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Watt ist nicht alles

Über die praktische Bedeutung von Leistungsdaten
Watt ist nicht alles

Die Anbieter von Elektrogeräten übertrumpfen sich mit der Leistungsfähigkeit ihrer Geräte. Doch die Wattzahl der Maschine ist mehr Marketinginstrument als Leistungsbeweis. Hans J. Marzinzik erklärt, was sich hinter den Angaben „Nennaufnahme“, „Abgabeleis-tung“, „Drehzahl bei Nennlast“ oder „Drehmoment“ verbirgt und welche technischen Leistungsdaten wirklich Aussagekraft haben. Vor dem Kauf eines Elektrowerkzeuges steht der Anwender oft ratlos vor einem großen Angebot und weiß nicht, für welches Produkt er sich entscheiden soll.

Der Autor: Hans J. Marzinzik ist Leiter PR und Marketing Services bei Metabo, Nürtingen

Viele Geräte werden mit viel Watt, ein oder zwei Pseudoargumenten und mit einem Preis versehen, der den Eindruck erwecken soll, dass dieses Produkt besonders günstig ist. Diese Methode führt kurzfristig sogar häufig zum Verkaufserfolg; der Kunde wird dabei aber eigentlich nicht ernst genommen. Seine Enttäuschung ist vorprogrammiert. Denn bei der Anwendung stellt der Kunde fest, dass die Maschine seinen Anforderungen nicht genügt und, dass er unnötig Zeit und Geld investiert hat.
Doch natürlich geht es auch anders. Zunächst muss man herausfinden, welche Anwendungen der Anwender mit der Maschine zu erfüllen gedenkt. Dazu muss man ihn jedoch fragen. Und dann gehört selbstverständlich auch ein wenig Fachkenntnis dazu, für seine Anwendungen die „richtige“ Maschine zu empfehlen. Und „richtige“ Maschinen gibt es eine ganze Menge.
Leistungsgewicht in 40 Jahren versechsfacht
Das Leistungsgewicht qualitativ hochwertiger Elektrowerkzeuge betrug, bezogen auf die Abgabeleistung, im Jahre 1960 etwa 50 Watt pro Kilogramm Maschinengewicht. In nur 40 Jahren konnte dieses Leistungsgewicht auf bis zu 300 Watt pro Kilogramm gesteigert werden. Zum besseren Verständnis dieser Zahlen sei ein Vergleich mit schnellen Autos gestattet. Deren Leistungsgewichte liegen bei den Straßenmodellen bestenfalls in einer ähnlichen Größenordnung. Dabei kostet ein Elektrowerkzeug heute kaum mehr als 1960, ganz im Gegensatz zu den Automobilen.
Beim prinzipiellen Aufbau einer Schlagbohrmaschine fließt durch das Kabel die elektrische Energie in den Motor. Es handelt sich hierbei um die sog. Leis-tungsaufnahme, also die Leis-tung, die das Gerät dem Netz entnimmt. Entgegen der Auffassung vieler Kunden (und Verkäufer) wird diese Leistung nicht von der Wattangabe auf dem Typenschild bestimmt, sondern einzig und allein durch die Bedienungsperson und die Anwendungsbedingungen, also z. B. Anpressdruck, Boh-rerdurchmesser, Härte des zu bearbeitenden Materials usw.
Die elektrische Leistung wird im Motor in mechanische Leistung umgesetzt. Dabei wird das Herzstück des Motors, der sog. „Anker“ auf Drehzahlen von 30 000 Umdrehungen pro Minute und mehr beschleunigt. 30 000 Umdrehungen pro Minute entspricht einer Drehzahl von 500 Umdrehungen pro Sekunde! Von solchen Werten können selbst die Hersteller von Motoren für Formel-1-Rennwagen nur träumen. Deren Drehzahlen von 15 000 bis 17 000 Umdrehungen pro Minute stehen sowieso allenfalls für 90 Minuten zur Verfügung.
Das Getriebe reduziert diese enorm hohe Drehzahl des Elektromotors auf die notwendigen Arbeitsdrehzahlen und erhöht gleichzeitig das Drehmoment. Bei der Umwandlung von elektrischer in mechanische Leistung treten elektrische und mechanische Verluste in Form von Wärme in einer Größenordnung zwischen 15 Prozent bei qualitativ hochwertigen und 35 Prozent bei qua-litativ schlechteren Maschinen auf. Die Höhe dieser Verluste hängt von sehr vielen Details ab, die jedermann einleuchten, wenn man sie erklärt.
Ist die Maschine z. B. mit Kugellagern oder billigen Gleitlagern ausgestattet? Handelt es sich bei der Verzahnung z. B. um eine hochwertige Getriebeverzahnung oder um eine simple Verzahnung mit einem kleinen Modul? Wurden als Wicklungsdrähte im Motor hochtemperaturbeständige Kupferdrähte oder Einfachstdrähte mit einem geringen Kupfergehalt eingesetzt? Ein weiterer Verlustfaktor ist der Lüfter. Er hat die Aufgabe, den Motor zu kühlen. Diese Aufgabe verlangt Leistung, und das sind weitere ca. 20 Prozent der Leistungsaufnahme.
Gearbeitet wird mit der Abgabeleistung
Das Verhältnis zwischen der Abgabeleistung, also der Leistung, die wirklich für die Arbeit zur Verfügung steht, und der sog. Wattleistung nennt man Wirkungsgrad. Dieser wird in Prozent angegeben. So stehen letztlich bei qualitativ hochwertigen Maschinen zwischen 55 Prozent und teilweise über 70 Prozent – und bei Geräten mit einem schlechten Wirkungsgrad häufig nur 40 Prozent oder gar noch weniger der Aufnahmeleistung für die eigentliche Arbeit zur Verfügung. Und nur mit dieser Abgabeleistung kann man Schleifen, Sägen oder Löcher bohren.
