Startseite » Inspiration » Blick über den Tellerrand »

Wenn Puppen lebendig werden

Jürgen Marschall schnitzt die Figuren der Augsburger Puppenkiste
Wenn Puppen lebendig werden

Wer erweckt eigentlich die Figuren der Augsburger Puppenkiste zum Leben? Es ist Jürgen Marschall, der das Schnitzhandwerk von seiner Mutter gelernt hat.
von Anna-Katharina Ledwa

I Als ich ankomme, finde ich keinen Hinweis auf die Schnitzwerkstatt von Jürgen Marschall, nicht mal ein Klingelschild kann ich entdecken. Also trete ich einfach ein. Nur zehn Fußminuten entfernt vom Theater der Augsburger Puppenkiste liegt das Gebäude in einer Seitengasse der historischen Altstadt.

Einige offene Türen und mehrere Treppenabsätze später endet mein Weg in einem nicht allzu großen Kellerraum. Von Wänden und Regalen baumeln eine Fülle geschnitzter Puppenköpfe. Die alte, abgenutzte Werkbank muss schon viel erlebt haben. Unzählige Schnitzmesser, diverse Sägen, eine Leimflasche, mehrere Pinsel, Farben und vieles mehr sind in Griffweite. Zwischen allem sitzt auf einem Drehhocker Jürgen Marschall. Er ist stellvertretender Leiter der Augsburger Puppenkiste und – seine Hauptberufung – Puppenschnitzer.
Geübt, geübt, geübt
„Gelernt habe ich das Handwerk von meiner Mutter“, erzählt Marschall. Hannelore Marschall war die Tochter von Walter und Rose Oehmichen, den Gründern der Augsburger Puppenkiste. Sie hatte keine Ausbildung als Holzbildhauerin, besaß aber ein enormes Naturtalent. „ Seit 1991 war ich mit ihr zusammen in der Werkstatt. Sie hat geschnitzt, ich habe zugeschaut und dann: Geübt, geübt und geübt,“ erinnert sich der Puppenschnitzer. Seit dem Tod seiner Mutter im Jahr 2003 ist er allein in der Werkstatt. „Natürlich war das zu Beginn nicht leicht. Ich hatte schon ein wenig Respekt vor dieser großen Aufgabe. Und dann musste ich auch noch ein zweites Urmel machen, weil das meiner Mutter ins Museum kommen sollte.“ Das war dann sozusagen sein Meisterstück.
Um eine neue Puppe zum Leben zu erwecken, spannt Marschall ein etwa 1 m langes Kantholz aus Linde mit einem Querschnitt von 10 x 10 cm in seine Werkbank ein.
Das weißgelbe Lindenholz ist eher weich, hat eine gleichmäßige Struktur und lässt sich in alle Richtungen gut bearbeiten. Natürlich kann mal der ein oder andere Ast auftauchen, aber im Großen und Ganzen hat sich dieses Holz für den Puppenbau als sehr geeignet erwiesen. Auch wenn das Lindenholz nicht so hart ist wie andere Laubhölzer, müssen die Schnitzmesser regelmäßig geschärft werden. „Das hat meine Mutter mir leider nicht beigebracht. Damit tue ich mich heute noch schwer.“
Die Köpfe der Puppen sind das wichtigste Element. Auch wenn noch einige andere Teile aus Holz gemacht sind. Hier müssen am Ende Ausdruck, Mimik und Größe stimmen. Sind die Proportionen des Kopfes mit Augen, Nase und Mund einmal angerissen und der Kopf unter dem Kinn von drei Seiten eingesägt, kann es los gehen. Mit zuerst groben Schnitzmessern fängt Marschall an, das Gesicht aus dem quadratischen Stück Holz zu hauen. Und dann: „Kommt alles weg, was nicht zu einem Kopf gehört,“ grinst er. So einfach sich das anhört und sein Schnitzen auch ausschaut, so viel Üben hat ihn erst bis hier kommen lassen. Von Talent gar nicht zu reden.
Mit Pinseln und Ölfarben vollendet
