Werkstattbesuch beim Holzgestalter Harald Müller. Die kleine Form - BM online
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Die kleine Form

Werkstattbesuch beim Holzgestalter Harald Müller
Die kleine Form

Grazile Kreisel, feine Schreibgeräte und handliche Gefäße – alles aus seltenen heimischen oder exotischen Hölzern und außergewöhnlichen Materialien. Der Holzgestalter Harald Müller hat sich mit seinen Arbeiten den kleinen, feinen, kunsthandwerklichen Dingen verschrieben.

BM-Redakteur Heinz Fink

Langsam setzt sich das Werkstück in Bewegung, beschleunigt beständig und rotiert schließlich mit gleichmäßiger Geschwindigkeit dahin – lediglich eine leichte Unwucht ist zu bemerken. Doch diese hat ein schnelles Ende, als die frisch geschärfte Röhre am Holz ansetzt und einen Regen aus dunklen, fein geschnittenen Spänen erzeugt, der sich auf dem Bankbett und den umliegenden Flächen niederlegt. Nach ein bis zwei weiteren Zügen mit minimaler Spanabnahme läuft der Rohling aus fast tiefschwarzem Holz gleichmäßig rund. Die perfekt geschnittene Oberfläche glänzt bereits ganz leicht, scheint schon fast fertig zu sein. Doch bis der Kunde die von Harald Müller gefertige Dose aus fein gezeichnetem Grenadill in Händen halten und den Deckel mit einem leichten Plopp abnehmen kann, bedarf es noch vieler Arbeitsgänge. Der 60-jährige Holzgestalter aus Lüchow im Wendland fertigt seit gut 35 Jahren feine kunsthandwerkliche, vorwiegend auf der Drechselbank hergestellte Arbeiten aus edlen Hölzern und anderen Materialien.

Von der Elektronik zum Holz

Geboren in Lichtenberg und aufgewachsen in Lüchow im Wendland, absolvierte Harald Müller nach der Schule eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Zu Anfang der 1980er-Jahre zog er, wie viele in seiner Generation, vor dem drohenden Wehrdienst nach Berlin. Zurück im Wendland, Mitte der 80er-Jahre, jobbte er mal im Sägewerk, als Zimmermann oder als Tischler und sammelte so erste Erfahrungen in der Holzbearbeitung.

Durch seine Tätikeit im Antennenbau kam er damals auf den ein oder anderen Dachboden alter Bauernhäuser im Wendland, angefüllt mit antiken Möbeln, die dem Zeitgeschmack zum Opfer gefallen waren und führte daran nach Feierabend erste Restaurierungsarbeiten durch. Da musste schon mal ein fehlendes, gedrechseltes Stuhlbein oder ein Schubladenknopf ergänzt werden – das Wissen dafür eignete er sich autodidaktisch an. In dieser Zeit erkannte Harald Müller seine Leidenschaft fürs Drechseln und für exotische Holzarten, die 1986 zur Gründung einer eigenen Werkstatt in Luckau führte.

Harte Aufbauzeit

In den ersten Jahren seiner Selbstständigkeit fertigte Harald Müller tausende von Teelichtleuchtern, Schreibgeräten und Schlüsselanhängern im Jahr –, galt es doch ein Wohn- und Werkstattgebäude zu finanzieren und zu renovieren und gleichzeitig eine junge Familie zu ernähren. Dies gelang, da es im Wendland schon damals eine lebendige Szene an Kunsthandwerkern und reichlich Märkte und Verkaufsmöglichkeiten gab. Seit 2011 betreibt Harald Müller eine Ladenwerkstatt im ehemaligen Handwerkerviertel von Lüchow, die er sich heute zusammen mit seiner Partnerin, der Textilgestalterin Anne Heister, teilt.

Beschränkung aufs Wesentliche

Das Werk von Harald Müller umfasst gedrechselte Unikate wie auch Kleinserien, die durch ihre reduzierte und klare Formensprache überzeugen. Von filigranen, zusammengesetzten Kreiseln aus selten mehr als zwei Holzarten, fein gearbeiteten Schreibgeräten aus Holz und anderen Werkstoffen bis hin zu komplexen, passgenauen Dosen und geschlossenen Formen, alle entstehen sie in traditioneller Drechseltechnik und sind gekennzeichnet durch die Bindung an die Achse der Drehbank. Dabei wird diese „Mitte“ oft durch Einlagen aus kontrastierenden Holzarten oder Bein betont.

Feine Hölzer und perfekte Verarbeitung

Für seine Arbeiten kann Harald Müller auf einen reichhaltigen Fundus an exotischen und ausgefallenen Maserhölzern aus teils jahrzehntealtem Bestand zurückgreifen. Zu den bevorzugten Holzarten zählen dabei aufgrund ihrer gleichmäßigen Farbe und Struktur Amarant, Ebenholz und Grenadill, aber auch die unterschiedlichsten Palisanderarten. Als Kontrast kommen Palmenholz und lebhaft strukturierte Wurzel- und Maserhölzer zum Einsatz. Ein Merkmal seiner oft in eine Hand passenden Dosen und Gefäße ist dabei die präzise Passung von Deckel und Unterteil, die sich noch nach Jahren mit einem leichten Plopp öffnen lassen.

Historische Werkstoffe

Seine edlen Schreibgeräte – und hier vor allem seine Füller – fertigt Harald Müller neben edlen Hölzern auch aus historischen Werkstoffen wie Celluloid, Kasein oder Ebonit, aber auch aus modernen Acrylharzen. Dabei greift er so gut wie nie auf handelsübliche Bausätze zurück, sondern fertigt auch die gesamte Hardware, wie die meist nur wenigen Gewindegänge langen Schraubverbindungen zwischen Kappe, Handstück und Patronenaufnahme aus Neusilber, Messing und Silber selbst an.

Neben seinem Ladengeschäft und dem Webshop auf seiner Homepage vertreibt Harald Müller seine Arbeiten über Ausstellungen des Vereins Angewandte Kunst Lüneburg (AKL) oder im Museumsladen des Rundlingsdorfes Lübeln. Doch auch im Onlineshop der bekannten Wochenzeitung Die Zeit waren seine Werke schon zu finden, für den er einige Hundert Griffe für individuelle, von einer Künstlerin gestaltete Adressstempel aus Kirschbaum gedrechselt hat.

www.holz-gestaltung.de

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