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Öko-Siegel unter der Lupe
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Natürliche Baustoffe liegen im Trend. Damit Holzverarbeiter ihre Kunden richtig beraten können, müssen sie Öko-Siegel für Materialien, Produkte oder Gebäude kennen. Wer bietet was?

Marian Behaneck

Bio und Öko haben Hochkonjunktur. Bei den Bio-Lebensmitteln hat sich der Umsatz binnen weniger Jahre in Deutschland vervielfacht. Derselbe Trend ist auch bei den Öko-Baustoffen zu beobachten: Für viele hat eine gesunde Lebensweise nicht nur mit der Ernährung zu tun, sondern auch mit den Dingen, mit denen man sich täglich umgibt. Berücksichtigt man, dass Menschen in Industrieländern einen großen Teil ihrer Lebenszeit – nicht nur in Pandemiezeiten – in geschlossenen Räumen verbringen, wird deutlich, wie wichtig eine bewusste Auswahl von Wand-, Boden- oder Deckenmaterialien, Belägen oder Farben für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner ist.

Auch die Umwelt profitiert

Doch nicht nur die Bewohner oder Nutzer haben etwas davon, wenn bei der Auswahl von Baustoffen ökologische Aspekte ebenso berücksichtigt werden wie Herkunft und Produktion, Transportabläufe, Lebenszyklusaspekte, ethische und soziale Faktoren und so weiter. Auch das Klima und die Umwelt oder die Bewohner, Tiere und Pflanzen der Herkunftsländer profitieren – beispielsweise durch eine nachhaltigere Rohstoffgewinnung, weniger Giftstoffeinträge, durch die Einsparung von Energie, Ressourcen oder einen geringeren CO2-Ausstoß. Da der Bausektor für ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich ist, könnte eine umweltbewusstere Baustoffauswahl viel zu einer Reduktion beitragen. Insbesondere beim ökologischen und nachhaltigen Bauen werden natürliche Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen eingesetzt, die keine Schadstoffe enthalten und möglichst aus regionalen Quellen stammen. Bei deren Gewinnung und Wiederverwertung wird darauf geachtet, dass Luft- und Wasserverunreinigungen, Abfälle, belastete Abwässer, versiegelte Flächen und weitere negative Auswirkungen vermieden werden.

Welche Siegel gibt es?

Die Vielzahl von ökologisch orientierten Siegeln oder „Labels“ macht das Angebot inzwischen unüberschaubar. Ganz grob kann man das Angebot an Umwelt- und Öko-Siegeln in drei Kategorien einteilen: Siegel, die der Bewertung von Materialien in Bezug auf eine nachhaltige Herkunft und Produktion dienen, Siegel, die zusätzlich auch bestimmte Produkteigenschaften zertifizieren, oder Siegel, die für komplette Gebäude einen Nachhaltigkeitsnachweis liefern.

Material-Siegel: … werden für nachhaltig produzierte Rohstoffe und Materialien vergeben und bürgen für eine an der Bewahrung der natürlichen Regenerationsfähigkeit orientierten Nutzung von Ressourcen. Zu den ältesten gehört der 1993 begründete FSC-Standard, der nachhaltig produziertes Holz von Holzprodukten zertifiziert. FSC-Vergabekriterien sind unter anderem eine an der Balance zwischen Abholzung und Wiederaufforstung orientierte Forstwirtschaft, ökologisch vertretbare Produktionsmethoden sowie humane Arbeitsbedingungen. Mit Material-Siegeln ausgezeichnete Produkte sind allerdings nicht zwangsläufig ökologisch oder gesundheitlich unbedenklich. Es wird lediglich die Herkunft und Produktkette zur Rohstoffgewinnung überprüft und zertifiziert.

Produkt-Siegel: … prüfen und zertifizieren auch alle für die Produktion eines Produktes erforderlichen Materialien auf Herkunft und Nachhaltigkeit. Darüber hinaus untersuchen sie auch die Qualität und die biologischen oder chemischen Eigenschaften des kompletten Produktes, das häufig aus mehreren Komponenten besteht. Zu den Vertretern von Produkt-Siegeln zählen das Kork-Logo, mit dem das Material, die Produktion, die Qualität und die chemischen Produkteigenschaften beispielsweise von Boden-, Wand- und Deckenbelägen aus Kork auszeichnet werden.

