Wie aus Überschuss, Verschnitt oder Abfall neue Materialien entstehen

Reste, Reste, Reste

Die beste Suppe gab es immer am Samstag, wenn die Reste der ganzen Woche verarbeitet wurden. Der schöne Effekt dabei: Wertvolle Nahrungsmittel wurden verwertet und die Suppe schmeckte immer sehr lecker anders. In der Materialwelt findet man ähnliche Konzepte, bei denen aus Überschuss, Verschnitt oder Abfall wieder etwas Neues geschaffen wird. Im Idealfall „schmeckt“ das recycelte Material sogar besser als seine Ausgangsstoffe.

Hannes Bäuerle

Die inzwischen verfügbaren Werkstoffe aus recycelten Rohstoffen erzählen spannende Geschichten, sehen gut aus und leisten
einen wertvollen Beitrag zum Umweltschutz. Und dass sich mit bereits benutzten Materialien, Müll oder Reststoffen auch ein wirtschaftlicher Erfolg erzielen lässt, hat nicht nur die berühmte Taschenmanufaktur Freitag mit ihren recycelten Lkw-Planen unter Beweis gestellt.

Es verwundert daher nicht, dass zahlreiche neue Entwicklungen, junge Unternehmen und Tüftler auf das Potenzial von Recycling setzen. Dabei steht schon lange nicht mehr nur die Reduktion oder idealerweise komplette Vermeidung von Abfall im Vordergrund. Vielmehr rückt das Upcycling in den Fokus, bei dem das neue Material mehr wert ist als seine Ausgangsstoffe, oder aus vermeintlich Unbrauchbarem Wertvolles geschaffen wird. Die Wertschöpfung kann dabei schon bei der Rohstoffbeschaffung beginnen und sich förmlich umdrehen. Es gibt nicht wenige Beispiele, bei denen der Produzent für seine Rohstoffe teuer bezahlen muss. Vielmehr sind viele „Abfallproduzenten“ froh,
ihren Müll nicht wie bisher deponieren und entsorgen zu müssen,
sondern bezahlen lieber für die Wiederverwertung oder Nachnutzung.

Hocker aus Seegras

Wie aus einem ungeliebten Störfaktor echte Hingucker werden können, zeigen die Hocker in Bild 1, entworfen von Carolin Pertsch. Ausgangspunkt des Materials für die Sitzfläche ist Seegras der Art „Zostera Marina“, von dem jährlich ca. 36 000 Tonnen an die deutsche Küste gespült werden. Als unansehnlicher Teppich verunziert die angeschwemmte Biomasse die Sandstrände und landet als Sondermüll auf Deponien. „Ich habe den scheinbar überflüssigen Abfall nicht als solchen abgetan“, erzählt Carolin Pertsch, die integriertes Design an der Hochschule für Künste Bremen studiert. „Sondern als interessantes Material angesehen, mit dem ich mich in Materialexperimenten näher auseinandersetzte, um herauszufinden, ob das pflanzliche Abfallprodukt nicht
einen Mehrwert bietet, als Werk- und Wertstoff dienen und eventuell konventionelle Komponenten in Werkstoffverbunden ersetzen könnte.“ Ziel war, wertvollere Ressourcen einzusparen. „Außerdem war es mir wichtig, dass die optischen Qualitäten des Seegrases erhalten bleiben und in dem Material sichtbar werden“, beschreibt sie ihre Experimente. Diese und weitere Studien wurden von der Materialagentur Raumprobe in diesem Jahr mit dem Materialpreis ausgezeichnet.

