Storytelling in der Praxis

„Was einst auf Papier stand, steht heute im Raum“

Ergänzend zum Auftakt  der BM-Serie „Kundenbindung mit Storytelling“ lesen Sie hier das Interview mit Ulf Geyersbach. Erfahren Sie, wie er mit diesem Thema in der Praxis umgeht!

 

BM: Herr Geyersbach, wie Ihre Werkstücke haben auch Sie bereits ein „anderes Leben“ gehabt …

Geyersbach: Richtig, nach dem Studium der neueren deutschen Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte und Romanistik habe ich knapp 20 Jahre in Berlin als Lektor für verschiedene Verlage gearbeitet und nebenher eine Reihe von Büchern verfasst. Allerdings haben sich handwerkliche und geistige Arbeit bei mir stets ergänzt. Beim Schreiben reizten mich immer auch die handwerklichen Aspekte.

BM: Warum haben Sie die geisteswissenschaftliche Arbeit gegen die handwerkliche getauscht?

Es sieht nur von außen so aus, als ob ich getauscht hätte. Die leicht witzelnde Variante wäre: Ich bin der holzverarbeitenden Branche treu geblieben. Was einst auf Papier stand, steht heute im Raum. Und wie beim Schreiben ist es auch beim Möbeldesign: Die Dinge werden erst vom Leser oder vom Benutzer zum Leben erweckt.

BM: Sie sagen, dass Sie ausgedienten Hölzern ein zweites Leben als Möbelunikat schenken – inwieweit spielt deren erstes Leben eine Rolle?

Das „erste Leben“ gibt den Dingen Bedeutung. Tiefe. Reife. Ich arbeite sehr ungern mit modernen Plattenwerkstoffen – da fehlt mir die historische und regionale „Gewachsenheit“. Ich mag es, dass fast alle meine Materialien aus Häusern stammen, die schon seit über hundert Jahren in Berlin und Brandenburg bewohnt werden. Die Geschichte ergibt sich aus allem, was mit diesen Objekten geschehen ist und geschieht: die Fundgeschichte der Hölzer, die Herkunft der Objekte. Das Ausbauen oder auch der Transport. Alles ist qua Definition Teil der Geschichte.

Und dann dieses Leben der Reste – früher habe ich die Füllungen der Kassettentüren weggeworfen. Später habe ich, aus Trägheit, einen riesigen Berg im Atelier liegen lassen – und durch das tägliche Anstarren dieser Materie hat sich etwas getan. Eines Tages habe ich angefangen, daraus eine Tischplatte zu verleimen. Die Geschichte zu dieser Tisch- und Hockerserie ist dann: Nichts ist unnützes Material in einer Werkstatt!

BM: Wie stehen Sie zu dem modernen Begriff Storytelling?

Ich mache es einfach, ohne dass mich interessiert, wie mein Tun benannt wird. Die besten Ideen entstehen im zwischenmenschlichen Raum, daher ist jedes Storytelling zunächst einmal ein Sprechakt: Erzähle und rede über deine Arbeit mit deinen Freunden, Partnern, Kollegen. „How to do things with words.“ Sei sensibel für das, was dieses Erzählen bei ihnen auslöst. Nimm es auf und spiegele es.

Einer meiner liebsten Tische trägt den Spitznamen „The Hole“, da ich das Schlüsselloch in den Tisch integriert habe – ich dachte, das wird kein Kunde mögen. Doch diesen Tisch hätte ich am Tag meiner ersten Verkaufsausstellung gleich dreimal verkaufen können. Die Menschen mochten gerade dieses Detail, weil es so eine einfache, klare, jedem verständliche Geschichte hatte. In die Produktpräsentation meiner Einzelstücke integrierte der Webdesigner dann eine Schlüssellochperspektive.

Ein anderes Beispiel ist die Idee, sämtliche meiner Tischplatten beim Fotografieren im Studio meines wunderbaren Fotografen Philipp Lohöfener in der Draufsicht wie ein mittelalterliches Tafelbild an die Wand zu hängen. Einen Tisch an die Wand hängen – das klingt grotesk. Aber wir haben das schon mehrfach auch für Kunden gemacht.

Da meine Firma im Untertitel auch „Möbel mit Geschichten“ heißt, kam uns eines Tages die Idee, die Möbel wie unsere ausgezogenen, erwachsenen Kinder zu betrachten. Es entstand die Foto-Story-Serie „Hausbesuche“: Gelegentlich fragen wir nach einer gewissen Zeit treue und gute Kunden, ob wir von dem Möbelstück in seiner aktuellen Lebensumgebung ein Foto anfertigen können. Das Ergebnis sind dann besondere Fotos, die wiederum die Stücke und die gesamte Marke aufwerten. Auch das ist so eine Idee, die im Miteinander mit Kunden, Kollegen, engen Freunden entstanden ist.

BM: Sie verwenden oft Metaphern zur Veranschaulichung Ihrer Arbeit, zum Beispiel: „Die Hölzer haben ihren Pflichtteil längst absolviert. Nun, in ihrem zweiten Leben, leisten sie ihre Kür.“ Erreichen Sie damit Ihre Kunden?

Ich höre immer wieder, dass die zahlreichen Texte auf meiner Webseite positiv auffallen. Ja, manchmal texte ich auch etwas „over the top“, aber das macht natürlich einfach nur Spaß – auch wenn es anstrengend ist. Gute Texte – wie auch gute Bilder – sind ein Alleinstellungsmerkmal.

BM: Was würden Sie Ihren Kollegen raten?

Kunden im digitalen Zeitalter sind andere Kunden als Kunden in der analogen Welt. Wissen, Preise, Techniken sind in der Wissensgesellschaft jedem zugänglich. Darauf muss ich reagieren. Begeistern kann ich sie nur mit Motivation. Mit Neugier. Offenheit. Es verliert sich so viel, wenn wir den Industrievertretern unsere Werkstätten überlassen. Deshalb: Macht täglich ungewöhnliche Dinge. Lasst euch vom Material inspirieren – und verbringt weniger Zeit am Bildschirm.

Zur Person

Vor rund acht Jahren fertigte der Geisteswissenschaftler Ulf Geyersbach (48) seinen ersten Tisch. Heute stellt seine 2015 in Berlin gegründete Firma Möbel aus Hölzern her, die kein Altholzhändler im Sortiment führt. Oft stammen die Materialien aus Gründerzeithäusern in Berlin und Brandenburg. Wenn sie dann in Geyersbachs Werkstatt landen, dauert es meist nicht lange, bis sie ihn zu einem seiner Entwürfe inspirieren.

www.geyersbach.com

 


Der Autor

Christian Gülde ist Sprachwissenschaftler, arbeitete unter anderem beim NDR und bei Manufactum und leitet heute eine Kommunikationsagentur in Hannover.

www.wunderkind-communication.com


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