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Die Küche ist das neue Wohnzimmer

Trends von der EuroCucina 2022
Die Küche ist das neue Wohnzimmer

Alles griffbereit, gut strukturiert und dekorativ beleuchtet. Die Küche von heute ist Dreh- und Angelpunkt des Wohnraumes und gleichzeitig Treffpunkt für Familie und Freunde. Einiges verschwindet nach Gebrauch wieder hinter großen Flächen, doch offene Regale zaubern auch 2022 Wohnlichkeit ins Küchengesicht.

Katrin de Louw

Eigentlich findet die EuroCucina alle zwei Jahre parallel zur Mailänder Möbelmesse im April statt. Eigentlich. 2020 fiel sie pandemiebedingt ganz aus, dieses Jahr im Juni durfte sie nach vier Jahren endlich wieder stattfinden. Mit deutlich kleinerer Fläche und nur 82 Ausstellern noch sichtbar angeschlagen, trotzte sie den Widrigkeiten und bekam Recht: Die Sonne und die Aussteller strahlten um die Wette und die Besucher waren sowohl für den Austausch als auch für die wertvolle Inspiration dankbar.

Das ganz große Innovationsfeuerwerk der Küchenhersteller blieb zwar aus, doch das passt im Grunde genommen zum Zeitgeist: Angesagt sind Slow Living und Slow Furniture – damit reagiert die Branche auf Themen wie Nachhaltigkeit und Lieferengpässe. Heraus kommen wunderschöne, wohnoffene Einbausysteme mit platzoptimierter Raffinesse zum kreativen Kochen, Klönen und Arbeiten.

Metallprofile machen Systeme sichtbar

Ein System war eine Küche zwar schon lange Zeit, allerdings eines, welches in ihrem Raster meistens nur den Küchenplanern und Herstellern bekannt war. Doch jetzt wird es deutlich: Die Metallsysteme rastern ganze Wände, sogar Rückwandverkleidungen, sodass selbst der Laie das Raster sofort erkennt und dadurch auch seinen Spielraum der schier unbegrenzten Möglichkeiten. Dabei variieren die Profile, die meistens aus Aluminium gefertigt sind, von Hersteller zu Hersteller stark. Das Angebot sieht schwarze Metallprofile ebenso vor, wie dunkles Bronze oder hellere Champagnertöne, alle mit metallischem Glimmereffekt. Zarte Profile bieten trotz geringer Einbautiefe Aufhänge-Möglichkeiten in der Nischenrückwand, größere Vierkantprofile tragen ganze Holzkorpusse und sogar Einbaugeräte als Solisten zwischen den Streben. Diese bieten genug Platz für die Elektrifizierung und werden deshalb auch gerne mit Licht, manchmal sogar Sound ausgestattet. Besonders die Lichtgestaltung spielt in den modernen Küchen eine tragende Rolle.

Hochglanz ist wieder da

Licht optimiert die Arbeitssituationen und schafft Ambiente nach getaner Arbeit. Dabei erzeugt indirektes Licht, z. B. zur Wand strahlend hinter den Regalträgern, eine hochwertige Wohnlichkeit. Die Lichtfarbe ist dabei immer warm und erinnert an die gute alte Glühlampe – wenn auch heutzutage natürlich durchgängig in LED umgesetzt. Werden transparente und transluzente Materialien insbesondere in der Front eingesetzt, entstehen attraktive Effekte. Glas bleibt generell wichtig – gerne mit einem Metallrahmen – wird aber durch Facetten oder Linien und geometrische Designs strukturiert und wertiger – genauso wie man es aktuell bei den Trinkgläsern sieht.

Und nicht nur die Metalle und das strukturierte Glas bieten Glanzpunkte in der neuen Küche: Siehe da – es ist erstaunlich viel Hochglanz auf Lackflächen zu sehen. Zwar nicht mehr als die noch immer angesagten supermatten Oberflächen, aber doch sind sie wieder da und bieten Kontrast zu den samtweichen Soft-Touch-Effekten auf Fronten, Arbeitsplatten und Keramik.

