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BM-Serie, Teil 3: Digitalisierung im Schreiner- und Tischlerhandwerk

BM-Serie, Teil 3: Digitalisierung im Schreiner- und Tischlerhandwerk
Trends erkennen – Die Glaskugel lesen lernen

Wichtige Eigenschaften eines Unternehmers sind, die Trends der Branche zu erkennen und die Fähigkeit aufzubauen, die „Glaskugel“ – also den Ausblick auf die Zukunft – lesen zu können. Warum fällt uns trotz aller Wichtigkeit der Blick in die Zukunft und die Vorstellung eines Paradigmenwechsel oftmals so schwer.

Markus Faust

Betrachtet man größere Innovationssprünge in der jüngeren Vergangenheit, so haben diese meist Eines gemeinsam: Der Ursprung der Idee lag oftmals nicht innerhalb der Branche, sondern außerhalb. Eigentlich nicht wirklich einleuchtend, warum ein „Fremder“ offensichtlich bessere Zukunftsideen als ein gestandener Brancheninterner hat. Ist unsere Branchenerfahrung vielleicht sogar unser größter Innovationsblocker? Dies muss natürlich nicht immer der Fall sein. Interessant ist dennoch, dass uns Menschen eine Adaption von außen offensichtlich leichter fällt, als eine Innovation aus Vorhandenem abzuleiten.

Deshalb ist es als Unternehmer so wichtig, sich nicht ausschließlich mit seinen Handwerks- und Schreinerkollegen zu unterhalten, denn in der Regel bestätigt man sich nur gegenseitig. Insgeheim freut man sich sogar, wenn der andere genauso denkt wie man selbst. Aber nur, weil all Ihre Branchenkollegen so denken, heißt es noch lange nicht, dass es richtig ist. Daher der Appell: Tauschen Sie sich regelmäßig mit Unternehmern außerhalb Ihrer Branche aus. Ich empfehle, mindestens 20 % Ihrer Gespräche mit externen Berufsgruppen zu führen. Gehen Sie unvoreingenommen und neugierig in Gespräche. Viel zu oft ist die zweite Frage eines Schreiners beim Small Talk: „Sind Sie auch Schreiner?“. Ein „Ja“ löst dabei die Spannung des Gespräches schlagartig auf, da sich die Gespräche im Anschluss meist um altbekannte Themen drehen.

Mit dieser Einstellung generieren wir unser eigenes Perpetuum Mobile: Wir bilden Schreiner mit dem Wissen der Gegenwart aus, dieses beruht auf den Lehren der Vergangenheit. Wir leben und lehren quasi Vergangenheit. Und wen stellt der Tischler ein – wieder einen Tischler mit ähnlichen und üblichen Arbeitsweisen. Von wo soll da die Innovation kommen? So ist es auch nicht verwunderlich, warum Veränderungen im Handwerk noch träger und langatmiger als in der Industrie stattfinden.

Aller Anfang ist teuer

Warum suchen Sie nicht mal absichtlich einen Mitarbeiter außerhalb Ihres Business? Nur so kommen neue Gedanken, neue Sichtweisen in Ihr Unternehmen. Nehmen wir als Beispiel den 3D-Druck. Innerhalb unserer Branche hört man oft Sätze wie „3D-Druck ist zu teuer“ oder „3D-Druck wird bei uns nicht funktionieren, da wir viel zu viel Material benötigen“. Gerade wenn das Argument „zu teuer“ im Raum steht, lohnt es sich, noch tiefer in die Materie zu gehen, denn fast jede Innovation aus der Vergangenheit kam aus dem ursprünglichen „zu teuer“. Egal ob wir von einem Flachbildschirm oder von Speicherkapazität sprechen – alles war zu Beginn teuer. Streichen Sie deshalb am besten das Argument „zu teuer“ in diesem Zusammenhang als Ausschlusskriterium.

3D-Druck als Chance

Das Problem ist vermehrt, dass wir versuchen, uns gedanklich neue Technologie auf alten Herstellverfahren/Methodiken vorzustellen. Wir sehen aus Gewohnheit z. B. eine 19er Spanplatte vor uns – diese ist natürlich zum Drucken zu teuer und dauert zu lange. Der Fehler beginnt, indem wir eine Platte als Gedankenmuster nehmen. Keiner unserer Kunden braucht eine Platte. Die Platte (nehmen wir eine Seite links) ist nur ein notwendiges „Übel“, um mit unseren momentanen Herstellungsverfahren Korpusse, Schränke oder Stausysteme zu erstellen. In dem Moment, in dem wir uns auf den Nutzen, also die Funktion des Produktes, reduzieren (z. B. Staufläche, Ästhetik) brauchen wir nicht zwingend Platten. Wir brauchen nicht mal Beschläge – diese sind nur notwendig, weil wir versuchen, über Platten meist rechtwinklig etwas aufzubauen. Wenn wir 3D-drucken ist jede organische Form (in der Natur gibt es kein eckig!) mit dem gleichen oder sogar geringerem Aufwand herstellbar. Ähnlich wie die Natur ist auch der 3D-Druck darüber hinaus wahnsinnig effizient. Es wird nichts aufgebaut und dann wieder weggenommen. Seit der Steinzeit sind wir es gewohnt, egal ob Bildhauer oder Steinmetz, das Ergebnis von einem größeren Gesamtvolumen abzuleiten. Der 3D-Druck macht genau das Gegenteil, es bleibt nichts übrig, es gibt keinen Rest. Überlegen Sie, wie das Ihre Abläufe vereinfachen könnte. Keine Beschlagsartikel mehr pflegen, keine Bestellungen auslösen, keine Beschläge im Lager entgegennehmen und einsortieren. Es geht noch viel weiter: Es bräuchte keinen Zuschnitt mehr, keine CNC-Bearbeitung, keine Kante, ggf. keine Oberfläche – sogar ein großer Teil des Bankraums könnte überflüssig werden. Wenn wir jetzt das Ganze als Gesamtbild sehen und unseren Blick nicht reduzieren auf: „Ich vergleiche eine 19er Platte mit oder ohne 3D-Druck“, dann wird sehr schnell klar, welch Macht und Potenzial dahinter steckt. Auch das Thema Nachhaltigkeit spricht für den 3D-Druck, denn es ist viel weniger Transport notwendig. Ich transportiere nur mein Basismaterial und schiffe nicht Hilfsstoffe und Materialien durch die ganze Welt. Mit dem 3D-Scan von Räumen haben wir bereits die ideale Grundlage für ein additives Verfahren geschaffen, wodurch das Wort „maßgeschneidert“ eine noch viel höhere Bedeutung bekommen wird.