Gebäude-Siegel: … prüfen das gesamte Bauwerk auf seine Nachhaltigkeit – und damit auch alle darin verbauten Baumaterialien und -produkte. Auch bei deren Herstellung anfallende Emissionen oder Energieverbräuche sowie Lebenszykluskosten, die sich aus Betriebs-, Inspektions-, Wartungs- oder Reinigungskosten zusammensetzen, werden berücksichtigt. Beispiele sind die von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen und vom Bauministerium für Verkehr, Wohnen und Stadtentwicklung konzipierten Bewertungssysteme DGNB und BNB. Diese beziehen auch den Gebäude-Lebenszyklus, Lebenszykluskosten, die Prozess- und Standortqualität oder soziokulturelle Faktoren mit ein.

Wofür stehen wichtige Öko-Siegel?

Öko- oder Nachhaltigkeits-Siegel gibt es fast wie Sand am Meer. Allein im Baubereich reicht die Palette von staatlichen Siegeln mit unabhängigen Prüfern über Siegel von Interessensverbänden mit einer freiwilligen Selbstkontrolle bis hin zu marketing- oder werbeorientierten Siegeln der Baustoffindustrie.

Blauer Engel: Das 1978 erstmals verliehene Siegel ist die älteste heute noch vergebene Produktauszeichnung in Deutschland und weltweit. Sie wird für eine spezielle Eigenschaft vergeben, die auf dem Siegel vermerkt ist. Die Auszeichnung wird nicht nach absoluten Mindest- oder Höchstwerten, beispielsweise für Schadstoffe, vergeben, sondern für Produkte, die in Relation zu Mitbewerber-Produkten umweltfreundlicher sind (www.blauer-engel.de).

DGNB: Das Gebäude-Siegel der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. (DGNB) untersucht und dokumentiert Gebäude durch zugelassene Gutachter auf ökologische Faktoren von Bauprodukten, wie etwa Außenwandbekleidungen, Bodenbeläge, Dämmstoffe, Bauplatten, Beschichtungen, Türen und Tore sowie Wasser- und Abwasseranlagen. Das Ergebnis gibt der Gutachter an die DGNB weiter, die nach der Prüfung das Zertifikat und das Label verleiht (www.dgnb.de).

Eco-Label: Das vom Eco-Institut initiierte Eco-Label gehört zu den strengsten deutschen Siegeln für die Prüfung von Produkten, darunter auch Bau- und Ausbauprodukte. Geprüft werden die Herkunft, chemische und biologische Eigenschaften, Güte und Qualitätskriterien, Zusammensetzung oder Fragen zum Recycling und zur Entsorgung. Geprüft werden auch Inhaltsstoffe und Emissionen gefährlicher oder gesundheitsgefährdender Stoffe, wie etwa Weichmacher (www.eco-institut.de).

Emicode: Mit diesem vom Verband Emissionskontrollierte Verlegewerkstoffe, Klebstoffe und Bauprodukte e.V. vergebenen Label werden Bauprodukte für Innenräume ausgezeichnet, die weniger Schadstoffe an die Raumluft abgeben. Die Bewertung reicht von „emissionsarm“, „sehr emissionsarm“ bis „sehr emissionsarm plus“. Verlegewerkstoffe müssen frei von flüchtigen Lösemitteln sein und dürfen keine schädlichen Stoffe enthalten (www.emicode.com).

PEFC: Das internationale Siegel des PEFC-Council (Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes) garantiert, dass verwendetes Holz überwiegend aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern kommt. Die PEFC-Variante „regional“ enthält zudem 100 % zertifiziertes Material aus der auf dem Label genannten Region (www.pefc.de).

LEED: Der Kriterienkatalog des international geltenden US-amerikanischen Gebäude-Zertifizierungssystems LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) berücksichtigt unter anderem den Standort, eine effiziente Nutzung von Wasser, Energie, Materialien und Ressourcen, ferner die Innenraumqualität sowie Innovation, Design und Regionalität. Das Siegel ermöglicht einen globalen Vergleich von Immobilien (www.usgbc.org/leed).

Hilfen bei der Baustoffwahl

Holzverarbeiter sollten sich mit nachhaltigen Baustoffen auskennen, was angesichts des unüberschaubaren Angebots nicht einfach ist. Deshalb gibt es inzwischen einige gut aufbereitete und strukturierte Datenbanken für ökologische und nachhaltige Bauprodukte:

DGNB Navigator: … ist eine von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. für Architekten, Planer, Investoren, Handwerker und DGNB-Auditoren kostenlos bereitgestellte Produktdatenbank. Standardisierte, auf das DGNB-System abgestimmte Datenabfragen ermöglichen eine schnelle Suche. Aufgelistet werden allgemeine Informationen, Produktkennwerte, Herstellerinformationen, Prüfprotokolle etc. (www.dgnb-navigator.de).

