Meisterprüfungsprojekt konsequent zu Ende gedacht

Nicht nur ein nackiges Möbel

In ganz Deutschland werden kunstfertige Meisterstücke gebaut. In ganz Deutschland? Nein! Eine Handwerks- kammer im Norden hat sich konsequent dem Meister- projekt geöffnet.

Autor: Rudolf Bartl

I Naja, wir wollen nicht übertreiben. Immerhin ist das Meisterprüfungsprojekt nach der Novellierung der Meisterprüfungsverordnung vor mehr als sieben Jahren Vorschrift und keine Prüfungskommission wird sich dem entziehen können. Aber das Thema scheint immer noch kontrovers diskutiert und von den Prüfungskommissionen unterschiedlich bewertet zu werden (siehe Kasten auf S. 123).

Oliva Maitra, die seit Jahren in der Meisterausbildung im Tischler/Schreinerhandwerk engagiert ist, sieht die Sache so: „Fraglos ist das hochwertige System der Meisterausbildung in Deutschland weltweit einzigartig. Gleichzeitig soll es die Basis sein für eine erfolgreiche Zukunftssicherung des Handwerks, sozusagen der „goldene Boden“. Doch das Anspruchsdenken der Menschen, sprich Verbraucher, steigt von Generation zu Generation. Es geht für die meisten von uns schon lange nicht mehr nur um die Befriedigung von Grundbedürfnissen sondern darum, Herzenswünsche erfüllt zu bekommen. Eine Art „Prestigekonsum“ macht sich breit, die persönlichen Ansprüche werden immer vielfältiger.“
Deshalb sieht die gelernte Tischlerin und diplomierte Innenarchitektin gerade in der ganzheitlichen Gestaltung von Räumen ein großes Potenzial, das sich Tischler und Schreiner erschließen sollten.
Es geht auch anders
Dieses ganzheitliche Denken vermittelt die engagierte Dozentin und Ausbildungsbeauftragte einer Handwerkskammer in ihren Meisterkursen: Tischler/Schreiner sollen nicht nur auf ein einzelnes Möbel als „Meisterstück“ fokussiert sein, sondern sich vielmehr mit dem kompletten Raum beschäftigen und diesen konzeptionell ganzheitlich gestalten. Aus dem von ihm entworfenen Raumkonzept pickt sich der Prüfling dann ein Element heraus und fertigt dieses explizit als sein Meisterstück.
Hierbei ist es dann unerheblich, ob ein Schubkasten oder eine Drehtür enthalten sind. Es geht vielmehr um die Dinge, die fürs Ganze wichtiger sind – also beispielsweise um den Fußboden, die Wandfarben, Dekostoffe und dekorative Elemente.
Projektarbeit bereitet auf den Ernstfall vor
Um die Meisterschüler auf den „Ernstfall“ vorzubereiten, steht in jedem Kurs ein Projekt an, das in Zusammenhang mit Unternehmen aus der freien Wirtschaft, die als Sponsoren beteiligt sind, entsteht. Die Tischler machen so keine „Entwürfe für die Schublade“, sondern stellen sich einer Gestaltungsaufgabe. Hierbei sind sie in ihren Gedanken völlig frei – und die Ergebnisse können sich sehen lassen. Das Ganze hat gleich mehrere Effekte: Der Sponsor profitiert von den frischen, manchmal auch ungewöhnlichen Ideen. Die Tischler machen erste Erfahrungen mit Entwürfen, bei denen es umfassender „auf etwas ankommt“ – wie beispielsweise auch Fristen einhalten, Nutzeneffekte herausarbeiten, die eigenen Ideen grafisch effektvoll darstellen, das entworfene Produkt zeit- und kostengerecht zu produzieren.
Da der Meisterkurs berufsbegleitend freitags und samstags statt findet, wird dieses Projekt quasi als „Hausaufgabe“ auf freiwilliger Basis durchgeführt. Hier können die angehenden Meister dann lernen, wie ein Projekt effektiv und wirtschaftlich in das Tagesgeschäft integriert werden kann.
Kommunikation wird immer wichtiger
Bei der Abschlussarbeit für die Meisterprüfung, dem sogenannten Meisterprüfungsprojekt, kann der Prüfling dann von den im Sponsoren-Projekt gesammelten Erfahrungen profitieren. Hat er das Raumkonzept entwickelt und ein Möbelstück aus diesem Entwurf realisiert, um seine handwerklichen Fähigkeiten zu zeigen, wird es nochmal ernst. Jetzt gilt es, sein gestalterisches Können in einem „realistischen Verkaufsgespräch“ dem Kunden quasi zu verkaufen. Dabei sind neben den Herren des Prüfungsausschusses auch zwei Damen aus anderen Ressorts vertreten. „Die Prüflinge meistern diese Gespräche, die ebenfalls in die Wertung mit einfließen, meist erstaunlich gut“, berichtet Oliva Maitra. „Und ich habe schon oft gehört, dass es ihnen sehr wichtig ist, dass Themen wie Kommunikation und persönliche Wirkung ebenfalls Unterrichtsfach in der Meisterausbildung sind“ (siehe Kasten).
Handwerkliches Können bleibt wichtig
Rückblickend sieht Olivia Maitra auch ihre eigene Ausbildung kritisch: „Lernen darf nicht nur Theorie sein und die praktischen Arbeiten sollen echten Nutzen bringen. Also keine Art Statussymbole des Tischler/Schreinerhandwerks sein – wie diese „künstlerischen“ Schach- oder Backgammon-Spiele, die Generationen von Auszubildenden, mich eingeschlossen, in Furnier- und Oberflächen-Lehrgängen immer wieder produziert haben, um das erlernte Können unter Beweis zu stellen“ weiß Oliva Maitra. „Natürlich ist es wichtig, auch in diesen Bereichen gut ausgebildet zu sein. Jedoch sind neue Ideen und integrierte Zusammenhänge ebenso erstrebenswert“.
Sie selbst vermittelt in ihrem separat geführten Planungsbüro bereits seit 17 Jahren sowohl angehenden als auch „gedienten“ Tischlermeistern aus der freien Wirtschaft genau jene Dinge, die diese bei ihren Meisterausbildungen nicht oder nur unzureichend lernen beziehungsweise gelernt haben.
Und auch zukünftig sieht sie große Chancen für Handwerker, die ihr Gewerk beherrschen: „Warum will heutzutage kaum jemand mehr Handwerker werden? Immer mehr Jugendliche studieren, statt eine Ausbildung zu machen. Volle Hörsäle, leere Werkstätten, keiner will sich mehr „die Hände schmutzig“ machen. Da werden in ganz naher Zukunft alle diejenigen belohnt werden, die dies noch tun. Doch weil es immer weniger sind, wird Handarbeit kostbarer und damit auch besser bezahlt werden“, ist sich Oliva Maitra sicher. I
Planungsbüro Maitra
26160 Bad Zwischenahn

