Neu im BM: Gestaltung im Tischlerhandwerk

Stellenwert der Gestaltung

Das Entwerfen und Gestalten gehört zu den ureigensten Tätigkeiten im Tischler- und Schreinerhandwerk. Schon in der Lehrzeit werden die angehenden Tischler und Schreiner mit den Gesetzmäßigkeiten der Gestaltung vertraut gemacht. Beim Entwurf und der Gestaltung ihres Gesellenstückes, später bei der Meisterprüfung und im täglichen Arbeitsleben, werden sie dann von dem Gelernten profitieren. Hier zusätzlich Hilfestellung zu geben und das Formempfinden zu sensibilisieren, soll dieser Gestaltungskurs dienen, der sich in der ersten Folge mit den Fragen zum Stellenwert der Gestaltung im Tischlerhandwerk befasst.

Das Tischlerhandwerk ist im wesentlichen auf drei stabilen, tragenden Säulen gegründet. Die Säule der „Betriebswirtschaft“, die Säule der „Technologie“ und die Säule der „Gestaltung“. Die Säule „Betriebswirtschaft“ beinhaltet zum Beispiel die Kalkulation, die Arbeitsvorbereitung, die Werbung, die Materialwirtschaft, die Terminierung, den Verkauf usw.; die Säule „Technologie“ die Fertigungsverfahren, die Oberflächenbehandlung, die Werkstoffkunde usw. und die Säule „Gestaltung“ den Entwurf und die Konstruktion. Mit diesen drei Säulen lässt sich ein sicherer Stand erreichen. Tischler wissen, dass ein Hocker mit drei Beinen nie wackeln kann. Allerdings müssen die Säulen gleich lang sein, sonst ergibt sich ein schiefes Bild. Zum anderen müssen alle gleich tragfähig sein, wenn eine Säule nachgibt, fällt das ganze Gebilde unweigerlich zusammen.