Wenn Marschall mit einem Kopf fertig ist und auch die dazugehörigen Hände geschnitzt hat, geht er ans Lackieren. Das feinporige Lindenholz ist dafür bestens geeignet. Hier verwendet er Ölfarben, die einen besonders natürlichen Glanz haben. „Außerdem kann man da das ein oder andere wieder mit Wasser abwischen oder radieren, falls etwas schiefgegangen ist.“ Mit ruhiger Hand führt er die Pinsel unterschiedlicher Feinheitsgrade über das Gesicht. Doch der richtige Ausdruck fehlt noch. „Erst mit den Augen fängt eine Puppe an zu leben .“ Dafür benutzt Marschall Polster- und Schusternägel, die er als Pupillen in das Weiß der Augen platziert. Zuerst dünn vorbohren und dann mit einem gezielten Schlag den Nagel einsetzen. In der glänzenden Oberfläche reflektiert das Licht und erzeugt einen wachen, lebendigen Blick.
Mehr als 50 Stunden Arbeit
Das Schnitzen ist allein Jürgen Marschalls Aufgabe. Nur Rohlinge für die Hände und das Kreuz für den Oberkörper bekommt er aus der Schreinerei der Puppenkiste geliefert. Für manche Köpfe werden vorgefertigte Rohlinge vom Drechsler benutzt, wie bei den russischen Sängern, die er gerade anfertigt. „Alle sichtbaren Teile der Puppen sind aus Holz gefertigt,“ sagt Marschall, „auch das Dekolleté bei manchen Frauenfiguren ist Schnitzwerk.“ Die Bekleidung passt die Schneiderei der Augsburger Puppenkiste hinterher an. Bis eine Puppe komplett fertig an ihren Fäden hängt werden etwa 50 bis 60 Arbeitsstunden benötigt.
Ans Aufhören denkt er noch nicht
Die Augsburger Puppenkiste ist jetzt in der dritten Generation in Familienbesitz. Sie wird von seinem Bruder Klaus Marschall geleitet. Und auf die Frage, wie es mit der Werkstatt nach seiner Zeit weitergeht, schwärmt Jürgen Marschall: „Der Freund meiner Nichte, der macht tolle Puppen! Jetzt bringt er hier auch schon sein zweites Stück auf die Bühne, den Zauberer von Oz. Es wäre wunderbar, wenn er nach mir weitermachen würde.“ Aber ans Aufhören ist für Marschall mit seinen 58 Jahren noch nicht zu denken. Er lebt und liebt sein Schnitzhandwerk und ist stolz auf das, was seine Mutter ihm beigebracht hat. Vielleicht schafft er es ja noch, die rund 6000 Puppen, die seine Mutter bis zu ihrem Tod gefertigt hat, zu toppen. Obwohl das schwierig werden könnte. Schließlich hat sie schon mit elf Jahren angefangen, ihre ersten Puppen zu schnitzen. I

40305253

Die Autorin
Anna-Katharina Ledwa ist Tischlerin und Projektgestalterin (HWK), arbeitet als Gesellin und entwickelt nebenberuflich eigene Produkte.
Herstellerinformation
Wissen testen – Preis absahnen
Herstellerinformation
BM-Videostars 2020
Herstellerinformation
BM-Titelstars 2020
Herstellerinformation
Im Fokus: Holz-Handwerk 2020
HOLZ-HANDWERK_2016
Foto: NürnbergMesse / Heiko Stahl
Herstellerinformation
BM-Themenseite: Innentüren
Im Fokus: Fensterbau Frontale 2020
Messegeschehen_allgemein
Alle zwei Jahre informieren sich die Fachbesucher über die neuesten Profilsysteme, Bauelemente, Beschlag- und Sicherheitstechnik und vieles mehr. Foto: NuernbergMesse/Frank Boxler
Im Fokus: Vernetzte Werkstatt

BM bei Facebook

BM auf Instagram
Alles bio? Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk
Im Fokus: Gestaltung

BM Bestellservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der BM Bestellservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin-Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum BM Bestellservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des BM Bestellservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de