Was haben Sie für Erfahrungen gemacht? Die Handwerkskammer im Norden Deutschlands …
Wer in drei Teufels Namen ist diese Handwerkskammer, werden Sie fragen? Tja … diese Handwerkskammer wollte nicht genannt werden. Gab es zu viel Gegenwind aus dem Süden? Ist man sich in den Prüfungsausschüssen mehr als sieben Jahre nach der Novellierung der Meisterprüfungsverordnung im Tischler- und Schreinerhandwerk immer noch nicht einig, wie der § 4 in die Praxis umgesetzt wird? Dort heißt es: „Der Prüfling hat ein Meisterprüfungsprojekt durchzuführen, das einem Kundenauftrag entspricht. Vorschläge des Prüflings für den Kundenauftrag sollen berücksichtigt werden. Die auftragsbezogenen Kundenanforderungen werden vom Meisterprüfungsausschuss festgelegt. Auf dieser Grundlage erarbeitet der Prüfling ein Umsetzungskonzept.“ Fragen über Fragen. Was haben Sie für Erfahrungen gemacht? Wo sehen Sie Probleme? Schreiben Sie unter dem Stichwort „Meisterprojekt“ an bm.redaktion@konradin.de

Feedback zu den Meisterkursen Ideen fallen nicht vom Himmel
Und wie gefällt den angehenden Tischlermeistern das Konzept des berufsbegleitenden Kurses? Die Resonanz ist zum größten Teil positiv: Ingo Wilken hat besonders das Sponsoren-Projekt große Freude gemacht: „Ich war froh, dass wir genügend Zeit hatten, um Ideen zu sammeln … denn die fallen ja bekanntlich nicht vom Himmel. Und ich war gespannt, was meine Mitschüler zu präsentieren hatten.“ Auch mit dem Unterricht war er sehr zufrieden: „Frau Maitra versteht ihr Handwerk und kann es gut vermitteln … auch wenn wir in Sachen Feng Shui nicht immer einer Meinung waren.“ (Anm. d. Red.: Oliva Maitra ist auch Feng-Shui-Meisterin) Florian Bruns hat besonders von den Zeichenkursen und den Gesprächsrunden profitiert: „Mit dem Zeichenunterricht sollte man ganz früh anfangen und viel Wert auf Perspektiven und das farbliche Gestalten legen. Auch die Gespräche und Diskussionen in großer Runde über die fertigen Arbeiten fand ich klasse.“

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