Dieser Vergleich hinkt, werden jetzt die skeptischen Betrachter der Szene sagen. Sie behaupten, dass eine effektive Betriebswirtschaft und moderne Technologie ausreichen. Sie bezweifeln, dass der Tischler heute überhaupt noch mit seinen Erzeugnissen das Umfeld oder die wohnliche Welt gestalten.
Früher bestand eine selbstverständliche, ja natürliche Bindung zwischen Handwerk und Kunst. Heute besteht sie mehr und mehr zwischen Handwerk und Technik.
Bedingt durch die arbeitsteilige Wirtschaft, sind es immer mehr die Produkte der Industrie, denen sich ein Handwerker bedient, ja bedienen muß. Diese Erzeugnisse der Industrie werden für den Markt, für den vermeintlichen Kundengeschmack „designt“. Diese Erzeugnisse müssen dann vom Handwerker ausgewählt und zusammen-getragen werden, um sein innenarchitektonisches Werk, z. B. einen individuellen Innenausbau, vollenden zu können. Die Angebote auf dem Markt sind so vielseitig, dass er für jeden Geschmack etwas finden kann. Er muss nur richtig auswählen und kombinieren. Ohne Gespür für gutes Design kann dies nicht gelingen.
Design kommt aus der englischen Sprache, „to design“, heißt entwerfen und konstruieren. Doch der Begriff „Design“ im Deutschen will mehr. Der Begriff klingt so gut, dass alles das, was besonders gut verkauft werden soll oder mit extravagantem Schnörkel ausgestattet ist, mit dem Begriff Design versehen ist. Das Ergebnis sind Design-Leuchten, Design-Türen, Design-Möbel und wenn diese noch besonders gesund aussehen Bio-Design-Möbel. Design wird zur Ware und bei den vielen negativen Beispielen zum zweifelhaften Begriff, zum Begriff des Hässlichen.
Design, oder nennen wir es besser, Entwurf oder Gestaltung, sollte einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität leisten. Die Qualität der Objekte, mit denen Menschen sich umgeben, spiegelt den Entwicklungsstand der Gesellschaft wider. Die Gegenstände des täglichen Gebrauchs sind Teil der Alltagskultur. Sie geben uns einen Hinweis auf die Persönlichkeit des Besitzers, geben Auskunft über sein individuelles Empfinden und auch seinen sozialen Status und seine finanziellen Möglichkeiten. Dies sind somit auch Zeichen ihrer Zeit.
Einzelmöbel und der individuelle Innenausbau aus der Tischler- und Schreinerwerkstatt gehören auch zu diesen Gegenständen. Sie werden nicht nur nach ihrer Zweckmäßigkeit und technischen Funktion bewertet und beurteilt, sondern auch nach ihrer Schönheit, also nach ihrer ästhetischen Funktion. Jedes Erzeugnis des Tischlers und Schreiners hat nun einmal einen gewissen Anteil technischer Funktion und einen Anteil ästhetischer Funktion zu erfüllen. Egal, ob es sich um ein einfaches Regal, eine Haustür, um einen Innenausbau oder ein Möbel handelt. Natürlich ist der Anteil der einen oder anderen Funktion, also der technischen und der ästhetischen Funktion recht verschieden. Das einfache Kellerregal hat naturgemäß einen höheren Anteil an technischer Funktion zu erfüllen, während hier der Anteil der ästhetischen Funktion gering ist. Beim hochwertigen Innenausbau z. B. ist dies umgekehrt, oder die technische und ästhetische Funktion halten sich hier die Waage.
In jedem Falle bilden die technische und die ästhetische Funktion mit der Konstruktion einen geordneten Dreiklang.
Gestalten im Tischlerhandwerk heißt aber nicht, Besinnung auf handwerkliche Konstruktionen wie z. B. Zinkung, Rahmen und Füllungen, Massivholzkonstruktionen, sondern die Besinnung auf die Einmaligkeit. Die Erzeugnisse des Tischlerhandwerks bedeuten etwas Einmaliges, das wertvolle Einzelstück oder der besondere Innenausbau. Diese müssen sensibel gestaltet werden. Dabei geht es nicht nur um die zweckmäßige Funktion, Konstruktion und wirtschaftliche Fertigungsweise des Objekts, sondern besonders um den Bezug zwischen dem zu gestalteten Erzeugnis oder Umfeld und dem nutzenden bzw. hierin wohnenden Menschen. Der Handwerker benötigt ein sicheres Urteilsvermögen auch für die gestalterische Qualität. Schließlich ist er für die Gestaltung seines ausgeführten Objekts mitverantwortlich. Es wird seinen unverkennbaren Stempel tragen. Dieser Stempel wird sein Markenzeichen, sein Gütesiegel sein. Die gestalterische Qualität hebt ihn neben der selbstverständ-lichen technischen und der betriebswirtschaftlichen Qualität besonders heraus und wird ihm weitere Aufträge bescheren.
Es wird klar, dass der Tischler sehr wohl auch in der heutigen Zeit unsere wohnliche Welt mitgestaltet und, dass die Gestaltung eine überaus wichtige Funktion im Tischlerhandwerk darstellt.
Was ist ästhetisch? Was ist schön?
Über die Frage: „Was ist schön? Was ist ästhetisch?“ haben sich schon viele berühmte Geister von der Antike bis heute Gedanken gemacht.
Ästhetik ist die Philosophie des Schönen, die Lehre von der sinnlichen Erkenntnis. Für Platon ist das Schöne die „Erscheinung der Idee“, doch ist die mit dem Guten zusammenfallende Idee des Schönen als solche nicht sichtbar. Aristoteles nennt Klarheit und Deutlichkeit als Kriterien des Schönen.
Leone Battiste Albertis (1500 n. Chr.) meinte: „Schönheit ist der harmonische Zusammenklang aller Teile, der so vollkommen ist, dass man nichts hinzufügen, wegnehmen oder ändern kann, ohne die Wirkung zu zerstören.“
Kant hat einmal gesagt: „Es kann keine objektive Geschmacks-regel, welche durch Begriffe bestimmt, was schön ist, geben. Das Urteil ,schön‘ kann nur subjektiv sein. Schön ist das, wenn etwas ohne besonderes Interesse gefällt.“
Mit Sicherheit lässt sich kein allgemein gültiger Beweis oder gar eine mathematische Formel für schön oder nicht schön finden. Das wäre zwar einfach, würde aber das kreative suchen nach dem Schönen verhindern, vielleicht Uniformes also Langweiliges hervorbringen.
Trotzdem kann man die Sinne für das Erkennen des Schönen entwickeln. Lehrende und Lernende in Handwerk und Architektur wären arm dran, wenn man nicht auf die Faktoren und Elemente, die zum Schönen führen oder das Schöne ausmachen, hinweisen könnte. Wir wollen es jedenfalls in dieser Beitragsreihe einmal versuchen.
Unbestritten wird das Urteil „schön oder nicht schön“ subjektiv ausfallen. Dies hängt vielfach davon ab, ob der Urteilende geschult oder ungeschult ist, in welchem Umfeld er aufgewachsen ist, das ihn mehr oder weniger stark geprägt oder beein-flusst hat.
Und wenn Kant sagt: „Schön ist das, wenn etwas ohne besonderes Interesse gefällt“, dann wird dies das Zeitlose sein. Die Dinge, die ohne besondere Gags oder auffälligen Zierrat in ihrer klaren harmonischen Ordnung gefallen.
Der Meinungsstreit über die Frage: „Was ist schön“, flammt natürlich immer wieder auf und ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Die einen sagen: „Alles Zweckmäßige ist schön“ oder „Das Schöne ist zweckmäßig und funktionell“. Den anderen ist dies wiederum zu wenig. Sie sagen: „Reiner Funktionalismus und Konstruktivismus gehören in den Bereich des Verstandes. Diese nur einseitige Verherrlichung jener rationalen, intellektuellen Einstellung zur Zweckerfüllung lässt die seelischen Werte verkümmern.“
Im Gegensatz zur Kunst, wie Plastik und Malerei, dienen die Erzeugnisse des Tischlers und Schreiners nicht einem rein künstlerischem Selbstzweck, sondern sie unterliegen vielfältigen Gestaltungszwängen, die von der Funktion und Zweckerfüllung des Erzeugnisses bestimmt werden. Aber die Werke des Tischlers werden mit ästhetischen Maßstäben gemessen, so dass hier sehr wohl Verstand und Gefühl organisch ineinander fließen. So spielt bei der Gestaltung der Erzeugnisse des Tischlers das Gefühl, die seelische Empfindung eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Über diesen Konflikt – Verstand und Gefühl – Intellekt und Gemüt – wurde schon in der Antike philosophiert.
„Der Geist ist der Widersacher der Seele“ hieß es, oder in die heutige Zeit versetzt: „Die Technik ist das Symbol des Sieges über Leben und Seele.“
Die Technik hat das Gestaltete zu lösen. Sie ist das Werkzeug für die Entstehung des Werkes. Die Gestaltung ist verantwortlich für die Schönheit, die ästhetische Ausstrahlung des Erzeugnisses unter Berücksichtigung der Funktion und der Zweckerfüllung.
Lesen Sie in unserer Septemberausgabe die 2. Folge: „Elemente der Gestaltung – Die Fläche“.

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