Perlen aus Säuen

Ob wir auch etwas schön finden können, das wir konventionell als
unästhetisch empfinden, untersucht der Ansatz von Studio Gutedort. Die Textildesignerinnen Eva Schlechte und Jennifer Hier verarbeiten Schlachtabfälle von Schweinen, Schafen und Rindern zu Leder und weiter zu Schmuckstücken und Vasen (Bild 2). Wer das schockierend findet, möge sich daran erinnern, dass auch Weinschläuche früher aus Tierhaut hergestellt wurden. Mit dem Kreislauf der Natur und damit, dass viele Naturmaterialien nur manchmal verfügbar sind, beschäftigt sich der Japaner Takuma Yamazaki. Er verpresst getrocknete Herbstblätter zu Plattenwerkstoffen (Bild 8). Ebenfalls auf einem Naturmaterial, der Birkenrinde, basiert das Projekt „From Siberia“ (Bild 10). Diese Rinde war einst im russischen, skandinavischen und kanadischen Handwerk ein weitverbreiteter Werkstoff. Trotz der vielfältigen, hervorragenden
Eigenschaften wurde das Naturmaterial allmählich durch industrielle Werkstoffe ersetzt und fast komplett vom Markt verdrängt.

Vom Reststoff zum Rohstoff

Soweit die Studien. Das Experimentierstadium verlassen haben eine ganze Reihe an Materialien und Halbzeugen, die inzwischen als Serienprodukt angeboten werden. Dazu gehört die zu 100 % aus Altglas gewonnene Glaskeramik von Magna. Mit einem eigens ausgetüftelten Verfahren werden die neuen Plattenwerkstoffe aus Industrieabfällen recycelt. Sie erhalten ihre Farbigkeit vom jeweiligen Rohstofflieferanten
– ob grüne oder braune Bierflasche bis zum mystisch wirkenden Weißglas (Bild 14). Das Unternehmen Thermo Natur aus Nördlingen verarbeitet ausgemusterte Kakaobohnen- und Kaffeesäcke zu Hochleistungsdämmstoffen. Der aus Jutefasern hergestellte Dämmstoff weist laut Herstellerangaben „als einziger Dämmstoff in Deutschland eine positive CO²-Bilanz auf“ (Bild 12). Was mit wohlduftendem Almheu begann, ist inzwischen zu einer umfangreichen Kollektion angewachsen: Organoid stellt Beschichtungen aus unterschiedlichen Naturmaterialien her und verwertet auch Reste und Abfälle von Feld, Wald (Baumbart, Bild 13), Wiese und der Nahrungsmittelindustrie.

Das Ende der Wegwerfgesellschaft

Beim Materialpreis 2014 und 2016 wurden in der Kategorie „Studie“ auffallend viele Materialexperimente eingereicht, die sich mit dem Thema Recycling auseinandersetzen. Vor allem beim jungen Nachwuchs und in den Hochschulen scheint es starke Bestreben zu geben, mit Reststoffen zu experimentieren und aus Abfall etwas Neues zu schaffen. Tatsächlich scheint sich also das Image von recycelten Materialien dahin gehend geändert zu haben, dass diese jetzt beim Nachwuchs als cool, innovativ und wertvoll angesehen werden.

Doch auch beim Thema Recycling heißt es: genau hinschauen. Wer sich ernsthaft mit der Materie auseinandersetzt, erkennt, dass die
Angabe „recycelbar“ eine Aussage ohne besondere Qualität und ernst zu nehmendem Inhalt darstellt. Denn im Umkehrschluss betrachtet, stellt sich die Frage: Was lässt sich nicht recyceln? Ohne genaue Angaben, wie etwas recycelt wird und zu was, kann folglich auf den Vermerk
„recycelbar“ komplett verzichtet werden. Vielmehr sollten Angaben und Möglichkeiten wie funktionierende Rücknahmesysteme oder durchdachte Kreislaufwirtschaft beworben werden. Das wären dann nicht nur leere Worthülsen ohne Mehrwert sondern wirkliche Qualitätsaussagen.


Der Autor

Hannes Bäuerle ist Innenarchitekt und Geschäftsführer der Materialagentur Raumprobe. In BM stellt er regelmäßig Materialien vor, die ihm bemerkenswert erscheinen.

www.raumprobe.de