Natureplus Database: … listet von Natureplus zertifizierte Produkte auf und enthält produktspezifische Daten und Prüfergebnisse für die Bewertung und den Vergleich wohngesunder und nachhaltiger Baustoffe. Zu den Produktdaten gehören Einsatzbereiche, Produktbeschreibungen oder Fotos, ferner technische Eigenschaften wie Maße oder bauphysikalische Kennwerte, ökologische Eigenschaften und Emissionswerte. Alle Daten können als PDF-Datei heruntergeladen werden (www.natureplus-database.org).

Ökobaudat: … enthält rund 900 DIN-EN-15804-konforme Ökobilanz-Datensätze zu Baumaterialien, Bau-, Transport-, Energie- und Entsorgungsprozessen. Mithilfe von Öko-Bilanzierungstools kann der gesamte Lebenszyklus von Gebäuden ermittelt werden, Produkt-Ökobilanzen lassen sich aber nicht erstellen. Enthalten sind sowohl generische als auch firmen- oder verbandsspezifische Datensätze aus Umweltproduktdeklarationen (www.oekobaudat.de).

Wecobis: Diese Baustoffdatenbank enthält zu allen Lebenszyklusphasen von Rohbau- und Ausbauprodukten Informationen zu Rohstoffen, Herstellung, Verarbeitung, Nutzung und Wiederverwertbarkeit. Enthalten sind keine spezifischen Bauprodukte, lediglich allgemeine Produktgruppen. Die Inhalte basieren auf Auswertungen der Fachliteratur, Informationen von Herstellerverbänden, Herstellern, wissenschaftlichen Instituten und Behörden (www.wecobis.de).

Fazit: Nicht blind vertrauen!

Angesichts des Überangebots an Bau- und Ausbauprodukten wollen Siegel Ordnung, Übersicht und Vertrauen schaffen und das jeweilige Produkt vom Mitbewerb abheben. Allerdings sollte man sich das dahinter steckende Konzept, die Auswahl-, Prüf- und Zertifizierungskriterien schon genauer anschauen, auch weil einige Siegel in den vergangenen Jahren etwas in die Kritik geraten sind: Weil beispielsweise Prüfkriterien nicht streng genug waren oder sind, sich an überholten Standards orientieren oder weil Prüftermine zu selten, zu lax und vorher angekündigt sind. Viel sinnvoller ist es deshalb, sich anhand obiger Datenbanken zu informieren und danach das geeignete Produkt auszuwählen. Hat es dann noch ein Siegel einer vertrauenswürdigen Zertifizierungsstelle – umso besser. Achten sollte man aber nicht nur auf das Produkt, sondern auch auf seine Verpackung. Besteht sie aus Kunststofffolien, Styropor oder gar einem nicht mehr trennbaren Materialmix, wird der Nachhaltigkeitsanspruch ad absurdum geführt. Noch besser als umweltschonende, nachhaltig hergestellte Bauprodukte ist eine direkte oder stoffliche Wiederverwertung. Obwohl Bau- und Abbruchabfälle mit über 200 Millionen Tonnen den Großteil am gesamten Brutto-Abfallaufkommen pro Jahr in Deutschland ausmachen, werden aus Recyclingmaterialien hergestellte Bau- und Ausbauprodukte noch viel zu selten angeboten und genutzt.


Der Autor

Dipl.-Ing. Marian Behaneck ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Software, Hardware und IT im Baubereich.


Weitere Siegel und Anbieter*

Cradle to Cradle Certified (www.c2ccertified.org), Ecolabel (www.ecolabel.eu), Environmental Product Declarations (https://ibu-epd.com), Greenguard (www.greenguard.org), Gutes Innenraumklima (https://gutes-innenraumklima.ch), Holz von Hier (www.holz-von-hier.eu), IBR (www.baubiologie-ibr.de), IBO (www.ibo.at), IBU (https://ibu-epd.com), IQUH (www.iquh.de), IUG (www.iug-umwelt-gesundheit.de), Natureplus (www.natureplus-database.org), Ökoplus (www.oekoplus.de), Öko-Test (www.oekotest.de), TÜV Nord (www.tuev-nord.de), TÜV Rheinland (www.tuv.com), TÜV Süd (www.tuvsud.com), Sentinel Haus Institut (www.sentinel-haus.de)

* Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit

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