilotbetrieben: „Ich hoffe auf viele Nachahmer“

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„Vor SIAM waren wir im Arbeitsschutz nur sporadisch aktiv“, gesteht Sandra Beck, Inhaberin der Beck Fenster & Schallschutz GmbH. „Die Gefährdungsbeurteilung war immer ein Gewaltakt.“ Sie beschäftigt einen Schreiner, einen Dachdecker und drei angelernte Kräfte für die Montage sowie zwei Halbtagskräfte im Büro. SIAM sei das erste Projekt, das sich nicht nur um die Belange der Mitarbeiter und Behörden sorgt: „Die Vernetzung verschiedener Institutionen ist eine echte Hilfe für Arbeitgeber. Ich hoffe auf viele Nachahmer!“ Beim Selbstcheck erkannte sie, dass die Kommunikation zwischen Büro und Montage hakt. Jetzt erhalten die Monteure neben dem Aufmaßzettel ein weiteres Formular, damit sie wissen, was der Kunde erwartet. Mit der Online-Plattform kommt die 41-Jährige gut zurecht. „Anfängliche Programmierfehler sind ausgemerzt, bei Rückfragen kommt immer prompt Hilfe.“

 Das kostet SIAM
Die alternative Betreuung mit SIAM kostet für Innungsmitglieder 120 Euro pro Jahr plus 50 Euro je Mitarbeiter (bzw. 30 Euro ab dem elften Mitarbeiter) und 25 Euro pro Azubi, die optionale Grundeinrichtung im Online-Portal je nach Betriebgröße 1050 bis 2150 Euro (jeweils zzgl. MwSt). Nichtmitglieder zahlen das Doppelte. Arbeitsmedizinische Einzelleistungen werden individuell mit der Streit GmbH abgerechnet. Angebot für Regelbetreuung auf Anfrage.
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