 

Der digitale Zwilling

Angenommen ich bin überzeugt davon, dass das additive Verfahren auch unser Schreinerhandwerk einmal auf links drehen wird, drängt sich die Frage auf: Was kann, oder besser, sollte ich jetzt schon tun? Was Sie in jedem Fall benötigen, ist die notwendige Basistechnologie – Stichwort digitaler Zwilling. Die komplette Fertigungsintelligenz für ein additives Verfahren liegt innerhalb des 3D-Modells. Ohne eine interpretationsfreie Basis (moderne 3D-Systeme) wird der 3D-Drucker nicht wissen können, was er drucken muss. Diese interpretationsfreien 3D-Modelle helfen Ihnen jedoch nicht erst für den 3D-Druck. Es ist auch heute schon ein maßgeblicher Faktor für eine performante Fertigung. Die Zeiten, in denen wir im Maschinenraum eine Stückliste oder gar einen Plan in die Hand nehmen mussten, um zu verstehen, was wir herstellen, sollten eigentlich schon vorbei sein.

Sackgasse variable Stückliste

Leider gibt es aber immer noch auch größere Schreinereien, die der Meinung sind, dass das Thema 3D-Modellierung für sie nicht notwendig ist. Man arbeite schließlich sehr erfolgreich mit Stammstücklisten und variablen Stücklisten, die über ein Branchenprogramm getriggert werden. Unabhängig davon, dass Sie bei variablen Stücklisten immer alles vordenken müssen, was Sie künftig einmal abwickeln möchten, haben sie noch zwei weitere Probleme: Was, wenn Sie vom „Standard“ abweichen müssen? Eine Situation, die für Innenausbauer eher die Regel als die Ausnahme ist. Viel gravierender ist aber die Tatsache, dass ein ERP-System definitiv keine Fertigungsdaten für einen individuellen Auftragsfertiger erzeugen kann, weder heute noch in Zukunft, geschweige denn einen 3D-Drucker mit belastbaren Daten füttern kann. Der Glaubenssatz: „Ein ERP-System ist das führende All-in-One-System“, ist noch immer bei vielen fest verankert. Nicht falsch verstehen – das Branchenprogramm hat auch zukünftig seine Berechtigung, ich möchte nur sensibilisieren, dass Sie über ein ERP-System keinen 3D-Drucker ansteuern können werden. Das heißt, viele von uns haben da noch einiges an Hausaufgaben vor sich, um überhaupt die Basisvoraussetzungen zu liefern.

Im Übrigen sind auch die anderen derzeitigen großen Themen wie BIM oder die zunehmende selektive Fertigung Themen, welche die gleiche Grundarchitektur benötigen – den digitalen Zwilling. Letztlich ist es also gar nicht so entscheidend, ob der 3D-Druck genau so kommen wird, die vorausgehenden Hausaufgaben bleiben die gleichen.

Wer plant, irrt genauer

Wir alle haben keine Glaskugel für die Zukunft – was wir jedoch tun können ist, zumindest Planungen aufzustellen. Sie kennen den Spruch: Wer plant, irrt genauer. Nur wenn wir bereit sind, uns mit Themen zu befassen welche wir noch nicht greifen können und welche sich noch völlig irreal anfühlen, werden wir tendenziell die richtige Entscheidung treffen. Selbst wenn Sie am Ende nur sechs von zehn Entscheidungen richtig treffen, wird es reichen, um das Unternehmen auf der Erfolgsspur zu halten.

Im nächsten Bericht werden wir uns darüber unterhalten, wie wir unser Team für unsere zukünftigen Ziele gewinnen können, und vor allem wie wir es schaffen, uns von alten eingefahrenen Mustern zu lösen.


Digitalisierung im Handwerk

Die BM-Serie im Überblick

Digitalisierung wagen – leichter gesagt als getan. In dieser BM-Serie zeigt Markus Faust Einblicke in den digitalen Wandel im Schreiner/Tischlerhandwerk und gibt wertvolle Tipps und Anregungen.

Die monatliche Miete zahlen

Die Exitstrategie als Wegweiser

Lerne die Glaskugel zu lesen

Verlernen ist wichtiger als lernen

Die Ideenmaschine anwerfen

Schritt für Schritt erfolgreich


Der Autor

Markus Faust ist Dipl.-Ing. (FH) Holztechnik und hilft Schreinern und Innenausbauern dabei, schlanke und performante (Vor-)Fertigungsprozesse im Unternehmen aufzubauen. Die Auswahl und Integration von schlüsselfertigen CAD/CAM-Systemumgebungen ist dabei die Basis.

www.av-line.de


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