Sowieso wurde ich das Gefühl nicht los, als gäbe es einen „Jetzt-erst-recht!“-Faktor im Design: Mehr Farbe, mehr Glanz, mehr Kunst, mehr Humor. Auf dem Messestand von Diesel Living hatte die gesamte Dekoration Augen. Sogar die Bücher schauten einen an.

Weg vom Reinweiß

Farbe macht fröhlich und das geht auch an den Küchen nicht vorbei. Da eine Küche aber kein modisches Accessoire ist, wird das Thema Farbe eher im Umfeld umgesetzt. Einige Küchen sehen wir in edlen Blautönen, Rosé und Nude, Terracotta oder sanftem Gelb. Andere Hersteller sind von Kräutern und Düften inspiriert, mit Farben wie Safran, Salbei und Lavendel. Der wohl wichtigste Farbtrend ist das gebrochene Weiß – weg vom harten Reinweiß, welches wenig natürlich wirkt. Jetzt kommen gräuliche und warme Weißtöne, aber auch neue Sand- und helle Naturfarben, sogenannte Neutrals, also neutrale Farben im Grau-Beige-Weiß-Spektrum. Schwarz bleibt, nimmt sich aber in den Flächen etwas zurück.

Unifarben treffen großzügige Holzfronten

Die Unifarben werden kombiniert mit Holz und Marmor, bzw. Steinoptik auf Keramik. Dabei werden die Holzfronten großzügig geplant und bestimmen so die gemütliche Atmosphäre der neuen Küchen. Interessanterweise sehen wir Holz überwiegend in den Unterschränken. In den Oberschränken und Hochschränken wird eher zum Uni gegriffen oder eben zu den erwähnten Metallregalen. Das Holz bildet dadurch architektonisch eine Art Block, der wie ein massiver Sockel wirkt und die eher leichtere Regalstruktur der Küche trägt.

Nicht selten werden Massivholzfronten mit vertikalen Rillen akzentuiert und so handwerklich aufgewertet. Auch Furnierarbeiten sind in den Fronten zu sehen, wo die Holzstruktur in ein und derselben Küchentür von der Vertikalen in die Horizontale wechselt. Die Detailliebe ist so groß wie der Wunsch nach Einzigartigkeit. Hier gibt es ein großes Potenzial für Manufakturen und Handwerk.

Wichtigstes Holz – kein Wunder, wir sind in Italien – ist der Nussbaum, gefolgt von Eiche in dunkelbraunen, grauen und schwarzen Varianten. Auch in hell ist die Eiche viel zu sehen, allerdings oftmals leicht grau oder weiß pigmentiert. Erfrischend, wenn dem Messebesucher mal eine Ulme, ein Rüster oder eine Esche begegnet.

Griff-Fugen ersetzen Push-to-Open

Auf sichtbare Griffe wird weitestgehend verzichtet – das sieht zu sehr nach „Küche“ aus und zu wenig nach Wohnzimmer. Ebenso vermeidet man inzwischen den Push-to-Open- Mechanismus, da dieser Fettfinger auf der Küchentür verursacht. Stattdessen wird lieber hinter die Front gegriffen oder von oben hinein gefasst, um die Tür zu öffnen. Dazu sind die Fronten nach hinten abgeschrägt oder gefälzt.

Ist die Tür erstmal geöffnet, sieht man wertige Innenausstattungen, Beleuchtung, Glasböden, Massivholzeinsätze oder schwarze Metallrahmen. Die Küche ist zum Reinschauen gemacht – auch für die Gäste. Diesen bietet man natürlich auch ein gutes Tröpfchen an. Deshalb sind Weinschränke und Bars wieder absolut hipp – sichtbar hinter Glas, beleuchtet und perfekt temperiert. Sie bieten ergänzenden Luxus im Küchen- und Wohnbereich.

Technische Elemente gekonnt integriert

Die Kochinsel bleibt zentrales Element in der Küche und zeigt große Flächen in Stein oder Steinoptik, die einen kühlen und natürlichen Kontrast zum Holz bietet. Auf der Arbeitsfläche integriert sind Elektrifizierungen wie Steckdosen und USB-Steckplätze als auch Wireless Charging für kabelloses Laden des Handys, der nur durch einen kleinen Punkt in der Oberfläche gekennzeichnet ist. Auch Öffnungen, die den Unterflurabzug möglich machen, sind in den Arbeitsflächen dekorgleich integriert und bei Bedarf zu öffnen und nach dem Kochen wieder zu verschließen.