So ist es nicht verwunderlich, dass Hersteller von Geräten mit schlechten Wirkungsgraden keinen Wert darauf legen, die Abgabeleistung anzugeben oder gar damit zu werben.
Was bedeuten diese ominösen „Watt“? In jedem Verkaufsgespräch und in jedem Prospekt werden die „Watt“ genannt. Es handelt sich um die Leistungsaufnahme bei Nennlast, die sog. „Nennaufnahme“. Wie diese Leistung zu messen ist, ist weltweit einheitlich für alle Elektrowerkzeughersteller nach IEC (International Electrotechnical Commission) 745-1 festgelegt. Auf dem Typenschild und in den Katalogen wird diese Leistung in Watt angegeben. Die Schwierigkeit besteht nun darin, dass der Anwender keine Möglichkeit hat festzustellen, ob er sein Gerät mit Nennaufnahme betreibt oder, ob er es überlastet.
Die Praxis zeigt, dass Elektrowerkzeuge selbst im normalen Betrieb häufig überlastet werden. Und Überlastung bedeutet höhere Motortemperaturen. Daraus ergibt sich nur eine einzige Frage: „Welchen Temperaturen widersteht die Maschine“?
Aus der Erfahrung heraus weiß man, dass es Marken und insbesondere Pseudomarken gibt, deren Geräte schneller ausbrennen als andere. Wie kann man das aber feststellen? 600 Watt sind doch 600 Watt. Oder? Das Loch verlangt z. B. 350 Watt -Abgabeleistung versteht sich. Dann bedeutet das bei einem Gerät mit 350 Watt Abgabeleistung und 600 Watt Nennaufnahme gerade einmal Nennbetrieb. Ein anderes Gerät, das im Nennbetrieb nur 200 Watt abgibt, muss stark überlastet werden, um die 350 Watt zu liefern. Und dann brennt die Maschine vielleicht schon bei 110 °C aus, weil schlechte Kupferdrähte und schlechte Kühlung nicht mehr zulassen. Die bessere Maschine widersteht aber 200 °C, kurzfristig vielleicht sogar 300 °C. Woher soll der Kunde das wissen?
Qualität ist die Summe der Details
„Qualität ist die Summe vieler Details“ lautet die Aussage. Der Fachverkäufer muss wissen, welche Maschine für die geplante Anwendung die optimale ist. Er sollte auch die Details im Gerät kennen und z. B. wissen, ob ein Produkt mit abschaltbaren Koh-lebürsten ausgerüstet ist oder nicht. Bei einem Produkt ohne abschaltbare Kohlebürsten bedeutet jeder neue Satz Kohlebürsten meist gleichzeitig einen neuen Anker, da die Führung der Koh-lebürsten den Kollektor zerstört. Es ist oft lächerlich zu lesen, dass bei manchen Geräten als Besonderheit ein Satz Kohlebürsten mitgeliefert wird. Den neuen Anker muss der Kunde dann zusätzlich kaufen, wenn überhaupt einer lieferbar ist.
Nehmen wir als weiteres Detail die Sicherheit. Der Fachverkäufer weiß, welche Geräte mit einer Sicherheitsautomatik ausgerüstet sind und welche nicht. Er weiß, welche Drehzahl die Maschine beim Arbeiten wirklich erreicht. Insbesondere die Hersteller von Billigprodukten werben ausschließlich mit der Leerlaufdrehzahl. Das ist die Drehzahl, mit der man mit absoluter Sicherheit nicht arbeiten kann. Da gibt es Produkte, die bei einer Leerlaufdrehzahl von 10 000 Umdrehungen pro Minute auch eine Lastdrehzahl von 10 000 Umdrehungen pro Minute garantieren. Andere drehen bei gleicher Leerlaufdrehzahl nur noch 5000 Umdrehungen pro Minute. Die erstgenannte Maschine verrichtet die Arbeit also um 100 Prozent schneller. Außerdem hat sie zwangsweise die längere Lebensdauer, denn auch der Lüfter dreht mit der hohen Drehzahl und kühlt den Motor natürlich wesentlich besser. Der Fachverkäufer weiß ebenso, dass eine Liefergarantie für Ersatzteile noch acht oder zehn Jahre nach Auslauf des Typs eben etwas anderes ist als die Angabe einer so genannten Serviceadresse.
Drehmoment ist durch nichts zu ersetzen
Die einfachste Entscheidungshilfe ist aber das Drehmoment des ins Auge gefassten Elektrowerkzeuges. Wenn mehrere Produkte zur Auswahl stehen, sollte sich der Anwender in jedem Fall für das Gerät mit dem höheren Dreh-moment entscheiden. Ein höheres Drehmoment bedeutet in jedem Fall weniger Überlastungsgefahr für die Maschine, eine niedrigere Motortemperatur und damit garantiert eine höhere Lebensdauer. Und das ergibt beste Effizienz und zufriedene Kunden. Denn das „richtige“ Elektrowerkzeug, das die Arbeit des Anwenders am effizientesten durchführt und dabei am längsten lebt, ist das Wunschwerkzeug jedes Kunden. Und diese Maschine kostet nur ein paar Euro mehr im Vergleich zu einem Billiggerät. o
„Wenn mehrere Produkte zur Auswahl stehen, sollte sich der Anwender in jedem Fall für das Gerät mit dem höheren Drehmoment entscheiden.
Ein höheres Drehmoment bedeutet in jedem Fall weniger Überlastungsgefahr für die Maschine und damit garantiert eine höhere Lebensdauer!“
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