Zuversicht tanken beim Lehrlingswettbewerb

Den Ernstfall proben

Schreinermeister Frank Baumeister freut sich, wenn seine Lehrlinge auch mal über den Tellerrand hinausgucken. Am Lehrlingswettbewerb Rheinland-Pfalz hat bisher jeder seiner Azubis teilgenommen. „Die Arbeit hat mir noch mehr Mut und Vertrauen in mein Können gegeben“, ist das Resümee des Auszubildenden Nils Eichhorn. BM-Redakteurin Regina Adamczak

„Meine besten Azubis sind immer die gewesen, die auch am Wochenende in der Werkstatt waren.“ Frank Baumeister bringt es auf den Punkt: „Da trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Wohlgemerkt: Dabei geht es nicht um geschäftliche Aufträge. „Meine Mitarbeiter dürfen die Werkstatt am Wochenende nutzen, um eigene Ideen umzusetzen.“ Dem Schreinermeister aus Mainz ist es wichtig, seinen Auszubildenden möglichst umfassende Fertigkeiten zu vermitteln. Das fängt mit dem Bau von Werkstattböcken im ersten Lehrjahr an und darf auch mal ein kleines Massivholzmöbel sein, falls es einen solchen Auftrag gibt. Bei der Teilnahme am Lehrlingswettbewerb im zweiten Ausbildungsjahr wird dann schon mal der Ernstfall geprobt. „Dass das die beste Vorbereitung auf die Gesellenprüfung ist, hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt“, weiß Arne Bretschneider, der den Wettbewerb für den Fachverband Rheinland-Pfalz organisiert, aus Erfahrung.

Noch mehr Vertrauen in das Können
Im vergangenen Jahr war Nils Eichhorn mit dabei und überzeugte mit seinem Stück die Jury. Er hat das vorgegebene Thema „Brettspiel“ konsequent zu Ende gedacht und aus massiven Eichebrettern ein steckbares Ensemble gestaltet, das Spieltisch und Sitzgelegenheit vereint und sich im Rucksack mitnehmen lässt. Die Jury begeisterte die zweideutige Auslegung des Mottos, da Eichhorn sowohl ein Brettspiel konzipierte als auch das „Spiel mit den Brettern“ handwerklich gekonnt umsetzte.
„Die Idee war zündend und klar“, findet auch Frank Baumeister. Er lässt seinen Auszubildenden bei der Entwicklung freie Hand. „Nur wenn ich sehe, dass es zu komplex ist, greife ich ein. Schließlich soll die Aufgabe in einem überschaubaren Zeitraum zu schaffen sein.“ Bei Nils Eichhorn jedoch war das nicht nötig. Ihm war ein minimalistischer Ansatz wichtig. Er war von Anfang an mit Leib und Seele dabei: „Das war das erste Mal, dass ich ein komplettes Stück von der Gestaltung bis hin zur Fertigung selber gemacht habe.“ Mit Freihandzeichnungen fing es vor Weihnachten an, CAD-Zeichnungen am heimischen Computer mit der Schülerversion von OSD Spirit folgten. Bis März konnten die Entwürfe eingereicht werden, Anfang Juni mussten die Stücke fertig sein. 40 Arbeitsstunden sind für die Fertigung vorgesehen. „Das war zeitlich schon etwas knapp – von der Holzauswahl über die CNC-Fräsung bis hin zur Entwicklung der Schachfiguren. Letztendlich war ich dann auch mal ein ganzes Wochenende in der Werkstatt.“ Bereut hat er keine Minute: „Die Arbeit hat mir noch mehr Mut und Vertrauen in mein Können gegeben.“
Die gute Ausbildung hat sich herumgesprochen
Frank Baumeister freut sich über das Engagement und den Erfolg seines Auszubildenden: „Das motiviert uns genauso wie ihn.“ Baumeister beschäftigt in seinem Innenausbaubetrieb in Klein-Winternheim bei Mainz zwei Meister und drei Gesellen. Zudem gibt es immer drei Auszubildende: Einen in jedem Lehrjahr. „Die lernen viel voneinander“, ist seine Erfahrung. Und Nils Eichhorn fügt hinzu: „Ich frage lieber mal einen anderen Azubi, wenn ich mir bei etwas nicht sicher bin, als mir vor einem Gesellen die Blöße zu geben.“
Frank Baumeister schaut bei der Auswahl seiner Azubis genau hin: „Mir ist es wichtig, dass ein Mensch etwas mitbringt – mit seinen Ideen und seiner Art.“ Um ein ein- bis zweiwöchiges Praktikum kommt keiner herum. „Dann wissen wir, ob’s passt.“ Über einen Mangel an Auszubildenden kann er sich nicht beklagen. Er kann meist aus rund 30 Bewerbern wählen. Dass man in seinem Betrieb eine gute Ausbildung bekommt, hat sich im Raum Mainz herumgesprochen. Die Teilnahme am Lehrlingswettbewerb gehört schon seit Langem zur Ausbildung dazu.
Jeder Innungsbetrieb kann teilnehmen
Der Wettbewerb wurde im Jahr 2001 vom Fachverband Leben Raum Gestaltung Rheinland-Pfalz ins Leben gerufen, damit Auszubildende Erfahrungen in Sachen Formgebung und Gestaltung machen können. Die Themen sind recht frei formuliert: „Licht und Schatten“, „Holz pur“, „Alles ist rund“ oder jetzt aktuell: „Klare Linie“. Hierzu lässt sich die Auszubildende Katharina Matejcek gerade etwas einfallen. „Jeder interpretiert das Thema auf seine Art“, sagt Arne Bretschneider, der das Ressort Berufsbildung beim Fachverband leitet. „Uns ist es wichtig, dass junge, innovative Konstruktions- und Gestaltungsideen umgesetzt werden. Die Experimentierfreude steht im Mittelpunkt.“ Zudem sei der Schritt in die eigenständige Fertigung ein wichtiger Motivationsfaktor. „Wir legen jedem unserer Innungsbetriebe diesen Wettbewerb sehr ans Herz“, schließt sich Landesinnungsmeister Stefan Zock an. Die Teilnahmeerklärung für den Wettbewerb in diesem Jahr muss bis spätestens 9. Februar 2017  vorliegen, die Zeichnungs- bzw. Modellabgabe bis 20. März 2017 . Die fertigen Stücke müssen am 6. Juni 2017  angeliefert werden. Ansprechpartner ist Arne Bretschneider, bretschneider@schreiner-rheinland-pfalz.de.
Jetzt auch in Hessen
Unter dem Motto „Nehmen Sie Platz“ können jetzt auch engagierte Auszubildende in Hessen Ideen entfalten. Denn auch der Verband des hessischen Tischlerhandwerks schreibt nun zum ersten Mal einen Lehrlingswettbewerb aus. Die Teilnahmeerklärung kann ab sofort eingesendet werden. Zeichnungsentwurf und Modell müssen bis zum 24. März 2017 abgegeben werden.
Ansprechpartner für den Lehrlingswettbewerb bei HessenTischler ist Dominic Honnert,

Impulse von außen

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Das fand ich interessant

In die besonderen Projekte, die bei Frank Baumeister entstehen, konnte ich mich schon beim Hinsetzen hineinfühlen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich nahm auf einem Hocker Platz, der sich mit 36 auf einem Schaumstoff-Polster stehenden Vierkanthölzern meiner Po-Form exakt anpasste. Ob Lehrlingswettbewerb oder Projekte mit der Hochschule Mainz – Frank Baumeister ist es wichtig, dass neue Impulse von außen kommen. „Das begeistert mich und meine Mitarbeiter.“