Über der Kochinsel befinden sich in der modernen Küche entweder dekorative, Leuchten ähnliche Dunstabzugshauben oder auch Metallregalsysteme mit integriertem Rauchabzug sowie Abstellmöglichkeiten für Küchenutensilien.

Effekte durch Schiebetüren und Raumteiler

Zudem verändern neue, raumbildende Elemente die Küchen-Architektur: Wir sehen Hauswirtschafträume und Vorratsräume, die durch große, elegante Schiebetüren aus getöntem Glas vom Wohnraum zeitweise getrennt werden und nur temporär geöffnet werden. Auch Hochschränke mit Taschentüren, die während der Nutzung in den Korpus fahren und dadurch nicht im Wege stehen, sind nach wie vor Trendthema in der Küche.

Interessant sind auch Lösungen für raumteilende Elemente: Vorne Kochen, hinten am Schreibtisch arbeiten. Klar – wer Küche kann, kann auch Homeoffice und so lassen sich die Küchenhersteller dieses Nebengeschäft nicht entgehen und bieten versteckte, kleine Sekretäre für das Arbeiten von zu Hause aus.

Nachhaltige Materialien

Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft sind weitere, wichtige Küchenthemen, die sich sowohl in der Materialwahl als auch in der Bedienung wiederfinden. Wer Kunststoffe einsetzt, z. B. als Beschichtung auf Fronten, verwendet möglichst recyceltes oder recycelbares PET-Material. Bei den E-Geräten wird es smart und möglichst energieeffizient: Der Herd von morgen, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, verhindert, dass das Essen anbrennt. Hier gibt es auch für den Umweltschutz noch ein enormes Potenzial, in der Verwendung alltäglicher Haushaltsgeräte CO2 einzusparen. In der Küche wird zudem durch die Verpackung der Lebensmittel sehr viel Plastikmüll produziert. Auch hier bieten erste Hersteller mit neuen Aufbewahrungssystemen Lösungen.

Wem beim Kochen die Nähe zur Natur wichtig ist, steht auf Outdoorkochen – ein Thema, das überall auf der Mailänder Messe präsent war. Mobile Schränke und Tische auf Rollen bieten innen und außen Service für die Zubereitung, der Outdoor-Essplatz ist von dem im Innenraum kaum zu unterscheiden, einschließlich Leuchte und Teppichboden. Große Pflanz- und Zuchtkästen für Gemüse und Kräuter ergänzen sowohl Indoor- als auch Outdoorküche.

Auf das Wesentliche reduziert

Alles in allem war die EuroCucina 2022 eine schöne und inspirierende Messe. Man spürte Erleichterung: Endlich wieder Messe, endlich wieder Möbel und Materialien live erleben, den Austausch mit der Branche suchen und finden. Ein Stück Normalität. Nur die zunehmenden Engpässe für Material und Personal drückten die Stimmung. Insbesondere die Holzpreise und fehlende Bauteile bei den Geräteherstellern machen der Branche zu schaffen. Auch deshalb bietet es sich an, Design und Funktion auf das Wesentliche zu reduzieren. Systemlösungen sind ein geeigneter Weg, um von der Inflation gebeutelten Kunden zunächst eine kleine Lösung in zeitlosem Design anzubieten, welche auch nach Jahren noch ergänzt werden kann. Weniger ist mehr. Wertige Naturmaterialien sind langlebiger und zeitloser als modernste Hightech-Materialien, bei denen wir morgen nicht mehr wissen, wie wir sie entsorgen sollen.

Durch die Krise und die sinkende Kaufkraft erreicht Well-Being und Slow Living als achtsame Lebensweise, Reduzierung und Konzentration auf das Wesentliche nun auch die Küche. Der neue Trend heißt „Slow Furniture“.

www.salonemilano.it


Die Autorin

Die Innenarchitektin Katrin de Louw ist Inhaberin von Trendfilter und führende Expertin für Möbel- und Materialtrends im Innenraum.

www.trendfilter.net

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